(de) FdA-Ifa - Gai Dao #57 - "Den" Anarchismus gibt es nicht - wirklich jetzt!!! Kritik an der Darstellung des Anarchis­ mus in der letzten Phase 2 - Von: ciga

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Wed Oct 7 11:08:09 CEST 2015


Als ich im Frühjahr 2015 davon Wind bekam, dass die Phase 2 ein Heft mit dem thematischen 
Schwerpunkt Anarchismus herausbringen wird, habe ich mich gefreut und war gespannt. Dass 
ich dies begrüße, liegt nicht nur daran, dass ich mich selbst als Anarchist identifiziere, 
also naheliegenderweise der Überzeugung bin, dass es Menschen ganz gut tut sich mit 
anarchistischem Gedankengut auseinanderzusetzen, sondern auch weil ich mir mehr und 
intensivere Auseinandersetzungen um Fragen der Theorie und Praxis innerhalb der radikalen 
Linken 1 wünsche, da ich dies für unabdingbar halte, damit diese in die Lage versetzt wird 
gesamtgesellschaftliche Emanzipationsprozesse anzustoßen und mit voranzutreiben. Als ich 
die Phase 2 zum Thema Anarchismus dann anfing zu lesen, hatte ich also eigentlich 
naheliegende, doch wie mir einmal mehr bewusst wurde, sehr hohe Ansprüche an die 
Auseinandersetzung mit dem Thema.

Die Artikel im Heft, welche sich vor allem kritisch mit dem Anarchismus
auseinandersetzen 2 , enttäuschten mich und machten mich stellenweise
sogar etwas wütend. Ich habe mich deswegen genötigt gesehen die
vorliegende Erwiderung zu schreiben. Eine detaillierte Kritik oder
Gegendarstellung würde dabei allerdings den Rahmen sprengen und
wäre auch nicht zielführend. Stattdessen werde ich im Folgenden
grundsätzliche Kritikpunkte an den genannten Artikeln und der darin
geäußerten Kritik und Vorgehensweise der Autor*innen formulieren.
Jedoch möchte ich darauf hinweisen, das sich im Heft noch weitere
Artikel befinden, welche sich sinnvoller und dennoch kritisch mit dem
Anarchismus beschäftigen und empfehle daher einen Blick in das Heft.

Neben der eigentlichen Kritik will ich auch den Fragen nachgehen,
warum der Anarchismus von den Autor*innen in dieser Weise kritisiert
wird und ob dies in meinen Augen ein Ansatz ist, welcher der
Etablierung einer emanzipatorischen Praxis dienlich ist. Dabei sollte es
selbstverständlich sein, dass der Anarchismus nicht über jede Kritik
erhaben ist und diese sogar braucht - das zeigt schlicht die
gegenwärtige Verfassung der anarchistischen Bewegung und die
Tatsache, dass die gesellschaftlichen Verhältnisse immer noch scheiße
sind und sowohl der Anarchismus, als auch die restliche radikale Linke
an diesem Umstand bisher wenig ändern konnten.

Ausgangspunkt einer jeden Kritik sollte zunächst die Bestimmung und
eine gewisse Kenntnis des Gegenstandes sein. Genau dies soll wohl der
Eröffnungsartikel von Ewgeniy Kasakov bezüglich dem Anarchismus
leisten. Sein erklärter Anspruch ist es "die inhaltliche Essenz aller
Strömungen[des Anarchismus] zu erfassen" 3 Damit beginnt schon das
Elend eines von Anfang an zum Scheitern verurteilten Versuchs, dessen
Resultat nur ein Anarchismus sein kann, der Frankensteins Monster
gleicht. Aus vielen Einzelteilen, die nicht zusammengehören, aber mit
viel Gewalt zusammengefügt und -gehalten werden, wird ein Konstrukt
aufgebaut, das an eine politische Bewegung erinnern soll. Damit diese
Konstruktion des Anarchismus als politische Bewegung, die man
innerhalb der radikalen Linken o.ä. "dem" Marxismus bzw.

Kommunismus gegenüberstellen und kritisieren kann, irgendwie
funktioniert, muss Kasakov logischerweise Besonderheiten und viele
Positionen unterschlagen oder stark verallgemeinern und zu falschen
oder zumindest eigenwilligen Interpretationen greifen, welche von
wenig Wissen um den behandelten Gegenstand zeugen. Heraus kommt
eine politische Bewegung, deren Charakteristika nach Kasakov
Theorielosigkeit bzw. -feindlichkeit, Ablehnung des Staates und
diverser anderer Herrschaftsverhältnisse bzw. ein positiver Bezug auf
Freiheit (ohne dass der Anarchismus nach Kasakov ein Verständnis
dieser Begriffe hätte), ein starker Utopismus und Moralismus und vor
allem ein dogmatischer Pluralismus wären.


Kasakovs zwanghafter Versuch, die verschiedenen anarchistischen
Strömungen in die Form einer politischen Bewegung zu bringen, steht
nun einer vernünftigen Beschreibung und Kritik des Gegenstandes
gerade im Weg. Es ist vollkommen logisch, dass wenn ich eine Vielzahl
verschiedener Verständnisse von Staat, kapitalistischer Ökonomie,
Herrschaft, Freiheit und von gesellschaftlicher
Transformation/Revolution betrachte und nach Gemeinsamkeiten
suche, ich schließlich feststellen muss, dass solche als einheitliche
Konzepte nicht existieren bzw. inhaltsleer sind. Das ist aber keinesfalls
identisch mit einem im Einzelfall fehlenden theoretischen Verständnis
der gesellschaftlichen Verhältnisse bzw. der oben beispielhaft genannten
Begriffe. Allein dass Kasakov die Forderung erhebt, dass der
Anarchismus eine spezifische Theoriebildung aufweisen müsste, ist nur
vor dem Hintergrund seines Bedürfnisses nach Identifikation einer
anarchistischen Bewegung zu verstehen, die quasi als Teil eines
Corporate Design, eben auch eine eigene Theorie aufweisen muss.
Dabei sieht er nicht, dass in den einzelnen Strömungen des von ihm

identifizierten Anarchismus sehr wohl Theorieentwicklung
stattgefunden hat und stattfindet und auch als notwendig angesehen
wurde und wird. Mit einer völlig abstrakten Sichtweise und
aufgezwungener Vereinheitlichung muss dies natürlich unterschlagen
werden. Dabei ignoriert er den Umstand, dass viele Anarchist*innen die
Notwendigkeit eigener Theorie teils nicht so wie er sehen, sondern
hierbei beispielsweise die kapitalistische Ökonomie betreffend, sehr
pragmatisch und jenseits von identitärem Gehabe, auf marxistische
Theoriebildung zurückgreifen, was eine grundlegende Trennung in
verschiedenen Bewegungen an diesem Punkt schwer macht. Nur weil es
keine einheitlichen, spezifisch anarchistischen Theorien zu Dingen wie
Herrschaft, Staat, kapitalistischer Ökonomie etc. gibt, bedeutet dies
noch lange nicht, dass Anarchist*innen keine Theorien hätten, diese
nicht reflektieren, debattieren oder weiterentwickeln und spezifisch
anarchistisch interpretieren.

Das von ihm in diesem Kontext behauptete Dogma des Pluralismus im
Anarchismus, welches einer einheitlichen Theorieentwicklung oder
praktischen Kritik entgegenstehen würde, ist eine plumpe Unterstellung
und ich empfehle ihm als gelerntem Historiker das zu tun, was er qua
dieser Profession können müsste - Quellenanalyse. Er könnte sich zum
Beispiel wahlweise den Auseinandersetzungen um Organisation,
Eigentum oder Gewalt oder um das Verhältnis vom Kampf gegen Staat
und Kapital einerseits und Patriarchat, Naturbeherrschung und anderen
sogenannten "Nebenwidersprüchen" andererseits nachgehen. Oder er
könnte recherchieren, warum und vor welchem Hintergrund der sich
von ihm erwähnte, als explizit pluralistisch verstehende Anarchismus
ohne Adjektive herausgebildet hat. Der von Kasakov behauptete an
Beliebigkeit grenzende Pluralismus existiert nur in der abstrakten
Perspektive des Autors, die dieser einnimmt um den Anarchismus,
koste es was es wolle, als eine politische Bewegung fassen und
Charakteristika zuschreiben zu können. Würde man "den" Marxismus
mit der gleichen Perspektive betrachten, erschienen seine verschiedenen
Strömungen und ihr Verhältnis zueinander auch als Pluralismus und
nicht als grundlegende Spaltungen. Antideutsche Marxist*innen haben
mit stalinistischen Antiimperialist*innen nichts gemein, als einen
gemeinsamen Bezug auf marxistische Theoretiker*innen, welcher aber
bereits inhaltlich grundverschieden ist - ein ähnliches Phänomen, wie
bei den im Anarchismus von Kasakov als inhaltsleer beklagten
Begriffen von Herrschaft, Freiheit, Revolution, kapitalistischer
Ökonomie, Staat etc.

Dass Kasakovs abstrakter Blick auf den Anarchismus verhindert, dass er
ihn versteht, führt ihn auch dazu ihm Utopismus und Moralismus
vorzuwerfen. So ist er der Meinung, dass sich anarchistische Kritik an
den gesellschaftlichen Verhältnissen vor allem aus dem Vergleich mit
detaillierten Utopien speist, welche der Realität unvermittelt gegenüber
stünden. Statt eines Konzeptes von Revolution und gesellschaftlicher
Transformation existiere im Anarchismus der moralische und
voluntaristische Appell an das Individuum sofort und heute alles anders
und besser zu machen. Hätte er sich mit anarchistischem Denken
beschäftigt, wüsste er, dass es zumeist nicht ganz so einfach ist und vor
dem Entwurf einer Utopie auch im Anarchismus zumeist eine Analyse
und Kritik der vorgefundenen Verhältnisse steht. Weiter wüsste er, dass
auch im Anarchismus, dem Marxismus hier nicht unähnlich, nicht
immer, aber dennoch häufig ein "Bilderverbot" existiert. Dies hängt wie
im Marxismus damit zusammen, dass viele Anarchist*innen sich über
die Beschränkungen des Denkens und Handelns im Hier und Jetzt sehr
wohl bewusst sind - sonst wären sie keine Anarchist*innen. Er selbst
weist darauf hin, dass Anarchist*innen überall, auch im eigenen
alltäglichen Handeln eine Vielzahl von Herrschaftsformen sehen. Und
dennoch kann gesellschaftliche Veränderung nur über konkrete
Veränderungen in eben jenem Hier und Jetzt, im Handeln der
Individuen stattfinden und mit einer Ahnung davon, wie es besser sein
könnte - trotz aller Beschränkungen, die solchen Veränderungen
entgegenstehen. Wer das nicht sieht, sondern politisches Handeln
ausschließlich auf abstrakter Ebene fasst, merkt nicht, dass Strukturen
immer auch durch das durch sie beschränkte konkrete Handeln von
Menschen geschaffen und verändert werden. Die Ebenen abstrakter
Strukturen und konkreten Handelns sind voneinander abhängig und
vermittelt. Die Vorstellung, dass grundlegende Veränderungen nur auf
struktureller, abstrakter Ebene und vor allem erst in ferner Zukunft
stattfinden können, da das Handel heute ja durch Herrschaft beschränkt
ist, ist selbst völlig utopisch und ohne vernünftiges Verständnis von
Gesellschaft und gesellschaftlicher Veränderung.

Peter Bierl hat im Gegensatz zu Kasakov in seinem Artikel bessere
Arbeit geleistet, einfach, weil er das Phänomen differenzierter und
stärker im Detail betrachtet. Er ordnet etwa Pierre-Joseph Proudhon
und Silvio Gesell, deren Theorien u.a. Gegenstand seines Artikels sind,
innerhalb des Anarchismus spezifischen Strömungen zu und verweist
darauf, dass wichtige Teile der anarchistischen Bewegung andere
Auffassungen vertreten bzw. sich wie Michael Bakunin, schlicht bei den
marxistischen Theorien bedienen.

Leider zeigt Bierl aber auch einen gewissen Unwillen sich mit jüngeren
Entwicklungen in der anarchistischen Theorielandschaft auseinander-
zusetzen, auf die er im Hinblick auf Ökonomie kritisch und am Beispiel
von David Graeber und CrimethInc. eingeht. Es sei dahingestellt, ob
Graebers Analysen richtig und sinnvoll sind (ich persönlich bin kein
Fan). Bierls Rezeption von Graebers Denken ist aber nicht nur einfach
verkürzt, sondern schlicht falsch, wenn er behauptet Graeber würde die
von ihm so genannten humanen Ökonomien schönfärben oder sich
positiv auf chinesische und arabische Reiche beziehen und diesen
schlechte moderne, monetäre Ökonomien gegenüberstellen und wirft
ihm implizit Anschlussfähigkeit für (strukturellen) Antisemitismus vor.
Graeber weist dagegen in seinem entsprechenden Buch oft auf die
Herrschaftsverhältnisse und die Gewalt hin, die mit den erwähnten,
gerade auch mit den zu erst erwähnten Gesellschaftssystemen
verbunden sind. Er verdeutlicht auch, dass, entgegen Bierls Behauptung,
die Dynamik der Schuldverhältnisse, welche er grundsätzlich als
Herrschaftsverhältnisse versteht, verobjektiviert und umfassen sind -
sie sind gerade nicht einfach böse Machenschaften von ihnen
enthobenen Eliten, auch wenn gerade hier die großen Schwachpunkte
von Graebers Beschreibungen liegen. Inwiefern Bierl auch die jüngeren
ökonomischen Überlegungen von CrimethInc. falsch oder zutreffend
rezipiert und in der Folge kritisiert, kann ich leider nicht beurteilen -
meine Motivation mich mit diesen zu befassen, war bisher nicht
ausreichend, wohl auch weil ich mit den marxistischen Theorien zur
Ökonomie bisher eigentlich ganz zufrieden bin. Das Bedürfnis nach
einer nicht marxistischen, genuin anarchistischen ökonomischen
Theorie entsteht eher aus einem identitären Bedürfnis heraus, als aus
theoretischer Notwendigkeit und muss daher wahrscheinlich krude und
problematische Ansichten hervorbringen, ohne dies CrimethInc. im
konkreten Fall unterstellen zu wollen.

Carl Melchers wiederum unternimmt in seinem Artikel den Versuch
Ähnlichkeiten zwischen faschistischem und anarchistischem Denken
und Handeln nachzuweisen. Dass diese in der anarchistischen
Bewegung unter sich als individualistisch, futuristisch oder nihilistisch
verstehenden Anarchist*innen in Form von Misanthropie, Verachtung
für die Gesellschaft und Fetischisierung von einer zumeist gewalttätigen
Praxis durchaus gegeben war und ist, ist nicht zu bestreiten. Wie bei
Kasakov scheint aber auch bei Melchers das Bedürfnis nach
Identifikation eines einfach zu kritisierenden Anarchismus einer
vernünftigen Analyse und Kritik desselben im Wege zu stehen, wenn er
diesem generell eine Tendenz "zu einem irrationalistischen Kult der Tat
und[zu einer] Selbstinszenierung mancher seiner ProtagonistInnen als
RächerInnen des Volkes" 4 unterstellt bzw. dem stark anarchistisch
geprägten militanten Syndikalismus vorwirft "auf Umwegen[den]
italienischen Faschismus" 5 hervorgebracht zu haben. Seine
Argumentation diesbezüglich fällt entsprechend dünn aus. Die
Verwandtschaft des Syndikalismus mit dem Faschismus macht
Melchers vor allem an der den Personen Georges Sorel und Benito
Mussolini fest. Dass beide sich eher der Form und weniger dem Inhalt
nach auf den Syndikalismus bezogen haben bzw. dieser Bezug auf
anarchistisches und syndikalistisches Denken und Handeln stark
verfremdend war, wird vom Autor nicht wirklich beachtet. Speziell
welche Rolle dabei das Denken Sorels in der syndikalistischen
Arbeiter*innenbewegung gespielt hat und er und sein Denken, wie von
Melchers behauptet, damit tatsächlich einen "Nexus zwischen
anarchistischer und faschistischer Theoriebildung" 6 darstellen, wird
nicht näher behandelt. Gleichzeitige inhaltliche Bezüge und personelle
Schnittmengen des Faschismus mit anderen politischen Bewegungen
dieser Zeit, etwa den marxistischen bzw. kommunistischen Teilen der
Arbeiter*innenbewegung werden von Autor zwar angesprochen, aber
nicht weiter verfolgt. Gerade diese würden aber Melchers Aussagen
zum Verwandtschaftsverhältnis von Faschismus und Anarchismus
relativieren.

Melchers macht sich daraufhin daran den Anarchismus "nicht nur als
wichtige[n] Stichwortgeber, sondern auch als Negativvorlage" 7 für den
Faschismus darzustellen. Dies macht er indem er das Denken Bakunins,
als negativen Bezugspunkt für Carl Schmitt, als wichtigem
Intellektuellen eines revolutionären Konservatismus bzw. eben des
Faschismus, präziser des Nationalsozialismus, herausarbeitet. Nicht nur,
dass dem Anarchismus kaum ein Vorwurf daraus gemacht werden kann
für Carl Schmitt ein Scheckgespenst zu sein, Melchers liefert auch keine
Argumente warum damit strukturelle Ähnlichkeiten im Denken der
beiden Bewegung bestehen sollen. Schaut man sich außerdem die
Ideenwelt und Propaganda rechter Bewegungen, nicht nur, aber gerade
in Deutschland an, wird deutlich, dass Marxismus bzw. Kommunismus
weit größere Feindbilder für diese waren. Anarchist*innen wurden von
ihnen wohl eher als einfache Verbrecher*innen und Geisteskranke
behandelt oder eben der marxistischen bzw. kommunistischen
Bewegung zugerechnet.

Abschließend vergleicht Melchers die nur teilweise terroristische Praxis
der russischen Narodniki, wobei er vor allem Sergei Netschajew
behandelt, mit denen rechter Gruppen. Es ist wie erwähnt richtig, dass
es im Anarchismus bzw. auch im hier von Melchers behandelten Fall
immer Strömungen gab und gibt bei denen ein Gewalt- und Opferkult
von als Individuen oder Kleingruppen agierenden Attentäter*innen und
Rächer*innen vorzufinden ist. Es stellt sich aber bei den Narodniki die
Frage, ob sie überhaupt dem Anarchismus zuzuordnen sind, was, wie
Melchers selbst anmerkt, bei Netschajew umstritten ist. Narodnaja
Wolja, einer der bekanntesten Gruppen, welche den Zar Alexander II.
ermordet hat, war bezüglich ihrer Zusammensetzung jedenfalls sehr
heterogen. Mord, Terror und Gewalt als politisches Mittel von unter
anderem durch diese Gewalt stark abgeschotteter und nach innen
integrierter Gruppen, finden sich in der Geschichte des Anarchismus
aber dennoch und sicherlich lassen sich der Form nach an diesem Punkt
auch Ähnlichkeiten zum Faschismus ziehen. Was der Autor versäumt ist
darauf hinzuweisen, dass sich dieses Phänomen, ebenso wie der Rache-
und Opferkult, die Selbststilisierung als Rächer*innen des Volkes bzw.
die Legitimation von massiver, teils nicht wirklich zielgerichteter
Gewalt mit der proletarische Sache auch in den marxistischen bzw.
kommunistischen Teilen der Arbeiter*innenbewegung finden lassen
(hier gewinnt die staatlich-bürokratisch organisierte Form von Gewalt
allerdings eine größere Bedeutung, als im Anarchismus). Was der Autor
zudem nicht beachtet, ist, dass diese spezifische Form von
Gewaltausübung in der Arbeiter*innenbewegung meistens nur dann
angewendet wurde, wenn das politische Klima von massiver staatlicher
Repression geprägt war und sich auch vom Inhalt und den konkreten
Zielen her stark von faschistischer Gewaltanwendung unterscheidet, die
diese wesentlich stärker fetischisiert.

Dies und auch die vorherigen Anmerkungen, welche darauf hinweisen,
dass die Punkte, welche Melchers als Ähnlichkeiten zwischen
Faschismus zum Anarchismus nennt und kritisiert, zumeist auch bei
den marxistischen Teilen der Arbeiter*innenbewegung zu finden sind
bzw. hier gleichfalls Ähnlichkeiten und existieren, soll dabei nicht dazu
dienen, die Kritik vom Anarchismus auf den Marxismus abzuwälzen
oder einfach zu relativieren. Sie dient viel mehr dazu zu zeigen, dass die
von Melchers kritisierten Punkte keinesfalls Wesensmerkmale des
Anarchismus sind, sondern wenn überhaupt, dann problematische
Phänomen innerhalb der radikalen Linken generell darstellen. Dass
Melchers diese Phänomene aber gerade nicht als solche, die radikale
Linke generell betreffende Phänomene fasst, liegt wohl auch vor allem
an dem Bedürfnis den Anarchismus als vom Marxismus klar zu
unterscheidende politische Bewegung zu identifizieren und zu
kritisieren.

Was mir an den drei hier behandelten Autor*innen bzw. Artikel so übel
aufstößt ist die Art und Weise wie sie vorgehen. In der radikalen Linken
scheint Kritik allzu oft ein selbstbezweckendes Hobby zu sein oder dient
dazu das eigene, durch das nicht unzutreffende Gefühl der
Bedeutungslosigkeit und Ohnmacht, sowohl individuell, als auch als
kollektiver politischer Akteur, angekratzte Selbstwertgefühl wieder
aufzupolieren und sich so in der eigenen politischen und intellektuellen
Identität zu bestätigen. Einer vernünftigen Kritik der gesellschaftlichen
Verhältnisse und der Entfaltung einer emanzipatorischen Praxis steht
das aber vor allem im Weg und das ist es auch, was ich den hier
behandelten Autor*innen vorwerfe. Es scheint, dass das Bedürfnis den
Anarchismus zu kritisieren vor einer eingehenden Beschäftigung mit
dem Phänomen gestanden hat. Statt sich auf den Gegenstand
einzulassen, was nicht mit völliger Offenheit zu verwechseln ist,
sondern lediglich meint ernsthaft zu versuchen nachzuvollziehen und
zu verstehen was diesen ausmacht, wie er funktioniert, werden viel
lieber Strohpuppen konstruiert, auf die man genüsslich und ohne zu
zögern eindreschen kann bzw. auf die allzu einfache, alte und bewährte
Schemata der Kritik angewendet werden können. Anstatt sich also mit
dem Denken und Handeln von Anarchist*innen ernsthaft
auseinanderzusetzen, wird eine anarchistische Bewegung konstruiert,
die als Ganzes pauschal kritisiert wird. Falls sich dann doch mit
spezifischen Anarchist*innen auseinandergesetzt wird, werden jene
ausgepickt, welche leicht kritisiert werden können - falls nicht, werden
sie passend für bewährte Schemata rezipiert. Wichtig ist auch, sie so zu
konstruieren, dass sie mit einem selbst, der eigenen politischen
Identität, möglichst wenig zu tun haben, andernfalls würde die Kritik
einen selbst ja auch treffen können. Keiner der Autor*innen kommt
dabei auf die Idee, die von ihm am Anarchismus kritisierten Punkte als
Probleme der radikalen Linken generell zu betrachten, lieber werden sie
als spezifisch anarchistische behandelt, was ihrem Wesen aber nicht
gerecht wird.

Wie ich bereits erwähnt habe, glaube ich, dass eine solche
Vorgehensweise kontraproduktiv ist - auch andere Strömungen der
radikalen Linken, speziell "der" Marxismus, sind nicht über Kritik
erhaben und müssen sich ständig weiterentwickeln. Dass geht aber nur,
wenn sie selbst offen für Kritik und Impulse sind. Identitäre
Abgrenzung von anderen Strömungen bringt dabei nicht weiter. Sie
führt dazu, dass eine selbstkritische Haltung aufgegeben und das
Denken und Handeln anderer nicht ernst genommen werden, die diese
Impulse, alternative Denkansätze und Perspektiven oder auch Kritik
liefern können. Diese identitäre Abgrenzung beginnt, wenn die radikale
Linke dualistisch in Marxismus und Anarchismus getrennt wird und
man selbst versucht sich hier klar einzuordnen. Die Suche nach
politischer Identität bekommt so mehr Bedeutung, als die Suche nach
einer emanzipatorischen Perspektive. Es ist aber wichtiger, ob eine
Theorie die Realität adäquat erfasst und aufzeigt, wo Möglichkeiten
und Schranken emanzipatorischer Praxis liegen, als dass sie von eine*r
Anarchist*in oder Kommunist*in kommt. Umgekehrt will ich aber mit
Kommunist*innen oder Anarchist*innen die regressive Ideologien und
kontraproduktive oder menschenfeindliche Praxis predigen nichts zu
tun haben. Als "Anarchist" theoretisiere und handle ich politisch lieber
mit marxistischen Staatsfeind*innen, mit denen mich persönlich viel
verbindet, als dass ich Anarchokapitalist*innen oder -primitivist*innen
bzw. marxistischen Antiimperialist*innen oder Stalinist*innen auch nur
die Hand gebe. Die Grenzen und wichtigen Spaltungslinien in der
radikalen Linken sollten im Hinblick auf die emanzipatorische
Überwindung der gegenwärtigen gesellschaftlichen Verhältnisse an
anderer Stelle verlaufen, als entlang der Linie Anarchismus-Marxismus.

Weiterführende Infos
www.phase-zwei.org

[1] Unter radikaler Linke will ich hier jene Teile der linken Bewegung verstehen, welche 
aufeine grundlegende Veränderung bzw. Überwindung der gegenwärtigen gesellschaftlichen
Verhältnisse hinwirken und in diesem Sinne revolutionär sind. Trotz aller Vielfalt und 
Heterogenität kann das Denken und Handeln der radikalen Linken doch in einem weiten Sinne 
als anarchistisch bzw. marxistisch-kommunistisch charakterisiert werden, ohne zu 
unterstellen, dass alle Marxist_innen Kommunist_innen wären und umgekehrt bzw. 
Anarchist*innen nicht auch kommunistisch sein können bzw. in einem bestimmten Sinne sind. 
Der Versuch hier klar zu unterscheiden ist gerade Gegenstand meiner Kritik in diesem Artikel.
[2] Ich beziehe mich hier vor allem aufKasakov ("Den Anarchismus gibt es nicht! Kritik 
einer Strömung, die sich der Kritik zu entziehen sucht"), Bierl ("Bakunin empfiehlt Marx. Der
Anarchismus zwischen Kommunismus und Marktverherrlichung") und Melchers ("Bandiera Nera. 
Drei Schlaglichter aufdas Verhältnis von Faschismus und Anarchismus"), wobei aber auch
die Einleitung zum Heft nicht unerwähnt bleiben sollte, aufdie ich aber aus Platzgründen, 
ebenso wie der problematische Call for Papers der Redaktion, aber nicht eingehen werde.
[3] Kasakov, Ewgeniy: Den Anarchismus gibt es nicht! Kritik einer Strömung, die sich der 
Kritik zu entziehen sucht, in: Phase 2, Frühjahr 2015, S. 6
[4] Melchers, Carl: Bandiera Nera. Drei Schlaglichter aufdas Verhältnis von Faschismus und 
Anarchismus, in: Phase 2, Frühjahr 2015, S. 20.
[5] Ebd., S.18.
[6] Ebd.
[7] Ebd., S. 20.Gai Dào


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