(de) FAU-IAA: Direct Aktion #228 - Nicht nur die Täter - das System entlarven!

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Thu May 14 15:41:10 CEST 2015


Ein Beitrag zur Debatte um "Sklaverei im Schweinegürtel" in Niedersachsen ---- Nach der 
Debatte um "Armutsmigration" entstand Ende 2014 eine Debatte um "arme Rumänen und 
Bulgaren" welche von "ominösen" Subunternehmen ausgebeutet werden. Doch in den 
Enthüllungsartikeln von Spiegel, FAZ und Zeit wird meist unterschlagen, dass es sich hier 
nicht um eine simple Opfer-Täter Geschichte handelt, sondern die Überausbeutung 
migrantischer Arbeitskräfte strukturell angelegt ist. ---- Um das zu verstehen, lohnt ein 
Blick auf die Schlachtbetriebe des sog. "Schweinegürtels"--- rund um das niedersächsische 
Oldenburg. Dank der viel beschworenen wie kritisierten "Europäischen Freizügigkeit" fährt 
Branchenriese "Danish Crown" hier große Profite ein und lässt sich dazu ArbeiterInnen aus 
Rumänien schicken. Sie werden ausschließlich über befristete Werkverträge angestellt und 
in einem weit verzweigten Netz von Unterkünften in den angrenzenden Dörfern untergebracht. 
Die meisten Unterkünfte haben lange keine Renovierung mehr erlebt und gleichen einer 
Kasernierung. So profitiert nicht nur das Unternehmen, sondern gleich noch die Region von 
den sonst nicht zu vermietenden Zimmern. Die Mieten werden direkt vom Lohn abgezogen. Des 
Weiteren wird für Schlachtwerkzeug und Arbeitskleidung eine weitere Gebühr vor Ausgabe der 
Lohntüte abgezogen. Der lange erstrittene Mindestlohn wird so ohne Probleme umgangen.

VON KRIMINELLEN PRAKTIKEN ZU EUROPÄISCHEN ERRUNGENSCHAFTEN

Dabei ist die jetzige Situation keine Erfindung des Neoliberalismus oder von "Danish 
Crown" - Ausbeutung hat hier Tradition. Den Fall des Eisernen Vorhangs und die großen 
Migrationsbewegungen aus Osteuropa machte sich der damals hier ansässige Fleischkonzern 
D+S schon bald zunutze. 1993 wurde bekannt, dass D+S ganze Schlachtkolonnen eingeschleust 
hatte, weder für Papiere noch Bezahlung sorgte und die ArbeiterInnen in völlig überbelegte 
Zimmer steckte.

20 Jahre später bekommt man bei einer Rundfahrt durch den "Schweinegürtel" den Eindruck, 
die Geschichte würde sich wiederholen. Nur müssen die heutigen Fleischkonzerne in der 
Region ArbeiterInnen nicht mehr illegal einschleusen - dies ist durch die Liberalisierung 
des europäischen Wirtschaftsraumes und die ökonomischen Zuspitzungen heute ganz legal.

MAL HETZEN, MAL AUSBEUTEN - NUR EIN SCHEINBARER WIDERSPRUCH

Wer so von der Freizügigkeit profitiert, schneidet sich doch buchstäblich ins eigene 
Fleisch, wenn mit Blick auf Migration aus Rumänien eine Einschränkung europäischer 
Freizügigkeit gefordert wird? Eben nicht, denn dabei wird bekräftigt, dass nun der 
produktive Migrant eine Funktion hat und eine an diese Produktivität gebundene 
Aufenthaltsberechtigung bekommt. Die angebliche "Bedrohung des Sozialstaates" hat selbigen 
weiter rassistisch limitiert. Wenn zusätzlich eine industrielle Reservearmee wartet, sinkt 
die Bereitschaft sich auf Kosten des eigenen Jobs zu wehren. Eine weitere Erschwernis 
stellt der Aufenthalt dar - denn das Freizügigkeitsrecht ist ein ökonomistisches 
Aufenthaltsrecht. Nur wer Vermögen oder Arbeit nachweisen kann, erhält die Erlaubnis 
länger als drei Monate in Deutschland zu bleiben. Gerade dieses schwierige Terrain macht 
es umso notwendiger, engagierte Gewerkschaftsarbeit mit antirassistischer Praxis zusammen 
zu denken, um auf politische Prozesse einzuwirken und nicht nur situative Verbesserungen 
zu erstreiten.

Lee Hielscher

https://www.direkteaktion.org/228/das-system-entlarven-sklaverei-im-schweineguertel


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