(de) FAU-IAA: Direct Aktion #228 - Arbeiter und Arbeitslose in einer bürgerlichen Revolution

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Fri May 8 09:14:41 CEST 2015


Das Beispiel der "Rehberger" und Gustav Adolph Schlöffels 1848 ---- Die Märzrevolution von 
1848 wird in den Geschichtswissenschaften meist als "bürgerliche Revolution" dargestellt, 
oft sogar als "deutsche Revolution". Beide Begriffe sind irreführend: Zwar waren die 
Ergebnisse dieser Revolution durchaus "bürgerlich": In den Schulen ist die 
Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche und die Erarbeitung einer Verfassung 
das wesentliche Element, das von der Revolution geblieben ist. Die AkteurInnen, die aber 
tatsächlich die Revolution durchführten, waren ArbeiterInnen bzw. Arbeitslose. Das 
Bürgertum profitierte letztlich von diesen militanten ArbeiterInnen, die es gleichzeitig 
fürchtete und inhaltlich zurückdrängte.

1848 war weiterhin weder nur ein deutsches noch nur ein europäisches Phänomen: Es war eine 
globale Revolution in einem Ausmaß, wie es erst in den Revolutionen von 1910 (Mexiko) bis 
1936 (Spanien), dann 1968 sowie in den heutigen globalen Kämpfen wiederkehren sollte. 
Neben die bekannteren Beispiele in Frankreich - dem Vorspiel zur Revolution in Deutschland 
- und Italien treten Revolutionen z.B. in Ungarn, der Ukraine und Rumänien wie auch in 
Kanada, Nueva Granada (Kolumbien, Venezuela, Panama) oder Brasilien.

DIE ROLLE DER FRÜHEN ARBEITERBEWEGUNG

Dass 1848 in der frühen Arbeiterbewegung eine wesentliche Rolle spielt, ist 
offensichtlich: Nicht umsonst erscheint eben in diesem Jahr mit dem "Manifest der 
kommunistischen Partei" der Schlüsseltext der jungen Bewegung. Der 18. März, der Jahrestag 
der Berliner Barrikadenkämpfe, ist bis nach dem Haymarket Riot 1886 der Feiertag der 
Arbeiterbewegung - gleichzeitig erinnert er an die Pariser Kommune 1871. Ab 1922 wird er 
von der Roten Hilfe zum "Tag der politischen Gefangenen" deklariert.

Namentlich steht vor allem Stefan Born und seine kurzlebige "Allgemeine Deutsche 
Arbeiterverbrüderung" (AdA) für die Beteiligung der ArbeiterInnen. Born organisierte - 
entsandt von Marx im Auftrag des "Bund der Kommunisten" - vor allem die Berliner 
Buchdrucker. Die Buchdrucker - und auch Buchdruckerinnen - gelten seinerzeit als 
"Avantgarde" der jungen Bewegung. Der schnelle Wandel des Druckgewerbes ist exemplarisch 
für die Industrialisierung. Der Beruf brachte eine Belesenheit mit sich und die massive 
Ausweitung des Drucks führte zu zahlreichen politischen Publikationen. Gleichzeitig ging 
die Entwicklung der Druckindustrie durchaus mit einer Abqualifizierung und Prekarisierung 
einher, auch zu Frauenarbeit an den Druckpressen. Die lesenswerte SPD-Haushistorikerin 
Helga Grebing hat 2013 zum 150jährigen Jubiläum der Gründung des Allgemeinen Deutschen 
Arbeitervereins (AdAV) um Ferdinand Lassalle kritisiert, dass die Geschichte des AdA hier 
fast immer übergangen wurde.Stefan Born selber beschreibt rückblickend, wie aus der rein 
theoretischen kommunistischen Bewegung eine selbstbewusste Arbeiterbewegung wurde: 
"Weggewischt waren für mich mit einem Male alle kommunistischen Gedanken, sie standen mit 
dem, was die Gegenwart forderte, in gar keinem Zusammenhang... Was kümmerten mich 
entfernte Jahrhunderte, wo jede Stunde nur dringende Aufgaben und Arbeit in Fülle darbot".1

FRÜHE SOZIALDEMOKRATIE GEGEN PROTOSYNDIKALISMUS

Angesichts der "wirklichen Bewegung", wie Marx es in der "Deutschen Ideologie" nannte, 
verblassten die theoretischen Debatten, die auch im Bund der Kommunisten und beim frühen 
Marx noch den utopischen Odem des Frühsozialismus atmen. Dieser Pragmatismus Borns ist 
zwar einerseits sympathisch, begründet aber andererseits auch tatsächlich die Idee der 
Sozialdemokratie: "soziale Reformen im demokratisch organisierten Staat", wie Grebing es 
formuliert. Stefan Borns "Arbeiterverbrüderung" konzentrierte sich auf "qualifizierte 
Fabrikarbeiter und die Schicht der proletarisierten Handwerker"2 und grenzte sich scharf 
von einem angeblichen "Lumpenproletariat" ab, unter dem z.B. Ungelernte, Tagelöhner und 
Arbeitslose verstanden wurde. Gegen diese ArbeiterInnen-Gruppen wurde eine angebliche 
"proletarische Moral" von Fleiß, Anständigkeit und Ehre formuliert, die "direkte Aktion" 
als Mittel wird von Born abgelehnt.

Die erste spezifische Arbeiterorganisation in Deutschland ist dann für Born auch eine 
"Ordnungsmacht, die zusammen mit dem Bürgertum die errungenen Freiheiten gegen die 
Reaktion verteidigen soll", bis, so Born selber, "wir es dahin bringen, dass wir als 
Arbeiterklasse, als eine Macht im Staate dastehen".3 Stefan Borns Konzept entspricht hier 
der damaligen Vorstellung von Karl Marx, in einem Bündnis von Bürgertum und Arbeiterklasse 
vorerst eine bürgerliche Revolution zu gestalten. Bartnik und Bordon betonen, dass diese 
Vorstellungen Borns - ständig wiederholte Aufrufe zu Disziplin, Sauberkeit und 
Pünktlichkeit - einerseits dazu beigetragen habe, die kapitalistische Fabrikmoral 
durchzusetzen und andererseits die revolutionären Energien so kanalisierte, dass die 
Etablierung und Positionierung der SPD ein Ergebnis war - und zwar als "eine der größten 
Niederlagen [der deutschen Arbeiterbewegung, Anm. des Autors]"4

Doch diese Position wurde keineswegs überall geteilt. Kann man die "Arbeiterverbrüderung" 
und Stefan Borns Zeitung "Das Volk" auch inhaltlich als Prototyp der deutschen 
Sozialdemokratie betrachten, so formulierte Gustav Adolph Schlöffel in seiner Zeitung "Der 
Volksfreund" Ideen, die später im Syndikalismus wieder auftauchten: Schlöffel, beeinflusst 
vom Frühsozialismus, sah keine Möglichkeit eines Bündnisses von ArbeiterInnen und 
BürgerInnen, denn dieses hatte längst ein Bündnis mit dem Junkertum, ein Bündnis der 
herrschenden Klassen, geschlossen, das die ArbeiterInnen für sich kämpfen ließ und diese 
dann fallen ließ wie eine heiße Kartoffel. Gegen ein solches Bündnis setzte Schlöffel eine 
spezifische "Organisation der Arbeiter und der Arbeit", so der Titel einer unvollendeten 
Artikelserie. Schlöffel betont hier den engen Zusammenhang von ökonomischem und 
politischem Kampf und formuliert Grundsätze des Syndikalismus: "keine Isolierung der 
Arbeiterorganisation außerhalb des Produktionsbereichs in Form etwa einer politischen 
Partei, sondern Entwicklung von Kämpfen in Wechselwirkung der Arbeiterassoziationen auf 
Betriebs- und Branchenebene".5

WER WAR GUSTAV ADOLPH SCHLÖFFEL?

DAS "LIED DER REHBERGER" BESCHREIBT SATIRISCH UND DENNOCH ENTLANG DER TATSACHEN DIE 
DAMALIGEN LEBENSUMSTÄNDE.

Der schlesische Fabrikantensohn G.A. Schlöffel hatte ab 1846 in Heidelberg Philosophie 
studiert und sich dort im geheimen "Neckarbund" an der badisch-pfälzischen Revolution 
beteiligt. Aus dem Neckarbund heraus initiierte Schlöffel 1847 einen ersten Arbeiterverein 
mit. Verschiedentlich ist er bei Aufständen in Baden und im Odenwald zu finden, u.a. als 
Kritiker des Revolutionsführers Friedrich Hecker, der ihm nicht radikal genug vorgeht. 
1848 reist er nach Berlin, wird hier agitatorisch tätig. Am 10. Mai 1848 wird er wegen 
Aufruhrs verhaftet. Seine sechsmonatige Haft verbüßt er in Magdeburg, flieht aber drei 
Wochen vor Ende der Haft, um an den revolutionären Ereignissen in Wien teilzuhaben. Von 
dort aus verschlägt es ihn in die ungarische Revolution. Nach einer Intrige kehrt er ins 
Badische zurück, arbeitet eine Zeit lang als Frankfurter Parlamentskorrespondent für die 
"Neue Rheinische Zeitung" Als in der Pfalz die revolutionären Kämpfe wieder entfachen, 
wird er hier tätig und am 21. Juni 1849 im Gefecht durch eine preußische Kanonenkugel 
getötet - angeblich ist er, angesichts der verlorenen Schlacht, mit wehender Fahne den 
gegnerischen Preußen entgegen gestürzt, um seinem Leben ein Ende zu setzen.6

DIE REHBERGER

Der Resonanzboden, auf dem das radikale, proletarische Engagement in Berlin 1848 
stattfindet, sind die Rehberger: 1.500 Berliner Arbeitslose, die zu Notstandsarbeiten in 
den Rehbergen am Stadtrand von Berlin zwangsverpflichtet wurden. "Die Erkenntnis der 
Absurdität ihrer Arbeit, die zum Teil nur darin bestand,

"Die scheene Zeit ist bald entfloh'n,
Drum nu noch frisch jetummelt.
Heit jeht et noch uf Dagelohn,
Doch ach Herrje, von morgen schon
Wird uf Accord jebummelt!"
Sandhügel abzutragen, um sie woanders wieder aufzuschichten, förderte bei den 
Beschäftigten schnell das Bewusstsein, dass der ihnen bezahlte Lohn [...] nur ein 
Bestechungsgeld für die Nichtbeteiligung an den Straßenunruhen darstellte"7 - wer fühlt 
sich da nicht an die Hartz IV-Maßnahmen erinnert!

Entsprechend waren Bummelstreik und Sabotage unter den Rehbergern an der Tagesordnung, 
ebenso Holzdiebstahl als "Lohnzuschuss" und Widerstand gegen die Vorarbeiter - und sie 
beteiligten sich eben auch an den Straßenkämpfen. Meist wohnungslos, siedelten die 
Rehberger sich in einfachen Holzhütten direkt an ihren Arbeitsplätzen an. Durch diesen 
engen Lebenszusammenhang etablierte sich unter ihnen eine eigene subproletarische Kultur, 
zu der z. B. die "Katzenmusiken" gehörten, die Politikern vorgespielt wurden. In den 
bürgerlichen und proto-sozialdemokratischen Publikationen galten die Rehberger als faul 
und zügellos, gleichzeitig werden sie als "grobe Gestalten" dargestellt. Robert Springer 
beschreibt sie zeitgenössisch wie folgt:"Sie arbeiteten, wie man sagt, wenig, lebten aber 
sonst einträchtig, prügelten sich gemütlich, widersetzten sich den Schachtmeistern [...]. 
[...] Man sah sie häufig vom Morgen bis zum Abend in drohenden Haufen vor dem Berliner 
Rathause, Lohnerhöhung fordernd oder irgendeine Beschwerde führend; in dem politischen 
Klub traten einzelne Begabte unter ihnen zuweilen als Redner auf und ergänzten den 
mangelnden Ausdruck ihrer Rede durch die vielsagende Mimik ihres Knotenprügels 
[...]"8Schlöffel und andere erkannten dagegen ein Potential in den Widerstandsformen der 
Rehberger. Er verteilte den "Volksfreund" umsonst unter ihnen und formulierte Flugblätter 
mit ihnen. Die "Rehberger" standen für die nicht-integrierbaren, militanten 
Arbeiterschichten, mit denen weder Bürgertum noch das vermeintliche "Proletariat" viel zu 
tun haben wollte.

THEORIEN DES SCHEITERNS

Diese Gründungsspaltung der Arbeiterbewegung hat sich im Prinzip bis heute erhalten: Wir 
finden sie in der Trennung von Kernbelegschaften und LeiharbeiterInnen bzw. noch stärker 
osteuropäischen WerkverträglerInnen. Wir finden sie in der Trennung von "ordentlichen", 
tariflichen Streiks und den Riots etwa in Athen, Paris, London oder Stockholm. Global sind 
sie die "Überflüssigen" oder "Überzähligen", wie Marx sie genannt hat, deren 
Widerstandsmittel wir nicht verstehen (wollen) - einschließlich fundamentalistisch 
religiöser Strömungen. Mit diesen Trennungen einher geht seit 1848 oder sogar früher die 
Trennung einer angeblich vernünftigen, politischen und "bewussten" Arbeiterbewegung und 
der "anderen Arbeiterbewegung", wie Karl Heinz Roth sie genannt hat, die ihre direkten 
(ökonomischen) Interessen - Nahrung, Kleidung, Unterkunft - in Brotkrawallen, Raub und 
Überfall oder eben in genannten Riots durchsetzten - vermeintlich irrational und ohne 
dieses dubiose "Klassenbewusstsein". E.P. Thompson hat bereits vor 50 Jahren darauf 
hingewiesen, dass die Beschreibung solcher Klassenkämpfe nicht als "primitiv" bezeichnet 
werden kann.9

Diese am Beispiel 1848 zu sehende Klassenzusammensetzung und -spaltung war es letztlich 
auch, die aus dem jungen revolutionär Marx den Theoretiker gemacht hat, der, wie Ahlrich 
Meyer schreibt, sodann eine "Theorie der Niederlage" formulierte: "Die Kritik der 
politischen Ökonomie ist ihrem Selbstverständnis nach keine Revolutionstheorie. Jedenfalls 
hat die Konstitution des revolutionären Subjekts in ihr keinen systematischen Ort".10 Die 
Revolution von 1848, in die auch Karl Marx - siehe eben das Manifest! - große Hoffnungen 
gesteckt hatte, wurde für ihn die Grundlage für eine Theorie, die die sozialen Bewegungen 
"an die Entwicklung und Modernität des Kapitals" bindet.11 Damit wurde auch nur das 
moderne Proletariat - das Industrieproletariat - zum privilegierten Träger der Revolution 
und manifestierte eine viele Arbeitende - MigrantInnen, ReprodutkionsarbeiterInnen u.v.a. 
- ausschließende Tradition, die sich sowohl in Partei-Marxismus wie auch in der 
Sozialdemokratie historisch und aktuell widerspiegelt.

Teodor Webin

Quellen:

[1] ? Zitiert nach Grebing, Helga: Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung. München 
1970. S.44
[2] ? Bartnik, Norbert und Frieda Bordon: Die Rehberger. Subkultur der Berliner 
Erdarbeiter um 1830. S.80. In: Bergmann/Janssen/Klein (Hrsg.): Autonomie im Arbeiterkampf. 
Beiträge zum Kampf gegen die Fabrikgesellschaft. München/Hamburg 1978. S.67 - 87
[3] ? Ebd. S. 81
[4] ? Ebd. S. 68 f.
[5] ? Ebd. S. 83
[6] ? Vgl. Wernicke, Kurt: Die Spuren eines Revolutionärs. Revolutionär Gustav Adolph 
Schlöffel (1828-1849). Berlinische Monatsschrift Heft 6/99. S.53 - 59
[7] ? Bartnik/Bordon, S. 73
[8] ? Zitiert nach Schulz, Ursula (Hrsg.): Die Deutsche Arbeiterbewegung 1848 - 1919 in 
Augenzeugenberichten. Düsseldorf 1976. S.62
[9] ? Thompson, E.P.: Die Entstehung der englischen Arbeiterklasse. Frankfurt a.M. 1987. 
S.636f
[10] ? Meyer, Ahlrich: Eine Theorie der Niederlage. Marx und die Evidenz des 19. 
Jahrhunderts. S.323. in: Roth, Karl Heinz und Marcel van der Linden (Hrsg.): Über Marx 
hinaus. Berlin/Hamburg 2009. S. 311 - 333
[11] ? Ebd. S. 323

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