(de) FDA-IFA, Gai Dao #52 - An der Befreiung arbeiten Die Anarchistische Bewegung vorantreiben Vo: Anarchistische Föderation Rhein-Ruhr, Anarchistische Gruppe Nordstadt (Dortmund), Schwarze Ruhr-Uni

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Tue May 26 15:58:14 CEST 2015


Anmerkungen der Redaktion: Nachdem wir in der letzten Ausgabe (Gaidao Nr. 51) eine 
Vorankündigung und erste Überlegungen zum 1. ---- Mai in Dortmund abgedruckt haben, folgt 
hier der offizielle Aufrufzum 1. Mai in Dortmund. ---- Von vielen vergessen liegen die 
Ursprünge des 1. Mai in der US-amerikanischen Arbeiterbewegung der 1880er Jahre,die 
entscheidend von anarchistischen Idealen und Forderungen geprägt war. ---- Als Höhepunkt 
einer Streikwelle sollte am 01.05.1886 mit einem Generalstreik der Forderung nach dem 
8-Stunden Tag Nachdruck verliehen werden. Allein in Chicago folgten 40.000 Arbeiter*innen 
diesem Aufruf und auch in den folgenden Tagen gingen Tausende auf die Straße, trotzten 
Streikbrecher*innen, privaten Söldnertruppen der Unternehmer und der Polizei, die am 
03.05. vier Arbeiter erschoss. Eine erneute Versammlung am 04.05. auf dem Haymarket 
versuchte die Polizei (auch mit Schusswaffen) gewaltsam aufzulösen.

In diesem Gemenge explodierte eine
Bombe. Die Polizei fing an wild zu schießen und mindestens vier
Arbeiter*innen und sieben Polizisten wurden dabei getötet. Wer die
Bombe geworfen hatte ist bis heute unklar. Allerdings diente dieser
Vorfall als Vorwand hunderte von Arbeiter*innen zu verhaften.
Darunter waren auch einige bekannte Anarchist*innen. Trotz
gegenteiliger Beweise wurden 7 bekannte Anarchisten in einem
Schauprozess zum Tode verurteilt, 4 Mal wurde dieses Urteil (bei einem
Selbstmord vorher) vollstreckt. Die anderen Angeklagten wurden zu
Haftstrafen verurteilt und nach 7 Jahren, ebenso wie die Hingerichteten
vom neuen Gouverneur für unschuldig und zu "Opfern eines
Justizmordes" erklärt.

Während der 2. Internationale (bei der es zum Ausschluss der
Anarchist*innen kam) wurde 1891 der 1. Mai als jährlicher
"Arbeiterkampftag" ausgerufen und seit 1904 insbesondere von den
großen sozialdemokratischen Parteien und Gewerkschaften für
Demonstrationen genutzt. Während
der Zeit der Nazi-Diktatur wurde der
Tag propagandistisch als "Tag der
Nationalen Arbeit" vom Staat als
Feiertag organisiert. Auch in der DDR
gehörten die Mai-Paraden zur
Staatsräson und in der BRD blieb der
Feiertag mit leicht veränderten
Namen als "Tag der Arbeit" bestehen.
Passend, da die Lohnarbeit auch hier
als wichtigstes, Lebensinhalt
spendendes Element gesehen werden
soll.

Seit dem Ende des Ost/West-Konflikts
erleben wir einen sich immer weiter verschärfenden Kapitalismus. Wer
arm ist oder keiner Lohnarbeit nachgeht gilt als faul und wird als
Belastung der Gesamtgesellschaft gesehen. Weit verbreitet ist die
Ansicht, Armut sei nur die Folge von Eigenverschuldung. Es gibt immer
weniger Jobs und die, die es noch gibt sind oft entfremdet und
sinnentleert.

Heute finden die Demos und Kundgebungen zum 1. Mai größtenteils
unter der Schirmherrschaft des DGB statt. Dabei ist kein Platz für eine
grundsätzliche Kritik an diesem Gesellschaftssystem. Es gibt lediglich
Forderungen nach mehr Lohn oder nach geringer Reduzierung von
Arbeitsstunden. Über eine vom DGB unterstützte Betriebsbesetzung bei
Massenentlassungen, wie sie in der Vergangenheit selten vorgekommen
sind, würden wir uns schon sehr wundern. Selbst solche Forderungen
und Aktionen dienen nur dazu den Frust, Zorn und Unmut der
Arbeiter*Innen zu kanalisieren und diese zu befrieden. Obwohl sich die
weichgespülten, reformistischen und am Ende staatstreuen
Gewerkschaften bei den 1. Mai-Kundgebungen kämpferisch geben,
werden in den Betrieben keine grundlegende Verbesserungen der
Lebens- und Arbeitsbedingungen erkämpft. An dem Widerspruch
zwischen Arbeit und Kapital wird nicht gerüttelt.

Während jeder "Krise" wird nach mehr Arbeitsstellen verlangt und es
werden alte Zeiten beschworen, in denen jede*r noch Arbeit hatte und
es keine Arbeitslosigkeit gegeben hat. Es wird aber nicht an der
grundlegenden Idee von Lohnarbeit und ihrer Funktion als
Herrschaftsinstrument gerüttelt. Die heutige Wirtschaft wird durch
Förderprogramme wie "Leitzinssenkung" und "Staatsinvestitionen"
künstlich vermehrt. Die Schattenseiten werden dabei oft verdrängt oder
als notwendiges Übel hingenommen. Dabei ist die heutige Gesellschaft
geprägt vom Leistungszwang, wodurch die Menschen in ständiger
Konkurrenz zueinander stehen. Es muss immer mehr für immer
weniger Geld gearbeitet werden. Daran ändert auch ein lächerlicher
Mindestlohn von 8,50 EUR nichts. Die Rechte der Arbeiter*innen werden
immer weiter in Frage gestellt oder gleich beschnitten. Wenn nicht
direkt durch Lohnkürzungen und unbezahlte Überstunden dann durch
die Hintertür über Zeitarbeits- oder Werkverträge, durch die
Verschiebung in schlechter bezahlte Branchen (siehe Amazon), durch
Auffanggesellschaften, unbezahlte Praktika usw. Die Freizeit dient
einzig und allein dazu sich wieder für die Arbeit zu regenerieren und es
bleibt kaum Zeit sich einer Beschäftigung zu widmen, die keine
kommerziell gewinnbringenden Ziele verfolgt. Selbst Dinge wie
Bildung, Kunst, Kultur, Hobbys oder Freundschaften sollen auf jeden
Fall konsumierbar und somit für den Kapitalismus von Nutzen sein. Wir
sollen arbeiten um zu konsumieren. Sie zwingen uns in einen Kreislauf
aus Arbeit und Konsum. Ein selbstbestimmtes Leben ist im
Kapitalismus nicht möglich.

Arbeit ist zu einem Ideal geworden, unter dem sich alles unterordnen
muss. Es werden Betreuungsstellen und -programme für Kleinkinder
geschaffen, um Eltern weiterhin das Arbeiten zu "ermöglichen". Unsere
persönliche Verwirklichung und unsere gesamte Lebensplanung wird
der Arbeit untergeordnet. Auch unsere "persönlichen" Beziehungen
werden immer mehr zum Gegenstand für Werbung und Konsum. Selbst
Ruhe lässt sich im Erreichbarkeitszwang der multimedialen Gesellschaft
oft nicht wirklich finden, da zum Beispiel die meisten Unternehmen die
multimedialen Möglichkeiten dazu nutzen, um die Arbeitsverdichtung
weiter voranzutreiben. Zur ständigen Flexibilität kommt jetzt noch der
ständige Erreichbarkeitszwang. Nicht zuletzt kommt es zu immer mehr
Krankheiten infolge der Arbeit und des damit verbundenen
Leistungszwangs. Sei es körperlich, wie unter anderem Rückenschäden
oder psychische Krankheiten, Burn-out oder Depressionen. Doch eine
radikale Änderung dieses Systems der Ausbeutung wird nicht in
Erwägung gezogen. Es wird an alten Legenden, wie der
"Vollbeschäftigung" oder der "sozialen Marktwirtschaft" festgehalten
und sich mit kleinen Entschädigungen zufrieden gegeben. Ziele von
Arbeitskämpfen werden von oben vorgegeben und die Arbeiter*innen
haben nach den Plänen der Funktionär*innen zu agieren. Von solchen
Arbeitskämpfen können wir keine tiefgreifenden Veränderungen
erwarten.

Lasst uns gemeinsam das Leben in die Hand nehmen, uns organisieren
und eigenständig handeln. Nur wir selbst wissen, was für uns wichtig
und notwendig ist. Wir dürfen die Verantwortung in allen Bereichen
unseres Lebens nicht abgeben und können uns nicht in den
hierarchischen Systemen ausruhen. Wir müssen uns selbstbestimmt
organisieren, das Bestehende kritisch hinterfragen und durch direkte
Aktionen Veränderungen herbeiführen, um ein Leben in Freiheit zu
führen.

Denn Freiheit ist in einem kapitalistischen System nicht möglich.
Darum kämpfen wir für eine Gesellschaft frei von Kapitalismus und
Staat mit den damit verbundenen Repressionsorganen. Wir müssen
nicht regiert werden! Die nationale Ab- und Ausgrenzung kotzt uns an
und verhindert nur ein solidarisches und friedliches Miteinander aller
Menschen.

Wir kennen die Realität der heutigen Arbeitswelt aus den
verschiedensten Perspektiven, ob als gewählte oder unfreiwillige
Erwerbslose, Student*innen oder "normal" Beschäftigte. Daher erleben
wir auch tagtäglich die Repression des Systems gegen all jene, die sich
nicht genügend anpassen wollen bzw. "leisten" können.

In Dortmund wurde der 1. Mai in den letzten Jahren neben der
Gewerkschaftsfolklore von den lokalen Neo-Nazis in Beschlag
genommen. Blockaden und andere Aktionen, die sich gegen Nazis
richten, sind wichtig und müssen auch in Zukunft laufen. Doch wir
dürfen uns nicht auf das "Reagieren" auf ihre Aktionen beschränken.
Wir müssen agieren und unsere Handlungs- und Initiativspielräume
erweitern. Wir müssen uns die Straße (nicht nur) am 1. Mai
zurückholen und unsere Inhalte und Aktionen auf die Straße tragen.

Wir wollen an diesem Tag keine Forderungen an Parteien,
Gewerkschaften, Konzerne/Firmen oder andere Autoritäten stellen,
sondern wollen alle ermutigen selbst zu handeln! Der 1. Mai ist kein Tag
für Forderungen! Es ist ein Tag für selbstbestimmtes und
selbstbewusstes Handeln. Der 1. Mai ist ein Kampftag gegen den
Arbeitswahn und gegen den Kapitalismus. Es geht um die Befreiung
aller Menschen aus der Abhängigkeit der Lohnsklaverei. An diesem Tag
geht es darum, unsere Vorstellung einer herrschaftsfreien Gesellschaft
zu propagieren und unmissverständlich und kompromisslos zu zeigen,
dass es viele Menschen gibt, die sich nicht verblenden und befrieden
lassen.

Wir wollen den Prozess zu einer befreiten Gesellschaft vorantreiben in
dem wir unsere Ideen verbreiten, uns weiterbilden, in eigenen
Strukturen versuchen die verheerendsten Auswirkungen von Staat und
Kapital abzufedern, uns mit politischen Aktionen in Debatten
einschalten und gegen das einstehen, was uns nicht passt. Wir wollen
gemeinsam lernen durch freiwillige Vereinbarungen miteinander zu
leben.

In den letzten Jahren gab es ein Erstarken des antiautoritären
Widerstand und der anarchistischen Bewegung im Ruhrgebiet. Daraus
sind bereits einige freiheitliche Strukturen entstanden. Dies motiviert
uns und wir sind fest entschlossen diesen Organisierungsprozess weiter
voranzutreiben. Deshalb ist es uns wichtig an diesem historischen Tag
auch für die anarchistische Bewegung kreativ und laut auf die Straße zu
gehen.

Sollten die Neo-Nazis auch dieses Jahr wieder in Dortmund
marschieren wollen, rufen wir auf dieses nicht ungestört geschehen zu
lassen und anschließend mit uns auf die Straße zu gehen. Brechen wir
(nicht nur an diesem Tag) aus, aus einer gesellschaftlichen Normalität
des stillen Wegschauens bei Armut, Vertreibung, Ausbeutung und
Unterdrückung sowie Vortäuschung einer heilen und alternativlosen
Welt.

Wir wollen am 1. Mai mit allen freiheitsliebenden Menschen für unsere
Ziele demonstrieren.

Deshalb rufen wir unter dem Motto "An der Befreiung arbeiten! Die
Anarchistische Bewegung vorantreiben!" zur 1. Mai-Demonstration am
Platz vor der Kirche in der Münsterstraße in Dortmund um 18Uhr auf.

FÜR EIN LEBEN OHNE ARBEITSZWANG UND JOBCENTER !
AN DER BEFREIUNG ARBEITEN!
DIE ANARCHISTISCHE BEWEGUNG VORANTREIBEN!


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