(de) FAU-IAA: Direct Aktion #228 - Das Land der unbegrenzten Ausbeutung

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Fri May 8 09:15:02 CEST 2015


Amir Dam über sein Leben als Sohn eines jordanischen Arbeitsmigranten in Saudi-Arabien 
---- Aufgrund der Anstellung meines Vaters war ich lange Zeit ein Teil der saudischen 
Gesellschaft. Ich bin dort geboren, aufgewachsen und zur Schule gegangen. Die Zeit in 
Saudi-Arabien war für uns alle von Rassismus und Ausgrenzung geprägt. Für die saudischen 
Mitschüler waren meine Geschwister und ich lediglich "Ajnabi" (Fremde, Ausländer), die 
ihre Heimat nur für Geld verlassen haben und ihre Seele für selbiges verkaufen würden. In 
Deutschland entspricht das in etwa dem Diskurs über sogenannte Wirtschaftsflüchtlinge. Die 
Schulzeit war von sinnlosen körperlichen Auseinandersetzungen zwischen "Ajnabis" und 
Saudis gezeichnet, die von den Lehrer_innen ignoriert wurden. Der Zugang zu 
Freizeitangeboten und Sporteinrichtungen war uns Ajnabi-Kindern untersagt. Das Verlassen 
unseres Hauses ohne Begleitung verboten uns unsere Eltern strengstens, zu oft hörte man 
Geschichten von entführten Kindern der ausländischen Familien, weil diese so "beliebt" 
seien und so exotisch in ihren Jeans aussähen.

DIE SKYLINE VON RIAD WURDE AUF ÖL GEBAUT - UND AUF HEMMUNGSLOSE AUSBEUTUNG

DER SAUDISCHE TRAUM

Seit der Entdeckung des Öls 1938 bis zur heutigen Zeit gilt Saudi Arabien als eines der am 
schnellsten wachsenden Wirtschaftsländer der Region. Mit etwa 90 Prozent Anteil am 
saudischen Budget und einem reellen Profit von über 102,9 Milliarden Dollar im Jahr 2012 
ist das Öl der Garant für das luxuriöse Leben und eine sichere Zukunft. Saudi Arabien 
wurde aus ökonomischer Sicht zum Land der unbegrenzten Möglichkeiten; eine Fülle an 
Stellenangeboten und hohe Verdienstmöglichkeiten sind ein Magnet für Arbeiter_innen aus 
aller Welt. Heute arbeiten und leben etwa zehn Millionen Ausländer_innen in Saudi Arabien 
und stellen damit etwa ein Drittel der Bevölkerung. Sie belegen etwa 42 Prozent der 
Arbeitsplätze, sowohl im privaten als auch im öffentlichen Sektor. 83 Prozent der 
ausländischen Arbeiter_innen verdienen weniger als 533 US-Dollar im Monat, und nur 14 
Prozent von ihnen verdienen durchgängig mehr als 533 US-Dollar im Monat (vgl. Aljazeera 
International Academy data). Damit liegen sie fast 200 Dollar im Monat unter dem 
festgeschriebenen Mindestlohn für Saudis im öffentlichen Dienst. Der private Sektor kennt 
allgemein keinen Mindestlohn.

Die Verteilung der Arbeitergesellschaft ist klar und einfach strukturiert. Menschen aus 
Indien, Pakistan und Bangladesch sind meist als Reinigungskräfte oder in der 
Abfallentsorgung eingestellt; ganz generell findet man sie im Dienstleistungssektor, der 
vornehmlich schwere körperliche Arbeit beinhaltet. Hier wird man weit und breit keinen 
Saudi antreffen. Im mittleren Beschäftigungsfeld, in dem zumindest Schul- und 
Sprachkenntnisse erforderlich sind, z.B. in der Gesundheitsfürsorge oder dem 
Tourismusbereich und der Gastronomie, findet man vornehmlich Menschen aus den Philippinen 
oder aus Zentralasien. Ihnen sagt man ein besseres "Hygieneverständnis", besseres Aussehen 
und bessere Sprachkenntnisse (vor allem Englisch) nach. Junge Frauen von den Philippinen 
oder aus Sri Lanka werden auch gerne als "Hausmädchen" engagiert, fast jede saudische 
Familie hat zumindest eine. Dies ist jedoch noch mal ein ganz eigenes Thema.Im Bereich der 
akademischen MINT-Berufe werden vor allem arabische Muttersprachler bevorzugt eingestellt, 
viele von ihnen kommen aus Ägypten, Syrien, dem Libanon und Jordanien. In den 
Spitzenpositionen, wie der Geschäftsführung der zumeist privaten Firmen, findet man dann 
die Europäer_innen oder US-Amerikaner_innen. Viele von ihnen arbeiten für die saudische 
Erdölförderungsgesellschaft Aramco und leben in vom Rest der Bevölkerung abgeriegelten 
Siedlungen.

VERWISCHTE GRENZEN ZWISCHEN ARBEITSRECHT UND LEIBEIGENTUM

Wer in Saudi Arabien arbeiten möchte, muss sich für gewöhnlich erst einmal bei einer 
"employ agency" bewerben, nur danach kann man einen Vertrag bei den zukünftigen Bossen 
unterschreiben. Erst dann wird vielen bewusst, dass ihr Leben sich nachhaltig verändert 
hat. "Arbeitgeber" werden in Saudi Arabien auch "kafiel" genannt, was übersetzt so viel 
heißt wie "Bürge": Jemand, der in allen Bereichen des Lebens für dich als 
"Arbeitnehmer_in" verantwortlich ist. Ohne einen "kafiel" ist die Einreise nach Saudi 
Arabien schwer möglich. Falls man nicht schon vorgewarnt wurde, wird spätestens nach einer 
Weile deutlich, dass dieser Kafiel eine schwere Einschränkung der eigenen Menschenrechte 
bedeutet. Ohne seine schriftliche Erlaubnis war es sehr lange nicht möglich, die Stadt zu 
verlassen. Erst vor Kurzem wurde diese Praxis offiziell verändert. Viele Nicht-Saudis 
nennen dieses Papier "Sklaven-Dokument". Ein Kafiel behält den Reisepass bei sich, meist 
gut verwahrt in einem Safe.

Das Land ohne seine Erlaubnis zu verlassen, ist letztlich utopisch. Es ist nicht möglich, 
ein Auto kaufen, den Job zu wechseln oder ein eigenes Bankkonto ohne seine Einwilligung zu 
eröffnen. Der Kafiel wird in jeden Teil des Lebens miteinbezogen, ob es den Arbeiter_innen 
gefällt oder nicht: Wer einem Kafiel ausgeliefert ist, ist weitgehend unmündig. Anstelle 
eines Reisepasses händigt der Kafiel ein "Ansässigkeitsdokument" aus, das die 
Arbeiter_innen immer, ob Tag oder bei Nacht, bei sich tragen müssen, denn sie werden 
überall und ständig danach gefragt. Aber all das akzeptieren viele - für das Einkommen, 
das nirgendwo sonst erzielt werden kann, wozu auch die Steuerfreiheit gehört. Dafür legen 
viele Arbeiter_innen ihre persönlichen Rechte nieder. Ein Großteil von ihnen hat in der 
Heimat einfach keine andere Wahl.

Bis heute gibt es keine Organisation, die sich der Rechte und Anliegen der ausländischen 
Arbeiter_innen in Saudi-Arabien annimmt und sich für sie einsetzt. Die entsprechenden 
Gesetze und Regulationen für ausländische Arbeiter_innen sehen in Saudi Arabien keine 
Renteneinzahlung oder Finanzierung der Altersvorsorge vor. Stattdessen gibt es den 
sogenannten "End of Service Benefit/Award". Diese Einmalzahlung setzt sich aus den 
gearbeiteten Jahren und dem zuletzt gezahlten Gehalt zusammen. Allerdings ist diese 
Einmalzahlung von der Einschätzung des Arbeitgebers abhängig. Ihm sind qua Gesetz 
unterschiedliche Möglichkeiten zur Einschränkung oder kompletten Streichung der Zahlung 
gegeben - so dass eine willkürliche Entscheidung nicht gerichtlich angefochten werden kann 
(vgl. das "System of Employment and Employees law" von 2005).

ZEMENTIERTE CHANCENUNGLEICHHEIT

Als ich 24 war, verließ meine Familie Saudi Arabien endgültig. Mein Vater ging wie viele 
andere vor und nach ihm ohne den "End of Service Benefit" mit 59 Jahren zurück in seine 
Heimat. Das Schulsystem war relativ unterentwickelt und ohne feste Formen. Das Wiederholen 
von Schuljahren konnte bis ins Unermessliche gestreckt werden und erlaubte es häufig, dass 
schon fast erwachsene junge Männer mit Elfjährigen gemeinsam in dieselbe Klasse gingen. 
Heutzutage haben etwa 68 Prozent der Saudis einen High-School- oder einen geringeren 
schulischen Abschluss. Die Arbeitslosenquote liegt bei ihnen bei zwölf Prozent.

Für uns arabischsprachige Ausländer_innen war es sehr schwer. Doch unsere Schwierigkeiten 
waren nichts im Vergleich zu dem, was viele Menschen über sich ergehen lassen mussten, die 
keine Muttersprachler waren. Für sie war es schlichtweg verbal zu schwierig, sich selbst 
zu verteidigen. Vor allem waren sie häufig um einiges mehr auf ihre Anstellungen 
angewiesen als viele arabischstämmige Familien.

Amir Dam

https://www.direkteaktion.org/228/das-land-der-unbegrenzten-ausbeutung


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