(de) FAU-IAA: Direct Aktion #228 - Kick it like Pauli -- Über Fußball als Kult

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Sun May 3 13:45:39 CEST 2015


Ja, es ist wahr: Seit der Antike sollen Brot und Spiele die unglückliche Menschheit bei 
Laune halten. Während römische Plebejer es noch spaßig fanden, Gladiatoren zuzusehen, wie 
sie sich gegenseitig zerhackten, oder wie Gefangene von wilden Tieren zerrissen wurden 
(der pure Sadismus also), dreht es sich heute vor allem um einen scheinbar harmlosen Ball 
aus Kunststoff oder Leder, der über eine Linie in ein Tor getreten oder geköpft werden 
soll. Doch niemand sollte sich täuschen: Nicht zufällig ähneln die römischen Arenen den 
neuen Fußballstadien, und beide verschlucken sie riesige Menschenmassen. Und ebenso wenig 
zufällig umarmen Staatsoberhäupter jedweder Couleur als selbststilisierte Mütter und Väter 
der "Nation" "unser aller Mannschaft" und sonnen sich im Glanz der Sieger - wie einst die 
Cäsaren. Diese durch Sport und besonders Fußball erzeugte Illusion eines "Wir" ist 
wirksamer Kitt jeder Herrschaft, dabei geht es den Mächtigen doch sonst vor allem um ein 
übles Treten nach unten und Pressing der Reichtümer nach oben. Fußball ist eine der 
wirkmächtigsten Religionen des Planeten. Der Junge in einem Flüchtlingscamp im Sudan oder 
Syrien, der gegen einen Knäuel Lumpen tritt und von der Weltmeisterschaft träumt,

In den Farben getrennt, in der Sache vereint - Fahnen von verschiedenen istanbuler 
Fußballclubs bei sozialen Protesten glaubt genauso daran wie der Junge, der von seinen 
profilneurotischen reichen Eltern in eine Fußballschule gesteckt wird und sich so 
Anerkennung und Liebe erhofft. Um diesen Fußball herum gedeiht das Gegenteil von 
selbständigem, freiem Denken: Man schaue sich nur die oft besoffenen Männerbünde an, meist 
nur für Nachmittage und Abende geschlossen, deren höchsten Glück es scheint, den "anderen" 
ordentlich "eins in die Fresse zu hauen". Hier fühlt Mann sich noch als Mann. Dennoch ist 
dieses Machogehabe beinahe harmlos, verglichen jedenfalls mit dem, was die Bosse mit dem 
Fußball anstellen.

Soccer ist heute das Opium fürs Volk - und der Gebrauch daher genauso schmutzig wie der 
Griff nach den Mohnfeldern Afghanistans: Bei der WM in Brasilien 2014: Vertreibung und 
Umsiedlung zehntausender Familien, WM 1978 Argentinien: Vertuschung der bestialischen 
Folter und unzähligen Morde der Militärs, WM-Qualifikation 1969 aus Anlass eines 
verlorenen Spiels: "Fußballkrieg" zwischen Honduras und El Salvador mit über 2000 Toten. 
Die Liste ließe sich endlos fortführen. Und dann ist da das tägliche Geschäft. Der 
weltweite Fußballverband Fifa entblödete sich nicht, die WM 2022 an den Bewerber mit den 
höchsten Schmiergeldern zu verschachern, nämlich an die Golfautokratie Katar. 
Offensichtlich machen sich auch hier die Reichen und Großen daran, die Kleinen zu fressen. 
Zu sehen auch am Aufkauf von Profivereinen in den letzten fünfzehn Jahren: Der Emir Al 
Thani (aus Katar) investierte 95 Millionen Euro in den FC Malaga, Roman A. Abramovic 140 
Millionen Pfund für den FC Chelsea, Malcom Glazer kaufte Manchester United für 790 
Millionen Pfund, und Dietmar Hopp baute seiner TSG 1899 Hoffenheim immerhin ein hübsches 
Stadion (unter anderem).

KLEINE JUNGS ÜBERTRUMPFEN SICH MIT TOP-AS-AUTOKARTEN, GROSSE JUNGS MIT TOP-FUSSBALLVEREINEN.

Der Konzern Red Bull, dessen Fußballliebe ebenso unappetitlich wirkt wie sein klebriges 
Getränk, ist Eigentümer des achtfachen österreichischen Meisters Red Bull Salzburg, dazu 
gehören ihm New York Red Bull, Red Bull Brasil und Red Bull Ghana. Auch RB Leipzig wurde 
von Red Bull 2009 am Reißbrett entworfen, und zwar ohne die sonst in Deutschland überall 
vorhandene Stimmberechtigung von Mitgliedern!! Und gespielt wird immer noch mit Bällen, 
die unter erbärmlichen Bedingungen in Pakistan und China gefertigt werden. - Leute, kauft 
Fairtradebälle wie "Derbystar"! Capitalism kills.

All dies ist grotesk, aber eben leider wahr. Und doch lässt sich gerade beim Fußball auch 
völlig Gegensätzliches finden. Denn der Vergleich stimmt auch in die andere Richtung: 
Fußball wie Religion ist an und für sich weder gut noch schlecht, immerhin ließen Gläubige 
ihren Göttern wundervolle Tempel errichten oder fertigten Bücher wie das "Book of Kells" 
an. Vor allem aber hat Religion z.B. John Ball, Thomas Rainsborough, Malcolm X oder Thomas 
Münzer inspiriert, die für Freiheit und Gleichheit kämpften, labte MystikerInnen und helle 
Köpfe wie Rabia von Basra oder Meister Eckhart, die, obwohl tief religiös, keiner Fliege 
etwas zu Leide taten. Und so geschieht auch Wunderbares im Fußball: Im Sommer 2013 
begruben Istanbuler Fanvereine von Besiktas, Galatasaray und Fenerbace ihre 
jahrzehntelange Feindschaft, und die Besiktas-Fans schützten die Gezi-DemonstrantInnen vor 
den Übergriffen der Polizei, solidarisierten sich mit einer Basisbewegung, die mehr 
Mitbestimmung einfordert. Die Staatsmacht reagierte brutal: Während der Unruhen tötete sie 
landesweit acht und verletzte mehr als 7000 Menschen. Zudem zerrt die Staatsanwaltschaft 
35 Mitglieder des linksgerichteten Besiktas-Club Carsi vor Gericht (der Club mit dem 
umrundeten A im Namen) und wirft ihnen, halb wahnsinnig oder vielleicht doch eher 
bösartig, die "Vorbereitung eines Staatsputsches" vor.Was den Anarchismus betrifft, so 
hatte er auch seinen Verein, sogar einen der ruhmreichsten der Welt (allerdings teilte er 
sich ihn mit den linksgerichteten katalanischen Nationalisten): Den FC Barcelona.

Viele Fans und sogar auch Spieler kämpften 1936 bewaffnet gegen die Franco-Faschisten. Der 
linke Präsident Josep Sunyol wurde von Falangisten ermordet. Nach Ende des Bürgerkrieges 
trafen sich Überlebende der bisher größten anarchistischen Bewegung der Geschichte bei den 
Spielen. Nicht zufällig bereiteten denn auch Barça-Fans dem sich etablierenden 
Francoregime eine erste Niederlage. In Barcelona wurde Anfang März 1951 wegen 
Fahrpreiserhöhungen die Straßenbahn boykottiert (die fünfzehn Jahre zuvor noch 
anarchistisch organisiert war). Niemand fuhr mit den wenigen Bahnen, deren Fahrer nicht 
streikten, 97 bis 99 Prozent der Fahrgäste blieben aus. In dieser Situation gab es ein 
Spiel gegen Santander im abgelegenen Stadion Les Corts. Der faschistische Stadtrat hoffte, 
den Boykott durch kostenlose Straßenbahnen zu brechen. Doch nach dem 2:1 Sieg von Barca 
liefen die Massen trotz strömenden Regens kilometerweit zu Fuß nach Hause. Eine 
klatschnasse Ohrfeige für die Diktatur. Schließlich musste die Fahrpreiserhöhung 
zurückgenommen werden.Zurück in die Gegenwart: Es sind nicht selten die (echten) Fans, die 
sich dem Zugriff des grenzenlosen Kapitalismus entziehen. Als Manchester United aufgekauft 
wurde, gründeten über tausend enttäuschte AnhängerInnen kurzerhand einen neuen Verein, den 
FC United of Manchester.

Auch hierzulande gibt es Vereine wie Roter Stern Leipzig oder Roter Stern Flensburg mit 
heute Hunderten von aktiven KickerInnen, die sich für Toleranz und Antirassismus 
einsetzen. Bei den Profis sticht hier St. Pauli heraus. Stellvertretend für vieles, was 
dessen Fans tun, sei die aktuelle Aktion der Ultras genannt, die Fahrräder und 
Winterkleider für Flüchtlinge sammelten. "Nein zu Rassismus" läuft ja auch als 
Medienkampagne mit Manuel Neuer, Lionel Messi und anderen Halbgöttern und ist von den 
einzelnen Spielern sicher ehrlich gemeint und wirksam. (Und wenn der DFB endlich 
Fairtrade-Bälle und -Trikots produzieren lässt, anstatt mit Adidas auszubeuten, dann sing 
ich sogar ein Loblied auf ihn.) Doch wichtiger scheinen mir die ungezählten 
Soli-Fußballturniere und Spiele vor Ort. Hier bewegen immer wieder viele etwas 
selbstorganisiert und gemeinsam: Es wird geplant, gebacken, gesungen, verkauft und 
natürlich gekickt, am Ende werden durch die Erlöse z.B. Schulen oder Brunnen gebaut.

Gelebte Solidarität also, und das weltweit in Hunderttausenden von kleinen und großen 
sozialen Projekten rund um den Fußball.Hier zählt wirkliches Miteinander, und wer die 
Gesänge der irischen Fans nach ihren (irgendwann unvermeidlichen) Niederlagen gehört hat 
oder die Freude am Millerntor miterlebt, wenn Pauli ein Tor schießt, der oder die weiß, 
dass ein wirkliches "Wir" sich nicht gegen ein anderes richten muss.Und rein sportlich 
gesehen? Ist dieses "Kampfspiel" nun mehr Kampf oder Spiel? Während Kampf und Krampf immer 
Verlierer zurücklässt, ist Spielen für mich das Schönste an der menschlichen Entwicklung. 
Auch Fußballspielen! So sollte die "dritte Halbzeit" keine verabredete Massenschlägerei 
von Hooligans mehr sein, sondern die gemeinsame Party beider Teams und ihrer Freunde mit 
Luftschlangen, Musik, veganer Sahnetorte. Und dann trotzdem die anderen nicht vergessen, 
die Fans von Besiktas Istanbul zum Beispiel, die weggesperrt werden sollen, weil sie 
solidarisch waren.

Oliver Steinke

https://www.direkteaktion.org/228/kick-it-like-pauli


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