(de) FdA-Ifa - Gai Dao #57 - Wenn das Heil einfach daläge. Randglossen zur aktuellen Kritik des Insurrektionalismus Von: J.R.

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Tue Oct 6 12:45:00 CEST 2015


Wo es nicht gleich ganz verschwiegen wird, schlägt dem neuen Buch des "Unsichtbaren 
Komitees" (UK) Abwehr aus dem Feuilleton entgegen. Dabei wird in "An unsere Freunde" so 
ernsthaft und wahrnehmbar an einer Erneuerung revolutionärer Praxis und ihres Begriffs 
gearbeitet, wie kaum irgendwo sonst. ---- Schon vor Erscheinen der deutschen Übersetzung 
von "An unsere Freunde" 1 malte die ZEIT (08.05.) allen, die es nochmals hören wollten, 
die Chimäre des brandschatzenden Insurrektionalisten an die Wand: "Hilft nur Gewalt gegen 
die Herrschaft des Kapitalismus? Das glaubt das linksradikale ,Unsichtbare Komitee'." 
Diese Sätze sind Anklage, Urteil und Kommando in eins. ---- Zur Logik des Krieges gehört 
es seit je - und zur Aufgabe seiner Schreiber*innen, die Wehrkraft des organisierten Mobs 
im erhabenen Schauder zu stählen, der ihn bei der Inszenierung des Gegners als einer
Bestie durchfährt, einer Bestie, die aufzuhalten, nur bestialische Mittel
eigentlich angemessen sind. So geht auch der Verfolgung die
Verächtlichmachung stets voraus. Den Gegner wirklich zu kennen,
hindert nur die Entfaltung des kriegerischen Eifers. Dieser Eifer ist
blind und die ZEIT davon überzeugt, dass jenes Buch, das mit dem
Eingeständnis einer "Niederlage" (9) beginnt, um deren Gründe zu
erforschen und sich, so gut es geht, aus ihr zu befreien, "die Erfolge der
,Aufstandsbewegungen' in aller Welt" resümiert.

Hinzu tritt eine weitere Bedingung der Rezeption: Die vierte Gewalt im
Staate, der Journalismus, lebt so verbissen von der Sensation, dass das
Schlagwort vom "Aufstand" fast durchweg seine halbgaren
Vorstellungen bewegt und seine tagelöhnende Phantasie in Wallung
bringt. Was wir beobachten können, ist die bürgerliche Kritik, die die
Kritiker*innen des Insurrektionalismus als Insurrektionalist*innen
kritisiert. Wer aber wollte einen Berufsstand, in dem jede*r Einzelne
täglich mit den Hinterteilen sämtlicher B-Promis und allen
Katzenbabies dieser Welt um ihr oder sein Quäntchen Aufmerksamkeit
konkurrieren muss, ernsthaft dafür verurteilen, die im Grunde
unmissverständlichen Äußerungen des UK zusammen mit seinen
subtileren semantischen Manövern für alle unkenntlich zu machen und
zum Verschwinden zu bringen?

Unter diese Manöver zählt gewiss, dass das UK sich zum Subjekt der
Aufstände seit 2010 nicht zuletzt deshalb hinzugezählt hat, um seine
mindestens zehn Jahre alte Kritik des Insurrektionalismus als
Selbstkritik nochmals zu inszenieren und dieses Subjekt derart von
innen heraus zu transformieren, anstatt die insurrektionalistische
Strömungen darin durch eine äußerlich an sie herangetragene Kritik zu
reizen und zu verprellen. Der klassische Insurrektionalismus, etwa eines
A. M. Bonanno, steht beim UK nämlich keineswegs sehr hoch im Kurs
und gilt ihm eher als ein Relikt marxistisch-leninistischer Gnosis.

Nicht zufällig trägt der Typus des "Radikalen", dem im aktuellen Buch
einige kritische Aufmerksamkeit zuteil wird, recht genau die Züge des
Insurrektionalisten: Immer wieder dekliniert er seinen Katechismus der
"permanenten Konflikthaltung" und ihrer "Steigerung", bis sein
theoretischer Absentismus endlich gezwungen ist, recht offen zu
erklären, dass "die einzige Argumentation, die wir mit uns herum
tragen, jene ist, dass uns der Aufstand passt und damit basta", was ihn
nicht daran hindert - ja vielmehr dazu ansetzt - die leere Geste des
theoretischen Diskurses endlos zu wiederholen und alle Nase lang eine
"theoretische Vertiefung" anzukündigen, die niemals folgt. 2

An die Stelle eines gemessenen Verhältnisses zu den Mitteln, die jeweils
in einer besonderen Situation diese oder jene Möglichkeiten eröffnen
oder verschließen, tritt ein fetischistisches Verhältnis zu besonderen
"aufständischen" Mitteln, aus deren jedem dieser Mittel man eine
"Form" destilliert, die isoliert von ihrem Kontext lediglich mehr oder
weniger "radikal" sein kann. (111) Diese Sicht der Dinge folgert richtig,
aus falschen Prämissen: Wenn die Totalität der Unterdrückung sich seit
der neoliberalen Wende ganz einfach in der Totalität der Infrastrukturen
manifestiert, wird jede Mühe einer Bewertung der konkreten Lage
tendenziell obsolet. In letzter Konsequenz ist es überflüssig, noch zu
differenzieren; auch ohne zu zielen, trifft jeder Schlag ins Schwarze. Der
Aufstand selber ist das Wunder, der schlechten Totalität so äußerlich
wie die kleine Kaste seiner Träger*innen.

"Seit der Niederlage der 1970er Jahre", schreibt das UK, "ist an die Stelle
der strategischen Frage der Revolution unmerklich die moralische Frage
der Radikalität getreten. Die Revolution hat also dasselbe Schicksal
erlitten wie alles in diesen Jahrzehnten: Sie wurde privatisiert. Sie ist
zur Möglichkeit geworden, sich persönlich aufzuwerten, und das
Bewertungskriterium ist die Radikalität." (111) Dass die Vokabel der
"Radikalität" so einfach aufgegeben wird, mag man bedauern - oder
sich ihre taktische Verwendung vor Augen führen. Ebenso taktisch setzt
das UK dem stumpfen Kriterium einer "abstrakte[n] Radikalität" ein
radikales "Feingefühl" entgegen, eine Aufmerksamkeit für
Zusammensetzung und Möglichkeiten der konkreten Situation, die sich
nicht totalisiert, "als entscheidende revolutionäre Tugend" unserer Zeit.
(114)

Wenn das UK schon 2007 vom "kommenden Aufstand" sprach, dann
auch, um den Insurrektionalismus aus seiner Position zu verdrängen,
indem es diese Position nun seinerseits besetzte. War im damals
erschienenen Pamphlet 3 alles darauf gerichtet, "mittelfristig die
Durchführbarkeit eines Aufstands zu garantieren" (ebd. 84) und "so früh
wie möglich ,die Bude zu zerschlagen'" (ebd. 61), so wiederholt das UK
in "An unsere Freunde" für all jene, die nicht verstanden hatten, dass
von Möglichkeitsbedingungen die Rede war, welche nicht sehr bald in
Aussicht stehen würden, dass die "stumme, unhinterfragbare Ordnung,
die sich in der Existenz eines Bushäuschens materialisiert, (...) leider
nicht in Stücke[geht], sobald dieses zertrümmert wird." (67)


Eine negative Lehre

Gesättigt mit den Erfahrungen der vergangenen Aufstände beschreibt
der jüngste Text die Formen der Verkümmerung des Kampfes und der
revolutionären Subjektivität, auch noch ihrer Hervorbringung durch
den Gegner selbst - nicht nur in Gestalt des deutschen Feuilletons.
Warum bleiben die Aufstände "im Stadium des Aufruhrs" stecken?
Warum kann ihre Dynamik von reaktionären Kräften usurpiert
werden? Was ist es, das "in uns selbst dem Feind einen Ansatzpunkt
bietet" (10)? Solcherart sind die Fragen, die er stellt. "Der heillose
Abscheu, die reine Negativität, die absolute Verweigerung sind die
einzigen erkennbaren politischen Kräfte des Augenblicks." (9) Dies ist,
gleich zu Beginn, der Aufweis des Mangels der jüngst vergangenen
Sequenz wie auch implizit der Aufgabe, die sich nun stellt. Es gibt keine
negative Kraft, der Abscheu ist heillos und der Aufruhr nicht viel Wert.
Er mag vorübergehend die Ödigkeit durchbrechen, aus der Apathie
losreißen und die Phantasie beschäftigen. Eine Zeit lang sorgt er für
Aufregung und dafür, dass "etwas passiert", ist Ventil für die heiße Wut
und verständlichen Machtphantasien der Erniedrigten, Kulisse
heroischer Gesten und eines polternden, wohl auch irgendwie
maskulinistischen Größenwahns.

Als am 12. Februar 2012 "das Stadtzentrum von Athen erneut in
Flammen seht", ist, so schreibt das UK, ein "Höhepunkt an Jubel wie
auch Ermattung" erreicht: "Die Bewegung wird sich ihrer ganzen
Macht bewusst, realisiert aber auch, dass sie nicht weiß, was damit
anzufangen wäre. (...) Was der Fall Griechenland uns lehrt, ist, dass wir
ohne substanzielle Vorstellung davon, was ein Sieg wäre, nur besiegt
werden können. Die Entschlossenheit zum Aufstand allein reicht nicht;
unsere Verwirrung ist noch zu groß." (105 f) Groß genug auch, um
selbst durch dieses Eingeständnis den entscheidenden Fehler nur besser
zu verbergen, wüsste nicht das UK längst selber, was das neue Buch
abermals exponiert: Die "ganze Macht" dieser Bewegung ist fast ein
Nichts, denn nicht zu wissen, was mit ihr anzufangen sei, bedeutet ganz
einfach, keine Macht zu haben, nicht handeln zu können in einer
Situation und auf einem Terrain, das selbst noch in diesen scheinbaren
"Siegen" der Gegner bestimmt.

Die Perspektive der Reproduktion

Zu begreifen, dass die Macht kein Verhältnis reiner Äußerlichkeit
gegenüber den Subjekten unterhält, heißt zweierlei: Zum einen, dass
der Gegner die eigene Subjektivität mitproduziert, indem er die
Bedingungen des Kampfes diktiert und diesen etwa auf "die Straße" -
eine vorübergehende Handgreiflichkeit in einem klar definierten Raum
- reduziert. Zum anderen, dass die Macht sich immer auf das vitale
Interesse der Subjekte selbst verlassen kann: "Solange die Perspektive
einer Volkserhebung bedeutet, dass es an Pflege, Ernährung und
Energie mangeln wird, wird es keine entschlossene Massenbewegung
geben." (74) Diese Einsicht ist fundamental.

Sie leitet über zum Primat der Reproduktion, jedoch nicht als
abgespaltener Bereich der Pflege und häuslichen Arbeit. Eher verlangt
sie, die Perspektive der ebenso umfassenden wie sich ausweitenden
Reproduktion eines sich organisierenden Subjektes einzunehmen und
ins Zentrum der Kämpfe zu stellen, die Formen des Kampfes und die
Formen der Reproduktion nicht voneinander zu trennen und auf einer
grundlegenderen Ebene ununterscheidbar werden zu lassen. Denn die
Trennung des Kampfes von der Reproduktion reduziert ersteren heute
auf "Wahlkampf" und seine verschiedenen Komplemente
(Straßenkampf, Widerstand, Protest...), während wir mit letzterer tief
im Sumpf abhängiger Arbeit stecken bleiben. Es ist nicht möglich, selbst
einen städtischen Platz langfristig zu besetzen und gleichzeitig
gezwungen zu sein, Miete zu zahlen, bei Aldi einzukaufen und Arbeiten
zu gehen, was zugleich bedeutet, in den alltäglichsten Verrichtungen
seiner Vermögen enteignet zu sein und das Kapital durch sie zu stärken,
anstatt diese Vermögen auf den Aufbau einer kollektiven Kraft zu
verwenden, die in ihrem eigenen Recht besteht und dem Kapital
entgegenwächst, um es so bald wie möglich völlig zu verdrängen. Erst
die Trennung - welche selbst als "Staat" bezeichnet werden kann - von
"Politik" und "Wirtschaft" bringt diese als solche hervor, indem sie uns
zugleich von beiden abschneidet und uns ebenso von unseren Vermögen
wie von einander trennt. Diese Trennung bleibt bestehen, solange wir
uns nicht freiwillig aneinander binden und unsere Freiheit in der
kollektiven Stärke gründen, die aus dieser Bindung erwächst. Dies ist
das Vorgehen der "Kommunen", zwischen denen alles mögliche
zirkuliert. (154 f)

Das UK theoretisiert also, theoretisiert abermals für seine
insurrektionalistischen Freund*innen, die schlecht zugehört haben, eine
Erfahrung, die Linksradikale zu allen Zeiten so oder so haben machen
können, bevor sie sich über ihren Kampf Klarheit verschafft und das,
was es heißt, "zu kämpfen", von seiner platten Buchstäblichkeit befreit
haben.

Das Abebben, die Erschöpfung der Aufstände oder die Kanalisierung
ihrer Dynamik zugunsten reaktionärer Gruppierungen lässt sich allein
begreifen "aus dem Fehlen einer glaubwürdigen revolutionären
Perspektive", deren Wiedergewinnung nur möglich ist, wenn "wir die
vage Feststellung, dass diese Welt nicht mehr fortbestehen kann, mit
dem Wunsch verbinden, eine neue zu errichten. Denn wenn sich diese
Welt hält, dann in erster Linie aufgrund der materiellen Abhängigkeit,
in der jeder für sein bloßes Überleben dem guten allgemeinen
Funktionieren der sozialen Maschine gegenübersteht." (73) So ist diese
"Perspektive" kein "schwebendes Bild in der Zukunft", sondern eine
weitgehend technische Rekonfiguration der Gegenwart selbst, in der
das kämpfende Subjekt sich nur konstituiert, indem es sich aus dieser
Abhängigkeit löst. "Die Macht abzusetzen heißt, ihr ihre Grundlage zu
entziehen" (58), was genau in dem Maße geschieht, wie man selber auf
eine andere Grundlage übergeht und die eigene Macht auf dieser
Grundlage reproduziert. Dies also ist das Kommen des Aufstands, ist die
aufständische Praxis und das Zentrum des Kampfes.

Jeder punktuelle Angriff und jeder Aufstand ist letztlich daran zu
messen, ob er die kollektive Stärke dieses Subjekts anwachsen lässt,
oder ob er vor allem ein "Bild" des Kampfes gewesen sein wird und ein
ohnmächtiges Aufbäumen, das dieses Subjekt in eine um so tiefere
Depression zurück sinken lässt und die Alternativlosigkeit der Reaktion
bestätigt.

Eine revolutionäre Kraft aufbauen

Indem es sich vorübergehend aus den Handgreiflichkeiten (nicht zuletzt
des Landlebens in Frankreich) zurückzieht und versucht, die Erfahrung
der Ermattung und der Demütigung theoretisch verfügbar zu machen,
verwandelt das UK, das sich zu keiner Zeit von der Bewegung in ihrer
Gesamtheit trennt, selbst diese Erfahrung noch zu einer Stellung im
Kampf, aus der ein Nutzen zu ziehen ist. Entgegen jeder Eitelkeit
identifiziert es sich im Eingeständnis seiner Niederlage mit dem
schwächeren Teil der Bewegung, um Einsichten zu erneuern, die es
selber doch längst verinnerlicht zu haben schien.

Denn in etwa die Gruppe, die sich nach dem Erscheinen der zweiten
und letzten Ausgabe der Zeitschrift "Tiqqun" im Jahr 2001, wohl
aufgrund von Differenzen in der Bewertung der Attacken des 9.
September und der Gefahr einer akademischen Reintegration,
abgespalten hat, dürfte, bevor sie als UK bekannt geworden ist, 2005
zunächst den Text "Aufruf" als Beitrag zur zweiten Ausgabe von
"Meeting" - einer Zeitschrift der Kommunisierungs-Strömung -
eingereicht haben. Der Text wurde abgelehnt und ist gesondert
erschienen. 4

Bereits in dieser Schrift ist die Rationalität der
Möglichkeitsbedingungen, die sich auch in den darauf folgenden Texten
finden lässt, folgendermaßen formuliert: "Die Praxis des
Kommunismus, so wie wir sie leben, nennen wir ,die Partei'. (...) Bei
genauerer Betrachtung kann die Partei nichts anderes sein als
Folgendes: Die Ausbildung der Sensibilität zu einer Kraft. Die
Entfaltung eines Archipels von Welten. Was wäre eine politische Kraft
unter dem Empire, die nicht ihre Bauernhöfe, ihre Schulen, ihre
Lastwagen, ihre Medizin, ihre kollektiven Häuser, ihre Werkbänke, ihre
Druckereien und ihre Brückenköpfe in den Metropolen hätte?[Ihre
Hack-Labs und Server, fügt das neue Buch hinzu.] Es scheint uns
immer absurder, dass manche von uns immer noch gezwungen sind, für
das Kapital arbeiten zu müssen (...) Der Umsturz des Kapitalismus wird
von denen kommen, die fähig sind, die Bedingungen für andere Arten
von Beziehungen zu schaffen. (...) Im Allgemeinen sehen wir nicht, wie
etwas anderes als eine Kraft, als eine Realität, die fähig ist, die totale
Zerlegung des Kapitalismus zu überleben, ihn wirklich angreifen
könnte, das heißt, bis zu seiner endgültigen Zerlegung." (34 ff)

Die hier erwähnte Kraft ist also nichts anderes als eine materielle
Realität und das dichte Netz der Beziehungen, welches die Leere füllt,
in der jede Regierung sich einrichtet. 5 Sie existiert schon im "Aufruf"
nur als das konkrete Ensemble der Bewegungsformen, in denen das
kämpfende Subjekt sich wachsend reproduziert. Man täuscht sich
zudem, wenn man meint, dass es dabei primär um den Aufstand ginge.
Eher noch ist er Mittel als Zweck. Die Rationalität der
Möglichkeitsbedingungen einer punktuellen Erhebung ist völlig
sekundär gegenüber der Ausbreitung dieser Kraft selbst: "Für eine Kraft,
die sich ausbreitet, ist es unmöglich zu sagen, ob die Vernichtung einer
Einrichtung, die ihr schadet, eine Angelegenheit von Aufbau oder
Offensive ist" (36). Noch die "Offensive" ist also nichts weiter als eine
besondere Modalität des Aufbaus in diesem grundlegenderen Sinn der
Ausbreitung einer Kraft und ihr Erfolg daran zu messen, inwiefern sie
diese Kraft anwachsen lässt, indem sie etwa ein Hindernis, auf das diese
bei ihrer Ausbreitung trifft, aus dem Weg räumt, die Beziehungen der
Revolutionär*innen untereinander intensiviert und der "Partei" neue
Freund*innen 6 gewinnt.

Die Einsichten, die das UK in "An unsere Freunde" als das Resultat
einer eben abgeschlossenen Selbstkritik präsentiert, sind mindestens
zehn Jahre alt. Wurde der "Aufstand an sich" damals als "nur ein
Beschleuniger, ein entscheidender Moment in diesem Prozess" des
Aufbaus der "Partei" theoretisiert, so ruft der jüngste Text die
Bedingungen in Erinnerung, unter denen er zum Verzögerer wird. Wenn
sich im Diskurs des UK überhaupt eine Verschiebung zwischen seinen
Äußerungen der letzten Jahre feststellen lässt, dann die zunehmende
Betonung der affirmativen Seite des Aufbaus einer revolutionären
Kraft, die nicht "im Hinblick auf den Sieg mobilisiert werden müsste,
sondern (...) der Sieg an sich[ist], insofern sie Schritt für Schritt
zunimmt." (145)

Wenn auch nur eine einzige wesentliche Lehre, schreibt das UK, aus
den Aufständen der letzten Jahre und "aus der Straße (...) gezogen
werden kann, dann die einer Einweihung in die Freude" (168), welche
jede Erfahrung einer kollektiven Steigerung des Vermögens begleitet.
Diese Erfahrung, die im gemeinsamen Handeln überall gemacht wurde,
ist zu wiederholen, indem dieses Handeln mit der gleichen Verve,
Ernsthaftigkeit und Energie auf den Aufbau einer kollektiven Kraft
gewendet wird, die in ihrem eigenen Recht besteht und wächst, die die
nötigen Mittel ergreift und sich die Einrichtungen schafft, die es ihr
erlauben, die eigenen Vermögen nicht länger in den Dienst des Kapitals
zu stellen, sondern in ihrer eigenen Erweiterung zu verwenden. Hier
nun, in den Schwierigkeiten der Reproduktion zunächst mit geringen
Mitteln, haben sich Ernsthaftigkeit, Verve und Energie zu bewähren,
nicht nur im heißen Aufflackern des Kampfes für eine kurze Frist oder
in der faulen Delegation und Aufforderung des "Protestes", der alles
von einer abgespalteten "Politik" erwartet, an die er sich sanft oder
wütend, bittstellerisch oder pädagogisch strafend richtet, so sehr auch
Protest und Demonstration ihre Berechtigung als Öffentlichkeit haben
und selbst die "Politik" über bessere oder schlechtere Bedingungen der
aufständischen Praxis nicht zuletzt entscheidet.

Die Revolution wird fortan der Aufbau und das Anwachsen einer Kraft
sein, deren ganze positive Existenz geistig und materiell die bestehende
Ordnung negiert, so wie jede Kommune nur durch die "Verinnerlichung
dessen wächst" (158), was sie umgibt. Erst in solcher Ausweitung
streckt Praxis sich zur radikalen, die nicht auf eine Ko-Existenz mit der
Misere schielt. Die sich folglich aus der negativen Fixierung auf einen
Gegner und der ihr entsprechenden Abhängigkeit löst, welche sie zu
einer schattenhaften, dürren und fast nichtigen Existenz verurteilt. Eine
affirmative Kraft, die weder vor allem die übliche Forderungsmeierei ist
und nur "Protest", noch bloß "Widerstand" oder selbst "Gegenmacht",
sondern eine positive Macht in ihrem eigenen Recht, für die der
Konflikt ebenso sekundär ist, wie unausweichlich und unmittelbar
präsent.

O Freunde...

Im neuen Buch des UK vermeinte die TAZ (26.04) "erneut[,] die ideale
Lektüre für Potenztölpel und Dorfdeppen" zu erkennen. Ihr ,Leiter des
Kulturressorts' hätte am liebsten "kein Wort" über dieses "phrasenhafte
Dokument aus Frankreich" verloren und tat es nur, um seinem
brodelnden Ressentiment Abfuhr zu verschaffen und nicht vor Wut zu
platzen. Womöglich hatte der Rezensent des "Deutschlandradio" (27.04.)
keine Zeit, das tags darauf rezensierte Buch zu lesen und gab sich
deshalb sicherheitshalber distanziert. Vielleicht tat er es aber auch,
damit nicht ihn die Wut als nächsten treffe, mit der besagter TAZ-
Journalist vergeblich die FAS herausgefordert hat, sich zum
Hahnenkampf herabzulassen. Oder er hat ganz einfach nicht sehr viel
davon verstanden und verließ sich deshalb auf sein "ungutes Gefühl",
als er schrieb: "[D]er Feind ist wichtig. Freund und Feind."

Die Evidenz, dass es "Feinde" gibt, ist der einzelne Punkt einer
Koinzidenz in gänzlich unterschiedlichen Diskursen, der es den
gehetzten Wirrköpfen der veröffentlichten Meinung erlaubt, alles
durcheinanderzuwerfen, sobald sie ihn nur bedenkenlos isolieren. Doch
aus dieser Evidenz folgt noch kein Schmittianismus und in unserem Fall
nicht einmal ein Begriff des Feindes, der dem Carl Schmitts ähnlich
sähe. Tatsächlich stehen sich hier zwei Auffassungen des Feindes
zusammen mit zwei Auffassungen überhaupt von Subjektivität
unvereinbar gegenüber.

Auch ist der Feind ganz einfach nicht so wichtig, wie es sein Gefühl
dem Rezensenten eingegeben hat: "Aus der Benennung des
gemeinsamen Feindes wird keinerlei tatsächliche Verbindung zwischen
den Kommunen, zwischen heterogenen, situierten Kräften
hervorgehen." Das Subjekt gewinnt seine innere Konsistenz nicht
dadurch, schreibt das UK, dass es "einen gemeinsamen Feind benennt."
(177)

Die politischen Kategorien des theoretischen Faschismus sind für das
komplexe Denken einer revolutionären Politik keinesfalls zu
gebrauchen. Vielmehr sind sie nur entworfen worden, um diese Politik
von vornherein dadurch zu sabotieren und zu verunmöglichen, ihr die
kriegerische Logik aufzuzwingen. In der kriegerischen Logik sind die
Seiten von Anfang an klar verteilt; das Gemetzel kann beginnen. Das
vorrangige Prinzip des Faschismus ist jenes der Elimination, basierend
auf der nur essentialistisch zu verbürgenden Vorstellung eines politisch
homogenen Subjektes. Das vorrangige Prinzip der revolutionären
Politik ist es hingegen, diese Verteilung der Kräfte durch die
Proliferation politischer Freundschaften und situativ wirksamer Praxen
zu den eigenen Gunsten zu hintertreiben.

Der Begriff eines Individuums, das nicht einer "Umwelt"
gegenübersteht und "Bedürfnisse" hat, das hingegen durchkreuzt ist von
Einflüssen, Düften, Geschichten und Strömen aller Art und das sich in
der Bewegung dieser Welt individualisiert und individuiert, ist sein
Begriff Spinozas. Er steht dem Schmitt'schen Begriff desselben
unverträglich gegenüber. Sogleich ist auch deutlich, dass es hier
keinerlei "Reinheit" geben kann. Dass immer von Kräften, Hinsichten,
Tendenzen, Typen die Rede ist, nie eigentlich personalistisch von
abgeschlossenen Subjekten. Wenn also weiterhin von "Freunden" und
"Feinden" gesprochen wird, so nur in diesem uneigentlichen oder
provisorischen Sinn. Dies nimmt der Konfrontation nichts von ihrem
Ernst. Es steigert aber - dadurch sie einer komplexeren Analyse zu
öffnen - das "Feingefühl" für eine jeweilige Situation, und es verfeinert
das Gespür für ihre Gelegenheiten und Gefährdungen gleichermaßen.

Der Sieg revolutionärer Politik ist nicht militärisch, sondern denkbar
nur als Sieg handelnder Vernunft. Vernunft aber will alle zu
Freund*innen gewinnen, und es liegt nicht an ihr, wenn dies nicht
gelingt, sondern an der tobenden Idiotie der Macht und der Unvernunft,
die heute überall herrscht - nicht nur im deutschen Feuilleton.

Tikkun

In acht Sprachen gleichzeitig ist "An unsere Freunde" erschienen, um
eine gemeinsame Sprache zu schaffen (160) und mit ihr diese größte
Bedrohung aller Bedrücker: eine freie Menge, die gemeinsam handelt,
vorangeht und wächst. Denn damit eine Kraft handelt, als wäre sie
begabt mit einem Geist (169), braucht es "eine von allen geteilte
Einschätzung der Lage", ein "gemeinsames Verständnis der Situation"
(14). Der Gestus ist der eines Beitrags zur internationalen Debatte, die
nötig ist, damit dieses Subjekt sich konstituiert.

Unter welchen Bedingungen muss diese geteilte Intelligenz, diese
Öffentlichkeit, sich konstituieren und was wird da im Grunde
Bedrohliches gefordert? Ein Leben in Freiheit und möglichstem Glück,
ein Ende der Lähmung, der Enteignung des Lebens, der Zurichtung und
Ausbeutung unter Drohungen, Einhalt der hereinbrechenden
Katastrophe und dass die Dunstglocke der Dummheit sich hebe. Ist das
so schlimm? Soll man es bezeichnend finden für den Zustand unseres
Zeitalters, in Sonderheit der Denkfreiheit in "unseren westlichen
Demokratien", dass, wie zu Zeiten der Frühaufklärung, eine anonyme
Literatur zirkuliert, die die
Wahrheit aussprechen will?

Im Epilog, ganz am Ende,
lauten die letzten Zeilen wie
eine Ankündigung, vielleicht
ein Versprechen, sich erneut
zu manifestieren: "Dieser Text
ist der Anfang eines Plans. /
Bis sehr bald." Wir ahnen:
Was hier in Erscheinung
treten soll, ist nicht ein
abgeschlagenes Grüppchen,
das erkennbar "wieder
zuzuschlagen" wird, kein
verwegener Haufen "Ra-
dikaler", irgendwo isoliert,
überwacht, von allen mög-
lichen Attacken durchlöchert
und gelähmt. Was hier in Erscheinung treten soll, still, situiert und an
vielen Orten zugleich, ist eine handelnde kollektive Intelligenz, im Aus-
tausch mit sich selbst und mit der Welt. Ist dies der Plan, die
eigentümliche Parusie, der die Wette gilt? Eine rettende Kraft, ein
kollektiver Messias: Wer zurückkehren soll, das sind wir.
-------------------------
[1] Unsichtbares Komitee, An unsere Freunde, Hamburg 2015. Zitate aus dieser Ausgabe 
werden mit Seitenzahlen im Text belegt.
[2] Vgl. Alfredo Maria Bonanno, Anarchismus und Aufstand, Edition Irreversibel 2014.
[3] Unsichtbares Komitee, Der kommende Aufstand, Hamburg 2010.
[4] Online unter: http://bloom0101.org. Seitenzahlen im Text. Vgl. hierzu das Vorwort in: 
Doc Sportello (Hg.), Die Revolution als Kommunisierung. Kommunisierung Band 1, Wien 2014, 
welches überdies die strukturelle Unfähigkeit der "Kommunisierung", ihrem erklärten 
Anspruch (der Revolution nicht "für den Kommunismus, sondern durch den Kommunismus") zu 
genügen, beispielhaft dokumentiert. Der Neo-Spinozismus des UK ist grundsätzlich nicht mit 
den Problemen konfrontiert, an denen diese manisch-depressive, zweifellos interessante 
Episode des Linkskommunismus krankt; Probleme, die auch ihre Nähe zum 
"Insurrektionalismus"begründen. Für die Länge dieses Artikels können wir sie daher getrost 
den schönen Seelen ihrer Archivare überlassen.
[5] Zur "Ontologie des Regierungsakts"vgl. Giorgio Agamben, Herrschaft und Herrlichkeit. 
Zur theologischen Genealogie von Ökonomie und Regierung, Berlin 2010, S. 170 ff, sowie 
Ders. Einleitende Bemerkung zum Begriffder Demokratie, in: Ders. u. a., Demokratie? Eine 
Debatte, Berlin 2012, S. 9-12.
[6] Vgl. zum Begriffdes Freundes: Giorgio Agamben, Der Freund (L Amico), in: Katharina 
Müncheberg ; Christian Reidenbach (Hrsg.), Freundschaft. Theorien und Poetiken, Paderborn 
2012, S. 15-22.


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