(de) FDA-IFA, Gai Dao #52 - Ein Bericht über AFem2014 Von: Claire (ein*e Organistor*in und Mitglied der britischen Anarchistischen Föderation) / Übersetzung und Anmerkungen: Leo

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Mon May 18 13:17:20 CEST 2015


Vorwort der Redaktion: Mit diesem Bericht und dem im Anschluss darauf folgenden Infotext 
wollen wir den Anfang für eine Artikelreihe zur Anarcha­Feministischen Konferenz 2014 in 
London (AFem2014) machen. In den nächsten Gaidao­Ausgaben werden weitere Berichte zu 
AFem2014 und der Bedeutung dieser Konferenz für die anarchistische Bewegung folgen. Es 
sollen aber auch inhaltliche Mitschriebe und Auswertungen zu den Workshops veröffentlicht 
werden sowie weitere Texte, die sich mit anarcha­ feministischen Themen beschäftigen. ---- 
Was die Besucherzahl betrifft, waren es ca. 400 Leute. Die überwiegende Mehrheit waren 
Einzelpersonen und Leute, die in Kollektiven arbeiten, entweder als Anarcha-Feminist*innen 
oder Aktivist*innen, die sich mit sexistischer Unterdrückung beschäftigen.

Als offizielle Gruppen aus dem Vereinten Königreich (UK) nahmen lokale und 
föderationsweite Gruppen der britischen Anarchistischen Föderation teil, der Solidarity 
Federation (IWA) (1), die "Sex Workers Open University" (2) sowie die feministische 
Bibliothek.

Offizielle Gruppen aus dem Ausland waren Workers Solidarity
Movement (Irland) (3), Black Rose (USA) (4) und IWA (Polen) (5). Von
der IFA (6) waren die italienische Föderation, die deutschsprachige,
slowenische und französischsprachige Föderation vertreten; über Skype
eine iranische Gruppe im Exil, eine US-Amerikanische von Black Rose
und jemand von La Alzada (7) in Chile; und natürlich die
Spanier*innen, welche so viel zu dem Treffen beitrugen, an welchem sie
teilnahmen.

Einzelpersonen aus anderen Ländern kamen aus den USA, Kanada,
Irland, Deutschland, Frankreich, den Niederlanden, Schweden, Polen,
Tschechien, Brasilien und Australien.

Was die Kontakte betrifft gibt es enge zwischen der britischen
Anarchistischen Föderation und Black Rose. Und wir besprachen mit
der IWA UK und Polen auf einem gemeinsamen Treffen den
Konferenzort. Die Organisierenden bezeichnen sich beinahe alle als das,
was wir soziale Anarchist*innen nennen, würde ich sagen. Sie sind
großartige Gefährt*innen und die britische Anarchistische Föderation
will sicherlich wieder mit ihnen zusammenarbeiten. Aber wir werden
eine Unterstützungsstruktur für uns aufbauen müssen.

Auf unserem Webblog und der Facebookseite kannst du Links zu
Überlegungen von den Organisierenden finden sowie Aufschriebe zu
Veranstaltungen, die am Tag der Konferenz stattfanden und
Nachbereitungsartikel. Dies alles umfasst Berichte von/über:

o Black Rose (LA und Chicago), die jeweils einen ausführlichen Bericht verfasst haben
o Accountability-Verfahren
o Disability-Treffen (8)
o Safer spaces (9)
o People of Colour
o der Offenen Universität der Sexarbeiter*innen

Wir sind immer noch dabei zu entscheiden was wir in Zukunft tun
wollen. Wir werden nicht noch einmal in der Lage sein so etwas großes
im Vereinten Königreich zu organisieren.

o Es war zu viel Arbeit für nur wenige Leute (tatsächlich waren
wir ca. 20 Organisierende sowie weitere, die am Tag selbst
mitgeholfen haben). Dies sieht nach ziemlich vielen aus, aber wir
hatten zuvor noch nie zusammengearbeitet und mussten sehr viel
Zeit aufwenden für den Aufbau von Strukturen, die sowohl
funktional als auch gleichberechtigt sein sollten. Wir arbeiteten jede
Woche viele Stunden, indem wir unsere Erwerbsurlaubszeit
aufbrauchten, und andere anarchistische Aktivitäten litten
darunter. Einige Leute zogen sogar extra ins Vereinte Königreich
um bei der Organisation zu helfen!

o Es war auch eine extrem anstrengende und stressige Erfahrung
für die Organisierenden. Wir mussten uns mit ganz schön viel
Kacke beschäftigen. Und obwohl wir froh sind, dass die
Rückmeldungen fast durchweg positiv ausfielen, mussten wir uns
vorab und am Tag selbst mit Angelegenheiten auseinandersetzen
wie Rechtfertigungen von Vergewaltigung, Transphobie,
Prostituiertenfeindlichkeit, Ageism (10), Islamfeindlichkeit,
Rassismus und Sexismus, noch mehr Rechtfertigungen von
Vergewaltigungen und einige einfach offensichtlich fiese Leute zu
verschiedenen Zeiten. Aber allgemein betrachtet verdarb dies nicht
die ganze Veranstaltung. Es wirkte sich nur schlecht auf die
Organisierenden aus, dass einige andere Leute sich verhalten als
"besäßen" sie Anarcha-Feminismus. Teilweise waren es Leute, die
seit mehreren Jahren in der Bewegung sind.

o Alles in allem kostete es ca. 3500 britische Pfund. Wir
beschafften eine Menge Geld durch die Homepage und Spenden
von Organisationen. Aber wir können diese Summe nicht jedes Jahr
auftreiben.

Deshalb ist unser Ziel unsere Kontakte zu nutzen um beim Aufbau
kleinerer Veranstaltungen zu helfen und diese für uns selbst zu starten.

Es gab Veranstaltungen und Treffen, welche von AFem ausgegliedert
wurden oder durch AFem wahrscheinlicher gemacht wurden:

o Black Rose (LA und Chicago) schreiben jeweils einen
ausführlichen internen Bericht und veranstalten jetzt eine Reihe
regionaler Austauschveranstaltungen, welche sowohl Bericht
erstatten von AFem, als auch Ausgangspunkte für Diskussionen
und Debatten über die Definition und Praxis von
AnarchaFeminismus sein sollen. Einige von Black Rose gehen
gerade nach Chile um mit La Alzada zusammenzuarbeiten.

o Black Rose Portland arbeitet gerade an einer ausführlichen
Broschüre über Accountability-Verfahren.

o Lokale Anarcha-Feminist*innen verfügen über eine engere
Vernetzung und neue Gruppen wurden aufgebaut in Städten wie
beispielsweise in Bristol "Bored of Patriarchy" (11).

o Viele anti-authoritäre feministische Gruppen haben sich mit
AFem vernetzt, wie du auf unserer social media Seite sehen kannst.

o Es gab ein daran angeschlossenes Treffen für Transangelegenheiten beim Peace News Camp

o Es gab Treffen bei regionalen Buchmessen.

o Anarcha-Feminismus wurde selbstbewusster in allgemeinere
feministische Veranstaltungen eingeführt, zum Beispiel bei "Reclaim
the Night" und beim "Ladyfest".

o Eine anarcha-feministische Veranstaltung fand in der Ukraine
statt - "Good Night Machos" - es könnte einen Zusammenhang
geben - oder auch nicht. Wir sind uns darüber nicht sicher.

Was wir hätten tun sollen/können, aber nicht taten.
Wahrscheinlich viele Dinge, einschließlich:

o Wir haben uns um Benachteiligungsaspekte nicht so gut
gekümmert wie wir gekonnt hätten. Zum Beispiel haben wir keine
Ausdrucke in groß gedruckter Schrift bereit gestellt.

o Wir haben kulturelle Aneignung nicht gut genug im Voraus
angesprochen. Es gibt eine Menge Problemstellungen. Zum Beispiel
mögen einige People of Colour weiße Leute nicht, die Dreadlocks
tragen. Aber sollten die Organisierenden vorschreiben wie sie ihre
Haare tragen sollen?

o Wir hätten sowohl einen Ruheraum haben sollen, als auch
einen Raum für Leute, welche in Ruhe reden oder Konflikte klären
wollen.

o Wir hatten "Food not Bombs" (12), aber sie waren nicht in der
Lage jede Person mit Essen zu versorgen.

Alles in allem war es eine gelungene Veranstaltung und, so hoffen wir,
ein Wendepunkt für Anarcha-Feminismus innerhalb unserer Bewegung
und innerhalb einer breiteren Gesellschaft.

Endnoten:

(1) übersetzt "Solidaritäts-Föderation", ein Zusammenschluss revolutionärer 
Gewerkschaftsinititativen

(2) übersetzt "offene Universität der Sexarbeiter*innen"

(3) übersetzt "Bewegung der Arbeitersolidarität", versteht sich als anarcho-kommunistisch

(4) übersetzt "Schwarze Rose"

(5) IWA = International workers assoziation, übersetzt "Internationale 
Arbeiter*innen-Assoziation", Zusammenschluss von anarcho-
syndikalistischen Organisationen weltweit

(6) IFA = Internationale der anarchistischen Föderation,
strömungsübergreifender weltweiter Zusammenschluss von
anarchistischen Föderationen

(7) La Alzada ist eine feministische, libertäre Gruppe

(8) disability kann im deutschen u.a. die Bedeutungen "Behinderung"
(allgemein und speziell körperlich/geistig), aber auch "Benachteiligung"
haben

(9) safer space: 'sichererer', geschützterer Raum; bezieht sich hier auf
diskriminierungskritische Praxis. Beispielsweise kann ein Raum
geschützt, bzw. geschützter als andere, vor rassistischer
Diskriminierung sein, wenn er privilegierte weiße Menschen
ausschließt
(10) Ageism , in etwa "Altersdiskriminierung" übersetzt, bedeutet
Benachteiligung aufgrund des Lebensalters

(11) übersetzt in etwa "vom Patriarchat gelangweilt"

(12) Food not bombs-Gruppen sind eine weltweite Bewegung von
Gruppen, die nicht mehr verkäufliche Lebensmittel sammeln und
daraus vegetarisches oder veganes Essen zubereitet


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