(de) Radical Theory & Practice - ein Interview zur allerersten Übersetzung von "Gelebtes Leben" ins Russische Von: Anarchistisches Radio Berlin

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Sun May 24 10:18:19 CEST 2015


Anm. d. Red.: Das vorliegende Interview ist die übersetzte Transkription eines Interviews, 
das das Anarchistische Radio Berlin im Dezember 2014 mit einer Person der 
Verlagskooperative Radical Theory & Practice (RTP) geführt hat. Das Projekt ist immer noch 
aktuell und benötigt eure Unterstützung. ---- A-Radio Berlin: Es wäre schön, wenn du zu 
Anfang euer Projekt RTP vorstellen könntest.---- RTP: Klar. RTP steht für Radikale Theorie 
und Praxis, es ist eine russische Verlagskooperative und wir sind seit 2013 als 
Kooperative aktiv. Also seit ungefähr einem Jahr. Davor war Radikale Th eorie und Praxis 
unter dem gleichen Namen ein kleines Kollektiv aus bunt zusammengewürfelten Menschen, die 
mit ihren eigenen Geld von Zeit zu Zeit Übersetzungen von manchen Büchern machten und sie 
dann sammengewürfelten Menschen, die mit ihren eigenen Geld von Zeit zu Zeit Übersetzungen 
von manchen Büchern machten und sie dann herausgaben.
Viele Leute mochten dieses Modell nicht, weil es auf
freiwilliger Arbeit basierte und das bedeutet, dass ein Buch von bis zu
zehn Menschen übersetzt wurde, die unterschiedliche Übersetzungs-
stile verwendeten, viele Fehler machten. Die Übersetzung dauerte
dann ein Jahr, und das Lektorat dauerte dann nochmal ein weite-
res Jahr und so weiter - man kann sagen, der Arbeit war nicht so
qualitativ, wie wir es gern gehabt hätten, und lange nicht so schnell.
Schließlich war es dann so, dass Ende 2014 viele Menschen ihre Akti-
vität im Kollektiv aufgaben. Eine Person, die bis dahin die Koordina-
tion innehatte, entschied sich dazu was Neues aufzubauen, und zwar
eine Kooperative, in der Menschen in Vollzeit oder zumindest in
Teilzeit beschäftigt werden, den halben Tag darauf verwenden - und
zwar nicht auf ehrenamtlicher Basis, nach ihrer Lohnarbeit, wenn sie
müde sind und andere Sachen zu tun haben. Und jetzt versuchen wir,
das seitdem so zu machen.

ter - man kann sagen, der Arbeit war nicht so
qualitativ, wie wir es gern gehabt hätten, und lange nicht so schnell.
Schließlich war es dann so, dass Ende 2014 viele Menschen ihre Akti-
vität im Kollektiv aufgaben. Eine Person, die bis dahin die Koordina-
tion innehatte, entschied sich dazu was Neues aufzubauen, und zwar
eine Kooperative, in der Menschen in Vollzeit oder zumindest in
Teilzeit beschäftigt werden, den halben Tag darauf verwenden - und
zwar nicht auf ehrenamtlicher Basis, nach ihrer Lohnarbeit, wenn sie
müde sind und andere Sachen zu tun haben. Und jetzt versuchen wir,
das seitdem so zu machen.

Habt ihr bereits etwas als Kooperative veröffentlicht?

Als Kooperative haben wir dieses Jahr vier Bücher herausgebracht,
wenngleich einige von ihnen das Produkt der Arbeit und Mithilfe
jener Menschen sind, die zuvor im Kollektiv aktiv waren. Im Ganzen
haben wir bislang zwölf Bücher publiziert. Manche von ihnen wur-
den von anderen Leuten veröff entlicht, andere von uns, aber während
dieses Jahres haben wir daran gearbeitet, dass die Bücher professio-
neller werden: Wir haben Illustrationen hinzugefügt, wir haben sie
überarbeitet, verbessert und Korrektur gelesen. Außerdem haben
wir elektronische Kopien angefertigt und haben eine Menge Arbeit
in den Vertrieb und so was wie ,,wirtschaft liche Ziele" gesteckt. Ich
habe noch nicht erwähnt, welche Bücher wir veröff entlichen, oder?

Also wir versuchen uns auf Bücher mit anarchistischem, antifaschis-
tischem und radikal-ökologischem Inhalt zu spezialisieren. Viele von
unseren Büchern sind übersetzt, was bedeutet, dass wir versuchen
Bücher zugänglich zu machen, die auf Englisch veröff entlicht wur-
den - weil wir bislang nur englische Übersetzer*innen haben - für
russischsprechende Leser*innen. Das ist nicht so, weil wir lieber
übersetzen statt Bücher unser eigenen Autor*innen herauszugeben,
sondern eher, weil es nicht so viele Menschen gibt, die Sachen auf
Russisch schreiben. In der Folge müssen wir wirklich viel übersetzen,
um mehr Bücher zu produzieren.

Kannst du einige Büchertitel nennen, die ihr bis jetzt herausgegeben habt?

Wir haben bereits drei Bücher von Peter Gelderloos veröff entlicht -
es scheint hier richtige Fans von ihm zu geben und haben eine Men-
ge übersetzt. Also das wären ,,How Nonviolence Protects the State",
,,Th e Consensus book" und ,,Anarchy Works". Dann haben wir ein
Buch von CrimethInc ,,Work" auf Russisch rausgebracht und be-
reiten aktuell ein neues Projekt in Zusammenarbeit mit ihnen vor,
das ,,Alles verändern" heißt. Dann ist da noch ein Buch von David
Graeber, ,,Fragments of an Anarchist Antropology", ,,The Consensus
Handbook" von Seeds for Change, ,,bolo'bolo" von PM und manch ein
russischer Autor, denke ich.

Ich habe natürlich gelesen, dass ihr jetzt ein ziemlich großes Projekt
plant. Kannst du uns etwas darüber erzählen?

Ja, das wäre unser größtes Projekt bis dato, denke ich. Wir übersetzen
gerade Emma Goldmans Memoiren, ,,Gelebtes Leben". Es erschien
zum erste Mal im Jahr 1936 in zwei Bänden, und es hat insgesamt
mehr als 1.000 Seiten. Also im Grunde haben wir lange gezögert, ob
wir tatsächlich ein so großes Projekt stemmen können, weil es ein
Langzeit-Job ist, der eine Menge Geld kosten würde. Jedoch haben
wir entschieden es trotzdem zu machen, vielleicht nicht in zwei Aus-
gaben, sondern in drei, um unsere Arbeit und die Kosten der Ver-
öffentlichung zu dritteln statt zweizuteilen. Unser größtes Interesse
an diesem Buch war es, zuerst einmal, dass viele Anarchist*innen
entweder im Exil oder in anderen Ländern lebten, nicht in Russland,
und sie schrieben wirklich in den Sprachen dieser Länder, auch ehe-
mals russischsprachige Menschen wie Kropotkin, Emma Goldman,
Makhno und einige Andere. Im Allgemeinen sind viele Arbeiten von
russischen Anarchist*innen nicht verfügbar für russischsprechende
Leute, und wir haben uns dazu entschieden, dass sich das irgend-
wie ändern muss. Zweitens, denken wir, dass eben dieses Buch, das
Emma Goldman seit dem 19. Jahrhundert bis kurz vor den spani-
schen Bürgerkrieg schrieb, verschiedene Generationen von US-ame-
rikanischen, russischen und europäischen Anarchist*innen abdeckt.
Und Emma Goldman war ziemlich aktiv in den Kreisen jener Zeit
und sie kannte eine Menge Leute. Viele Menschen, die jetzt heutige
Anarchist*innen bewundern oder lesen.

Also im Großen und Ganzen ist es nicht nur ihre persönliche Be-
schreibung ihres Lebens, sondern auch eine enorm unterhaltsam ge-
schriebene Geschichte der anarchistischen Bewegung in den USA,
Europa und teilweise auch Russlands. Daher dachten wir uns, dass
diese Art von Projekt den russischsprechenden Leser*innen helfen
würde, mehr von der Geschichte zu verstehen, deren Zeug*innen wir
nie waren. Das dritte Ding ist, dass wir normalerweise versuchen
[lacht] ... hmm, das ist zwar keine wichtige Sache aber, weil wir stän-
dig knapp bei Kasse sind, versuchen wir Bücher ohne Copyright zu
finden oder wo wir den Autor*innen nichts zahlen müssen ... Und bei
Büchern, die so alt sind, sind die Rechte bereits abgelaufen, also müs-
sen wir eigentlich keine Angehörigen finden oder irgendwen kon-
taktieren, um zu fragen, ob wir gerade Emma Goldmans Memoiren
veröffentlichen dürfen, und vor allem müssen wir niemanden dafür
bezahlen.

Es handelt sich aber trotzdem um ein ziemlich historisches Buch. Glaubst
du es hat noch Bedeutung für die heutigen Kämpfe?
Nun ja, als eine Gruppe, die mit an dem Emma-Goldman-Projekt ar-
beitet, und so wie wir das jetzt lesen, würde ich persönlich sagen -
und ich denke, die Anderen sehen das so ähnlich - dass es durchaus
aktuell ist ... ich sehe wirklich viele Dinge, die sich wiederholen ...
wenn ich Emma Goldman lese, hab ich das Gefühl, dass sich viele
Fehler, viele verschiedene Situationen, viele Formen der Auseinan-
dersetzungen oder Spaltungen innerhalb der Bewegungen, die dort
und damals beobachtet werden konnten und die sie beschreibt, heute
ziemlich aktuell und relevant sind, auch für unsere Bewegung. Ich
denke, dass es sehr wichtig ist, dass Menschen die Geschichte einer
Idee und der Leute, die sie beförderten, verstehen. Ich weiß nicht, ob
es hilfreich ist, um Fehler zu vermeiden, aber es hilft zu begreifen,
dass es vor 100 Jahren auch schon Menschen wie uns gab, die für die-
selben Dinge gekämpft haben. Jetzt befinden wir uns 100 Jahre spä-
ter und viele Dinge sind noch immer nicht erreicht, aber gleichzeitig
können wir gemeinsam in Kontakt treten, eine Verbindung zu jenen
Menschen [aus der Vergangenheit] aufbauen und verstehen, dass wir
Dinge nur weiter voranbringen, vielleicht sind wir nur ein Binde-
glied, das in andern Generationen, die dieselben Ideen übernehmen,
fortgesetzt wird. Ich denke heutzutage gibt es in der Bewegung,
ganz allgemein gesprochen, eine Art Verzweiflung oder verzweifelte
Stimmung, wonach ,,sich nichts jemals ändern wird". Das Lesen und
Denken über Emma Goldmans Buch und ihre Ausführungen von vor
100 Jahren, können eine Menge Motivation geben. Diese Zeiten un-
terscheiden sich stark, aber gleichzeitig sind sie sehr ähnlich zu dem,
was wir jetzt wollen und wie wir jetzt agieren.

Emma Goldman ist ja auch sehr bekannt für ihre feministischen Posi-
tionen. Was denkst du, hat das für eine Bedeutung für, naja z.  B. die
russische Gesellschaft von heute oder sogar die anarchistische Bewegung?

Ja, also ich denke, dass dies ein sehr wichtiges Thema ist, welches
sich irgendwie selbst in Goldmans Buch wiederholt, wo sie über den
,,Widerwillen" einiger Anarchisten vor 100 Jahren spricht, das The-
ma Feminismus als wichtig zu erachten, und wo sie beschreibt, wie
auf verschiedenen Kongressen das Thema entweder zum Schweigen
gebracht wurde oder mit Missbilligung gestraft wurde oder als für
nicht notwendig angesehen wurde. Wenn wir uns die Bewegung
jetzt, vor allem im russischen Raum oder den Ländern der ehemali-
gen UdSSR anschauen, können wir mit Sicherheit die selben Tenden-
zen erkennen: Dass viele Leute nach wie vor danach streben oder die
Bewegung gerne in eine mehr klassenkämpferische Richtung und
die ,,Anderen" teilen würden, also Leuten, die für Dinge kämpfen, die
,,nicht so wichtig" sind. Ich denke, dass die russische oder russisch-
sprechende Bewegung einen Mangel an Intersektionalität aufweist.

Natürlich ist das ein Jahrhundert her und die Idee tauchte gerade
erst in dieser Zeit auf als Emanzipation der Frauen und all das. Also,
denke ich, dass viele Ideen, die damals als neu galten, heute schon
als normal abgesehen werden und niemand sie mehr als feministisch
oder sowas begreifen würde. Während ihres Lebens musste Emma
Goldman mit sich selbst - und die gibt diese Gefühle weiter an ihre
Leser*innen - Kompromisse aushandeln in ihrem persönlichem Le-
ben und, wie sie selbst sagt, der ,,Selbstverwirklichung" als Mutter
oder Frau sowie dem Leben als Aktivistin. Sie entschied sich für
letzteres, also beschloss sie, dass es mehr Sinn für sie machen wür-
de, wenn sie weiterhin Aktivistin sei, und ihre Rolle als Mutt er oder
Ehefrau nicht verwirklicht. Meiner Meinung nach gibt es das jetzt
nicht mehr, wir haben diese Auff assung nicht, besonders nicht in der
Bewegung, dass wir im Moment nicht wirklich sagen wollen, was
es bedeutet sich als Frau selbst zu verwirklichen, verstehst du, also
was heißt das grundsätzlich? Gibt ,,etwas Spezielles", was du als Frau
,,machen musst"? Auf der andern Seite bedeutete das vor 100 Jahren
eine Menge, weil zu dieser Zeit die Frau als Eigentum des Mannes
galt. Ich kann nicht sagen, dass sich so viel verändert hat bis jetzt,
aber zumindest gibt es eine einigermaßen progressive Sichtweise
darauf innerhalb der Szene, und Emma Goldman wirkt auf manche
Feministinnen möglicherweise etwas altmodisch oder überholt oder
vielleicht sogar ,,nicht feministisch genug". Obwohl ich glaube, die
Beschreibung ihrer Emotionen und Gefühle lässt beim Lesen nicht
den Eindruck entstehen, dass sie
oberfl ächlich war oder nicht ge-
nug verstand. Es heißt nur, dass
sie ein Mensch ihrer Zeit war,
ihres Jahrhunderts. Es könnte
anders nicht sein, denke ich.

Dieses Buch ist ziemlich umfang-
reich und ich vermute, dass ihr
viel Zeit und Geld dafür benötigt.
Kannst du uns etwas über diesen
Aspekt des Projekts erzählen?

Richtig. Als Kooperative, seit
wir beschlossen ganztags an un-
seren Büchern zu arbeiten, ver-
ließen viele unserer Mitglieder
ihre Jobs und im Prinzip versuchten wir die Ausgaben abzudecken
und Geld für die Löhne rein zukriegen, durch den Verkauf von Bü-
chern oder durch die Produktion von Büchern. Also im Wesentlichen
wollten wir gerne - und da stellt das Emma-Goldman-Projekt keine
Ausnahme dar - die Leute bezahlen, die Teil dieses Projektes sind
und außerdem müssen wir die Druckkosten decken. Alles zusammen
gerechnet, belaufen sich die Kosten für diese drei Bände auf 18.000
EUR, was eine riesige Summe ist. Wir überlegten eine Weile hin und
her, ob wir ein solch großes Projekt wirklich angehen möchten, weil
wir persönlich nicht soviel Geld dafür haben, nicht einmal um es zu
drucken.

Allerdings entschieden wir uns dann dafür ein Crowdfunding-
Projekt zu starten, das uns dabei helfen sollte, die Kosten zu teilen
und möglicherweise mehr Aufmerksamkeit auf das Buch und unsere
Arbeit zieht, auch schon bevor es als Papier-Ausgabe erscheint. Wir
begannen ein Projekt, für das wir Leute um eine Spende baten und
setzten es so fort. Wir vereinbarten, dass wenn das Projekt und un-
ser Crowdfunding nicht funktionieren sollten, wir es dann beenden
würden, obwohl wir es eigentlich gern machen würden. Aber der
Punkt ist, dass wir einfach nicht so eine große Summe an Geld ha-
ben. Das bedeutet, wir fragten Leute, die es gern lesen würden oder
auch nur das Buch-Projekt mit irgendeiner beliebig hohen Spende an
uns unterstützen würden, und dass die Leute, die gespendet haben
und Russisch sprechen, die Möglichkeit bekommen, als Erste das
Buch lesen zu können, so dass sie nicht warten müssen, bis das Buch
veröff entlicht ist. Wir werden ein Kapitel pro Woche an diese Leute
schicken. Außerdem haben wir einen Blog, auf dem wir die aktuellen
Neuigkeiten posten. Wenn wir genug Geld für ein Kapitel erhalten
haben, stellen wir es online, so dass die anderen Menschen, die nicht
spenden können oder die sich noch unsicher sind, es lesen können
und eine Entscheidung treff en können oder auch nur genießen kön-
nen es zu lesen. Es ist nur ein bisschen langsamer als für die Men-
schen, die gespendet haben.

Wir haben auch einen Aufruf an auswärtige Anarchist*innen und
Aktivist*innen geschrieben, die entweder gern genau dieses Buch
oder die Kooperative unterstüt-
zen möchten, oder Leute, die
bloß die Entwicklung der rus-
sischen Bewegung unterstützen
wollen, weil wir denken, dass
das eng mit Literatur zusam-
menhängt. Also diese Leute
können ebenso spenden ohne
die russische Sprache zu kennen
oder die Schrift lesen zu kön-
nen. Wir haben ein Bankkonto,
PayPal und andere Qu ellen und
Kanäle für Geldüberweisungen.

Welche Arten des Fundraisings habt ihr noch, abgesehen vom Crowdfun-
ding?

Zunächst haben wir den Aufruf gestreut. Das heißt nicht notwen-
digerweise, dass diese Leute dann spenden, auch einfach die Wei-
terleitung der Aufrufs an andere Leute ist sehr wertvoll. Daneben
haben wir uns dazu entschieden, einige Postkarten mit Emma Gold-
man und Zitaten von ihr zu drucken und es gibt bereits einige Men-
schen, die daran interessiert sind, diese Postkarten in ihre Sprachen
zu übersetzen und so versuchen Spenden zu sammeln, indem sie die-
se Postkarten für 50 Cent oder 1 EUR verkaufen. Einige feministische
Gruppen haben mit uns entschieden, T-Shirts zu bedrucken und au-
ßerdem etwas Geld von den anderen Büchern dafür zu nehmen. Im
Moment versuchen wir unser Bestes und vorerst sind wir uns sicher,
dass wir den ersten Band in naher Zukunft drucken werden. Fürs
Erste wurden 20 Prozent des Buchs übersetzt. Wir sind ziemlich fl ink
und wirklich motiviert, zumindest den ersten Band zu vollenden.

Wenn alles gut läuft mit der Finanzierung, wann gedenkt ihr das Buch als
Ganzes rausbringen zu können?

Nun ja, wir haben die Seiten gezählt und das mit der Geschwindig-
keit unserer Übersetzer*innen und anderer Leute verglichen, die an
dem Buch arbeiten, und wir denken, es sollte alles in allem ungefähr
ein Jahr dauern, es zu übersetzen, zu überarbeiten und Korrektur zu
lesen. Allerdings denken wir, dass alles abhängig ist von dem Geld,
das wir erhalten. Wir können viel übersetzen, aber gleichzeitig kann
eine Person, die die Übersetzung macht, ohne Geld nicht ein Jahr
lang überleben, und warten bis es letztendlich veröffentlicht und ver-
kauft ist. Also werden wir wahrscheinlich versuchen, es Band für
Band herauszugeben, allerdings müssen wir vielleicht zusätzlich in
der Zwischenzeit andere Projekte aufnehmen.

Ich denke, es könnte interessant sein, ein bisschen mehr über das zu reden,
was du vorher erwähnt hast, dass es keine gute Verfügbarkeit von anar-
chistischen Büchern in Russland und in russischsprachigen Ländern gibt.
Kannst du etwas dazu sagen und warum es gerade so ist?

Vor allem denke ich, dass es nicht so viele Menschen in Russland,
Belarus oder der Ukraine gibt, die Englisch lesen können, auch wenn
es in Europa zum Allgemeinwissen gehört, dass Menschen eine
Zweitsprache können oder sie zumindest lesen können, wenn nicht
sogar Englisch sprechen können oder andere Sprachen - das ist in
Russland nicht der Fall. Viele Menschen können in der Tat nicht ver-
reisen oder fühlen sich unwohl zu reisen, weil sie die Sprache nicht
verstehen. Das ist ein Problem der Zugänglichkeit zu einem riesigen
Berg an Büchern, die in den USA veröffentlicht werden, auf den ame-
rikanischen Kontinent allgemein, in Deutschland, Spanien, und so
weiter. Daher besteht im Grunde die einzige Möglichkeit darin, sie zu
übersetzen oder Leute zu haben, die ihre eigenen Bücher schreiben.

Allerdings begann die anarchistische Bewegung in den ehemaligen
Staaten der Sowjetunion genau genommen erst in den 1990er Jahren
oder ein bisschen früher, also hauptsächlich waren es nur 20-25 ak-
tive Jahre mit verschiedenen Höhen und Tiefen. Und es gibt nicht so
viele Menschen, die man ,,Theoretiker_innen" nennen könnte oder
Menschen, die in der Lage wären, ein solches Buch zu schreiben oder
tiefgreifende Analysen anzustellen. Uns fehlen diese Leute wirklich
sehr, und es gibt nicht so viele Leute die uns Material geben können,
das wir brauchen und verkaufen könnten. Vermutlich könnten viele
Leute irgendetwas schreiben, aber wir müssen immer bedenken, ob
es sich für uns lohnt, es auch drucken zu lassen. Das sind die beiden
Gründe, welche die Bücher über anarchistische, antifaschistische
und radikal ökonomische Themen nahezu unzugänglich machen und
es gibt nur wenige Bücher über diese Themen, die auf Russisch er-
hältlich sind und radikal genannt werden könnten.

Ein weiteres Problem, das wir haben und möglicherweise viele Men-
schen demotiviert ein eigenes Kollektiv zu gründen oder anarchisti-
sche Bücher herauszugeben, ist das Gesetz, obgleich es in Russland
nicht neu ist, das den Namen ,,Extremismus-Gesetz" trägt. Es betrifft
nicht nur Menschen, die ,,extremistisch" genannt werden könnten
oder sogenannte ,,extremistische" Ideen verbreiten, sondern auch Li-
teratur, Bücher und digitale Informationen. Im Prinzip wurde eine
große staatliche Liste von verschiedenen Publikationen, die ,,extre-
mistisch" genannt werden können vom Gericht bestätigt. Sobald sie
als extremistisch anerkannt wurden, kann die gesamte Auflage eines
Buches, einer Zeitung oder einer Zeitschrift beschlagnahmt und ver-
nichtet werden. Die Verbreitung von solchem Material ist darüber hi-
naus illegal und kann rechtlich belangt werden. Das geschah bereits
mit einigen anarchistischen Webseiten wie etwa blackblock.info, die
eine Menge Informationen zu direkten Aktionen und widerständigen
Praxen veröffentlicht hatten. Dann waren da noch verschiedene Aus-
gaben des Magazins von Autonomous Action, mit dem Titel avtonom,
die als ,,extremistisch" eingestuft wurden und die ,,aus dem Verkehr
gezogen" wurden und aus diesem der Vertrieb eingestellt wurde.

Jedes anarchistische Buch kann zu jeder Zeit als ,,extremistisch"
befunden werden. Aus diesem Grund müssen wir bedenken, dass
während wir Bücher verteilen oder Leute versuchen dafür zu finden
oder während wir ein neues Buch drucken, dass manche unserer
Verteiler das Buch nicht ins Angebot nehmen, oder sie so einge-
schüchtert werden, dass wir die ganze Auflage verlieren. Angesichts
der Optionen - entweder drucken wir ,,nette" Bücher und sind kei-
ne Anarchist*innen mehr oder wir müssen ,,extremistisch" sein und
weiterhin unsere Idee verbreiten -entschieden wir uns für Letzteres
und beschlossen, dass wir uns nicht als eingetragene Rechtsform re-
gistrieren lassen werden, weil es für uns einige Probleme mit sich
bringen würde. Soweit haben wir als Untergrund- oder praktisch
klandestines Veröffentlichungskollektiv funktioniert, und dabei ver-
sucht unsere Namen nicht preiszugeben. Wir schreiben oder arbeiten
alle unter Pseudonymen

Das ist mit ein Grund, weshalb wir Crowdfunding machen, weil es
für uns sehr riskant ist, wenn wir mehrere Leute im Kollektiv sind
und wir Geld bereitstellen um ein Buch zu drucken, das möglicher-
weise für extremistisch befunden wird, und dann in diesem Fall das
ganze Geld verlieren würden. Wenn wir jedoch Leute fragen und
1000 davon geben uns einen bestimmten Betrag an Geld, werden
sie wahrscheinlich für das Buch bezahlen und erhalten eine Papier-
ausgabe von diesem. Wenn also, angenommen der Fall, alle Kopien
werden beschlagnahmt und vernichtet, verlieren alle einen kleinen
Betrag Geld anstelle von 3 oder 10 Leuten, die richtig viel Geld verlie-
ren würden. So gesehen sind diese Crowdfunding-Kampagnen nicht
nur einfach zum Geldsammeln da oder um aus Büchern Geld zu ma-
chen, sondern auch um diesen ,,Crash" der Bewegung zu verhindern,
der passieren würde, wenn viele Bücher als extremistisch eingestuft
werden.

Ihr arbeitet außerdem auf transnationaler Ebene. Ihr habt ein Buch eines
Genossen aus Belarus veröffentlicht, stimmt's?

Da wir größtenteils online arbeiten, ist es nicht mir notwendig,
dass wir in Russland oder gar Moskau unsere Basis haben. Was
das anbelangt, ist unsere einzige Bedingung oder gewünschte Vo-
raussetzung, dass die Person Russisch spricht und irgendeine Fä-
higkeit besitzt, die für das Kollektiv nützlich ist, was hauptsächlich
Übersetzer*innen, Redakteur*innen und Korrekturleser*innen, aber
auch Layouter*innen sind. Und wir können momentan Menschen aus
der Ukraine, Belarus, Moldawien, Russland, Armenien, oder egal wo-
her fi nden, es spielt keine Rolle, es könnte sogar eine Person aus den
USA sein, die Russisch spricht, die kann sich uns ebenso anschließen.
Wir freuen uns über alle, die sich verantwortlich genug fühlen und
ausreichend Zeit mitbringen, um an dem Projekt mitzuwirken.

Um noch ein bisschen über die Th ematik der Kooperative zu reden: Am
Anfang hast du ja schon erwähnt, was für eine Art Kooperative ihr seid
und dass ihr Schwierigkeiten habt eine zu gründen - oder dass es schlicht
unmöglich ist, euch eine Rechtsform zu geben... Gibt es andere anarchis-
tische Kooperativen in Russland?

Ich denke, es ist nicht so, dass es nicht möglich wäre, eine Koope-
rative aufzubauen. Gerade in Russland geht das ziemlich einfach.
Zum Beispiel ist es sehr leicht sich registrieren zu lassen. Das Haupt-
problem besteht genau genommen in dieser Furcht darüber, was du
tust. Also, wenn es nur um einige Leute geht, die ein Friseursalon
aufmachen wollen, dann ist es ganz einfach, ob nun anarchistisch
oder nicht. Das einzige Ding ist, dass du nach der Eintragung, wie
nach jeder Registrierung oder staatlichem Verfahren, einige Regel
befolgen musst. Du musst bürokratisch werden, du musst Steuern be-
zahlen und alles. Deswegen wählen jetzt viele Menschen in Russland
den Weg, sich erst gar erst eintragen zu lassen.

Bis jetzt würde ich sagen, dass es nicht viele Kooperativen gibt, die in
dem Land arbeiten, die mensch anarchistisch nennen könnte, auch
nicht wirklich viele Kooperativen als solche, und die, die wir anar-
chistisch nennen könnten, sind noch weniger. Wir wissen nur von
ein paar Kooperativen, die im Bereich der Kaff ee-Herstellung oder
des Kaff ee-Brühens wirken, und dann sind da noch welche, die Klei-
dung nähen oder Haare schneiden, und das auf manchen Veranstal-
tungen oder Konzerten machen. Es gibt auch noch einige Leute, die
verschiedene Versuche unternommen haben, ihre eigenen Cafés oder
Bars aufzumachen. Aber dies hatt e unterschiedliche Konsequen-
zen und prinzipiell ist die Art der Kooperativenkultur noch immer
ziemlich unterentwickelt in den ehemaligen UdSSR-Staaten. Gerade
planen wir ein Buch über das Th ema der Zusammenarbeit und über
Kooperativen, das die Idee beschreibt und vielleicht die Zusammen-
arbeit zwischen Kollektiven mit einbezieht, die schon existieren um
einen Austausch an Wissen und Erfahrungen darüber herzustellen,
wie wir uns organisieren können, weil bis jetzt war es ausgesprochen
schwierig für uns Leute zu überzeugen, in einer Kooperative zu ar-
beiten anstatt bei irgendwem angestellt zu sein.

Wir wissen natürlich alle, dass Kollektive diese Art der emanzipato-
rischen und libertären Praxis haben, wie dass es keine Chef*innen
gibt, und das bedeutet auch viel Verantwortung und in vielen Fällen
Selbstausbeutung, und sogar manchmal mehr als in normalen Jobs.
Es ist also riskant, weil wenn du für eine*n Chef*in arbeitest, dann
ist das einzige Risiko, das du trägst, dass du entlassen wirst oder, dass
er*sie dir einen Monatslohn nicht gibt. Dafür kannst du jederzeit ein-
fach weggehen und einen anderen Job suchen. In einer Kooperative
riskierst du alles, du bist der Boss, du musst dich um alles kümmern.
Wir mussten feststellen, dass es nicht so viele Leute gibt, die mo-
mentan bereit dafür sind. In diesem Kontext, aus dieser Perspektive
scheint es einfacher zu sein, für jemand anderes zu arbeiten, weil
du dann nicht verantwortlich bist, und nicht darüber nachdenken
musst, wie sich alles entwickelt .
..
Ich habe noch eine Frage... Mir wäre es lieber, wir müssten solche Fragen
nicht stellen, aber wir leben in komischen Zeiten und naja ... Wir würden
gerne wissen, ob ihr Sachen veröff entlicht wie sogenannte anarcho-kapi-
talistische oder anarcho-nationalistische Sachen, oder nicht.

Nein, das tun wir nicht, weil wir nicht denken, dass Anarcho-Kapi-
talismus... es ist ein Widerspruch in sich, das gibt es nicht. Genau-
so wie Anarcho-Nationalismus. Wir bringen nichts heraus, was mit
solchen Th emen zu tun hat, denn viele unserer Leute, die Mehrheit
unserer Mitglieder sind Anarcho-Kommunist*innen oder Anarcha-
Feminist*innen. Also teilen wir diese Ideen grundsätzlich nicht, die
versuchen Dinge zu kombinieren oder Nationalismus - oder Kapita-
lismus - besser aussehen zu lassen, als er für gewöhnlich ist. Also,
nein, das steht für uns außer Frage.

Gibt es noch irgendwas, das du hinzufügen willst, über das wir bis jetzt
noch nicht gesprochen haben?

Ja, schon... Ich weiß nicht, ob es wichtig ist, aber eine Sache über die
wir bis jetzt nachgedacht haben, ist der Umstand, dass wir diesen
Aufruf unter ausländischen Genoss*innen verbreiten müssen. Wir
fühlen uns echt unwohl mit der Tatsache, dass Leute außerhalb Russ-
lands sich mehr für das Projekt interessieren als russischsprachige,
weil bis jetzt wirkt es so als würden sich mehr Genoss*innen von
außerhalb damit auseinandersetzen als derzeit russischsprachige,
die das Buch sehen, es lesen würden, und es wirklich brauchen. Für
uns ist es prinzipiell eine große Entscheidung ob... nun, wie wir aus
dieser Art von Abhängigkeit der ausländischen Unterstützung her-
auskommen, weißt du. Und es ist immer ein Zwiespalt für uns, ob wir
ernsthaft weiter machen sollen mit diesem Projekt, dass unsere eig-
nen Genoss*innen, die uns persönlich kennen, manchmal nicht ver-
stehen, es nicht für unterstützenswert halten. Nicht weil sie das Buch
nicht mögen, sondern weil sie irgendwie diese Einstellung haben,
dass anarchistische Bücher umsonst für alle sein müssen. Sehr viele
Leute hängen dieser Idee an, dass etwas, das von Anarchist*innen ge-
macht wurde, umsonst gemacht werden muss, nicht bezahlt werden
darf, und Menschen verstehen nicht, dass wir auch in der Welt des
Kapitalismus leben und dass Menschen noch immer irgendwie über-
leben müssen, und selbst wenn wir nicht für den Job bezahlt wer-
den, irgendwer diese Geld zumindest für die Druckkosten aufb ringen
muss. Im Grunde denke ich, dass dieses Crowdfunding noch immer
eine unterentwickelte Praxis in Russland darstellt, weil viele Men-
schen einfach nicht begreifen, warum sie helfen müssen, weshalb
ihre Hilfe notwendig ist. Faktisch ist es so, dass mit dem Verbreiten
dieses Aufrufs machen wir etwas, das wir nicht so gern haben, näm-
lich dass Menschen von außerhalb mehr Interesse an einem Buch
zeigen, das sie nie lesen werden, als die Leute, die unsere eigentliche
Zielgruppe sind.

Ok, kannst du uns noch den Namen von dem Blog sagen, und wie
Leute euch erreichen können?

Klar. Der Name des Blogs lautet emmagoldman.be. Die Seite ist auf
Russisch, aber es gibt Übersetzungen des Spendenaufrufs in vier
Sprachen: Englisch, Deutsch, Russisch und Spanisch. Wir laden euch
also ein zum Herumsurfen und mehr Informationen auf dem Blog zu
lesen, wo wir beschreiben, warum wir das brauchen, worüber das
Buch handelt, welche Bücher wir bisher veröffentlicht haben und wie
ihr uns abgesehen von Geld unterstützen könnt. Und wenn ihr noch
russischsprechende Menschen kennt, könnt ihr sie mit dem Blog be-
kannt machen, so dass sie ihn auch lesen können und unter sich und
ihren Freund*innen verbreiten können.

Vielen Dank.

Weitere Infos

Projekt-Website: emmagoldman.be
E-Mail des Verlags: rtp at riseup.net

Spendenkonto in Deutschland:
Inhaber*in: Alarm e.v
Bank: Sparkasse Offenburg
Betreff (unbedingt angeben!): Belarus. Moscow Radical Theory &
Practice
IBAN: DE26 6645 0050 0004 8736 51
BIC: SOLADES1OFG

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