(de) FDA-IFA, Gai Dao: Block G7 - SMASH CapitalISM - Was ist eigentlich Kapitalismus? -- Eine kurze Einleitung zum besseren Verständnis des Systems und seiner Krisen Von: Föderation deutschsprachiger Anarchist*innen

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Sat May 9 11:01:43 CEST 2015


Unter dem Begriff Kapitalismus versteht man die Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung, die 
zurzeit in den meisten Teilen der Welt vorherrscht und weitergehend auch die 
Geschichtsepoche, in der wir leben. Die zentralen Instrumente stellen dabei das Recht auf 
Privateigentum, Geld als Tausch­mittel, um Privateigentum zu erwerben, und die 
Preisbildung für Güter über dezentral organisierte Märkte dar, mit dem (vorgeblichen) Ziel 
den größtmöglichen Wohlstand für "alle" zu schaffen. ---- Der Kapitalismus basiert auf der 
Annahme, dass alle Menschen Bedürfnisse haben, deren Befriedigung sie anstreben. Um diese 
zu befriedigen, sind die Menschen bereit, ihre Arbeitskraft auf dem Arbeitsmarkt 
Unter­nehmen anzubieten, um auf diese Weise Geld als Gegenleistung zu erhalten. Daher 
entsteht ein direkter Bedarf nach einem oder mehreren Gütern (in der Volkswirtschaftlehre 
nennt man mit Kaufkraft gedeckte Bedürfnisse Bedarf). Tritt dieser Bedarf direkt am Markt 
auf, d. h. wenn Menschen in den Supermarkt gehen und ein­kaufen, spricht man von Nachfrage.

Die Nachfrage nach Konsum- und Produktions-
gütern stellt zusammen mit dem Angebot die
Kernaspekte des kapitalistischen Wirtschafts-
leben dar. Denn das Zusammentreffen von An-
gebot und Nachfrage am Markt führt zur Preis-
bildung des jeweiligen Gutes. Was bedeutet, dass
ein Unternehmen eine bestimmte Menge eines
Produktes zu einem be­stimmten Preis auf einem
Markt anbietet, wird das Produkt zu diesem Preis
vom Nachfrager im er­hofften Maß abgenommen,
kann der Preis beibehalten werden. Wenn das
Produkt hingegen in einem schlechteren Maß
oder gar nicht abgenommen wird, muss der Preis
gesenkt oder sogar vom Markt genommen wer-
den. Lässt es sich besser verkaufen, kann der
Preis gehoben werden.

Diese Tatsache führt zu heftigen Konkurrenz-
kämpfen zwischen Unternehmen, die ähnliche
Produkte anbieten. Denn je günstiger ein Pro-
dukt angeboten werden kann, umso besser wird
es sich verkaufen. Daher werden die Produkti-
onsprozesse der Unternehmen etwa durch Auto-
matisierung im­mer weiter rationalisiert, um die
Produktionskosten zu senken. Dies hat jedoch
auch erhebliche Auswirkungen auf Nachfra-
gerseite, denn aufgrund der immer weiter fort-
schreiten Automatisierung gibt es generell schon
weniger Arbeitsplätze und die Anforderungen
an die Tätigkeiten der Arbeiter*innen sind sehr
hoch. Was im Endeffekt dazu führt, dass es auch
zur Konkurrenz der Arbeitnehmer*innen um die
Ar­beitsplätze kommt, die bereits in der Schule
beginnt.

Somit könnte man Schlussfolgern das der Kapi-
talismus zu einer egoistischen Leistungs- und
Kon­sumgesellschaft führt, da die höchste Priori-
tät - nämlich die Befriedung der eigenen Bedürf-
nisse durch Konsum ist -, allerdings steht diese
nur denen zu, die auch im Sinne des Arbeits-
marktes ver­wertbar sind. Alle anderen sind vom
gesellschaftlichen Leben nahezu ausgeschlossen.

Diese Definition des Kapitalismus spiegelt
nicht die Meinung oder das Verständnis der
Autor*innen wider, sondern soll lediglich die
Mechanismen erläutern. Aus Zeit- und Platz-
gründen verzichten wir an dieser Stelle (leider)
auf eine genaue Analyse und Kritik dieses un-
menschlichen Systems, welches unserer Ansicht
nach auf der Ausbeutung von Mensch, Tier und
Natur durch den Menschen zum Zwecke der Pro-
fitmaximierung beruht.

Warum dieses System nicht funktionieren kann und wer an der vorherrschenden Krise des 
Kapitals schuld ist:

Statt nach "Schuldigen" müssen wir nach den
systemischen Ursachen der Verschuldungsdyna-
mik suchen. Diese gigantischen Schuldenberge
sind in den vergangenen Jahrzehnten entstan-
den, weil sie notwendig waren, um den Kapita-
lismus überhaupt funktionsfähig zu erhalten.
Ohne Schuldenmacherei zerbricht das System an
sich selbst. Private und/oder staatliche Verschul-
dung stellt im zunehmenden Maße eine System-
voraussetzung dar, ohne die der Kapitalismus
nicht mehr reproduktionsfähig ist.

Wir müssen uns nur vergegenwärtigen, dass die
Kreditaufnahme eigentlich einen Wechsel auf
die Zukunft darstellt, bei dem Finanzmittel im
Hier und Jetzt zur Verfügung gestellt werden,
die erst später vom Kreditnehmer erwirtschaftet
und zurückgezahlt werden müssen. Und diese
Kredite werden ja für Investitionen, Bautätig-
keit oder Konsum aufgewendet. Somit schafft die
Verschuldung eine zusätzliche, kreditfinanzierte
Nachfrage, die stimulierend auf die Wirtschaft
wirkt.

Im Endeffekt ist es egal, ob der Staat, die private
Wirtschaft oder die Konsumenten sich verschul-
den: Gemeinhin stimuliert diese kreditgenerierte
Nachfrage die Konjunktur und führt zu weiterem
Wirtschaftswachstum. Ob nun der amerikani-
sche Staat neue Marschflugkörper ordert, in Spa-
nien zu Spekulationszwecken neue Ferienhäuser
gebaut oder in Osteuropa Konsumentenkredite
vergeben werden: All diese Aktionen generie-
ren Nachfrage, schaffen Arbeitsplätze und bele-
ben die entsprechenden Industriezweige. Wenn
die Verschuldungsdyna-
mik stark genug ist, dann
entsteht eine sogenannte
Defizitkonjunktur. Hierbei
handelt es sich um einen
Wirtschaftsaufschwung,
der durch das Anhäufen
von Schulden, also von De-
fiziten, getragen wird.

Der Kapitalismus als ein
Weltsystem kann ohne die-
se Defizitkonjunkturen und
die damit einhergehenden
Ungleichgewichte nicht
mehr funktionieren: Sobald
die - private oder staat-
liche - kreditgenerierte
Nachfrage wegbricht, setzt
eine sich selbst verstärkende Abwärtsspirale ein,
in der Überproduktion zu Massenentlassungen
führt, die wiederum die Nachfrage senken und
weitere Entlassungswellen nach sich ziehen.
Da der Finanzkrach dem Wirtschaftseinbruch
vorangeht, kann der Eindruck entstehen, dass
die Finanzmärkte die reale Wirtschaft in den Ab-
grund gestoßen haben. Tatsächlich aber hielten
die Finanzmärkte durch ihre Kreditvergabe die
reale Wirtschaft überhaupt am Laufen, indem
sie - wie ausgeführt - kreditfinanzierte Massen-
nachfrage erzeugten. Die Finanzmärkte ermög-
lichten erst die besagten Defizitkonjunkturen, da
der Kredit ja generell die wichtigste "Ware" der
Finanzwirtschaft bildet.

Erst der Zusammenbruch der Immobilienbla-
sen in 2008 und die damit einhergehende "Kre-
ditklemme" ließen die Nachfrage wegbrechen,
was zur Wirtschaftskrise von 2009 führte. Das
jahrzehntelange Wachstum der Finanzmärkte
ist selbst Folge der oben beschriebenen, aus fort-
schreitenden Rationalisierungsschüben resul-
tierenden Krise der Arbeitsgesellschaft. Kapital
strömt nun mal dort hin, wo die höchsten Rendi-
ten zu erwarten sind. Den Bankern maßlose Gier
vorzuwerfen, ist geradezu absurd, da "Gier" - als
die höchstmögliche Kapitalvermehrung - das
Wesen des Kapitals bildet.

Dies gilt aber nicht nur für die Finanzbranche,
sondern auch für die Warenproduktion. Wenn
die Verwertung von Kapital in der realen, wa-
renproduzierenden Wirtschaft stockt und zu-
nehmende Verdrängungskonkurrenz die Rendi-
ten absenkt, dann strömt anlagewilliges Kapital
nun mal in die Finanzmärkte. Generell gilt, dass
Finanzexzesse auf eine Krise in der Warenpro-
duktion hindeuten.

Somit schienen die rasch expandierenden Fi-
nanzmärkte die Rolle des beschriebenen Leits-
ektors der Wirtschaft einzunehmen, da der be-
sagte Strukturwandel in der realen Wirtschaft
nicht mehr funktionierte. Diese finanzielle
Explosion ab den 80ern - und verstärkt ab den
90ern - des 20. Jahrhunderts war aber auf Dauer
nicht tragfähig, obwohl selbstverständlich auch
im Finanzsektor viele Arbeitsplätze geschaffen
wurden. Dieses explosionsartige Wachstum der
Finanzwirtschaft war auf Sand gebaut. Kapita-
listischer, sich in Warenfülle äußernder Reich-
tum muss im Rahmen der dargelegten Kapital-
verwertung tatsächlich erarbeitet werden. Die
Finanzmärkte können zu diesem Prozess beitra-
gen, indem sie Unternehmen Kredite gewähren,
die zur Modernisierung der Produktionsanlagen
und/oder Ausweitung der Produktionsmengen
verwendet werden.

Aufgrund der beschriebenen systemischen
Überproduktionskrise in der realen Wirtschaft
verlief die Expansion der Finanzmärkte haupt-
sächlich in eine andere Richtung: in die reine
Spekulation, die letztendlich immer zur Blasen-
bildung führen muss. Wir haben es seit gut zwei
Jahrzehnten mit einer Art Finanzblasenkapita-
lismus zu tun, der durch das Aufsteigen immer
größerer Spekulationsblasen gekennzeichnet ist,
die in ihrer Aufstiegsphase als regelrechte Kon-
junkturmotoren fungieren - und die beim Plat-
zen immer größere Verwüstungen hinterlassen.

Hierbei handelt es sich um einen langwierigen
Prozess, in dem die Abhängigkeit des Gesamt-
systems von der Verschuldungsdynamik suk-
zessive ansteigt: angefangen von der Asienkrise
Ende der 90er, über die Hightech-Blase von 2000,
die 2008 geplatzte Immobilienspekulation, bis
zur gegenwärtig zusammenbrechenden Liquidi-
tätsblase. Dabei konnten bisher die verheerenden
Folgen dieser zusammenbrechenden Spekulati-
onsdynamik nur durch erneute Blasenbildung -
durch eine blinde "Flucht nach vorn" in weitere
Spekulationsexzesse - hinausgezögert werden.

Zu guter Letzt einige anarchistische Ansätze zur Überwindung dieses unmenschlichen Systems:

Was sind nun die Perspektiven anarchistischer
Politik? Welche konkreten Handlungsmöglich-
keiten gibt es?

In Deutschland wurden gerade während der Al-
ternativbewegungen der 1970er und 1980er Jah-
re viele Kollektive gegründet, um den normalen
Arbeitsverhältnissen und der kapitalistischen
Verwertungslogik zu entgehen. Oft konnten sich
die Kollektive aber nicht durchsetzen oder haben
sich den äußeren Bedingungen angepasst. 2001
kollabierte die argentinische Wirtschaft und
nachdem reihenweise Betriebe geschlossen wur-
den und die Banken den Zugriff auf Ersparnisse
verweigerten, entstand eine neue soziale Bewe-
gung. Die Arbeiter*innen nahmen die Produk-
tion in Selbstverwaltung wieder auf und viele
dieser besetzen Betriebe existieren heute immer
noch.

Der Grund warum sich soziale Bewegungen
in Ländern die von solchen "Krisen" besonders
stark betroffen sind, wohl eher etablieren kön-
nen liegt wohl im Gegensatz zu den meisten sozi-
alen Bewegungen in Deutschland daran, dass es
weniger um Selbstentfaltung als um die Existen-
zerhaltung geht. Allerdings lässt sich auch beob-
achten, dass auch alternative Projekte schnell in
den Kapitalismus integriert werden. Gerade das
macht es schwierig zu beurteilen, ob dieser Ver-
such einer anderen Wirtschaftsform, nachdem
sich die wirtschaftliche Situation wieder stabili-
siert hatte, nicht schnell zu einem Symbol für die
Flexibilität des Kapitalismus werden kann (siehe
Oppenheimersches Transformationsgesetz).

Als anarchistische Perspektive muss Raum für
eine Gegenökonomie geschaffen werden. Durch
selbstverwaltete Betriebe lässt sich das jetzi-
ge System nicht überwinden, aber sie können
dennoch eine langfristige Perspektive bieten,
die der erste Schritt sein kann, um die Verge-
sellschaftung der Produktionsmittel anzustre-
ben. Es müsste in Angriff genommen werden,
die Prinzipien von Selbstverwaltung und Ent-
scheidungen an der Basis umzusetzen und als
ernstzunehmende Alternative zum Kapitalis-
mus anzubieten. Sollte es gelingen, sich nach
dem Prinzip der kollektiven Selbstversorgung
in funktionierenden ökonomischen Zusammen-
hängen zu vernetzen, so könnte dies den Kapita-
lismus zurückdrängen und irgendwann ersetzen.
Gerade während Krisen sind Menschen offener
für Kritik und Alternativen, besonders wenn
sie selbst davon betroffen sind. Bietet mensch
konkrete Handlungsmöglichkeiten, sorgt das
oft schon für einen Bewusstseinswandel. Es ist
wichtig Öffentlichkeitsarbeit zu verrichten und
an lokale dezentrale Kämpfe anzuknüpfen bzw.
zu intervenieren und sich eigene politische und
gesellschaftliche Strukturen aufzubauen. Nur
dann kann es Ansätze und Perspektiven anar-
chistischer Politik geben, um dem kapitalisti-
schen System entgegenzuwirken.


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