(de) FAU-IAA: Direct Aktion #228 - Nicht alles, was glänzt, ist Gold -- Kommentar aus dem Baltikum von einem verreisten

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Fri May 1 07:58:58 CEST 2015


Nun gut, vielleicht fällt so etwas nur auf, wenn mensch sich nicht in Deutschland aufhält, 
aber neben PEGIDA und anderem sind mir die medialen Äußerungen zu "den" Griechen ein 
besonderer Dorn im Auge, von den Kommentarspalten gar nicht zu reden. Ein Vergleich wird 
immer wieder gern benutzt: "Die total verwöhnten Griechen übertreiben doch maßlos - im 
Baltikum haben sie doch auch eisern ihre Reformen umgesetzt und haben sich den Euro 
geradezu verdient - und deren Wirtschaft funktioniert!" Den Euro mal beiseite geschoben, 
hinkt dieser Vergleich natürlich gewaltig. In der DA #225 schrieb ich ja bereits zur 
gewerkschaftlichen Situation in den baltischen Ländern. Dort klang schon an, dass hier - 
bedingt durch die Zeit innerhalb der Sowjetunion - ein obrigkeitsfolgsames Denken noch 
sehr ausgeprägt ist. Und schaut mensch auf die Situation hier, kann nun wirklich nicht von 
einem Paradies die Rede sein.

Das fängt allein bei den Mindestlöhnen an - in Estland gelten 2,13 Euro bei gleichen 
Lebenshaltungskosten wie in Deutschland, in Lettland 1,93 Euro und in Litauen 1,76 Euro. 
In den beiden letzten Ländern sind die Waren des täglichen Bedarfs in etwa 20 Prozent 
billiger als hierzulande, dennoch bleibt diese Untergrenze nahezu lächerlich. Aber wird 
wirklich irgendjemand so bezahlt hier? In Estland ist die Beschäftigung vergleichsweise 
hoch, weshalb nur wenige Menschen so wenig verdienen, auch wenn es sie gibt - in Lettland 
und Litauen ist dies tatsächlich vermehrt der Fall. Das bedeutet also eine Arbeitszeit von 
45 bis über 50 Stunden pro Woche, wobei im Monat um die 300 Euro herum kommen. Und es geht 
weiter - Krankengeld? Wurde beispielsweise im öffentlichen Dienst in Litauen abgeschafft, 
um die Maastrichtkriterien zu erfüllen, jetzt wurde es wieder auf dem altem Niveau 
eingeführt - 80 Prozent des Gehalts. Alles, was die Menschen da überleben lässt, ist, dass 
sie ihre Wohnungen selbst besitzen (weshalb aber auch wenig saniert wird).

Die Menschen leiden hier immer noch unter neoliberalen Reformen, die durch europäische 
Institutionen vorgeschrieben wurden - denn viele der Reformen zur Einführung des Euro 
kamen nicht aus eigener Hand. Die Regierungen hier haben dies jedoch einfacher 
durchdrücken können, da es kaum eine Kultur des Widerstands gibt. Es gibt hier erste zarte 
Pflänzchen, sich miteinander zu solidarisieren und bessere Bedingungen an den 
Arbeitsplätzen zu fordern, allerdings ist dies noch ein weiter Weg. Dennoch zahlt der 
anhaltende Lebensdruck auch hier seinen Tribut: Gewalt ist auf der Straße alltäglicher als 
in Deutschland, Alkoholismus besonders in den ehemaligen sowjetischen Industriebezirken 
ein echtes Problem. Ein weiteres Konfliktfeld bleibt ebenso die Problematik der russischen 
Minderheiten in Estland und Lettland (dort etwa ein Viertel der jeweiligen 
Gesamtbevölkerung) und in Litauen nur in der Hauptstadt Vilnius.

Dabei wurde das Nationalitätenproblem zwar in den letzten fünf Jahren etwas entschärft, da 
Russisch mittlerweile in allen Schulen, auch denen der Esten und Letten, erste 
Fremdsprache ist, dennoch persistiert der Konflikt zwischen einer ärmeren 
russischsprachigen Bevölkerung und einer lettischen, estnischen und auch litauischen 
Bevölkerung, die tendenziell leichter an Arbeit kommen kann. Sein Übriges tut dabei 
natürlich auch der Putinsche Apparat, der versucht, die Menschen nach Nationalitäten 
aufzuwiegeln. Dabei fällt durch die anhaltend schlechten Bedingungen auf, dass die 
Trennung der Gesellschaften nicht mehr rein nach Sprachen geht, sondern inzwischen 
durchaus in die jeweilige Schicht. Es fehlt im alltäglichen Leben noch sehr viel 
Solidarität miteinander - ein Problem, das ich bei allen sozialen Schieflagen dennoch in 
Deutschland als stärker ausgeprägt empfinde als hier. Gerade dadurch, dass viele kaum mehr 
als die jeweils anderen besitzen, ist zumindest im privaten Bereich Platz für eine sehr 
großzügige Solidarität.

aus Tallinn

Michael Rocher

https://www.direkteaktion.org/228/nicht-alles-was-glaenzt-ist-gold


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