(de) FAU-IAA: Direct Aktion #228 - Die langsame Revolution

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Fri May 15 08:57:23 CEST 2015


Bejahte Vielfalt in einem Band ---- "Das Problem ist, wenn gesellschaftliche Verhältnisse 
Leute in Positionen rücken, wo sie sich wichtigmachen können, ohne irgendwas zu sagen zu 
haben oder je nach ihrer Meinung gefragt worden zu sein." (Gabriel Kuhn) ---- Soziale 
Bewegungsmenschen haben uns viel zu sagen. Anders als die hier treffend beschriebenen 
institutionalisierten Autoritäten. Statt der gleichförmigen Spruchblasen vermitteln sie 
tiefe Einsichten. Bunt, voller Lebendigkeit. Innehalten? - Ja! Zweifeln? - Ja! Fragen? - 
Ja! Doch niemals resignierend! Was sie antreibt? - Das menschliche Bedürfnis nach 
Freiheit, der Drang nach sozialer Gerechtigkeit. ---- AUS WUT WIRD ENERGIE ---- Ihre oft 
anfängliche Wut wurde zur Energie. Zur treibenden Kraft, die Dinge nicht länger einfach 
nur hinzunehmen, sondern sich einzumischen. Das erfordert auch Mut. Denn staatliche 
Repression hat viele Facetten. Das wird nicht zuletzt hier deutlich.

Bernd Drücke und andere haben eine ganze Reihe dieser Bewegungsmenschen interviewt. Nicht 
mit distanzierten Fragen, sondern unter Einbringung der eigenen Person, eigener 
Standpunkte. Bisweilen auch provokant, unbequem, kritisch hinterfragend. Darin liegt die 
Besonderheit, das macht dieses Buch erst so lebendig. Zu Wort kommen darin die 
Öko-Aktivistin Franziska Wittig, die feministische Bloggerin Antje Schrupp, die 
französische Kletteraktivistin Cécile Lecomte, der Liedermacher Konstantin Wecker, der 
Comiczeichner Gerhard Seyfried, die Zeichnerin Ziska Riemann, der emeritierte 
Politikprofessor Wolf-Dieter Narr, der russische Anarchismusforscher Vadim Damier, der 
ehemalige DDR-Bürgerrechtler Wolfgang Rüddenklau, der Verleger Jochen Schmück, der 
Umweltaktivist und Arzt Michael Wilk, der Projektanarchist Bernd Elsner, die Soziologen 
Luz Kerkeling und Bernd Drücke sowie die österreichischen Anarchisten Gabriel Kuhn und 
Sebastian Kalicha.

JA! ANARCHISMUS

"Anarchismus Hoch 2" knüpft nahtlos an den 2006 ebenfalls vom 
Graswurzelrevolution-Redakteur im Karin Kramer Verlag herausgegebenen Interviewband "Ja! 
Anarchismus" an, dessen Titel zum Credo so mancher LeserIn geworden sein dürfte. Dies gilt 
nicht weniger für den aktuellen Band. Denn die Idee wirkt immer wieder ansteckend.

Selbstermächtigung, das Ringen um Würde, gelebte Solidarität - das sind zentrale 
Stichworte jener oft geschmähten Bewegung, die das logischste, machbarste und 
lebensbejahendste Prinzip gesellschaftlichen Zusammenlebens zu verwirklichen sucht. Und, 
nebenher bemerkt: Auch das ökologisch verträglichste!

STETE ERNEUERUNG

Umwelt, Antimilitarismus, Feminismus, Wissenschaft und Kultur sind einige der großen 
Themenfelder, denen sich der Anarchismus als Bewegung mit gesamtgesellschaftlicher 
Perspektive zuwendet. Sie alle finden ihre Entsprechung in diesem Band. Gemessen daran 
rückt hier allein der betriebliche Ansatz doch sehr in den Hintergrund. Das tut der Sache 
zwar keinen Abbruch, schmälert nicht den Gewinn, mit dem die einzelnen Interviews zu lesen 
sind. Und dennoch gäbe es auch hierzu einiges zu sagen. Erst recht, wenn in einem solchen 
Interview auch das Spannungsverhältnis zwischen Tradition und Erneuerung im 
Anarchosyndikalismus etwas näher beleuchtet werden würde. "Anarchismus Hoch 2" fokussiert 
klar auf die Gegenwart des Anarchismus. Hierin liegt seine Stärke. Denn genau darum geht 
es: Traditionen mögen als positiver Bezugspunkt wichtig sein. Am Ende kommt es jedoch 
darauf an, sich zu jeder Zeit den jeweiligen Realitäten zu stellen, zeitgemäße Antworten 
zu finden. Sich zu öffnen, offen zu bleiben. Nur auf diese Weise kann Anarchismus 
attraktiv werden, wird er künftig mehr Menschen erreichen und begeistern, als das 
gegenwärtig noch der Fall ist. Denn die Grundidee ist gut. Aber sie allein reicht eben 
nicht. Es bedarf authentischer, nicht zuletzt auch sympathischer TrägerInnen.

ZUVERSICHT UND HOFFNUNG

Nichts wirkt bei den Interviewten aufgesetzt. Denn die Antworten sind nicht allein 
Ausdruck des eigenen Engagements, sondern auch persönlicher Identität. Sie alle machen 
deutlich: Menschen haben oft eine Wahl. Es gilt nur, sich bewusst zu entscheiden. Ängste, 
Fehler, Zweifel werden dabei ebenso wenig ausgespart wie Zuversicht, Liebe und Hoffnung.

Eine dieser Hoffnungen ist besonders zu unterstreichen, denn sie hat die heutige Realität 
der Bewegung klar im Blick: "Ich möchte noch sehen, wie bei uns die mächtigen, realen 
Bewegungen entstehen, die die soziale Situation in meinem Land ändern werden." (Vadim 
Damier) Dafür gilt es heute zu wirken! Denn: "Man macht eine Revolution nicht für sich 
selbst, sondern für die Leute und mit den Leuten des Landes." (Wolfgang Rüddenklau) Dazu 
müssen wir die Menschen jedoch erst erreichen, dann gewinnen. Dieses Buch vermag einen 
wichtigen Beitrag dazu zu leisten.

Anarr

Bernd Drücke (Hg.): Anarchismus Hoch 2. Soziale Bewegung, Utopie, Realität, Zukunft. 
Interviews und Gespräche. Karin Kramer Verlag, Berlin 2014

240 Seiten, 24 Abbildungen, 18 Euro

ISBN 978-3-87956-375-3

https://www.direkteaktion.org/228/die-langsame-revolution


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