(de) FAU-IAA: Direct Aktion #228 - Italiens Krisengewinner

a-infos-de at ainfos.ca a-infos-de at ainfos.ca
Mon May 11 09:25:52 CEST 2015


CasaPound Italia - Mussolinis Erben ---- Während man sich hierzulande mit den Dumpfbacken 
von PEGIDA, NPD, Elsässer und Co. herumschlagen muss, sehen sich die AntifaschistInnen 
Italiens mit einer ganz anderen Herausforderung konfrontiert, die es in sich hat: Die 
junge, rechte Strömung CasaPound Italia ist laut Autor Heiko Koch nicht nur ein 
unverstaubter Propagandist des Faschismus. Sie lebt ihn bereits. Das ist auch an der 
deutschen Rechten nicht vorbei gegangen. Und so pilgern sie seit Jahren nicht nur gen 
Süden, um Urlaub zu machen. ---- Die wirtschaftliche und politische Krise Italiens hat es 
möglich gemacht: Die Kritik an einem vermeintlich schwachen Staat, der "sein Volk" nicht 
mehr ausreichend vor "Überfremdung" und "Fremdbestimmung" zu schützen weiß, findet 
zunehmend Anhang. Im Windschatten der alten, etablierten rechten Strukturen ist es der 
CasaPound gelungen, ein umfassendes Kulturprogramm auf die Beine zu stellen und somit, 
gleich einem trojanischen Pferd, in die Mitte der Gesellschaft vorzustoßen. 2003 besetzten 
Mitglieder verschiedener rechtsradikaler Gruppierungen ein leerstehendes Mietshaus in der 
Via Napoleone III in Rom und benannten es und sich nach dem amerikanischen Schriftsteller 
und Mussolini-Bewunderer Ezra Pound. In den Folgejahren wurden in insgesamt 30 Städten 50 
Büros eingerichtet, man besitzt eine eigene, täglich zu hörende Radiosendung, mehrere 
Rechts-Rockbands zählt man zu den eigenen Reihen. Allein in Rom existieren zehn 
Niederlassungen, eine eigene Buchhandlung, ein Restaurant, ein Modeladen und vier besetzte 
Zentren, so genannte "Centri soziale di destra". Ferner gibt es mehrere eigene 
Sportvereine und ein eigenes Theater, auf dessen Bühne ausschließlich Mitglieder der 
CasaPound agieren dürfen.

Selbst eine Gewerkschaft, die BLU (Blocco del Lavoratori Unitario), nennen sie ihr Eigen. 
Wobei diese wohl hauptsächlich im Internet existiert. "Sie tritt meist fernab der anderen 
Gewerkschaften und isoliert an die Öffentlichkeit. Es gilt im öffentlichen Raum eine 
faschistische und korporatistische Note zu setzen und zu versuchen, mit seinen Argumenten 
einen Fuß in die Tür der realen Auseinandersetzungen am Arbeitsplatz zu bekommen." (Heiko 
Koch, S. 71)

SchülerInnen und Studierende werden frühzeitig in der "blocco studentesco" organisiert. 
2009 nahmen diese an Wahlen in Rom teil, bekamen 11.000 Stimmen (28 Prozent der 
Stimmabgaben) und damit 100 Sitze im Schülerparlament. Sie protestierten gegen Kürzungen 
im Bildungssektor, Schließungen pädagogischer Einrichtungen, Entlassungen von Lehrkräften, 
die Eigenbeteiligung beim Erwerb von Lehrbüchern und allgemein gegen die Privatisierung 
des italienischen Bildungssektors.Und seit 2013 tritt CasaPound auch als Partei zu Wahlen 
an. Zurzeit kooperiert sie mit der immer weiter nach rechts außen marschierenden Lega Nord.

QUERFRONTSTRATEGIE

In der Gewinnung neuer MitstreiterInnen leistet ihnen auch die Vereinnahmung linker 
Kultursymbole ganze Dienste. Konterfeis vom Sub Marcos und Che Guevara finden sich ebenso 
auf CPI-Plakaten wie die von Proudhon und Pasolini. Links und rechts werden im 
Erscheinungsbild, teilweise aber auch in der politischen Themensetzung, vermischt, so dass 
für viele Außenstehende der tiefrechte Kern der Bewegung nur schwer auszumachen ist. Das 
ist laut Autor Heiko Koch durchaus beabsichtigt. Man verfolgt eine Querfrontstrategie, 
verzichtet medienbewusst auf einen "alten brachialen Stiefelfaschismus" und lehnt sich in 
dem Gebaren, kulturelle Hegemonie zu erlangen, an den linken Theoretiker Gramsci an. "Sich 
als neu, unabhängig, jenseits der bekannten Kategorien rechts und links, auszugeben, ist 
pure Rhetorik der Neuen Rechten ..." (Heiko Koch, S. 26).

Das Programm ist tatsächlich stramm rechts: Die "Feinde des Volkes", so die CPI, und damit 
die Feinde der CasaPound sind vornehmlich "Moderne" und "Globalisierung". Einwanderer und 
Finanzspekulanten würden auf Kosten der Nation ihr Unwesen treiben. Oberflächlich und nur 
vermeintlich revolutionär übt sich CasaPound in der Kritik der kapitalistischen Zustände. 
Denn abschaffen möchte man überhaupt nichts, nur das Eine oder Andere korrigieren. Schuld 
am vermeintlichen Niedergang der Nation ist wieder mal, und da sind sie dann doch wieder 
an ein paar verwirrte linke Position anschlussfähig, das Finanzkapital, das der Hebel 
einer mächtigen Elite sei, vornehmlich jüdischer WeltverschwörerInnen, Wallstreet und 
Freimaurerei. So sei auch die aktuelle Wirtschaftskrise nur ein "Komplott der Hochfinanz".

NATIONAL-REVOLUTIONÄRE SYNDIKALISTEN

"Bei der Synthese nationalistischer, royalistischer, klerikaler und syndikalistischer 
Kreise und Diskurse aus der Entstehungszeit der faschistischen Ideologie wird die Rolle 
syndikalistischer und anarchistischer Renegaten stark betont. Vor allem die 
syndikalistischen Vorreiter wie Georges Sorel und der "Circle Proudhon" finden immer 
wieder Erwähnung." (Heiko Koch, S. 135)

Im Februar 2010 besetzten CPI-Mitglieder symbolisch das FIAT-Center in Rom und 
protestierten gegen die geplante Umstrukturierung sowie Produktionsverlagerungen ins 
Ausland.Der Autor Heiko Koch, Mitbegründer und Autor verschiedener antifaschistischer 
Zeitungen, lebte selbst länger in Italien und hat sich ein umfassendes Bild der rechten 
Strukturen vor Ort machen können. Seine hier vorgelegte Recherche der CasaPound ist enorm 
aufschlussreich und hervorragend recherchiert. Lediglich bei der Ursachenforschung hätte 
Koch meines Erachtens tiefer gehen können.

Minou Lefebre

Heiko Koch: Casa Pound Italia. Mussolinis Erben. unrast Verlag, Münster 2013

13 Euro

ISBN 978-3-89771-536-3


https://www.direkteaktion.org/228/italiens-krisengewinner


More information about the A-infos-de mailing list