(de) FdA-Ifa - Gai Dao #57 - Warum sind Anarchist*innen und Libertäre ge­spalten über Rojava? Von: Zaher Baher (Kurdistan Anarchist Forum und Haringey Solidarity Group); 29. Juli 2015 / Übersetzung: Ben

a-infos-de at ainfos.ca a-infos-de at ainfos.ca
Sun Oct 4 10:45:29 CEST 2015


Anmerkung der Redaktion: Dieser Text wurde vor der Wiederaufnahme des Guerillakrieges 
durch die PKK in der Folge des Anschlags in Suruç geschrieben, bei dem mehr als 30 
Menschen starben, darunter auch einige Anarchist*innen. ---- Ebenso wie Linke und 
Kommunist*innen sind auch Anarchist*innen und Libertäre in Bezug auf Rojava gespalten. 
Manche von ihnen unterstützen es sehr und sind optimistisch über die Zukunft des 
Experiments, die anderen sind skeptisch und misstrauisch. ---- Es gibt mehrere Faktoren, 
die dazu geführt haben. Manche davon betreffen nicht nur Anarchist*innen, Libertäre und 
andere, sondern auch Kurd*innen. Daher könnte dieser Artikel auch eine Antwort an jene 
Kurd*innen sein, die sich regelmäßig fragen, warum sie keine Unterstützung von politischen 
Gruppen oder gewöhnlichen Leuten bekommen, nicht nur zu Rojava, sondern zu jedem Ereignis 
in jedem Teil Kurdistans.

-- Die Hauptfaktoren sind: --

Erstens: Die Einstellung von
Individuen in den kurdischen
Communities, die in Europa
und andern Ländern leben.
Obwohl viele von uns in
diesen Ländern geboren wur-
den oder lange Zeit gelebt
haben, haben wir keine große
Rolle dabei gespielt, kurdi-
sche Themen wie z.B. Rojava
den gewöhnlichen Leuten in den Ländern, in denen wir leben, näher-
zubringen, geschweige denn den Anarchist*innen und Libertären.

Natürlich spreche ich nicht über diese Kurd*innen, die bereits Mitglie-
der oder Unterstützer*innen von kurdischen Parteien sind, die PKK und
PYD abgeneigt sind, sondern über die Unterstützer*innen Rojavas. Eine
große Zahl von uns (Kurd*innen) verteilten sich über Europa und die
USA. Wenn wir Unterstützung für Rojava oder einen anderen Teil Kur-
distans wollen, müssen wir näher an die Menschen in diesen Ländern
kommen und uns selbst als Teil dieser Gesellschaft ver-stehen.

Es ist ein trauriger Fakt, dass nicht viele von uns (Kurd*innen) denken,
dass das Land, in dem wir leben, unser Land sei, seine Gesellschaft
unsere Gesellschaft. Wir denken nicht, dass irgendwelche Verän-
derungen in Politik, Ökonomie, Erziehung, Wohnen, Sozialrecht, Ge-
setzen und vielem mehr uns direkt beträfen. Wir glauben nicht, dass
wir von Migrationsgesetzen betroffen seien, obwohl wir wie Schwarze
und Menschen verschiedener ethnischer Minderheiten mit Rassismus
und Diskriminierung vonseiten der Polizei und Arbeitgeber*innen kon-
frontiert sind. Egal was passiert, die meisten von uns bleiben still und
tun nichts, um sich zusammen mit anderen zu wehren.

Während wir alle die oben genannten Dinge mit der großen Mehrheit
der Bevölkerung in jedem Land, in dem wir leben, teilen - und wäh-
rend manche dieser Probleme uns härter treffen - ignorieren wir sie
einfach. Daher beteiligen wir uns nicht an unabhängigen lokalen Grup-
pen, gehen auf keine Demos oder Proteste und unterstützen keine Ar-
beiter*innen in ihren Streiks. Wir nehmen an keinen anderen Kam-
pagnen teil, um die Gesellschaft zu verbessern, ob auf lokaler oder na-
tionaler Ebene. Wie können wir so von nicht-kurdischen
Menschen erwarten, dass sie uns kennen und unsere Sache
unterstützen, wie etwa Rojava?

Zweitens: Die Art, wie wir
unsere Demos und Proteste
abhalten. Wir wissen nicht,
wie wir unsere Themen Pas-
sant*innen und lokaler Be-
völkerung nahebringen. Das
eigentliche Thema, für das
wir unsere Demos und Pro-
teste organisieren, ver-
schwindet normalerweise unter einer Unmenge an irrelevanten Plaka-
ten, Bannern, kurdischen Fahnen und Bildern von Anführer*innen. Wir
singen nutzlose und veraltete nationalistische Hymnen. Deshalb schei-
tern unsere Demos und Proteste, unsere Ziele zu überliefern und wirken
nur uns gegenüber attraktiv. Solange dies unsere Art ist, unsere Themen
der Bevölkerung näherzubringen, wie können wir da von ihnen ver-
langen, die genaue Situation, z. B. in Rojava, zu kennen?

Drittens: Die bitteren historischen Erfahrungen der anarchis-
tischen/libertären Bewegungen seit der Ersten Internationalen im 19.
Jahrhundert. Sie waren stark in die Internationale involviert, aber wur-
den später ausgeschlossen und angeklagt. Darauf folgten im 20. Jahr-
hundert blutige Erfahrungen mit den Bolschewiki und während des
Spanischen Bürgerkriegs 1936/37. Diese Geschichte wiederholte sich in
verschiedenen Ländern während des letzten Jahrhunderts. Aufgrund
dieser furchtbaren und blutigen Erfahrungen, bleiben viele Anar-
chist*innen und anarchistische Gruppen sehr vorsichtig in Bezug auf
Rojava.

In Rojava und Bakur (Nord-/Türkisch-Kurdistan) sehen wir zwei sehr
mächtige politische Parteien, PKK und PYD, die stark in die Bewe-
gungen involviert sind. Dies macht es für manche Anarchist*innen
mühsam, die großen Schritte, die die Bewegungen in Richtung soziale
Revolution machen, zu verstehen oder zu sehen. Sie sehen immer noch
auf die PKK und ihre Bewegung durch die Brille aus dem Ende des
letzten und dem Beginn dieses Jahrhunderts. Es gibt keinen Zweifel,
dass die PKK damals furchtbare Dinge tat: Öcalan selbst erkannte an,
dass es Beteiligung an terroristischen Akten gegen die eigene Bevöl-
kerung und Personen außerhalb der Partei gab.

Trotzdem sehen viele Anarchist*innen nicht den internen Konflikt in
der PKK über Ideen und Prinzipien des Anarchismus: zwischen der
Minderheit, die zum Anarchismus tendiert, und der Mehrheit, die es
vorziehen würde, die Parteistruktur so zu lassen, wie sie immer war. Ich
bin sicher, das Ergebnis des Konflikts wird positiv sein. Es ist nicht
realistisch zu erwarten, dass PKK und PYD als Parteien ihre hierar-
chische Organisationsstruktur aufgeben werden. Sie können nicht in
eine anarchistische Organisation als Ganzes transformiert werden.
Trotzdem zeigt ein kurzer Blick in die Geschichte der PKK, dass sie sich
gewandelt und viele positive Schritte gemacht hat. Beispielsweise glaubt
sie nicht an einen Nationalstaat und die Vorstellung eines vereinigten
Kurdistans; zu einem bestimmten Maß ist sie, oder ein Teil von ihr,
gegen Macht und Autorität. Sie verlegte ihr Gewicht in die Städte, um
die Kämpfe in die Hand der Arbeiter*innen und Armen zu legen; sie ist
in einem Prozess, den Guerillakrieg aufzugeben und ist involviert in
einen Friedensprozess. Sie glaubt an Freiheit: daran, dass Menschen
unabhängig ihrer Unterschiede in Bezug auf Ethnie, Religion oder
Geschlecht zusammen in Frieden leben können. Sie ist besorgt über die
Umwelt und ökologische Fragen und glaubt an die soziale Revolution.
Sie unterstützt die Gründung radikaler lokaler Gruppen im Glauben an
direkte Demokratie und direkte Aktion. All dies nicht anzuerkennen,
entstammt entweder der Arroganz oder von einfachem Unwissen und
einer Unfähigkeit, die Situation richtig zu begreifen.

Meiner Meinung nach ist die beste Einstellung gegenüber Rojava, dieses
zu unterstützen und gleichzeitig kritisch zu sein. Nur zu kritisieren und
Distanz zu wahren, hilft unserer gegenwärtigen anarchistischen Bewe-
gung nicht weiter. Diese Einstellung zeigt wiederum die Unfähigkeit,
die Realität der Bewegung zu erkennen und würde uns vor der Ge-
schichte blamieren. Unterstützung, ohne die negativen Seiten zu kri-
tisieren, zeigt gleichzeitig wiederum, dass wir die Bewegung nicht rea-
listisch sehen. Mit dieser Einstellung wären wir, wenn die Bewegung
damit scheitert, unsere Ansprüche zu erfüllen, enttäuscht und würden
großen Abstand zu jeder Bewegung in der Zukunft halten.

Viertens: Eine dogmatische Einstellung, die auf die Reinheit und Perfek-
tion der Bewegung achtet. Ich glaube, dieser Ansatz ist bestenfalls naiv,
schlimmstenfalls verantwortungslos. Es ist wichtig, diese Bewegung als
Massenbewegung zu verstehen, wie können wir Perfektion in Rojava
und Bakur erwarten, solange wir keine perfekten Menschen haben?
Hätten wir reine, verantwortungsvolle und bewusste Menschen,
bräuchten wir keine Revolution. Wir müssen Rojava mit all seinen po-
sitiven und negativen Elementen betrachten. Wir sollten seine positiven
Seiten unterstützen und mit seinen schlechten Seiten hart ins Gericht
gehen, nicht nur um den Blick der Menschen darauf zu lenken, was
falsch läuft, sondern auch um dabei zu helfen, dies zu beheben.

Wir haben keine Bewegung wie die in Rojava erlebt seit der Bewegung
der Zapatistas seit 1994. Was in Rojava geschehen ist - mit all seinen
Mängeln - ist das Beste, was wir haben, vor allem, wenn man die
Ergebnisse des Arabischen Frühlings betrachtet und dass Rojava exakt
die entgegengesetzte Richtung einschlug. Bis zum heutigen Zeitpunkt
hat sich die Bewegung in die richtige Richtung bewegt, obwohl sie mit
zahlreichen Angriffen und Gefahren konfrontiert wurde: der Krieg ge-
gen den IS und andere terroristische Organisationen; die Möglichkeit,
dass Assad zurückkehren und in der Region einmarschieren könnte; die
Möglichkeit einer Invasion der türkischen Regierung; die Möglichkeit
eines Krieges mit der Freien Syrischen Armee; die Aussöhnung benach-
barter Staaten auf Kosten Rojavas; und die Wiedererrichtung Kobanes
durch die USA, westliche Staaten und ihre Unternehmen und Finanz-
institutionen. Rojava ist mit all diesen und vielen weiteren Gefahren
konfrontiert, wie ist also die Einstellung der Anarchist*innen und Liber-
tären? Solidarität und Unterstützung, damit es die richtige Richtung
nimmt, oder Distanz wahren und ignorieren bis es verliert, was auch
immer es bisher erreicht hat? Was ist das richtige Vorgehen?

Fünftens: Viele Anarchist*innen und Libertäre haben ursprünglich
einen marxistischen oder marxistisch-leninistischen Hintergrund. Ob-
wohl diese Genoss*innen manche anarchistische Prinzipien über-
nommen haben, bleiben manche ihrer Ansichten, Einstellungen und
Analysen marxistisch. Daher finden sie es extrem schwierig zu glauben,
die soziale Revolution könne in Entwicklungsländern geschehen, beson-
ders irgendwo wie in Rojava. Diese Einstellung ist ideologisch und
grenzt an religiösen Wahn: Sie glauben, wenn etwas nicht im alten
Buch geschrieben steht, wird es auch nicht passieren. Viele von uns
wissen, dass marxistische Bücher die Menschen verwirrt und histo-
rische Kämpfe zum Erreichen des Sozialismus/Anarchismus verdreht
haben. Diese Genoss*innen verwenden immer noch die gleiche marxis-
tische oder marxistisch-leninistische Definition der Arbeiter*innen-
klasse und die historische Entwicklung zum Sozialismus/Anarchismus.
Für dies haben sie fünf Stufen der Entwicklung benannt, die
Gesellschaften durchlaufen müssen, bevor unsere Ziele erreicht werden.
Diese fünf Stufen sind primitive Gesellschaft, Sklaverei, Feudal-
herrschaft, Kapitalismus, dann Sozialismus und nach diesen Stufen
Kommunismus (sie trennen ebenfalls zwischen Sozialismus und Kom-
munismus). In Regionen wie Rojava sind Unternehmen und Fabriken
selten; deshalb gibt es dort aus Sicht der Marxist*innen keine Ar-
beiter*innenklasse oder Proletariat. Rojava hat den Kapitalismus noch
nicht erreicht - wie kann die Revolution dort beginnen? Wie kann die
Diktatur des Proletariats errichtet werden, wenn es kein Proletariat
gibt? So ist jeder Gedanke oder jedes Reden vom Beginnen der Revo-
lution in Rojava für diese Genoss*innen inakzeptabel.

Es ist sehr schade, dass unsere Genoss*innen nicht berücksichtigen kön-
nen, dass die Ausbeutung von Menschen das Hauptthema der Geschich-
te ist. Es gab immer eine Klassenspaltung: eine kleine Elite oben und die
große Mehrheit der Bevölkerung unter dieser. Unabhängig von den vie-
len Stufen, die oben erwähnt wurden, existierte immer eine Frage, zog
immer ein Kampf herauf; und dies wird so bleiben, bis wir die klassen-
lose Gesellschaft erreichen.

Es gab immer eine Alternative, es gab immer Gründe, die Gesellschaft,
wie wir sie kennen, zu ersetzen und eine sozialistische/anarchistische
Gesellschaft zu formen. Es gibt keinen Zweifel, dass Gesellschaften sich
entwickelt haben und vorangeschritten sind im Lauf der Geschichte,
aber die soziale Revolution hat nicht zu tun mit dieser Aufteilung oder
der Bedingung, dass Gesellschaften vor dem Sozialismus den Kapita-
lismus erreichen müssen. Die Notwendigkeit für die Revolution liegt in
der Ausbeutung, darin, einige Menschen an der Spitze der Gesellschaft
zu haben mit all ihren Privilegien und den Rest am Boden mit Nichts
oder sehr wenig. Die Basis der Revolution liegt in dem Bewusstsein der
Menschen und ihrer Bereitschaft, zu revoltieren. In anderen Worten: Die
soziale Revolution kann in jeder Gesellschaft geschehen, überall,
unabhängig von der Entwicklungsstufe der Gesellschaft; aber der
endgültige Sieg jeder sozialen Revolution ist abhängig von vielen
Faktoren, ob diese Revolution in Rojava geschieht oder in bevorzugten
Ländern wie Großbritannien oder die USA.

Die Geschichte zeigt, dass die Menschheit bisher nur zwei Phasen gese-
hen hat: Gesellschaften, die primitiv sind, und die Klassengesellschaft,
welche bis heute andauert. Es gibt keinen Zweifel, dass die Einteilung
der menschlichen Geschichte in verschiedene Phasen zum Erreichen
der sozialistischen/anarchistischen Gesellschaft die soziale Revolution
schwer beschädigt hat. Wie Linke und Kommunist*innen während des
letzten Jahrhunderts und früher Klassenkämpfe und die Prinzipien des
Sozialismus ebenso beschädigt haben wie rechte Politiker*innen und
Parteien ist ein anderes Thema. Ich werde bald mehr darüber schreiben.

Quelle

http://www.ainfos.ca/en/ainfos31654.html(Englisch)


More information about the A-infos-de mailing list