(de) FdA-Ifa - Gai Dao #57 - Kritik der Pflicht - Von: Contradictio

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Thu Oct 8 15:32:50 CEST 2015


Anmerkung der Redaktion: Dieser Text wurde in seiner Form redaktionell bearbeitet ----
Sind Pflichten vernünftig? ---- Diese Frage wird von Ethiklehrenden entrüstet abgelehnt. 
Sie fragen nicht, ob es vernünftige Gründe für Moral und Sittlichkeit gibt, sondern welche 
das sein könnten. So manche*r Vertreter*in dieses Fachs meint sogar, Vernunft und Moral 
seien sowieso dasselbe. Dabei ist es andererseits kein Geheimnis, dass Pflicht - das, was 
man soll oder muss - offenbar nicht dasselbe ist wie das, was man von sich aus will. Nur 
deshalb gibt es ja das Problem, Pflichten erst noch begründen zu müssen; und genau deshalb 
klappt das aber immer nicht. ---- Pflichten gegen sich selbst sind die schönsten. Sie sind 
immerhin begründbar, weil die nutznießende Person der pflichtmäßigen Handlung zugleich die 
Tatperson ist: Die sogenannte Pflicht also zugleich ihr Interesse.

Nur: Was hat das Wort "Pflicht" noch für eine Bedeutung, wenn das,
was jemand soll, sowieso dasselbe ist, wie das, was er*sie zweck-
mäßigerweise will? Die ganze Problemstellung ist konstruiert:
Ethiker*innen wollen merkwürdige Gestalten kennen, die für einen
"kurzfristigen Genuss" ihren "langfristigen Vorteil" opfern. Denen wol-
len sie beweisen, dass es bisweilen besser ist zu verzichten. Wer aber für
einen größeren späteren einen aktuellen kleineren Vorteil aufgibt,
verzichtet gar nicht. Es wird gewissermaßen investiert! Eine solche Ab-
wägung von Vorteilen kann man getrost jeder einzelnen Person über-
lassen: Mit Pflichtenlehren hilft man da jedenfalls nicht weiter, eher
schon mit Zweckmäßigkeits-Erwägungen.

Pflichten gegen die Mitmenschen

Profitiert nicht die Tatperson selbst vom pflichtmäßigen Handeln, so
doch sicher eine andere. Um den Mitmenschen - christlich: den Näch-
sten - soll man sich kümmern. Der hat etwas von meinem Verzicht.
Aber was, bitteschön? Einen Vorteil natürlich! Warum aber sollte sein
Vorteil höherwertig sein als der meine?

Und wenn es so wäre, müsste das Gleiche nicht auch für ihn gelten?
Dürfte der liebe Mitmensch meine Wohltat einsacken, ohne selbst den
Vorwurf des Egoismus zu verdienen? Wäre es nicht seine Pflicht, mir -
dessen Nächsten - gleiche Wohltaten zu erweisen? Und wenn er es
täte? Dann hätte er gerade so gut beim Alten bleiben und sich beide
Parteien um ihren Kram kümmern können. Wer hat denn etwas davon,
dass jede*r gegen jede*n bei den Vorteilen auf dem höflichen "Nach Ih-
nen!" besteht - und auf diese Weise keine*r durch die Tür kommt? Das
soll ein vernünftiges Prinzip des zwischenmenschlichen Verkehrs sein?

Feindliche Interessen gibt's - kein Problem für Moralapostel

Auch die von Jesus bis Immanuel Kant gegebene einhellige Antwort
hilft nicht weiter: "Du sollst deinen Nächsten lieben, wie Dich selbst",
heißt die alte, "Was du nicht willst, dass man dir tu', das füg' auch kei-
nem andern zu!" heißt die negativ formulierte, neue Fassung der Ant-
wort, und beide wollen besagen, dass dir der Vorteil des anderen Person
nicht mehr und nicht weniger wichtig als dein eigener sein sollte, son-
dern eben genau so wichtig.

Wenn mein Interesse das der geschätzten nächsten Person nicht ver-
neint, brauche ich mich um die Koexistenz beider nicht extra zu küm-
mern; das andere Interesse braucht mich gar nicht zu scheren. Wenn
meines das andere aber verneint, dann kann ich mich nicht auch um
dieses andere Interesse kümmern; denn seine Niederlage ist mein Inte-
resse. Wie sollte ich das andere Interesse auch gelten lassen, wenn doch
beide nicht zugleich erfolgreich sein können? Nochmal: Können beide
Interessen befriedigt werden, dann existiert das Problem nicht; können
sie nicht, dann hilft der ,kategorische Imperativ', das Grundgebot der
Moral auch nicht weiter - man kann es nicht befolgen. Eine*r von bei-
den Interessenten muss unterliegen, weil/wenn die andere Person sich
durchsetzt.

Frieden durch zurückstecken

Das Angebot, das die Ethik den Interessensgegner*innen zu machen
hat, ist sehr eigenartig: Wenn sie beide auf das verzichten, was beide ur-
sprünglich wollten (z. B. ein*e Vermieter*in die Mieterhöhung, ein*e
Mieter*in die alte niedrige Miete) und sich irgendwie einig werden (egal
wie diese Mitte herausgefunden wird und wo sie dann liegt!), dann
kriegen beide etwas: Natürlich nicht, was sie wollten, sondern Frieden
miteinander, Streitvermeidung.

Dieses Angebot ist absurd: Die beiden haben doch nur
deshalb gestritten, weil sie auf ihren feindlichen Interes-
sen bestanden hatten. Sie könnten ihren Streit vermei-
den, wenn sie die Interessen aufgäben; gewiss. Nur:
Wenn sie dieses Anliegen gehabt hätten, wäre es ja nie
zum Streit gekommen. Dass beim Kompromiss beide In-
teressen wenigstens teilweise zum Zuge kommen, ist eine
optimistische Halbwahrheit. Mit demselben Recht könnte
man das Gegenteil behaupten: die zur Miete wohnende
Person wird so um die bezahlbare Miete, die vermietende
Person um die Rendite seiner*ihrer Vermögensanlage
gebracht.

Menschlich, Allzumenschlich - der Kapitalismus

Dass die Interessen der Menschen in unserer Geldwirtschaft einander
feindlich entgegengesetzt sind, auf dieses Faktum bezieht sich die ethi-
sche Fragestellung immerzu. Zugleich ist ihr eben dieses Faktum gar
kein Problem: Dass eine Person nur reich werden kann, wenn sie eine*n
andere*n (oder viele) arm macht, arm hält und ausnutzt, das erscheint
den Fans der Ethik nicht als Zeichen einer unvernünftigen und für viele
schädlichen Gesellschaftsordnung, sondern als Herausforderung an die
in ihr handelnden Charaktere. Der Aufruf zum Kompromiss unterstellt
die Gegensätze der Interessen und erklärt es zu einer Frage der persön-
lichen Stellung zu den eigenen, gesellschaftlich vorgegebenen Interes-
sen, ob es zum Streit und Gegensatz kommt. Gewinne, Mieten, Schul-
noten "müssen sein"; dafür sind Ökonomie, Pädagogik und andere Wis-
senschaften zuständig, nicht die Ethik. Sie kümmert sich nur um die Lü-
ge, dass die feindliche Stellung der Menschen gegeneinander auf Basis
dieser Gegensätze rein in die Verantwortung ihres persönlichen An-
stands fällt.

Deshalb wissen die Morallehrenden einen neuen, falschen Grund für
die Feindseligkeiten: Von Gewinn, Mieten etc. haben sie keine Ahnung,
aber Profitgier, Wuchermieten, überzogene Ansprüche geißeln sie gerne.
Unerklärlich, wie all die guten Sachen, bloß weil ein Mensch sie ganz
besonders arg will, ins Böse umschlagen. Aber soviel ist klar: Schuld an
allem Schlechten ist der Mensch, dessen Interessen nicht nach ihrem
be-sonderen Inhalt kritisiert, sondern ganz grundsätzlich als Egoismus
ver-teufelt werden.

Fazit

Es ist unvernünftig, Pflichten einzusehen und ihnen zu gehorchen, denn
die Ethik ist nichts als:

o eine falsche Erklärung der Feindseligkeiten in der modernen Welt;
o sie ersetzt die bestimmte Kritik der ökonomische Interessen durch den Appell zur 
pauschalen Selbstkritik der Interessent*innen;
o sie propagiert eine gute Meinung von der Konkurrenzgesellschaft durch eine schlechte 
Meinung vom egoistischen Menschen.


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