(de) Auszüge aus dem "Anarchistischen Wörterbuch“ Teil 2: Anarchistische Strömungen Von: Marcos Denegro

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Sat Mar 21 10:39:21 CET 2015


In loser Reihenfolge erscheinen auf den folgenden Seiten ein paar Auszüge aus dem 
"Anarchistischen Wörterbuch“. Der zweite Teil beschäftigt sich mit einigen Strömungen des 
Anarchismus. ---- Ergänzungen, Anmerkungen und Zitate dazu können im Buch selbst 
nachgelesen werden. ---- AnarchaFeminismus ---- Entstand aus US-amerikanischen, 
radikalfeministischen Diskussionen und wurde in den 70er Jahren durch die Übersetzung der 
Texte von Peggy Kornegger und Carol Ehrlich nach Deutschland gebracht. Der 
AnarchaFeminismus stützt sich auf den kommunistischen Anarchismus Kropotkins und den 
Radikalfeminismus. ---- Einige Hauptthesen: Radikalfeministinnen sind natürliche 
Anarchistinnen; Anarchismus und Feminismus entsprechen einander und sollen sich 
gegenseitig ergänzen; der Anarchismus liefert dem Feminismus ein Revolutionskonzept und 
ein klares Verständnis von Hierarchie und Autorität; der Feminismus erkennt die Beziehung 
von diversen Unterdrückungen und erweitert den Anarchismus durch die Einbeziehung anderer 
Unterdrückungsverhältnisse.

Anarchismus ohne Adjektive

Im englischen auch "Big Tent Anarchism“ genannt – bezieht sich auf
eine Form des Anarchismus ohne weitere Etikettierung wie
individualistisch, kommunistisch, kollektivistisch, syndikalistisch, usw.
Hintergrund war der Versuch, eine größere Toleranz innerhalb der
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verschiedenen anarchistischen Strömungen zu schaffen, nachdem es v.a.
in Spanien zum Konflikt zwischen Anarchokommunist*innen
und-kollektivist*innen kam. Nach Errico Malatesta, dem viele
Anarchist*innen zustimmten, könne es nicht angehen, "uns wegen
reinen Hypothesen zu spalten”. Ausdrücklich zum Anarchismus ohne
Adjektive haben sich u.a. Élisée Reclus, Voltairine de Cleyre und
Sébastien Faure bekannt.
Anarchistischer Kommunismus
Auch kommunistischer Anarchismus oder libertärer Kommunismus.
Eine vor allem von Peter Kropotkin geprägte Strömung, wonach sich
Anarchismus undKommunismus gegenseitig bedingen – wobei stets ein
Kommunismus jenseits von Staat und Parteien (Staatssozialismus)
gemeint ist. Anarchokommunist*innen lehnen Eigentum und Lohnarbeit
ab und vertreten die Idee einer herrschaftsfreien und selbstorganisierten
Gesellschaftsordnung auf Grundlage einer freiwilligen und
solidarischen Wirtschaftsform. Inhaltlich gibt es Überschneidungen
zumAnarchosyndikalismus. Auch plattformistisch orientierte Gruppen
sind oftmals vom Anarchokommunismus geprägt.
Anarchistischer Pazifismus
Auch pazifistischer Anarchismus. Eine antimilitaristische und
gewaltfreie Strömung innerhalb des Anarchismus. Der anarchistische
Pazifismus lehnt Gewalt gegen Personen, bzw. Aktionen, bei denen
Personen zu Schaden kommen könnten, grundsätzlich ab. Stattdessen
werden Widerstandsformen wie Streik, Boykott, ziviler Ungehorsam,
Blockaden, Besetzungen usw. propagiert. Einen wichtigen Teil dieser
Strömung stellt die Graswurzelbewegung mit ihren gewaltfreien
Aktionsgruppen dar. Als wichtigstes Medium innerhalb des
gewaltfreien Anarchismus im deutschsprachigen Raum gilt die
"graswurzelrevolution“ (GWR).
Anarchoprimitivismus
Philosophischer Ansatz innerhalb des Anarchismus, der den Fokus
seiner Kritik auf die Ursprünge, die Entwicklung und den Zustand der
Zivilisation legt. Es wird eine nicht- bzw. antizivilisatorische
Lebensweise propagiert, die durch De-Industrialisierung, die
Abschaffung des Prinzips der Arbeitsteilung und Spezialisierung sowie
den Verzicht auf technologische bzw. technische Geräte herbeigeführt
werden soll. Unter anderem gehen die Vertreter*innen dieser Strömung
davon aus, dass die Menschen vor der landwirtschaftlichen Orien-
tierung in kleinen, nomadischen Gruppen zusammenlebten, die sozial,
politisch und wirtschaftlich auf egalitären Prinzipien aufgebaut waren
und somit durch das Fehlen jeglicher Hierarchie eine Vorstufe zur
Anarchie darstellten.
Anarchosyndikalismus
Theorie und Praxis der anarchistischen Gewerkschaftsbewegung, also
einer Synthese aus anarchistischen Zielen und revolutionärem
Syndikalismus. Das Ziel ist ein libertärer Kommunismus, basierend auf
Selbstverwaltung und Selbstbestimmung. Der Anarchosyndikalismus
sieht in den Gewerkschaften in erster Linie ein Instrument zur
Überwindung des Staates und des Kapitalismus und somit zur
Umwandlung
  der
  Gesellschaft.
  Methoden
  der
Anarchosyndikalist*innen sind die Direkte Aktion wie z.B. (General-
)Streik, Sabotage und Boykott. Im deutschsprachigen Raum sind
Anarchosyndikalist*innen vor allem in der Freien ArbeiterInnen Union
(FAU) organisiert. International sind die verschiedenen Sektionen in der
Internationalen ArbeiterInnen Assoziation (IAA) vereinigt.
Christlicher Anarchismus
Der Versuch, christlichen Glauben mit anarchistischen Denk- und
Handlungsweisen zu verknüpfen. Dabei wird davon ausgegangen, dass
Gott die einzige Autorität darstellt und andere Personen und staatliche
oder kirchliche Institutionen keine Herrschaft über die Menschen
ausüben sollen.
Especifismo (Espezifismus)
Ähnlich dem Plattformismus setzt der Especifismo als überwiegend
lateinamerikanische Erscheinung auf die Bildung einer anarchistischen
Massenbewegung auf Grundlage einer Synthese von Idee und Praxis.
Dabei spielen vor allem zwei Bestandteile eine wichtige Rolle. Zum
einen die Ansicht der Notwendigkeit zur Organisierung um über
politische, strategische, theoretische und organisatorische Fragen und
Analysen zu diskutieren. Zum anderen eine Praxis der sozialen
Einfügung zu entwickeln und umzusetzen, d.h. sich in sozialen
Bewegungen zu engagieren und diese voranzutreiben bzw. auch zu
bilden.
Illegalismus
Anarchistische Philosophie des frühen 20. Jahrhunderts, die illegale
Aktionen als revolutionären Ansatz ansah. Dabei standen
Enteignungsaktionen wie Diebstahl, Bankraub und Einbruch im
Mittelpunkt. Der Illegalismus als Lebensstil war mit geprägt vom
Individualanarchismus.
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Individualistischer Anarchismus
Hierbei steht die Emanzipation und freie Entfaltung des Individuums
im Vordergrund. Einschränkungen der eigenen Freiheit soll es nur in
dem Maße geben, als dass durch das eigene Verhalten die Freiheit eines
anderen Individuums nicht eingeschränkt wird. Vertreter*innen des
Individualanarchismus lehnen den Staat als Haupthindernis einer
solchen freien Gesellschaft ab, da er durch Gesetze und Regeln die
Menschen und somit vor allem deren wirtschaftliches Zusammenleben
einschränkt. Einem freien Markt stünden Monopole und Privilegien
entgegen, die durch Staatsgewalt aufrecht erhalten werden. Der
Individualanarchismus kann als radikale Form des Liberalismus
betrachtet werden.
Insurrektionalismus
Auch Aufständischer Anarchismus. Der Insurrektionalismus ist eine
Strömung, bzw. eine Methode innerhalb des Anarchismus, die den
Aufstand in den Mittelpunkt stellt. Eine ständige Praxis mit dem Ziel,
die Beherrschung durch den Staat und die Fortsetzung des Kapitalismus
zu beenden. Insurrektionalist*innen organisieren sich meist in kleinen
Affinity Groups oder informellen, klandestinen Zusammenhängen.
Diese Gruppen sind meist keine beständigen Organisierungen, sondern
oftmals nur aktionsbezogen. Verbindliche Organisierung, z.B. in
Föderationen oder
Gewerkschaften/Syndikaten, lehnen Insurrektionalist*innen ab. Der
Insurrektionalismus geht vom Individuum aus, welches sich von den
äußeren Zwängen, Abhängigkeiten, Rollen usw. befreit und sich mit
anderen kollektiv zur Revolte zusammenschließt. Eine Grundmaxime
ist zudem die revolutionäre Solidarität der Aktionsgruppen und
Individuen untereinander, die sich insbesondere durch die bewaffnete
Aktion konkretisieren soll.
Klassenkämpferischer Anarchismus
Eine Bewegung oder eine Methode, die ihr Hauptaugenmerk auf den
Klassenkampf zur Überwindung des Kapitalismus als
Grundvoraussetzung für eine herrschaftsfreie Gesellschaft richtet.
Kollektivistischer Anarchismus
Eine von Michail Bakunin geprägte, sozialistische Strömung des
Anarchismus, welche die Abschaffung des Staates und des
Privateigentums an Produktionsmitteln vorsieht. Stattdessen befinden
sich Produktionsmittel und z.B. Boden in Gemeinschaftsbesitz. Die
Produktion erfolgt dabei in der Regel kollektiv und wird von den
Arbeiter*innen selbst kontrolliert und verwaltet. Die Beteiligten werden
dabei über einen Einheitslohn oder nach geleisteten Arbeitsstunden,
entweder mit Geld oder z.B. mit Arbeitsbons bezahlt. Erfolgreiche
kollektivistische Projekte gab es zur Zeit der spanischen Revolution
(1936–1939).
Lifestyle-Anarchismus
Beschreibt einen Praxis-Ansatz innerhalb der anarchistischen
Bewegung, bei dem versucht wird, anarchistische Vorstellungen bereits
im Hier und Jetzt in die Tat umzusetzen, etwa in Haus- und
Kommuneprojekten, in Kooperativen sowie im direkten persönlichen
Verhalten; wie z.B. beim Containern oder bei veganer bzw. freeganer
Ernährung. Kritisiert wird daran häufig, dass sich die Aktivist*innen
vor allem um individuelle Belange kümmern würden, aber die
Gesellschaft als Ganzes außer Acht bleibe. Daher kann im
philosophischen Sinne auch der Individualanarchismus dem Lifestyle-
Anarchismus zugerechnet werden. Als Gegensatz wird meist ein
klassenkämpferischer Anarchismus angeführt.
Neoanarchismus
Bezeichnet eine historische Erscheinungsform des Anarchismus, der in
Deutschland 1968 einen Neuanfang erlebte, nachdem eine
anarchistische Tradition durch den 2. Weltkrieg unterbrochen wurde.
Der Neoanarchismus ist daher auch nicht als personelle oder
organisatorische Fortsetzung des historischen Anarchismus zu sehen.
Öko-Anarchismus
Auch Grüner Anarchismus genannt. Öko-Anarchismus beschreibt eine
Staats- und Gesellschaftskritik, die davon ausgeht, dass Staat,
Kapitalismus, Globalisierung, Wissenschaft und Technologie für die
Zerstörung und Ausbeutung von Mensch, Tier und Umwelt
verantwortlich und nicht reformierbar sind. Der einzige Ausweg ist
eine radikale Umwälzung der Verhältnisse und ein Bruch mit der
vorherrschenden Zivilisation. Daher wird auch Fortschritt innerhalb
dieses Systems abgelehnt. Der Übergang zum Anarcho-Primitivismus
ist dabei fließend. Einige Öko-Anarchist*innen kritisieren auch das
hierarchische Verhältnis zwischen Mensch und Tier (Antispeziesismus)
und ernähren sich meist vegan. Öko-Anarchist*innen setzen auf
dezentralisierte Lebensweise in z.B. Kommunen oder
Dorfgemeinschaften auf ökologischer Basis.
Plattformismus
Ein 1926 in Paris von russischen Exilant*innen aus der Machno-
Bewegung geschaffener Begriff für eine spezielle anarchistische,
föderalistische Organisation auf Grundlage eines einheitlichen
Programms, d.h. einer einheitlichen Ideologie und Taktik bzw. Strategie,
sowie eines kollektiven Handelns mit gemeinsamer Verantwortung. Die
Ideologie ist anarchokommunistisch bzw. vom klassenkämpferischen
Anarchismus geprägt und konzentriert sich demnach vor allem auf den
Klassenkampf und Gewerkschaften. Vom Plattformismus beeinflusst ist
auch der Espezifismus.
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Postanarchismus
Es ist der Versuch, in Auseinandersetzung mit gegenwärtigen
politischen Theorien, vor allem dem Poststrukturalismus, die
anarchistische Theorie zu aktualisieren, weiterzuentwickeln und den
heutigen Erkenntnissen über Herrschaftsverhältnisse anzupassen.
Projektanarchismus
Der Versuch, ähnlich dem Lifestyle Anarchismus, Anarchismus mit
konkreten Projekten in die Tat umzusetzen. Geprägt wurde dieser
Begriff maßgeblich von Horst Stowasser, der in den 1980ern eine Skizze
für ein pragmatisches, libertäres Kleinstadtprojekt, namentlich das
"Projekt A“ entwarf.
Spiritueller Anarchismus
Bezeichnet den Versuch, den Großreligionen, Gurus und der
kommerziellen Esoterikbewegung die Deutungshoheit spiritueller
Lebensführung strittig zu machen. Es wird davon ausgegangen, dass in
jedem Menschen ein spiritueller Impuls steckt, der nur durch
Eigenverantwortung und Skepsis individuell entdeckt werden kann.
Spiritualität wird dabei als Selbstbefreiung verstanden und somit als
Grundlage für eine selbstbestimmte Existenz.
Synthetischer Anarchismus (Synthetizismus)
Ein Organisierungsansatz, der versucht, die verschiedenen
anarchistischen Strömungen und Ausrichtungen zu vereinen, um die
anarchistische Bewegung als Ganzes zu stärken. Als Strömungen
bezeichnet Sebastian Faure, der als Verfechter des Synthetischen
Anarchismus
  gilt,
  den
  Anarchosyndikalismus,
  den
Anarchokommunismus sowie den Individualanarchismus. Ein Beispiel
einer synthetischen Organisierung ist die Internationale Anarchistische
Föderation (IFA). Als Gegensatz zum synthetischen Anarchismus bzw.
als weitere Organisierungsformen können der Plattformismus und der
Insurrektionalismus gesehen werden.
Marcos Denegro / Anarchistische Föderation Berlin [AFB]
Anarchistisches Wörterbuch
Eine Orientierungshilfe durch den Begriffsdschungel anarchistischer
und emanzipatorischer Bewegungen
144 Seiten, 12,80 Euro, ISBN 978-3-942885-47-8
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