(de) FDA-IFA, Gai Dao #52 - Auszüge aus dem "Anarchistischen Wörterbuch" Teil 3: Kapital und Arbeit Von: Marcos Denegro

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Tue May 19 11:47:00 CEST 2015


In loser Reihenfolge veröffentlichen wir an dieser Stelle ein paar Auszüge aus dem 
"Anarchistischen Wörterbuch". Der dritte Teil beschäftigt sich mit Begriffen aus dem 
Themenkomplex "Kapital und Arbeit". Ergänzende Anmerkungen und Zitate dazu können im Buch 
selbst nachgelesen werden. ---- Akkumulation ---- Anhäufen von Kapital durch Ausbeutung 
menschlicher Arbeitskraft und natürlicher Ressourcen. Die Anhäufung des Kapitals auf der 
einen Seite führt andererseits zur Verarmung der Arbeiter*innen, wodurch diese permanent 
gezwungen sind ihre Arbeitskraft zu verkaufen. ---- Arbeit ---- Allgemein eine Tätigkeit, 
deren Zweck es ist, die eigene Existenz zu sichern sowie der Reproduktion der Arbeitskraft 
dient. Darunter fallen die Lohnarbeit, Hausarbeit und Erziehungsarbeit. Arbeit unterliegt 
meist äußeren Zwängen, z.B. Gelderwerb zur Lebenssicherung, und
wird meist nicht aus Freude an einer konkreten Tätigkeit verrichtet.
Arbeit ist durch diesen Zwangscharakter somit auch ein Mittel zur
(Selbst-)Disziplinierung der Menschen. Anarchist*innen vertreten
häufig die Ansicht, dass Arbeit entfremdet und sie somit anders
organisiert werden müsste, und zwar von denen, die daran beteiligt
sind. Zur Art und Weise der Organisierung gibt es verschiedene
Modelle (u.a. mutualistisch)

Arbeiter*innenbewegung

Mehr oder weniger organisierter Zusammenschluss abhängig
Beschäftigter, bzw. Menschen, die von Lohnarbeit oder deren
Ersatzleistungen abhängig sind.

Arbeiter*innenklasse

Auch Proletariat genannt. Ursprünglich ein marxistisch geprägter
Begriff, unter dem Menschen gefasst werden, die von Lohnarbeit bzw.
deren Ersatzleistungen abhängig sind sowie Selbstständige. Als
Angehörige der Arbeiter*innenklasse werden allerdings nicht immer
automatisch "Arbeiter*innen" an sich gesehen, sondern oftmals auch
ein Bewusstsein dazu vorausgesetzt.

Ausbeutung

Der Begriff bezieht sich in erster Linie auf die erzwungene Aufbringung
der eigenen Arbeitskraft für andere. Der Zwang wird meist nicht mehr
direkt ausgeübt, sondern ergibt sich aus dem Umstand, dass die meisten
Menschen ihre Arbeitskraft veräußern müssen, um am täglichen Leben
teilhaben zu können, da sie selbst über keine Produktions- und
Lebensmittel verfügen. Das führt dazu, dass diese Arbeitsleistung
fremdes Eigentum schafft, über das die Arbeiter*innen nicht selbst
verfügen können. Oftmals wird der Begriff auch nur für besonders
miese Arbeitsbedingungen und schlecht bezahlte Jobs verwendet. Als
Ausbeutung wird zudem auch das (rücksichtslose) Ausnutzen von
Tieren und der Natur bezeichnet.

Besitz

Beschreibt Dinge zum direkten, eigenen Gebrauch. Nach Proudhon
können auch Produktionsmittel sowie Land und Boden zum Besitz
werden, jedoch nur, wenn sie selbst genutzt werden. Andernfalls wäre
es Eigentum

Décroissance

Meist als Wachstumsrücknahme übersetzt. Wird oftmals auf die
sozialen und ökologischen Folgen von wirtschaftlichem
Wachstum(szwang) angewandt und fordert einen sorgsameren und
nachhaltigen Umgang mit den Ressourcen der Erde. Weitergedacht wird
bei Décroissance auch der kapitalistische Verwertungsprozess an sich
kritisiert, wonach alles in Wert und Ware gewandelt und gehandelt
wird, zum Zwecke der Produktions- und Profitsteigerung.

Eigentum

Eigentum bezeichnet im Allgemeinen das alleinige Verfügungsrecht
über eine Sache und unterscheidet sich dadurch vom Besitz. Der*die
Eigentümer*in kann demnach den Zugang dazu regeln, es vermieten
oder verpachten, es verändern, zerstören usw. Eigentum kann alles
Mögliche sein: Land und Boden, Rohstoffe, Maschinen und Tiere,
Häuser und Wohnungen, durch menschliche Arbeit erzeugte Produkte
sowie Wissen. Zuweilen beschreibt das Eigentum auch (nur) den
Umgang mit z.B. Produktionsmitteln oder Land und Boden. Danach
wäre es Eigentum, wenn Grund und Boden nicht selber genutzt
sondern verpachtet würden, oder wenn Produkte, die von
Arbeiter*innen hergestellt werden, nicht ihnen gehören und sie auch
nur einen Teil des Verkaufspreises als Lohn erhalten. In diesem
Zusammenhang kann auch der Ausspruch Proudhons "Eigentum ist
Diebstahl" gesehen werden.

Freiwirtschaft

Bezeichnet eine Wirtschaftsform, die sich in erster Linie gegen Zins und
Zinseszins richtet, die als ungerecht empfunden und als die Wirtschaft
lähmender Umverteilungsprozess des Geldvermögens angesehen
werden. Die Grundpfeiler sind Freiland - also Land, auf das keine
Grundrente erhoben wird, Freihandel - also der grenzüberschreitende
und zollfreie Handel, sowie das Freigeld. Freigeld (auch Schwundgeld
genannt) bezeichnet ein Zahlungsmittel, welches mit einem negativen
Zins behaftet ist, also an Wert verliert. Dadurch soll ein Anhäufen
verhindert und der Geldumlauf und damit die Wirtschaft gesichert
werden. Die Freiwirtschaft ist bei Anarchist*innen umstritten.

Kapital

Bezeichnet alle an der Produktion beteiligten und eingesetzten Mittel
wie Geld, Maschinen, Arbeitskraft, Rohstoffe, Wissen usw., also Wert,
der sich wiederum durch Arbeit, Produktion und Handel vermehren
soll. Kapital ist in den meisten Gesellschaften jedoch recht ungerecht
verteilt, da es eng mit dem Besitz von Privateigentum verbunden ist.

Kapitalismus

Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung, die in erster Linie die
Maximierung des Profits - also die Schaffung von Mehrwert bzw.
Vermehrung des Kapitals - verfolgt. Vereinfacht formuliert bedeutet
dies, aus Geld noch mehr Geld zu machen. Deshalb orientiert sich die
Produktion im Kapitalismus weniger an den Bedürfnissen der
Menschen, sondern vor allem an Profitinteressen, was eine Ausrichtung
von Mensch und Natur auf ihre Verwertbarkeit zur Folge hat. Der
moderne Kapitalismus ist ein selbsttragendes Herrschaftssystem auf der
Grundlage des kapitalistischen Marktes, dem sich die Menschen durch
das Zusammenspiel von Produktion und Konsumtion unterwerfen.
Dabei stehen die Menschen im permanenten Wettstreit und Konkurrenz
zueinander. Grundlage des Kapitalismus ist eine von Staat und seinen
Organen geschützte Ordnung des Privateigentums, was die
Voraussetzung für die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen
bildet

Klasse

Soziale Gruppe von Menschen, die den gleichen gesellschaftlichen Rang
aufweist und eine ähnliche Verfügungsmacht über Güter und
Dienstleistungen hat, aufgrund von Eigentum oder ihrer eigenen
Verwertbarkeit durch z.B. Lohnarbeit. Ging der traditionelle
Klassenbegriff noch von einer Aufteilung in zwei Klassen (Bourgoisie
und Proletariat) aus, erscheint dies unter heutigen wirtschaftlichen
Gegebenheiten nicht mehr so leicht möglich (Wohin gehören z.B.
angestellte Manager*innen oder prekäre Selbstständige?). Die
Zugehörigkeit zu einer Klasse setzt i.d.R. auch ein entsprechendes
Bewusstsein voraus. Am deutlichsten wird die Zugehörigkeit jedoch im
Klassenkampf.

Klassenkampf

Kollektiver Kampf, mit dem die jeweilige soziale Gruppe, also Klasse
versucht, ihre gemeinsamen Interessen geltend zu machen, z.B. kürzere
Arbeitszeit, mehr Lohn. Auch wenn Kapitalist*innen ihre Interessen im
Klassenkampf vertreten, ist darunter vor allem der Kampf um die
Interessen der Arbeiter*innen zu verstehen.

Lohnarbeit

Verkauf bzw. Tausch der eigenen Arbeitskraft gegen Geld, die dabei zur
Ware wird und den Menschen verdinglicht ("sich verdingen"). Die
Lohnarbeit, auch das Konzept von Arbeitsscheinen, wie es von
Mutualist*innen und Kollektivist*innen vertreten wird, wird von
kommunistischen Anarchist*innen kritisiert. U.a. weil es eine
Wertbildung voraussetzt und ein in jeder Hinsicht gerechter Tauschwert
nicht möglich ist.

Mehrwert

Die Differenz zwischen Verkaufspreis und Produktionskosten, vor allem
der Lohnkosten, kann als Mehrwert bezeichnet werden. Gerade der
durch Arbeit hinzugefügte Wert, der über dem Wert der Arbeitskraft
liegt, trägt zur Bildung des Mehrwerts bei.

Mutualismus

(lat. mutuus: "gegenseitig, wechselseitig", franz. mutuellisme von
mutuel)

Gesellschaftsordnung auf der Grundlage freiwilliger Abkommen, dem
Prinzip der Gleichheit und der gegenseitigen Hilfe und Solidarität.
Pierre-Joseph Proudhon, der als Gründer des Mutualismus gilt, forderte
eine Gesellschaft, die sich auf genossenschaftlichen Gruppen freier
Individuen gründen sollte. Großeigentum soll dabei auf
Kleinproduzent*innen verteilt, und sog. arbeitsloses Einkommen wie
Zins, Pacht und Miete abgeschafft werden. Der Austausch der Güter
soll auf Basis von Arbeitswerten erfolgen und die Vergabe von
zinsfreien Krediten über eine Volksbank geregelt werden. Verwand ist
dem Mutualismus der Föderalismus als Organisationsprinzip.

Reproduktion

Wiederherstellung und Erhaltung der materiellen
Produktionsbedingungen und Produktionsverhältnisse. Darunter fallen
also auch die Erhaltung der eigenen Lebensumstände und der
Arbeitskraft (Essen, Wohnen, Urlaub, ...)

Ursprüngliche Akkumulation

Beschreibt in erster Linie eine historische Phase der gewaltsamen
Aneignung von Grund und Boden, die dadurch die Grundlage der
Trennung der Produzent*innen von den Produktionsmitteln, und somit
der Ausbeutung des Menschen schafft. In Gebieten, die sich der
Kapitalismus neu erschließt, ist dieser Prozess nach wie vor im Gange.

Verelendung

Durch eine ungleiche Verteilung innerhalb des Kapitalismus führt der
Reichtum bei den einen zur Verarmung der anderen. Zu unterscheiden
sind hierbei zum einen die Relative Verelendung. D.h. der
Lebensstandard der Kapitalist*innen steigt schneller, als der der
Arbeiter*innen; z.B. wenn sich der Gewinn eines Unternehmens
verzehnfacht hat, die Löhne im gleichen Zeitraum aber nur um 5%
gestiegen sind. Zum anderen die Absolute Verelendung. Das bedeutet,
dass der reale Verdienst/Lohn gesunken ist.

Verkürzte Kapitalismuskritik

Anstelle einer Kritik des Kapitalismus als einem Prinzip der
Profitmaximierung in allen Bereichen, wird hier vor allem der
Finanzsektor, als unproduktiver Bereich angeprangert. Im Fokus stehen
dabei die angeblich so gierigen und skrupellosen Banker*innen und
Manager*innen. Aufgrund der Unterteilung in gutes (produktives
Kapital) und schlechtes (Finanzkapital) sowie einer versuchten
Personalisierung kapitalistischer Vergesellschaftung, ist eine verkürzte
Kapitalismuskritik meist (strukturell) antisemitisch geprägt.

Wert

Der Wert eines Gegenstandes besteht aus dem Gebrauchswert und dem
Tauschwert. Die Höhe des Tauschwerts wird im Kapitalismus durch die
im Gegenstand enthaltene Arbeitszeit sowie durch die Marktgesetze
von Angebot und Nachfrage bestimmt. Erst durch den Tauschwert wird
ein Gegenstand zur Ware; der Wert dieser Ware in Geldform
ausgedrückt ist der Preis. In einer kapitalistischen Gesellschaft wird
allerdings versucht, nicht nur Produktionsgegenstände oder
Dienstleistungen, sondern nahezu alle gesellschaftlichen Verhältnisse in
Wert auszudrücken. Der Wert stellt die Grundlage des kapitalistischen
Prinzips der Profitmaximierung dar: Ohne Wert kein Profit.

Wertkritik

Die Wertkritik ist eine Denkweise, die in erster Linie auf der Grundlage
der Marx'schen Kritik der politischen Ökonomie beruht, wonach das
gesamte gesellschaftliche Leben sich in Wert und Ware ausdrückt. So
wird in der Wertkritik nicht nur die Ausbeutung bzw. Abschöpfung des
Mehrwerts kritisiert, sondern bereits die Wertbildung als Grundlage des
kapitalistischen Prinzips der Wertvermehrung oder einfacher formuliert
aus Geld mehr Geld zu machen. Im Gegensatz zu orthodoxen
Marxist*innen kritisieren Wertkritiker*innen daher die (Lohn-)Arbeit
und somit auch die Arbeiter*innenklasse an sich als Teil der
kapitalistischen Verwertungslogik. Einen praktischen Ausdruck findet
die Wertkritik in der Umsonstökonomie.

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Weitere Infos:

Marcos Denegro / Anarchistische Föderation Berlin [AFB]
Anarchistisches Wörterbuch!
Eine Orientierungshilfe durch den Begriffsdschungel anarchistischer
und emanzipatorischer Bewegungen!
144 Seiten, 12,80 Euro, ISBN 978-3-942885-47-8


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