(de) FDA-IFA, Gai Dao #52 - Gespensterjagd - Zur Ideengeschichte des Antikommunismus Von: Gruppen gegen Kapital und Nation

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Mon May 25 11:24:18 CEST 2015


"Ein Gespenst geht um in Europa - das Gespenst des Kommunismus. ---- Alle Mächte des alten 
Europa haben sich zu einer heiligen Hetzjagd gegen diese Gespenst verbündet", schrieben 
Marx und Engels im Kommunistischen Manifest - und das ist im Gegensatz zu anderen 
Behauptungen in dieser Schrift eine ziemlich wahre Aussage. Hass auf und Furcht vor 
radikaler Veränderung der bürgerlichen Gesellschaft sind so alt, wie ihre revolutionäre 
Durchsetzung selbst. ---- Spätestens mit der Französischen Revolution, die nicht in 
religiöser Verkleidung agierte, wie die niederländische und englische Revolution, und die 
in ihrer theoretischen Begründung wesentlich radikaler war, als etwa die amerikanische, 
entstand die Furcht vor dem "roten Terror" (übrigens bevor "La Grande Terreur" 1793 
wirklich losging). Im Folgenden geht es um eine Rekonstruktion von Bildern und 
Vorstellungen und um eine Darstellung der Veränderung des Antikommunismus.

Antikommunismus heißt hier erstmal die Ablehnung und Feindschaft
gegenüber der grundlegenden Veränderung der modernen Welt - sei es
durch Aufhebung von Herrschaft oder durch Veränderung der
Herrschaftszwecke. Dass diese Ablehnung keine wissenschaftliche
Kritik ist, sondern Ressentiment, das sich permanent Widersprüche und
Doppelstandards leistet, wollen wir im Folgenden zeigen.

Dass Antikommunist*innen gegenüber linken Bewegungen oder
Theorien feindlich eingestellt waren, heißt aber nicht unbedingt, dass
diese Bewegungen tatsächlich auf Kommunismus abzielten oder
hinausgelaufen wären. Bewegungen mit solch grundlegenden
Forderungen hat es nur wenige gegeben - denn jene Bewegungen,
denen eine solche Absicht unterstellt wurde, teilten viele Ressentiments
ihrer Gegner: Die Kritik an, sagen wir mal, der UdSSR oder der
deutschen Sozialdemokratie, sie seien antinational, kosmopolitisch,
wollten Familie und Moral zugunsten der freien Liebe zerstören und
eine Gesellschaft mit möglichst wenig Arbeit einführen, wurden von
den Protagonisten der Arbeiter*innenbewegung mit Empörung
zurückgewiesen.

Der Antikommunismus verrät uns also viel über die
Antikommunist*innen, aber wenig über die wirklichen sozialistischen,
sozialdemokratischen, linkssozialistischen, kommunistischen,
anarchistischen usw. Bewegungen, Parteien und Organisationen, gegen
die er sich richtete. Antikommunismus ist fester Bestandteil des
nationalen Bewusstseins und Immunisierungsstrategie gegen die Kritik
an der bestehenden Gesellschaft. Er wird hin und wieder zum
beherrschenden Thema in der nationalen Öffentlichkeit (1) und ist als
Abwehr radikaler Kritik immer unterstellt. "Der Mensch ist nicht so",
mag der immer gleiche Leitsatz sein, mit dem jedwede Kritik
zurückgewiesen wird. Das Folgende soll eine Skizze des geschichtlichen
Wandels dieses Gedankens sein.

Wandel der Kommunismus-Bilder

Die qualitativen Sprünge dieses Bildes ergeben sich zumeist aus
Veränderungen der politischen Situation. Dennoch sind diese Sprünge
Teil einer Entwicklung, und die verschiedenen, hier beschriebenen
Etappen bauen aufeinander auf und überlagern einander. Dem
Antikommunismus kommt es nicht auf Kohärenz an; ein Denken, dass
sich auf die Verteidigung des Bestehenden versteift hat, ist wahllos bei
den Argumenten, weil es sich durch die Existenz der Gesellschaft, die
es verteidigt, auf jeden Fall ins Recht gesetzt sieht. Die
Antikommunismen früherer Etappen existieren munter neben den
neueren her, Argumentationsweisen werden übernommen und neu
eingepasst für die nunmehr geltenden Verteidigungsformen des
Bestehenden.

In der ersten Phase des Antikommunismus wird im Zuge der
bürgerlichen Revolutionen von 1789, 1830 und 1848 "Communismus" zu
einem relativ unbestimmten Synonym für Umsturz, Rebellion,
Zerstörung der gottgewollten Ordnung. Die Jakobinermütze und die
brennende Kirche werden zu Symbolen für die Umwertung aller Werte,
die Zerstörung jener Tradition, die allein dem Menschen den Halt gäbe.
"Communismus", soweit das Wort schon im Gebrauch ist, wird als
verrückte Wahnidee des Verteilens aller Güter und der Ermordung der
Reichen gehandelt; im Kommunismus ist der Mensch, der sich gegen
Gott erhebt, am Werk. Zugleich wird über "Socialismus" als Heilmittel
gegen die sozialen Übel jenes Gemischs aus kapitalistischer
Entwicklung und vorbürgerlicher Herrschaft, das damals in Europa
vorherrschte, in bürgerlichen und anderen Kreisen diskutiert.
Antikommunismus ist in dieser Epoche eine Denunziation
demokratischer Bewegungen, hier tritt er also in Erscheinung als
Verteidigungsideologie des Adels.

Mit der Pariser Commune und dem Erstarken der sozialistischen
Arbeiter*innenbewegung wird der Kommunismus als Bewegung der
primitiven, unaufgeklärten Massen, die von böswilligen Agitatoren
aufgehetzt sind (s. erster Punkt), dargestellt. Da Kultur und Zivilisation
auf Privateigentum beruhen würden, würden die "gefährlichen Klassen"
diese zerstören, wenn sie sich mit ihren verrückten Vorstellungen
durchsetzen würden. Die unteren Klassen seien die Verlierer*innen
jenes "Lebenskampfes", der allein jene Anstrengungen erzwingen
würde, auf denen alle großen Kulturleistungen und alle Zivilisation
beruhen würde. Die "gesichtslose Masse" sei niemals in der Lage, die
Gesellschaft zu führen, sie müsse notfalls mit Gewalt niedergehalten
werden; ihre Minderwertigkeit zeige sich an ihrer gesellschaftlichen
Stellung. Dabei verfuhren die Ideologen tautologisch: Die Leute seien
"minderwertig", weil sie "unten" seien - und "unten" seien sie, weil sie
"minderwertig" seien. Diese rassistische Herleitung des Wesens eines
Menschen oder einer Menschengruppe fungiert als
Verteidigungsideologie des Bürgertums.

Mit dem Übergang in die kolonial-imperialistische Ära wird die Idee
vom Kommunismus als internationale Bewegung, die die eigene Nation
schwäche und zerstöre betont. Zugleich wird der Sozialismus als Teil
der Degenerationserscheinungen der westlichen Welt, als krankhaftes
Symptom der modernen städtischen Entwicklung verstanden. Zum
Einen der Sozialismus als pazifistische Bewegung, der dem eigenen Volk
die Waffe aus der Hand schlage, in einer Welt von Feinden, eben weil er
die Wahrheit des ewigen Kampfes um Lebensraum und Macht nicht
anerkenne. Zum Anderen die Befürchtung, Sozialismus als Aufhebung
der Konkurrenz bewirke den Zerfall der Zivilisation, die Förderung der
"Minderwertigen" gegenüber den "Gesunden". Zum Dritten, die
Vorstellung, die sozialistische Arbeiter*innenbewegung predige den
Klassenhass und entzweie damit das Volk und mache es
handlungsunfähig. Nicht nur in Deutschland verbindet sich dieser
Antikommunismus mit dem Antisemitismus: Feindliche Mächte, die im
Geheimen wirken, wollen dem Vaterland ans Leder, hier wirkt der
Antikommunismus als nationale Integrationsideologie.

Mit der Oktoberrevolution und der Errichtung der UdSSR wird
Kommunismus zum Bild für brutalen Terror, der asiatischen Bedrohung
(ob es nun "die Hunnen", "die Mongolen" oder "die gelbe Gefahr" ist)
Europas durch Bestialität, Umwertung aller Werte. Der Kommunismus
wird zu einer mörderischen bedrohlichen Macht, die im Dienste des
Bösen, des Weltjudentums steht oder schlicht selbst das Böseste ist. Von
Moskau gelenkt, grabe und wühle der Weltkommunismus überall und
versuche durch die Weltrevolution eine Welt des Terrors
herbeizuführen. Der faschistische Antikommunismus ist nicht bloß ein
Instrument "der Herrschenden" um eine sozialistische Revolution zu
verhindern, wiewohl das für manche Kapitalist*innen oder
Großgrundbesitzer*innen Grund für die finanzielle Unterstützung
gewesen sein mag, er ist Teil einer Ideologie eines Weltkreuzzugs, die
einen Weltkrieg für die eigene Macht legitimiert, d. h. hier funktioniert
er als Rechtfertigung des Imperialismus. (Für die deutschen Nazis
hingegen war der Kampf gegen den "Bolschewismus" nur ein Teil ihres
Kampfes gegen das "Weltjudentum".)

Nach dem Zweiten Weltkrieg wird der Kommunismus zum Synonym
für sowjetisches Weltmachtstreben - im Regelfall ohne jüdische
Weltverschwörung. Als Teil der "totalitären Bedrohung" der westlichen
Demokratie wird der Kommunismus dem Faschismus gleichgesetzt,
wobei er natürlich zugleich der gefährlichere, weil noch existierende
und weltweit agierende sei. Ehemalige Faschist*innen und die C-
Parteien haben dabei noch in 50er Jahren durchaus die Betonung auf
die Bedrohung des Abendlandes gelegt. Hier fungiert
Antikommunismus als Integrationsideologie für Faschist*innen und als
Rechtfertigung des Kalten Kriegs.

Mit der Entspannungspolitik und der 68er-Bewegung wird der
Kommunismus zu einem "gescheiterten Projekt", in das sich nur
"totalitäre Träumer" verlieben können. Die Renaissance des
Marxismus(-Leninismus) wird als Ausdruck des jugendlichen
Idealismus zugelassen, zugleich aber als irrationale Protesthaltung den
Jugendsekten und Drogen gleichgesetzt, wo auch wohlmeinende
Naivlinge für finstere Zwecke eingespannt werden. Gleichzeitig werden
aber die Sozialliberalen, die diesen neuen, etwas gelasseneren
Antikommunismus predigen, des schleichenden Übergangs zum
Sozialismus bezichtigt; Demokratisierung, Emanzipation und sexuelle
Revolution werden als Taktik der Kommunist*innen bei der Zerstörung
der westlichen Welt denunziert. Anfang der 70er Jahre fuhr der
bürgerliche Staat einen ambivalenten Kurs: Einerseits wurden Projekte,
die durchaus ein gesellschaftskritisches Selbstverständnis aufwiesen,
gefördert - andererseits hagelte es Berufsverbote für linksradikale
Staatsdiener*innen, und das nicht nur für Lehrer*innen. Schluss mit der
Toleranz ist spätestens seit Mitte der 70er Jahre, als der angelinkste
Reformidealismus nicht mehr gefragt war, und als 1977 die letzte
"Offensive" (2) der RAF scheitert.

1986-89 verkleidete sich der Antikommunismus in die besorgte
Betrachtung, ob die Reformen Gorbatschows gelingen, greifen etc. Das
Echo auf die Selbstkritik (Perestroika) des Führers des Warschauer Pakts
war durchweg positiv, und nicht zu verwechseln mit dem blöden
Reformidealismus von Linken, die hofften, mit einer verwandelten
Sowjetunion nunmehr auch im Westen voran zum Sozialismus
schreiten zu können.

Nach 1989 gibt es kaum mehr Kommunist*innen, denn viele von denen,
die sich zuvor noch so nannten, nahmen die praktische Selbstaufgabe
des Realsozialismus sowjetischer Prägung zum Anlass, ihre theoretische
Kritik am Kapitalismus gleich mit zu beerdigen. Dass
Antikommunismus trotz dieses Siegeszugs der Marktwirtschaft auch
heute noch Konjunktur hat, äußert sich einerseits in den politischen
Kampagnen der Rechten und der politischen Selbsthygiene der Linken,
welche stets darum bemüht sind, etwaige kommunistische Töne in den
eigenen Reihen möglichst schon im Keim zu ersticken. Andererseits
zeigt sich die Aktualität des Antikommunismus in dem Engagement der
Federführenden der politischen Medienöffentlichkeit, welche sich in
aller Regelmäßigkeit aufs Neue gefordert sehen, den ideologischen
Kampf gegen Kommunismus zu führen - gegen einen Kommunismus,
der ihnen wohl niemals tot genug sein wird.

Ambivalenz des "Arbeiters"

Aus heutiger Sicht mag die Lektüre früherer antikommunistischer
Werke erstaunlich sein: Die Gleichsetzung von Arbeiter*innen und
Kommunismus war in früherer Zeit keineswegs bloß eine versponnene
Theorie von Linken, die sich über die Wirklichkeit hinwegtäuschen
wollten, sondern auch von den Gegner*innen akzeptierte Wirklichkeit.
Auch wenn sie so absolut nie hingehauen hat - aus einer Lage erwächst
nun mal kein Bewusstsein, sondern immer nur aus der Interpretation
einer Lage - ist doch zu beobachten, dass die Verteidiger*innen der
bürgerlichen Gesellschaft in den unteren Klassen Feind*innen
erblickten. Geschult an dieser Erfahrung, schien Kommunist*innen und
Sozialist*innen das Lob des "deutschen Arbeiters" durch die Nazis nur
als ein Fall sozialer Demagogie, das heißt, als einer neuen, besonders
hinterlistige Taktik ihres alten Gegners, des Kapitals.

Die Linke legte sich die Gleichsetzung von "Volk" und "Links" schon
deswegen zurecht, weil sie sich für die Rechte des Volkes stark machte.
Ihre Idee war: Wir sind für das Volk, also muss das Volk für die Linke
sein. Diese Gleichsetzung wurde mit dem Aufkommen
konterrevolutionärer Massenbewegungen brüchig, in der Menschen
gegen die eigene Emanzipation auf die Straße gingen. Ohne einen
Geschichtsoptimismus à la "Der Sozialismus wird siegen" ist die
eigenartige Blindheit der Linken, die Nationalist*innen, Rassist*innen
und Antisemit*innen nicht als solche erkennen, nicht zu verstehen. Wer,
wie viele Leute in den 20ern und 30ern, den Faschismus nur als einen
temporären Aufstand der Zurückgebliebenen gegen die Zukunft
begreift, nimmt den Faschismus nicht erst und kann ihn daher auch
nicht richtig bekämpfen.

Die Neubewertung des Volkes durch die politische Rechte hätte bei den
Linken alle Alarmglocken schrillen lassen müssen. Mit dem Bild des
sozialistischen Agitators und noch mehr des jüdischen Hintermannes,
der die eigentlich guten Arbeiter*innen aufhetzt, beginnt die
Aufspaltung des Bildes des Arbeiters in das der guten produktiven
Arbeiter*innen und das der bösen streikenden Prolet*innen.

Diese ambivalente Sicht auf die Arbeiter*innenklasse hat durchaus
ihren tieferen Sinn: Arbeiter*innen sind im Produktionsprozess
Notwendigkeit und Problem zugleich. Sie sind jene Klasse, die den
Reichtum schafft, der auch ihre Armut produziert, und das lieben die
Faschist*innen an ihnen: Das selbstlose Opfer, den Dienst am Volke in
der Produktionsschlacht, der genügsame Stolz auf die Produkte der
eigenen Anstrengungen, ohne dass mensch selbst etwas von ihnen
hätte. Eben jene "geheime" Qualität der Ware Arbeitskraft, mehr Wert
zu schaffen; die notwendige Bereitschaft der Arbeitskraftbesitzer*innen
sich zum Mittel zu machen, ohne allzu viel davon zu haben; und
schließlich jene psychischen Leistungen, die dem eigenen
unerfreulichen Leben seinen höheren Sinn geben: der Stolz, arm, aber
ehrlich zu sein, der Hass auf den Luxus, die quasi-militärische Disziplin
der damaligen Fabrikarbeit. Die andere Seite des Arbeiters aber ist die
aus seiner Rolle erwachsende Macht -- "Mann der Arbeit aufgewacht,
und erkenne Deine Macht. Alle Räder stehen still, wenn dein starker
Arm es will", dichtete damals die Arbeiter*innenbewegung. Dazu kam
die damals durchaus verbreitete Verachtung für die feindliche
bürgerliche Welt, ihre Moral und ihre Kultur; der Hass auf jene
Verhältnisse, die alles wirklich Interessante einem/r vorenthalten. Die
Arbeiter*innen sind im Kapitalismus an ein entgegengesetztes Interesse
gefesselt, und die Aufspaltung des Arbeiter*innenbildes reflektiert
genau dies: die Angewiesenheit auf die Verhältnisse als das affirmative
Bild des blonden, muskelstrotzenden Arbeiters der Faust, den Gegensatz
zum kapitalistischen Interesse als die hassverzerrte Karikatur des
verkommenen, roten Proleten.

Der Antikommunismus ist die Ehrenrettung der deutschen
Arbeiter*innen, der es erlaubt, dieser Klasse ihre sozialistische
Bewegungsform zu verzeihen. Fast genauso formuliert es Hitler auch,
wenn er den Grund für den Erfolg der sozialistischen
Arbeiter*innenbewegung in der Ausnutzung des Elends der
Arbeiter*innen durch jüdische Agitator*innen sieht. Dies macht die
Schlagkraft des Nationalsozialismus und Faschismus im Gegensatz zu
den damaligen Konservativen, Jungkonservativen und
Volkskonservativen aus: Die Faschist*innen halten das Volk nicht per se
für minderwertig, ihrem Konzept eines Herrenvolks von Untertänigen
liegt ein ganz ernst gemeintes Lob des Volkes zugrunde. Die Feindschaft
gegenüber dem Volk ist dem Misstrauen in seine Fähigkeit, die roten
Verführer*innen zu durchschauen, gewichen. Die bürgerliche
Gesellschaft kann auf Dauer nicht darauf beruhen, dass die eine Klasse
die andere unterdrückt. Sie braucht die nationale Integration aller, weil
bürgerliche Verhältnisse auf der Herrschaft des Volkes über das Volk
beruhen, auf der Unterwerfung der Menschen unter die von ihnen
selbst geschaffenen Verhältnisse. Eine demokratische Gesellschaft und
ihre erfolgreiche Verknüpfung von Kapital und Arbeit ist politisch
stabiler und ökonomisch effektiver als die offene Klassenherrschaft des
19. Jahrhunderts. Sie erteilt allen gleichermaßen die Freiheit zur die
Teilnahme an der Konkurrenz und unterwirft sie so deren Ergebnissen.
Dieser historische Schritt, die Modernisierung der Antikommunismus,
ist der eigentlich qualitative Sprung: die Entdeckung des Volks durch
die politische Rechte und seine Einbindung in das nationale Projekt.

Zerstörung der Welt

Die sozialdarwinistische Vorstellung des Konkurrenzkampfes von
Individuen, Völkern, Rassen als naturnotwendige Selektion, als
Voraussetzung für Entwicklung wichtiger Tugenden, als Verhinderung
von Entartung und Degeneration, war eine pseudowissenschaftliche
Gegenhaltung zum evolutionären Sozialismusbegriff der
Arbeiter*innenbewegung. Populär sind solche Vorstellungen z. B. durch
Ideen wie "Dann arbeitet doch keiner mehr, wenn allen alles gehört",
"dann strengt sich doch keiner mehr an", "wenn alle nur nach Genuss
streben, wird doch alles verjuxt". Diese Vorstellungen projizieren die
gesellschaftliche Realität des Kapitalismus in das "Wesen des
Menschen". Die Durchschlagskraft solcher Vorstellungen sollte mensch
nicht unterschätzen, schon weil sie auf reale Erfahrungen zurückgreift,
die sie zu bestätigen scheinen. Tatsächlich bemühen sich Schüler*innen
möglichst wenig zu arbeiten, mit öffentlichem Eigentum wird rabiat
umgegangen, Menschen verhalten sich unvernünftig. Oft mag es sogar
so erscheinen, als ob allein die Rationalität des Marktes und die harte
Drohung von Armut und Untergang allein den eigentlich ziemlich
unvernünftigen Menschen zur Vernunft zwingt. Freilich ist es eine
eigentümliche Verarbeitung gesellschaftlicher Realität, die da geschieht,
weil weder der demolierten Telefonzelle, dem Krankmachen auf der
Arbeit oder dem durchgeknallten Liebhaber das Wesen des Menschen
anzusehen ist, sondern nur der Umgang bürgerlicher
Konkurrenzsubjekte mit eben jener Welt, in der sie leben. Gegen die
schlichte Frage, warum Menschen nicht in der Lage sein sollten, ihre
Gesellschaft vernünftig einzurichten, ihre Bedürfnisse nach einem
gemeinsamen Plan zu befriedigen, und mit den unterschiedlichen,
vielleicht hin und wieder sogar tatsächlich entgegengesetzten Interessen
umzugehen, wird eben nur der bürgerliche Blödsinn von der Natur des
Menschen präsentiert (siehe Zitate weiter unten).

Zusätzlich kommt noch das Argument, dass es die ewige Knappheit an
Gütern sei, die das Gegeneinander der Menschen erzwingt - bzw.
avancierter: weil der endlichen Menge an Gütern die angeblich
unendlichen Bedürfnisse des Menschen gegenüber stünden. Außerdem
folgt noch die Warnung, dass im Überfluss alles versinkt. Über diesen
Glaubenssatz darf mensch nicht lange nachdenken, um ihn zu glauben.
Also: Der Mensch ist nicht so, die Welt sowieso nicht, und das ist auch
ganz gut so, weil sonst die Welt unterginge. Auch wenn die folgende
kleine Zitatenauswahl etwas altbacken wirkt - sie ist es nicht:

Monarchistisch-konservativ

"der ewige Friede ist ein Traum, und nicht einmal ein schöner, und der
Krieg ist ein Glied in Gottes Weltordnung. In ihm entfalten sich die
edelsten Tugenden des Menschen, Mut und Entsagung, Pflichttreue und
Opferwilligkeit mit Einsetzung des Lebens. Ohne Krieg würde die Welt
in Materialismus versumpfen"

(Helmuth Graf von Moltke: Brief an Bluntschli. In: Pross, Harry (Hrsg):
Die Zerstörung der deutschen Politik. Dokumente 1871-1933. FaM:
Fischer 1959, S.29)

Liberal

"Es gibt keinen Frieden auch im wirtschaftlichen Kampf um das Dasein:
Nur wer jenen Schein des Friedens für die Wahrheit nimmt, kann
glauben, daß aus dem Schoße der Zukunft für unsere Nachfahren
Frieden und Lebensgenuß erstehen werde. Wir wissen es ja: die
Volkswirtschaftspolitik ist der vulgären Auffassung ein Sinnen über
Rezepte für die Beglückung der Welt -- die Besserung der 'Lustbilanz'
des Menschendaseins ist für sie das einzig verständliche Ziel unserer
Arbeit. Allein: Schon der dunkle Ernst des Bevölkerungsproblems
hindert uns, Eudämonisten zu sein, Frieden und Menschenglück im
Schoße der Zukunft verborgen zu wähnen , und zu glauben, daß anders
als im harten Kampf des Menschen mit dem Menschen der
Ellenbogenraum im irdischen Dasein werde gewonnen werden. ... für
den Traum von Frieden und Menschenglück steht über der Pforte der
unbekannten Zukunft der Menschengeschichte: Lasciate ogni speranza .
... Nicht das Wohlbefinden der Menschen, sondern diejenigen
Eigenschaften möchten wir in ihnen [den Nachfahren] emporzüchten,
mit welchen wir die Empfindung verbinden, daß sie menschliche Größe
und den Adel unserer Natur ausmachen.... Nicht Frieden und
Menschenglück haben wir unseren Nachfahren mit auf den Weg zu
geben, sondern den ewigen Kampf um die Erhaltung und
Emporzüchtung unserer nationalen Art"

(Weber, Max: Nationalstaat und Volkswirtschaftspolitik. Akademische
Antrittsrede (1895.) In: Gesammelte politische Schriften. Tübingen:
J.C.B. Mohr 1958)

Faschistisch

"Daß aber diese Welt dereinst noch den schwersten Kämpfen um das
Dasein der Menschheit ausgesetzt sein wird, kann niemand bezweifeln.
Am Ende siegt ewig nur die Sucht der Selbsterhaltung. Unter ihr
schmilzt die sogenannte Humanität als Ausdruck einer Mischung von
Dummheit, Feigheit und eingebildetem Besserwissen, wie Schnee in der
Märzensonne. Im ewigen Kampfe ist die Menschheit groß geworden --
im ewigen Frieden geht sie zugrunde."

(Adolf Hitler: Mein Kampf. Bd. I. München: Franz Eher Nachf. 1933,
S.148/149)

Sozialistisch

"... Eigenschaften wie Loyalität, Großmut etc., wären in einer Welt, in
der nichts schief ginge, nicht nur bedeutungslos, sondern
wahrscheinlich unvorstellbar. In Wahrheit können viele Eigenschaften,
die wir an Menschen bewundern, nur im Widerstreit mir irgendeiner
Art von Unglück, Schmerz oder Schwierigkeiten überhaupt wirklich
sein; die Tendenz technischen Fortschritts besteht darin, Unglück,
Schmerz und Schwierigkeiten auszuschalten. ... Indem man sich an das
Ideal der technischen Effizienz bindet, bindet man sich an das Ideal der
Weichlichkeit. Aber Weichlichkeit ist abstoßend, und so wird der ganze
Fortschritt als ein wahnsinniger Kampf auf ein Ziel hin gesehen, das,
wie man hofft und betet, nie erreicht werden wird."

(George Orwell: Der Weg nach Wigan Pier. Zürich: Diogenes 1982,
S.188-190)

Was die hier angeführten Standpunkte unterstellen, ist die
biologistische Ideologie einer "wölfischen" Menschennatur und damit
der Schluss auf kooperative Gesellschaftsformen als gemeingefährliche
Vorschläge zu einer Degenerierung der Menschenwelt. Durch die
Aufhebung der Konkurrenz und des Kampfes werde die Welt
unnatürlich, schwächlich und degeneriert. Auf diesen kleinsten
gemeinsamen Nenner hätten sich Moltke, Weber, Hitler und Orwell
wohl einigen können. Dies ist der sachliche Zusammenhang zwischen
Biologismus auf der einen, und dem Antikommunismus auf der
anderen Seite. Des Weiteren ist diese damals von vielen
Zeitgenoss*innen geteilte Befürchtung der erste Schritt zu der
antisemitisch-paranoiden Verlängerung, Bemühungen hin zu einer
kommunistischen Gesellschaft als eine besonders Strategie zur
Weltmachtergreifung des Judentums zu sehen. Die staatliche
Propaganda vom "jüdischen Verführer", der aus untertänigen,
arbeitenden Massen revoltierende Massen mache, war eine besondere
Erfindung des Faschismus.

Wer sich nun zurücklehnt und diese verstaubt wirkende Ideologie müde
belächelt, mag sich an Folgendes erinnern: Die "Kritik", in einer
"Konsum-", "Wohlstands-" oder "Raffgesellschaft" zu leben, dass "wir"
alle Opfer zu bringen haben und "die fetten Jahre vorbei sind", hat nicht
erst Helmut Kohl in die nationale Politik eingebracht. Jene Vorstellung,
im Kommunismus verfräße der natürlich kurzsichtige, egoistische
Mensch schnell den Reichtum ist als angstvolle Warnung im
Kapitalismus dauernd präsent. Es ginge "uns" zu gut, "wir" hätten über
"unsere" Verhältnisse gelebt, könnten "uns" dies oder jenes nicht mehr
"leisten" - die Welt sei nun mal kein Ponyhof. Mangel und Entbehrung
seien gut für den Menschen. Das nicht nur weil der Mensch nun mal
dem Menschen ein Wolf sei - und darum etwa Futterneid der Natur des
Menschen entspräche - von allzu praktischen Konsequenzen hielte ihn
allein derjenige Wolf im lustigerweise dann doch irgendwie wirksamen,
demokratisch-parlamentarischen Schafspelz ab. Oder: "Wenn's dem
Esel zu gut geht, dann wagt er sich aufs Eis." "Überfluss erzeugt
Maßlosigkeit, Trägheit, Verfall, und alle großen Genies hatten Hunger."


In all diesen Vorstellungen lügen sich die Menschen das erfahrene Leid
als unveränderlich zurecht. Sie verklären es, indem sie es auf eine Natur
des Menschen überhaupt zurückführen - statt es durch die
kapitalistische Einteilung der Welt zu erklären. Wird das Leid als
"natürlich" verstanden, hat mensch nebenbei auch prima vor sich
gerechtfertigt, warum es ja doch nichts bringt, für eine grundlegende
gesellschaftliche Veränderung einzutreten. Antikommunismus erweist
sich so als nützlicher Bestandteil des bürgerlichen Alltagsbewusstseins.

Fußnoten

(1) In Deutschland: etwa die "Hottentottenwahl" 1907, die
Niederschlagung des Januaraufstandes 1917, der Machteintritt der
NSDAP 1933 / in den USA: bspw. "Red Scare" 1917, McCarthy-Ära 1947.
(2) Das recht defensive Ziel war das Freipressen der Gefangenen.

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Weitere Infos:

Gruppen gegen Kapital und Nation
https://gegen-kapital-und-nation.org/


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