(de) „Jenseits von Nation und Volk!“

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Sun Mar 29 19:22:36 CEST 2015


Zurzeit versammeln sich etwa 800 Anhänger*innen von Verschwörungstheorien im Saalbau hier 
in Witten zu ihrem sogenannten »Alternativen Wissenskongress« und verhandeln, von welchen 
bösen Mächten sie nun am meisten ferngesteuert werden. Der Mechanismus, der hinter dieser 
Fragestellung steht, ist weder ungewöhnlich, noch ein neues Phänomen: es handelt sich 
schlicht um strukturellen Antisemitismus. Statt sich mit den eigentlichen Problemen 
unserer Gesellschaft auseinanderzusetzen und zu versuchen, die Prozesse und Mechanismen zu 
verstehen, die zum Status Quo führen, machen es sich diese Menschen deutlich leichter: sie 
finden Schuldige, die für die Misere Deutschlands verantwortlich sind. Auf diese werden 
dann bestimmte Eigenschaften projiziert, die verdeutlichen sollen, dass wir uns dieser 
Schuldigen bloß entledigen müssten, um all unsere Probleme zu lösen.

Unter klassischen Neonazis wären dies die Jüdinnen und Juden, die insgeheim eine 
Weltverschwörung betreiben; hier sind es nun diese Mächtigen im Hinterzimmer, bisweilen 
auch als »Schattenregierung« bezeichnet, die als Schuldige identifiziert werden. Aber auch 
der über Jahrhunderte tradierte Rassismus gegenüber »den Juden« findet immer wieder Platz 
unter Verschwörungstheoretiker*innen, wenn etwa herbeihalluziniert wird, dass jüdische 
Bänker*innenfamilien mit Unterstützung der zionistisch gelenkten Presse nach der 
Weltherrschaft strebten.

Während Letzteres von den meisten Menschen schnell als Antisemitismus identifiziert und in 
der Regel zumindest aus Berührungsängsten abgelehnt wird, verhält es sich bei der 
Konstruktion der »Mächtigen im Hintergrund« anders. Zu verlockend ist es, ein 
geschlossenes Weltbild zu haben, eine einfache Erklärung, warum es so vielen Menschen in 
Deutschland schlecht geht. Es ist die einfachere Alternative, sich solchen Vorstellungen 
hinzugeben, statt die eigene Rolle in der täglichen Reproduktion der gegenwärtigen 
Verhältnisse zu hinterfragen. Soziale Gegensätze und systemisch konstruierte Zwänge sind 
das Ergebnis einer jahrhundertelangen Entwicklung, die nicht von einzelnen Individuen mit 
böser Absicht etabliert, sondern gesellschaftlich getragen wurden und nun tagtäglich 
reproduziert werden. Für Jürgen Elsässer und seine Anhänger*innen im Saalbau ist dies aber 
ohne Bedeutung, da sie der Überzeugung anhängen, dass alle Missstände in Deutschland auf 
die Machenschaften finsterer Verschwörungen, die alles Unheil über uns brächten, 
zurückzuführen sind.

Durch die Berufung auf diese Verschwörungen ist es zudem unmöglich, diesen Menschen mit 
rationalen Argumenten beizukommen. Wenn alle Geschehnisse auf der Welt - seien dies nun 
Kriege oder Hungersnöte - auf die Aktivitäten von geheimen Strukturen zurückgeführt 
werden, so kann weder ein Beweis dafür, noch einer dagegen erbracht werden; schließlich 
bleiben diese Strukturen stets im Schatten. Es handelt sich im Kern vielmehr um eine 
Glaubens- als eine Wissensfrage, wenn alles stets auf höhere politische Mächte im 
Verborgenen zurückgeführt wird. Nehmen wir an, mehrere Konzerne haben eine illegale 
Absprache getroffen und der Skandal wird schließlich publik: Ganz klar ein Beweis für eine 
Weltverschwörung! Das ist jedoch immer nur die Spitze des Eisberges; wenn gerade kein 
Skandal zur Hand ist, egal ob nun einer existiert oder nicht, gilt eine andere, simple 
Formel: Die Presse lügt und schreibt nur das, was ihr von den wahren Machthaber*innen im 
Verborgenen vorgegeben wird. Eine Argumentation, die auch gerne von anderen Rassist*innen, 
etwa denen der Pegida-Bewegung, gerne angewandt wird. Wenn wir uns heute hier versammeln, 
dann weil es eben genau nicht ausreicht, den Versuch zu starten, gegen Menschen zu 
argumentieren, die sich alle Fakten so drehen, dass sie in ihr Weltbild passen. Wir müssen 
deutlich demonstrieren, dass wir solche Absurditäten nicht akzeptieren!

Natürlich mag mensch sich jetzt denken: »Ja und? Dann lass diese armen, verlorenen Leute 
doch ihren seltsamen Vorstellungen von der Welt nachhängen - die stören doch niemanden.« 
Doch die Verschwörungstheorien haben noch eine weitere Dimension, die sie gefährlich 
macht. Denn wie in jedem Antisemitismus sehen auch die Wahnwichtel im Saalbau ein 
Kollektiv, dem sie angehören, von den herbeifantasierten Verschwörungen bedroht. Der Titel 
macht es klar: »Wer regiert Deutschland wirklich?« - letzten Endes haben wir es hier mit 
ähnlich stumpfen Nationalismus zu tun, wie bei so vielen anderen Gruppen auch. Nun also 
wieder das Zwangskollektiv der Deutschen. Denn die armen Deutschen werden fremdgesteuert; 
einige behaupten gar, es würde versucht, die Deutschen über Chemtrails - dies sind die 
Kondensstreifen der Flugzeuge, denn angeblich handelt es sich bei ihnen in Wahrheit um ein 
Vergiftungswerkzeug - sowie Impfstoffe unfruchtbar zu machen. Was ist also die unter all 
den Verschwörungen begrabene Botschaft? In nationalistischer Tradition wird gefordert, 
dass sich die Deutschen gegen die finsteren Mächte zur Wehr setzen müssten. Und da ja alle 
Deutschen gleichermaßen betroffen und ferngesteuert seien, wird ein Gemeinschaftsgefühl à 
la Pegida erzeugt. Die Volksgemeinschaft müsse zusammenstehen und sich gegen die Feinde 
von außen verteidigen. Selbst wenn die Verschwörungstheoretiker*innen in der Unterzahl 
bleiben, so tragen sie auf diese Weise doch erheblich zur Bestärkung des 
völkisch-nationalistischen Gedankenguts bei und beflügeln rassistische Ressentiments und 
andere antisemitische Strömungen.

Im Angesicht dieser Spinnereien muss deutlich artikuliert werden, dass unser Problem nicht 
die Unterjochung Deutschlands durch irgendwelche höheren Mächte ist. Unser Problem ist ein 
System kollektiver Zwänge. Wir alle sind Teil eines kapitalistischen Systems, das unsere 
individuelle Freiheit etwa durch den Zwang zur Lohnarbeit, aber auch durch unsere 
Zugehörigkeit zum Zwangskollektiv einer Nation, in der wir staatlicher Gewalt unterworfen 
sind, einschränkt. Und wir alle tragen täglich zur Reproduktion und Zementierung dieser 
Verhältnisse bei und können uns also auch nur selbst wieder davon befreien. Wenig 
hilfreich ist es dabei, die komplexen gesellschaftlichen und ökonomischen Zusammenhänge 
auf ein paar böse Verschwörungen einzudampfen und so jegliche Schuld am Status Quo auf 
andere abzuwälzen und den Hass gegen diese zu schüren. Es ist nicht nur geradezu 
lächerlich, wie sich die Verschwörungstheoretiker*innen auf diese Weise aus der Affäre 
ziehen, da sie ja nur harmlose Opfer seien, nein - obendrein ist das auch noch gefährlich. 
Die deutsche Geschichte zeigt eindrücklich, wo es hinführt, wenn sich genügend Menschen 
solchen Wahnvorstellungen hingeben, sobald die vermeintlich Schuldigen einmal 
identifiziert wurden.

Das Problem heißt also nach wie vor Deutschland. Verschwörungstheoretiker*innen, Nazis, 
besorgte Bürger*innen - sie alle berufen sich auf ein Zwangskollektiv, das angeblich ein 
gemeinsames Schicksal teilen müsse. Die Gesamtscheisze aus Staat, Nation und Kapital muss 
endlich überwunden werden!

Gegen den Verschwörungswahn! Gegen jeden Antisemitismus! Für eine emanzipierte 
Gesellschaft jenseits von Nation und Volk!

http://asjbonn.blogsport.de/2015/03/25/jenseits-von-nation-und-volk/


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