(de) FdA-IFA - "Ist Konsens sexy?" - Ein Artikel von Tanya Serisier

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Sun May 31 11:37:00 CEST 2015


"Is Consent Sexy?" ---- Diese Frage stellt Tanya Serisier ihrem Artikel im Magazin 'bamn' 
der britischen Assoziation 'Plan C' voran. Wir präsentieren hier eine Übersetzung ins 
Deutsche (die englische Version findet ihr hier). ---- Die Geschichte, wie dieser Artikel 
nun auf diesen Blog kommt, ist folgende: Am Rande der Anarchafeministischen Konferenz im 
Oktober 2014 in London besuchten wir ein Treffen der großartigen Feminist Fightback, die 
sich im Common House treffen. Dort laufen übrigens viele sehr spannende Sachen. Im selben 
Haus ist der Londoner Teil von Plan C tätig, weshalb deren Broschüren dort auslagen. Ein 
Exemplar kam mit nach Dresden. ---- Im deutschen (Queer)Feminismus wird dem Kampf gegen 
sexualisierte Gewalt oft das Ideal der 'konsensuellen' Sexualität zur Seite gestellt. Wir 
haben sogar ein Transparent, auf dem 'Wir lieben Konsens' steht ? Anscheinend ist es im 
englischsprachigen Raum, von dem wir ja auch beeinflusst sind, ebenso Standard. Dagegen 
schreibt Serisier als Feministin an.

Schnell entstand der Wunsch, Debattenbeiträge wie diese (z.B. auch rund um safer spaces) 
zu 'importieren', um sich möglicherweise etwas weniger im Kreis zu drehen bzw. in der 
deutschen Suppe zu verirren ?

Da das Übersetzen von Texten aber eine aufwändige Sache ist und am ehesten liegen bleibt, 
wenn die Tagespolitik ruft (schaut euch mal Nachrichten über Dresden an), hat schon die 
Veröffentlichung dieser einen Textübersetzung ein halbes Jahr gedauert. Wenn ihr des 
Englischen (oder anderer Fremdsprachen) halbwegs mächtig und daran interessiert seid, die 
Sache in Zukunft zu beschleunigen, dann schreibt uns doch mal.

Zur Autorin: Dr. Tanya Serisier ist Dozentin für Kriminalwissenschaft an der University of 
NSW in Australien. Sie forscht vor allem zu kulturellen Konstruktionen von gutem Sex, 
schlechtem Sex und sexueller Gewalt sowie zur Art und Weise der Repräsentation von 
Feminismus und queer politics in der populären Kultur. Sie hat der Übersetzung und 
Veröffentlichung erfreut zugestimmt.

IST KONSENS SEXY? (TANYA SERISIER)

'Konsens ist sexy. Sex ohne Konsens ist Vergewaltigung.' (orig.:'Consent is sexy. Sex 
without consent is rape.'). Dieser Slogan stammt von einer Kampagne aus den USA, deren 
Zielgruppe Student_innen sind und die darauf abzielt, eine 'Konsens-Kultur' auf dem 
Uni-Campus zu fördern. Aber der Slogan könnte ebenso gut von jeder anderen Kampagne 
stammen, der es um eine Reduktion sexualisierter Gewalt oder um die Veränderung sexuellen 
Verhaltens geht. Die politische Logik dieser Kampagne ist in Ländern wie den USA oder UK 
so weit verbreitet, dass es sich tatsächlich um eine Form von 'common sense knowledge' (1) 
oder gar um eine hegemoniale Wahrheit handelt, die große Teile des gesamten politische 
Spektrums gemein haben. Diese Logik besagt vor allem, dass Vergewaltigung - definiert als 
sexuelle Aktivitäten, denen eine_r der Beteiligten nicht zugestimmt(2) hat - eine 
schreckliche Sache ist und nicht vorkommen sollte. Deshalb haben wir die Aufgabe, 
gesellschaftlich und kulturell Sex stark zu machen, der das Gegenteil dieses illegalen, 
schädlichen und unethischen Sexes ist.(3) Den gesetzlichen Definitionen von Nicht-Konsens 
folgend, wird Konsens das primäre Kriterium, um guten, ethischen und sogar 'sexy' Sex zu 
bewerten.

Die guten Intentionen der 'Konsens ist sexy'- und anderer ähnlicher Kampagnen können nicht 
geleugnet werden. Vierzig Jahre nachdem die zweiten Frauenbewegung erstmals auf 
Vergewaltigung als ein politisches Thema aufmerksam machte, ist erzwungener und 
ungewollter Sex in unseren Gesellschaften tragischer Weise und unentschuldbar üblich. Das 
Rechtssystem versagt systematisch gegenüber survivors (4) dieser Gewalt und soziales 
Stigma, silencing (5) und victim-blaming (6) sind immer noch weit verbreitet. Doch die 
zutreffendste Beschreibung der aktuellen sozialen Realitäten ist vielleicht, dass 
sexualisierte Gewalt im Abstrakten universell verdammt wird, während tatsächliche Vorfälle 
von erzwungenem oder ungewolltem Sex weiterhin entschuldigt, gerechtfertigt und 
normalisiert werden.

Zusammengenommen sollte der Mangel an Erfolg rechtlicher Reformen oder kulturellen 
Wandels, die Rate sexualisierter Gewalt zu senken oder das Stigma, das die survivors 
umgibt, zu verändern, jedoch dazu führen, dass die Art und Weise infragegestellt wird, mit 
der wir auf diese Gewalt reagieren. Insbesondere müssen wir uns fragen, ob 'Konsens' der 
einzige oder der beste Weg ist, um zwischen akzeptablen und inakzeptablen sexuellen 
Erfahrungen und Verhalten zu unterscheiden oder um eine neue und bessere sexuelle Kultur 
zu schaffen. Unter solchen Umständen ist es absurd, die Taktiken und Ideen, die uns bisher 
nicht geholfen haben, nicht zu hinterfragen. Wir müssen damit aufhören, unsere ganze 
Hoffnung an Konsens zu hängen, wenn dieser unseren Erwartungen nicht gerecht wird und - 
ich würde sagen - nicht gerecht werden kann. Die Argumentation dieses Artikels ist simpel. 
Das concept of consens (7) kann uns nicht helfen, Vergewaltigung oder ungewollten und 
unerwünschten Sex zu verhindern. Es hilft survivors sexualisierter Gewalt nicht, 
Gerechtigkeit zu erfahren oder das ihnen zugefügte Leid zu entschädigen und es stellt 
keine Basis für eine befreiende oder radikale Sexual-Politik. Der Grund dafür findet sich 
in der Geschichte des Konsens und darin, wie diese Geschichte die Begrenztheit seiner 
heutigen Anwendung mitgestaltet.

Rechtsgeschichte (8)

Konsens, wie er in Bezug auf Sex verwendet wird, ist ursprünglich ein Rechtskonzept des 
Vertrags-, Delikt- und Strafrechts. Es beinhaltet eine Einigung zwischen zwei 
Rechtssubjekten - autonomen, zustimmenden Individuen - in der eines dem anderen bewilligt, 
etwas zu tun, das für ersteres potentiell oder tatsächlich schädlich sein kann. Ein 
klassisches Beispiel ist Konsens zu einer medizinischen Behandlung mit potentiell oder 
tatsächlich negativen Begleiterscheinungen oder mit dem Risiko der Verletzung, Krankheit 
oder des Todes. Der Konsens der_des Patient_in verhindert - oder vermindert zumindest - 
die Strafbarkeit der_des Ärzt_in für jedes von der Behandlung verursachte Leid und wandelt 
die_den Patient_in von einem potentiellen Opfer in eine zustimmenden Partei. Die 
klassische Konsens-Theorie findet nur bei unangenehmen, schädlichen oder riskanten 
Handlungen Anwendung. Es ergibt keinen Sinn, etwas angenehmem oder vorteilhaftem 
zuzustimmen. Die Konsens-Theorie ignoriert auch explizit strukturelle Ursachen von Zwang 
oder Ungleichheit, die darauf hinweisen könnten, dass die individuelle Entscheidung 
zuzustimmen - oder eben nicht - ziemlich illusorisch ist.

Vor dem 19. Jahrhundert wurde diese rechtliche Idee des Konsens nicht auf Fälle von 
Vergewaltigung oder anderen Sexualstraftaten bezogen. Die Sexualität von Frauen*(9) wurde 
stark durch die Wirtschaft heterosexueller Ehe reguliert und die Körper der Frauen* wurden 
als Eigentum angesehen, das vom Vater an den Ehemann weitergegeben wurde. Die Straftat der 
Vergewaltigung war vor allem ein Vergehen gegen diese Eigentumsrechte und da Frauen* nicht 
als vollständig kompetente bürgerliche Subjekte gesehen wurden, war ihr Konsens - oder das 
Fehlen dessen - größtenteils bedeutungslos. Der Beweis der Vergewaltigung wurde fast 
ausschließlich am Nachweis männlicher Gewalt und weiblichen Widerstands oder Entmündigung 
abgelesen. Ansonsten wurden Frauen* oft für ihre eigene Ab-/Entwertung verantwortlich 
gemacht.(10)

im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert wurde Konsens als Reaktion auf die wachsende 
ökonomische und sexuelle Unabhängigkeit von Frauen* allmählich rechtlich relevant für 
sexuelle Beziehungen. Frauen* setzten ihre legal personhood (11) mehr und mehr durch. Am 
bekanntesten zeigte sich dies in der Suffragetten-Bewegungen; doch sie strebten auch 
danach, ihre sexuelle Unabhängigkeit in kulturellen Phänomenen wie den 'new 
women'-Bewegungen der 1920er Jahre durchzusetzen. Solche Bewegungen provozierten jedoch 
eine gesellschaftliche und rechtliche Gegenreaktion, die sich in der Ablehnung und der 
Disziplinierung unmoralischer und promiskuitiver Frauen* ausdrückte, die für 
'Prostitution' bestraft wurden, egal, ob ihre sexuellen Beziehungen ein kommerzielles 
Element enthielten oder nicht.

Sie drückte sich aber auch in einem Diskurs des 'Schutzes' von Frauen* aus, die als 
unfähig angesehen wurden ihre eigenen Interessen zu kennen oder als von moralischer 
Korruption besonders gefährdet. Die ersten Rechtssatzungen, die Konsens und Sex in den USA 
miteinander verbanden, wurden geschaffen, um den white slave trade (12) zu regulieren - 
ein düsteres System, von dem geglaubt wurde, dass es Frauen* erst über Staatsgrenzen 
hinweg und dann, weit weg von Familie und Freund_innen, in die Sexarbeit locke oder 
zwänge. Rhetorisch ist dies heutigen Diskussionen um Menschenhandel auffallend ähnlich; 
fehlender Konsens wurde als Beweis des rechtlichen Status der Frauen* als Opfer und ihres 
Bedarfs, gerettet zu werden, genutzt. Grundlegend bewirkte die Regelung, dass geleugnet 
wurde, Frauen* könnten einvernehmlich Sexarbeit nachgehen, indem argumentiert wurde, ihr 
Mitwirken könnte nur Resultat von Zwang oder Gehirnwäsche sein. Eine solche Auffassung von 
Konsens wurde dann ausgeweitet auf miscegenation (13) - oft wieder definiert als etwas, 
dem Frauen* unmöglich zustimmen könnten, so dass Men* of Color oft gesetzlich als 
Vergewaltiger definiert wurden, einfach nur, weil sie Sex mit weißen Frauen* hatten.

Als Frauen* eine höhere rechtliche Anerkennung als Personen erlangten und außerdem 
weiterhin ihre eigene sexuelle Autonomie einforderten und auslebten, wurde Konsens 
verstärkt Grundsatz in Gesetzen rund um Sex und sexualisierte Gewalt. Am anderen Ende des 
sexuellen Spektrums von Sexarbeit und cross-racial-Sex (14) stand Sex in sozial 
sanktionierten intraracial (15) Ehen. Während Frauen* bei früheren sexuellen Handlungen 
für zum Konsens unfähig gehalten wurden, wurden sie in Bezug auf Sex innerhalb der Ehe 
rechtlich als stets zu Konsens bereit definiert, unabhängig von ihren Begehren (16) oder 
Wünschen. Die Gerichte bezogen sich weiterhin auf die Warnung des Juristen Matthew Hale 
aus dem 17. Jahrhundert, dass 'Vergewaltigung eine einfach zu machende Anschuldigung ist, 
die schwer beweisbar und noch schwerer von den Beschuldigten verteidigbar ist - auch wenn 
nie ganz ohne Schuld'. In der Praxis wurde Frauen* unterstellt, sie würden zustimmen (auch 
wenn sie danach darüber lügen würden) und um Nicht-Konsens zu beweisen, bedurfte es 
weitreichender Beweise für Zwang und Widerstand sowie unterstützendes Beweismaterial. Die 
einzige Ausnahme davon war der Vorwurf der Vergewaltigung einer weißen 
Mittelschichts-Frau* gegen einen schwarzen oder armen Mann*. In diesem Fall wurde viel 
eher ihr fehlender Konsens angenommen. Wenn der Mann* reich und weiß war, war es höchst 
unwahrscheinlich, dass die Gerichte irgendeinen Beweis der Nicht-Konsens einer Frau* 
anerkannten, vor allem, wenn sie arm oder Woman* of Color war.

Damals weit entfernt vom Ideal des autonom zustimmenden Selbst, hatte die Geschichte des 
sexuellen Konsens weniger mit dem zu tun, was Frauen* wollen, als mit den sozialen Rollen, 
deren Erfüllung von ihnen erwartet wurde. Die feministische politische Theoretikerin 
Carole Pateman beschreibt die Geschichte der Frauen* in Bezug auf Konsens folgendermaßen:

Frauen* stehen beispielhaft für die Individuen, die Konsens-Theoretiker_innen als zu 
Konsens unfähig erklärt haben. Doch gleichzeitig wurden Frauen* als immer zustimmend 
dargestellt und ihr explizites Nicht-Konsens wurde als irrelevant behandelt oder als 
'Konsens' reinterpretiert.

Die Anwendung der Konsens-Theorie auf Sex verankerte einige gesellschaftliche Fakten rund 
um weibliche Sexualität. Sex selbst wurde definiert als etwas, das Männer* mit Frauen* tun 
und als etwas, das Frauen* bloß akzeptieren oder tolerieren. Das Akzeptieren oder 
Nicht-Akzeptieren sexueller Handlungen von Männern* wurde nicht über das Begehren der 
Frauen* definiert, sondern durch ihre relative gesellschaftliche Position und Macht. Die 
Wahlmöglichkeiten der Frauen* in Bezug auf Sex, sogar sehr eng definiert als die Wahl 
zwischen Konsens oder Nicht-Konsens, wurden beständig überschrieben von rechtlichen und 
gesellschaftlichen Definitionen angemessener und akzeptabler sexueller Verhaltensweisen. 
Anstatt Frauen* zu empowern, war die Anwendung von Konsens zu Sex primär ein Weg, die 
Sexualität von Frauen* zu regulieren und zu kontrollieren.

Rehabilitation des Konsens

In den späten 1960er Jahren begannen Feminist_innen der Zweiten Welle, dem Fakt 
entgegenzutreten, dass Vergewaltigung nicht nur epidemisch, sondern auch weitgehend sozial 
und rechtlich akzeptiert war. Anfänglicher feministischer Aktivismus zu diesem Thema fand 
im breiteren Kontext der feministischen Geltendmachung des Rechts der Frauen* auf 
körperliche Integrität und sexuelle Selbstbestimmung statt. Diese Kampagnen wollten die 
Annahmen infrage stellen, die hinter der Art und Weise der Anwendung der Konsens-Theorie 
auf Sex standen. Die Frage der Vergewaltigungs-Gesetzesreform war innerhalb des 
feministischen Anti-Vergewaltigungs-Aktivismus höchst umstritten - viele Frauen* nahmen 
an, dass das Gesetz nicht als Empowerment und nicht einmal als effektiver Schutz für 
Frauen* genutzt werden könnte. Allerdings wurde die Gesetzesreform aufgrund der Schwere 
und Dringlichkeit des Problems akzeptiert als auf kurze Sicht notwendig, auch wenn sie die 
Probleme des rechtlichen Paternalismus und der Regulation der Sexualität der Frauen* 
letztendlich nicht löste. Ebenso war der Slogan 'Nein heißt Nein' (18) eine direkte 
Antwort auf die Tatsache, dass die Wünsche der Frauen* bei der Definition und Bewertung 
von sexualisierter Gewalt beständig ausgelöscht und ignoriert wurden.

Als die breitere feministische Bewegung wegfiel, konzentrierte sich der feministische 
Beitrag zur Politik der Sexualität allerdings immer mehr auf die 
Vergewaltigungs-Gesetzesreform und auf das Recht, 'Nein' zu sagen. Das Ergebnis war, dass 
feministische Bewegungen letztendlich Konsens als das primäre Mittel zementierten, um 
guten von schlechtem Sex zu unterscheiden. Was vielleicht noch wichtiger ist: 
feministische Kampagnen für gesellschaftlichen und kulturellen Wandel exportierten den 
Gedanken des Konsens aus dem Gerichtssaal in ein breiteres soziales und politisches 
Milieu. Die Entscheidung, mit dem Modell des Konsens zu arbeiten, ist nachvollziehbar. 
Eine kulturelle, soziale und rechtliche Beachtung des 'Ja heißt Ja und Nein heißt Nein' 
ist unbestreitbar besser als das Versagen, die Stimmen oder Entscheidungen der Frauen* 
bezüglich Sex zu beachten. Dies hieß jedoch, dass feministische Politik sexualisierter 
Gewalt unfähig war, einige der größten Probleme im Konsens-Gefüge effektiv anzugehen - vor 
allem das Verständnis von Sex als etwas, das der männliche/aktive Partner 
begehrt/fordert/nimmt und als etwas, das die weibliche/passive Partnerin 
akzeptiert/toleriert bzw. dem sie zustimmt. Dieses Konsens-Modell bestärkt implizit 
heteronormative Ideen, dass Männer* nach Sex streben würden, während Frauen* sich dagegen 
verteidigen, was Frauen* eher in die Position der sexuellen 'Torhüterinnen' drängt als in 
die von aktiven und begehrenden Partnerinnen.(19)

Das feministische Ideal des 'Nein heißt Nein' reproduziert auch auf vielfache Weise die 
Blindheit liberaler Vertragstheorien (20) und der fiktiven liberalen Individuen dahinter; 
Individuen, die genau wissen, was sie wollen und die genau sagen, was sie meinen. In der 
Realität ist das nicht, wie zwischenmenschliche Interaktionen funktionieren oder wie 
Menschen, und gerade Frauen*, sich ausdrücken. Zum Beispiel würde sich in vielen 
anglophonen Kulturen eine Person, die um einen Gefallen gebeten wird, den sie nicht 
erfüllen möchte, eher eine Entschuldigung ausdenken und es vermeiden, die Frage zu 
beantworten oder widerwillig zustimmen, als dass sie ein direktes 'Nein' aussprechen 
würde. Solche Tendenzen werden in Bezug auf Sex nur weiter vergrößert - also in Bezug auf 
ein Thema, das intim, heikel und für viele Menschen sogar unangenehm ist, so dass weitere 
Faktoren ins Spiel kommen: Geschlechterverhältnisse (21), der Wunsch, die Gefühle einer 
anderen Person nicht zu verletzen und der Wunsch, nicht prüde zu wirken, um nur ein paar 
zu nennen. Das 'Nein heißt Nein'-Modell des Konsens drückt Frauen* auf viele Weisen einen 
unrealistischen Konversations- und Interaktions-Standard auf.

In den letzten Jahren gab es Versuche, einige dieser Probleme zu beseitigen, sowohl 
rechtlich als auch gesellschaftlich. Gerichte in vielen Rechtssystemen mit Common Law 
(22), einschließlich UK, verlangen nun von Angeklagten, dass sie entweder das 
Vorhandensein von Konsens oder ein angemessenes Verständnis dessen nachweisen. 
Gesellschaftlich ist das Modell eines 'enthusiastischen' oder 'bejahenden Konsens' in 
Kampagnen wie 'Konsens ist sexy' immer populärer geworden. Dieses Modell ersetzt das 
klassische negative Verständnis von sexuellem Konsens, 'Nein heißt Nein', durch das 
Bestehen darauf, dass wirklicher Konsens ein aktives 'Ja' erfordert. Im Wesentlichen 
fordert dieses Modell - vorgebracht als eine Form ethischer Sexualität - alle 
Teilnehmer_innen auf, vor jeglichen sexuellen Aktivitäten durch Fragen wie: 'Kann ich dich 
küssen?' nach einem 'Ja' zu fragen. Das Modell ist vor allem dazu gedacht, das Problem des 
angenommenen Konsens anzugehen, also dass ein fehlendes 'Nein' als Konsens zur sexueller 
Aktivität interpretiert werden kann. Vertreter_innen des Modells behaupten auch, dass es 
Frauen* erlauben würde, Begehren auszudrücken und zur Geltung zu bringen, anstatt sie als 
sexuelle 'Torwächterinnen' zu positionieren, die dafür verantwortlich sind, Sex zu beenden 
oder zu verhindern. Letztendlich wird behauptet, es wäre ein Weg, Konsens 'sexy' zu 
machen, indem Sprache in die Erotik des Sex einbezogen würde, also z.B. indem eine_r 
ihre_seine Lust bestätigt oder sagt, was sie_er will.

Allerdings verbleibt der 'enthusiastische Konsens' dabei, Konsens als gegeben 
vorauszusetzen. Dieser kratzt lediglich an der Oberfläche herum, anstatt einige seiner 
fundamentalen Problemen anzusprechen. Das erste Problem ist, dass er weiterhin den 
liberalen Irrtum von der Freiheit der Vertragsbeziehungen reproduziert. Er geht davon aus, 
dass ein verbaler Vertrag zwischen Sexualpartner_innen einen Tausch garantiert, ohne 
Geschlechterverhältnisse oder zwischenmenschlichen Dynamiken zu berücksichtigen.

Befürworter_innen des 'enthusiastischen Konsens' würden vermutlich argumentieren, dass ein 
solches 'Ja', wenn es aus irgendeinem Grund mit Widerwille oder Unsicherheit gegeben wird, 
kein 'wirklicher' Konsens ist. Realität ist, dass ein zögerndes 'Ja' näher an der 
ursprünglichen und breit akzeptierten Bedeutung von Konsens ist - zustimmen zu einem 
unschönen oder riskanten Akt - als der Gedanke eines enthusiastischen Konsens. Ein 
widerwilliges 'Ja' ist weder Enthusiasmus noch Begehren. In Wirklichkeit sind Begeisterung 
und Begehren sehr verschieden von der Idee des Konsens. Das andere Problem ist hierbei, 
dass er zeigt, wie sich dieses Modell im Kreis dreht. Wenn du jemanden fragst, ob sie_er 
etwas tun will und sie_er sagt 'Ja', kannst du wenig tun, außer ihr_ihm zu glauben. Es 
kann Hinweise geben. Das 'Ja' kann in Stimmgebung oder Körpersprache wenig begeistert sein 
aber auch das kann ziemlich oft mehrdeutig oder unklar sein. Der Punkt ist, dass die 
Machtverhältnisse oder Vorbedingungen, die 'Konsens' formen, die gesamte Interaktion 
strukturieren. Es kann sein, dass diese Machtverhältnisse keineswegs vermieden, sondern 
verdeckt und ermöglicht werden, wenn einfach nur eine Unterhaltung geführt wird, die 'Ja'- 
und 'Nein'-Fragen einbezieht.

Auch stellt dieses Modell des 'Ja' oder 'Nein'-Konsens die heteronormative Annahme eines 
aktiven Partners, der nach Sex von einer torhütenden oder widerwilligen Partnerin strebt 
(23), nicht in Frage. Andere Fragen wie 'Was willst du, das ich tue?' zu stellen, 
verändert diese Dynamik, aber streng genommen bewegt sich das außerhalb des 
Konsens-Rahmens. Eine solche Frage nimmt an, dass Konsens bereits besteht und beginnt, den 
Bereich des Begehrens zu betreten. Auch wenn das ein positiver Schritt ist, verbleibt es 
als Konsens-Garant in der Logik des verbalen Vertrags: mit der Idee, dass das Stellen und 
Beantworten direkter Fragen nicht nur den Zwang aus Sex entfernt, sondern dass es die 
einzige oder beste Art ist, ethischen Sex zu haben.

Das begeisterte oder positive Konsens-Modell riskiert, eine neue Form der Normativität 
über Sex zu verhängen. Während 'Nein heißt Nein' schlechten Sex beenden wollte, ließ es 
die Möglichkeit offen, wie guter Sex vielleicht aussehen könnte. Das enthusiastische 
Konsens-Modell schlägt andererseits vor, dass ein verbales Vertragsmodell der beste - oder 
gar einzige - Weg ist, guten Sex zu haben, was implizit andere Formen sexueller Praxis 
oder sexueller Kommunikation abwertet. Es geht hier nicht darum, dass Konsens oder nach 
Konsens zu fragen niemals sexy sein kann; S/M-Praxen, die mit Konsens spielen, zeigen, 
dass das definitiv nicht wahr ist. Aber Konsens ist weder an sich oder automatisch sexy, 
noch ist er ein automatischer Garant guter Sexualethik oder risikofreier sexueller 
Interaktionen. Die Behauptung, dass diese Art von Konsens das Modell von sowohl ethischem 
als auch von sexy Sex sei, nimmt an, es sei etwas falsch mit denjenigen Menschen, die sich 
nicht derart verhalten. Dadurch preist sie die Idee des vertraglichen Geschlechtsverkehrs 
und der_s liberalen Handelnden als guten Sex an. Sie beharrt darauf, Sex wäre gut, wenn 
wir alle einfach diese Art autonomer Akteur_innen werden könnten, die wissen, was sie 
wollen und sagen, was sie meinen. Schlimmstenfalls riskiert dieses Modell, Menschen, die 
es nicht schaffen diesem Ideal gerecht zu werden, als inkompetente sexuelle Akteur_innen 
hinzustellen oder sie teilweise für ihr eigenes Opferwerden zu beschuldigen.

Eine zweite und heimtückischere Konsequenz ist, dass es das vertragliche Modell als das 
beste, oder einzige, Modell für ethische Versprechen zwischen Menschen normalisiert - ein 
Modell, das sowohl gegenüber struktureller Unterdrückung und Ungleichheit als auch 
gegenüber der Unordnung und Irrationalität vieler menschlicher Interaktionen blind ist. Es 
basiert auch auf einem unrealistischen und begrenzten Modell menschlicher Interaktionen. 
Im Gegensatz zur liberalen Vertragstheorie sind unsere Wünsche und Begierden nicht immer 
simpel, geradlinig oder eindeutig und wir wissen nicht immer, wo sie vielleicht hinführen. 
Dies verdeutlicht sich an vielen typischen sexuellen Situationen, wie z.B. daran, Sex zu 
beginnen, wenn du dir nicht sicher bist, ob du willst, aber es vielleicht genießen 
würdest, oder daran, nervös zu sein, wenn erstmalig eine möglicherweise schmerzhafte oder 
unangenehme sexuelle Handlung ausgeführt wird. All diese Situationen beinhalten Risiken 
und potentielles Unwohlsein. Allermindestens bedeuten sie, sich auf Handlungen mit 
unklarem Ausgang einzulassen. Somit unterscheiden sie sich nicht so sehr von sexuellen 
Begegnungen überhaupt. Sex beinhaltet, wie alle menschlichen Interaktionen, ein Paradox 
von Intimität und Distanz. Alle sexuellen Interaktionen schließen physische und viele auch 
emotionale und geistige Intimität mit ein. Dies führt zu einer Verletzlichkeit, welche 
durch die Tatsache verschärft wird, dass wir andere Menschen nie völlig kennen können. Wir 
können nie vollkommen sicher sein, was sie denken, fühlen oder was sie tun werden. Es gibt 
unzählige Weisen, wie du von einer anderen Person verletzt werden kannst, vor allem von 
einer, mit der du intim bist; genauso wie es unzählige Weisen gibt, wie dir diese Person 
Freude bereiten kann. Beides kann dich überrumpeln. Wenn es um Sex geht, sind unsere 
Gefühle des Genusses und des Schmerzes besonders stark ausgeprägt, besonders intim; und 
wir erkennen dies sowohl durch den speziellen Stellenwert an, den sexuelle Intimität in 
unseren sozialen Beziehungen hat, als auch in unserer besonderen Verurteilung 
sexualisierter Gewalt. Enthusiastische Konsens-Modelle sind blind gegenüber dem Risiko, 
das jedem Sex innewohnt, einschließlich komplett und enthusiastisch konsensuellen Sexes. 
Mündliche Verträge können diese Gefahr nicht beseitigen und es ist irreführend zu 
versuchen, ein Modell von 'gutem' Sex als dem einzigen Sex anzuordnen, der einem 
rationalen vertraglichen Standard entspricht oder der ausschließlich begeisterte und 
eindeutige Begierden beinhaltet. Die dem Sex innewohnende Risikohaftigkeit ist etwas, 
womit sich jede Sexualethik auseinandersetzen muss.

Alternativen

Ein Großteil der Anziehungskraft des Konsens-Modells hat, denke ich, mit dem Fehlen von 
Alternativen oder mit einer Angst davor zu tun, was die Alternative sein könnte. Wir haben 
Konsens inzwischen weitgehend nicht nur als das beste Modell von/für Sexualpolitik 
akzeptiert, sondern auch als das beste, das wir uns erhoffen können - zumindest in unserer 
derzeitigen Gesellschaft. Solche Behauptungen basieren in Teilen auf dem tatsächlichen 
Risiko, dass Konsens anzufechten heißt, dass eines der wenigen existierenden Mittel zur 
Anfechtung erzwungenen sexuellen Verhaltens angefochten wird.

Allerdings kann die Angst davor, sich über Konsens hinauszubewegen, bewirken, dass wir die 
Gefahren ausblenden, die das Daran-Festhalten mit sich bringt. Das Konsens-Modell konnte, 
rechtlich und gesellschaftlich, keine Verringerung der Fälle von ungewolltem Sex und keine 
Verbesserung der Erfahrungen einzelner Opfer und survivors bewirken. Der gesetzliche und 
vertragliche Aspekt des Konsens bedeutet, dass Konsens weiterhin im Nachhinein und 
unabhängig von den Aussagen der survivors in Geschlechtsverkehr hineingelesen wird. 
Konsens tut nicht, was wir wollen, dass er tut und kann dies nicht tun; und dies zu 
leugnen bringt uns kein Stück näher an die Veränderung dominanter Sexual-Kultur(en) und 
-Politik.

Konsens bietet uns kein politisches Instrument, um Sexualpolitik(en) entgegenzutreten, 
sondern die Fantasie, es gäbe eine einzelne, regulatorische oder regelbasierte Lösung für 
die Unordnung von Sex und für sein Potential von Leid und Verletzung. Aber das komplexe 
Gewebe aus Intimität, Verwundbarkeit, Begehren, Freude und Schmerz, das Sex konstituiert 
und welches das Potential wirklichen Leids sowie die Möglichkeit, dass wir andere Menschen 
verletzen könnten, in sich trägt, kann weder mit dem Wort 'Ja' noch dem Wort 'Nein' 
gezähmt werden.

Des Problem sexualisierter Gewalt ist politisch. Es ist tief verstrickt in Geschichten 
vergeschlechtlichter Machtverhältnisse, Heteronormativität und der Regulation sexuellen 
Verhaltens. Jede Lösung ist daher politisch. Die Wahl liegt nicht zwischen Konsens oder 
Nichts, oder Konsens oder Gefahr, sondern zwischen den fälschlich einfachen Lösungen des 
Liberalismus und einem radikalen politischen Projekt, das dazu bereit ist, sich mit den 
Grundproblemen sexualisierter Gewalt in unseren Gesellschaften auseinanderzusetzen. Diese 
Probleme schließen, neben anderen Dingen, ein: die ungleiche Machtverteilung zwischen 
Männern* und Frauen* in fast allen Lebensbereichen, die zwangvollen Geschlechternormen der 
dominanten Heterosexualitätsbilder und die fortlaufende Dichotomie 'politisch/privat', die 
Sex als etwas irgendwie vom Rest unseres Lebens Getrenntes betrachtet. Eine solche 
politische Lösung sollte nicht nur die falschen Lösungen der Konsenstheorie zurückweisen, 
sondern auch die Mangelhaftigkeit ihrer Versprechen. Wir sollten die Vorstellung, 
konsensueller Sex sei alles, was wir erreichen können, vehement abweisen. Der Sex, für den 
wir kämpfen, sollte gewollt, begehrt und erfreulich sein, nicht bloß konsensuell - und es 
ist diese Möglichkeit, die uns das Zurückweisen des Konsens zu betrachten erlaubt.

Fußnoten

(1) So was wie 'Alltagswissen', wörtlich übersetzt wäre es vielleicht 'Wissen des <>' - 
das ja nicht immer richtig liegt.
(2) Serisier verwendet stets consent als Substantiv, was wir mit 'Konsens' übersetzten, 
und to consent als Verb, wofür es im Deutschen keine direkte Übersetzung gibt, weswegen 
wir auf 'zustimmen' auswichen. Spannend fänden wir hier eigentlich noch eine Diskussion 
darüber, ob Konsens und Zustimmung im Deutschen das Gleiche meinen.
(3) Serisier forscht unter anderem zu kulturellen Konstruktionen von gutem und schlechtem Sex.
(4) wörtl. 'Überlebende', bezieht sich auf Opfer sexualisierter Gewalt - wir werden das 
englische survivors unübersetzt lassen, da es inzwischen auch oft in deutschen Diskursen 
anstelle von 'Betroffene' verwendet wird.
(5) Ruhigstellung/-machung
(6) Schuldzuweisungen an die Opfer
(7) wörtl. Konsenskonzept
(8) Dieser Abschnitt bezieht sich übrigens auf die Rechtsgeschichte und -systeme UKs und 
der USA, in Deutschland ist es anders
(9) Hier zeigt sich ein besonders großer Unterschied zwischen deutschem und 
britischem/nordamerikanischen Recht, da dieses, so wie sie es hier beschreibt, im 
deutschen gar nicht ganz so historisch ist. Konsens ist im deutschen Recht nicht 
aufgenommen, in UK seit 2003, in den USA unterscheiden sich die einzelnen Staaten, es gibt 
aber zumindestens in Statistiken des Uniform Crime Report der FBI bezieht die Definition 
von Vergewaltigung Konsens seit 2012 ein.
(10) Obwohl wir Geschlechterkategorien als Konstruktion erkennen, ist die 
Zweigeschlechtlichkeit mitsamt ihren 'natürlichen' Zuschreibungen eine gesellschaftliche 
Realität, mit der wir immer wieder konfrontiert sind. Aus diesem Grund verwenden wir in 
der Übersetzung zwar die Bezeichnung 'Frauen', markieren diese aber mit einem Stern (auch 
wenn dies im Englischen nicht gemacht wird).
(11) wörtl. 'rechtliche Persönlichkeit', umfasst natürliche und juristische Personen, 
siehe Wikipedia
(12) sog. 'weißer Sklav_innenhandel'
(13) sog. 'Rassenmischung'
(14) + (15) cross-racial meint 'über sog. "Rassen" hinweg', intraracial 'innerhalb einer 
sog. "Rasse"'
zu (12), (13), (14) und (15) Wir haben hier die englischen Begriffe stehengelassen, da 
'Rasse' im Deutschen einfach deutlicher biologistische und faschistische Konnotationen 
hat. Außerdem gibt es eben auch keine Übersetzung für die englischen Wörter.
(16) desire wurde übrigens i.d.R. mit Begehren übersetzt, könnte aber auch Verlangen, 
Wunsch, Lust oder Sehnsucht sein und hat dann noch andere Beiklänge...
(17) engl. no means no
(18) In Deutschland ist die Situation hier wieder anders. Die englischen Diskussionen 
wurden hier einfach übernommen, wohingegen sie in UK und USA auch aus rechtlichen 
Veränderungen rührten.
(19) siehe Wikipedia (wahrscheinlich)
(20) engl. gendered power relations, also wörtliche eigentlich 'vergeschlechtlichte 
Herrschafts-/Machtverhältnisse
(21) Vorherrschender Rechtsordnung vieler englischsprachiger Länder, beruht auf Gesetze 
und Präzedenzfälle, siehe Wikipedia
(22) Das englische partner schreibt der bezeichneten Person ja eigentlich kein Geschlecht 
zu, in der deutschen Übersetzung haben wir trotzdem 'Partner' bzw. 'Partnerin' gewählt, da 
es ja gerade um eine Annahme geht, die auf Geschlechterbinarität und Heteronormativität 
beruht.

http://fda-ifa.org/ist-konsens-sexy-ein-artikel-von-tanya-serisier/


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