(de) FdA-Ifa - Gai Dao #57 - Kritik der Pflicht - eine Replik - Von: Peter Grau

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Fri Oct 9 20:03:52 CEST 2015


Zunächst einmal wäre es wünschenswert gewesen, Contradictio hätte den Begriff, den er*sie 
kritisiert, deutlicher definiert als "das, was man soll oder muss". So ergibt sich beim 
Lesen der Eindruck, gemeint ist ein rein bürgerlicher Pflichtbegriff, und in diesem Fall 
gehen die folgenden Zeilen womöglich gänzlich am Thema vorbei. Da das Statement allerdings 
in seiner Ablehnung einer Ethik so klar ist und keinerlei Ausnahmen zulässt ("Es ist 
unvernünftig, Pflichten einzusehen und ihnen zu gehorchen (...)"), sei hier dennoch eine 
Replik formuliert. Diese geht jedoch nur aufTeilaspekte dessen ein, was im ursprünglichen 
Text ausformuliert wurde. ---- "Pflicht" als einen von oben auferlegten Zwang zu 
verteidigen, wäre natürlich sinnlos und würde allen anarchistischen Grundidealen 
widersprechen. Eine solche Pflicht würde eines der Kernelemente des anarchistischen 
Gesellschaftsbildes komplett negieren, nämlich die Freiheit des Individuums. Gibt es also 
eine "Pflicht" in einer libertären Gesellschaft? In der Tat.

Auch in einer anarchistischen Gesellschaft, die auf
der Freiheit des Individuums beruht, ist das Vorhandensein von "Pflich-
ten" elementar. In einem libertären Pflichtverständnis spielt allerdings
die Frage, wie das soziale Miteinander ausgehandelt und faktisch umge-
setzt wird, eine zentrale Rolle. Und dieses soziale Miteinander fußt ganz
direkt auf dem Begriff der "freien Vereinbarung".

Doch was genau ist die "freie Vereinbarung"? Offensichtlich handelt es
sich dabei um eine Vereinbarung, die frei getroffen wird. "Frei" bedeutet
hier allerdings keineswegs "beliebig" oder gar "flüchtig", sondern "aus
freiem Willen", sprich: Damit es zu einer freien Vereinbarung kommt,
darf es keinen von außen stammenden Zwang zum Abschluss der Ver-
einbarung geben. Erst dann ist die Freiheit der Entscheidung gegeben,
die dem libertären Gesellschaftsverständnis zugrunde liegt.

Dennoch ist es so, dass auch in der libertärsten Gesellschaft es nie mög-
lich sein wird, dass alle Individuen ihre Freiheit maximal ausleben kön-
nen. Damit Menschen leben und insbesondere über Generationen hin-
weg überleben können, ist irgendeine Form von Gesellschaft nötig. Und
Teil einer Gesellschaft zu sein, bedingt stets das Eingehen von Kompro-
missen (dem Einschränken der eigenen Freiheit). Einsiedler*innen sind
als Einzelerscheinung durchaus ein möglicher Weg - für eine gewisse
Zeitspanne - doch für eine größere Anzahl von Menschen sind soziale
Beziehungen und ein soziales Gefüge vonnöten: Nahrung muss ange-
baut, Dinge müssen produziert werden. Auch die anschließende Vertei-
lung und der Konsum funktionieren nicht ohne ein soziales Gefüge, das
zwar variabel und dynamisch sein kann, in seinen Grundfesten aber
vorhanden sein muss, weil sonst lebensnotwendige Aufgaben nicht er-
ledigt werden. Oder anders gesagt: Die Erledigung der lebensnot-
wendigen Dinge mithilfe der freien Vereinbarung stellt das erwähnte
"soziale Gefüge" dar.

Wir haben damit also eine funktionierende, libertär ausgerichtete Ge-
sellschaft. Wo kommt da die Pflicht ins Spiel? Die Pflicht steckt in der
"freien Vereinbarung". Zunächst gilt es dafür eine Frage zu klären: Was
ist eine Vereinbarung? Eine Vereinbarung ist im Grunde genommen ein
Versprechen bzw., genauer gesagt, zwei Versprechen, wenn an der Ver-
einbarung zwei Parteien beteiligt sind. "Ich verspreche, dass ich Fol-
gendes tun werde.", sagt die eine Partei. "Ich verspreche, dass ich im Ge-
genzug Folgendes tun werde." So ließe sich eine beispielhafte Ver-
einbarung wiedergeben. In bürgerlichen Staaten werden Verein-
barungen dadurch abgesichert, dass eine rechtlich untermauerte Ver-
einbarung vom Staat durchgesetzt wird, oder entsprechende Strafmaß-
nahmen erfolgen, sollte das Versprechen gebrochen werden.

In einer libertären Gesellschaft gibt es keinen Staat und gibt es keine
gesetze. Wie lässt sich dann die Vereinbarung absichern? Darauf gibt es
prinzipiell zwei Antworten, die miteinander verkettet sind. Die erste ist
kurz: Würden die Vereinbarungen nicht eingehalten, würde die freie
Gesellschaft an einem bestimmten Punkt zusammenbrechen. Die zweite
ist etwas länger und stellt zum Teil bereits eine Reaktion auf die erste
dar: Das Vertrauen in das Versprechen einer Person ist unmittelbar
verknüpft mit ihrem Wort. Angesichts des Fehlens von Gesetzen, gibt
jede Person, die eine Vereinbarung eingeht, ihr Wort, dass sie das darin
enthaltene Versprechen einlösen wird. Das eigene Wort (ohne triftigen
Grund!) zu missachten, würde in einer freien Gesellschaft zu einem
Ansehensverlust dieser Person führen. Bei fortgesetztem Hintergehen
von Vereinbarungen würde die Person im schlimmsten Fall mit einer
Ächtung durch die Gemeinschaft leben müssen.

Zum Funktionieren einer libertären Gesellschaft erfordert es daher eine
libertären Pflichtverständnisses: Wenn wir die "freie Vereinbarung" als
Grundlage unseres sozialen Gefüges wollen, dann müssen wir auch die
Selbstverpflichtung akzeptieren, die damit einhergeht. Eine "freie
Vereinbarung" einzugehen, bedeutet, ein Versprechen auch dann
einzulösen, wenn man selbst in dem Moment, in dem die Einlösung
erforderlich ist, eigentlich keine Lust dazu hat oder spontan lieber etwas
anderes tun will - womit die Einlösung des Versprechens die eigene
Freiheit einschränkt. Dieses Grundprinzip ist deshalb so wichtig, weil
diese Vereinbarungen das Fundament einer freien Gesellschaft dar-
stellen und es keine Gesetze mitsamt repressivem Apparat gibt, die für
ihre Einhaltung sorgen würden.


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