(de) FAU-IAA: Direct Aktion #227 - Let's rock Kapitalismus - über Tanz und Befreiung -- Revoltiere von Revolvere (Latein): Umdrehen, zurückrollen

a-infos-de at ainfos.ca a-infos-de at ainfos.ca
Wed Mar 11 11:13:08 CET 2015


Es geht manchmal ganz einfach: Ein antiker Philosoph, Diogenes von Sinope, soll seinen 
---- Tanz der Hopi-Frauen in Arizona (1879) ---- Becher weggeworfen haben, als er einen 
schlabbernden Hund sah, um fortan aus der hohlen Hand zu trinken. Ähnlich einfach mag es 
mit der eigenen Befreiung sein, wenigstens für Augenblicke: Im Tanz nämlich wird Freiheit 
nicht gefordert, sie ist einfach da. Aber vielleicht lieber mit eigener Erfahrung 
anfangen, denn wer nicht selbst getanzt hat, sollte auch nichts dazu schreiben: Dabei 
unterscheiden sich meine Erlebnisse kaum von denen anderer, die sich vor zwanzig bis 
fünfundzwanzig Jahren in alternativen Discos die Nächte vertrieben, vor und nach dem 
Tanzen verbotene Pflanzenextrakte inhalierten, rumknutschten oder mit dem letzten Glas 
Schnaps in der Ecke einschliefen. Nach dem Mauerfall, begleitet von ersten Handys und 
Privatfernsehen sowie neu entstehendem Internet, brachen Gewissheiten weg, alles schien 
irgendwie größer zu werden, und uns fiel nicht viel mehr dazu ein, als mit U2, The Cure, 
Nirvana zu tanzen und mit Kurt Cobain zu leiden.

  Und dann, zwischen Qualmschwaden aus Tabak und Hanf, dem Dunst von Patschuli und 
durchgeschwitzten T-Shirts, verschmolzen wir mit schrappenden, rauchigen Schreien und 
Tönen ("Halleluja, der Turm stürzt ein", Ton Steine Scherben) zu etwas noch Unbestimmtem, 
Neuem. Unsere Ohren, Bäuche, Gedanken, Herzen, Aktionen und Bewegungen wurden eins. 
Tagsüber und abends besetzten und verteidigten wir Häuser und rollten leere Fässer durch 
die Straßen, riefen: "Kein Blut für Öl." Und nachts tanzten wir.

Und da kommt denn auch schon der Emma Goldmann zugeschriebene Satz, "Wenn ich nicht tanzen 
kann, ist es nicht meine Revolution", ins Spiel. Tanz und Befreiung passen zusammen. Nicht 
zufällig gibt es seit einigen Jahren wiederkehrende Nachttanzdemos. Ein veranstaltendes 
"Kritisches Kollektiv" aus Heidelberg schreibt dazu: "Unsere tanzenden, schwitzenden 
Leiber sind unser Statement gegen die Enge des langweiligen Spießbürgerdenkens. Mit 
stampfenden Bässen und elektrisierenden Sounds erobern wir den öffentlichen Raum zurück. 
Nehmen wir uns, was uns sowieso schon zusteht. Wir schaffen den Freiraum jetzt, und wir 
machen es hier auf der Straße." Obwohl es beim Tanzen oft geordneter, wenn auch nicht 
unbedingt langsamer, zugeht als mit wilden Zuckungen im großstädtischen Elektrobeat, so 
scheint auch zu anderen Zeiten und Orten etwas Widerständiges auf. Ein scheinbar harmloser 
Frontreigentanz wie der Rince Fada in Irland etwa war nicht nur gelebte kollektive Freude, 
sondern auch Ausdruck eigener Identität gegen die englische Kolonisation. Selbst irische 
Piraten haben ihn wohl nicht nur in historischen Romanen getanzt, wenn auch wohl nicht 
unbedingt in der typischen Frau-Mann-Aufstellung und bestimmt nicht nüchtern. Es geht 
dabei nicht zuletzt um Gleichheit. Für den katalanischen Nationaltanz Sardana, einen 
Kreistanz, drückte es der Friedensaktivist und weltberühmte Cellist Pau Casals (1876 - 
1973) so aus: "Das Symbol des

Katalanischer Nationaltanz: Sardana

Tanzes besteht darin, sich in vollkommener Harmonie und Gleichheit die Hände zu 
reichen."Tanz kann sogar noch mehr: Vor allem in Brasilien wurde der Kampftanz, der 
Capoeira, der auf den afrikanischen NiGolo, den "Zebratanz", zurückgeht, Mittel der 
Selbstverteidigung und Befreiung der Versklavten. Tanz schuf hier den scheinbar Wehrlosen 
eine tödliche Waffe gegen das Verbrechen der Sklaverei.Doch Tanz kann immer noch mehr: Es 
gibt einen Zusammenhang von Tanz, Ekstase und Erleuchtung. In Gary Zukavs Buch mit dem 
rätselhaften Titel "Die tanzenden Wu-Li Meister" zum Beispiel wird die westliche 
Quantenphysik mit fernöstlicher Mystik wie dem Taoismus verglichen, und heraus kommt, nun 
ja, eben Tanz. Tanz der Elemente und des Kosmos. Die Alevi werden als spirituelle Richtung 
von einigen zu den schiitischen Muslimen (Partei Alis) gerechnet, von anderen nicht, aber 
unstrittig ist, dass ihr prägender Gelehrter Hadschi Bektasch Veli bereits im Mittelalter 
radikal humanistische Ideen vertrat. In ihren Gotteshäusern, den Cemevi, tanzen Frauen und 
Männer gemeinsam zu den Lauten der türkischen Saz, einer Laute ähnlich. Dies ist ihr 
Gebet, mit dem sie dem Universum danken. Auch die tanzenden Derwische drehen sich 
unentwegt im Kreis, um Gott zu schauen.

Und noch weiter zurück können wir gehen, sehr weit, bis zu den Anfängen der Menschheit: 
Schamanische HeilerInnen trommeln und tanzen bis zur Trance, bis sie sich mit Geistern der 
Ahnen und Tiere vereinen und sich das Tor in die andere Welt öffnet. Wem das zu esoterisch 
klingt, sollte bedenken, selbst im Trancetanz kann Revolte lauern, wie der Geistertanz 
nordamerikanischer UreinwohnerInnen zeigt. Allerdings ist er auch erschütterndes Beispiel 
dafür, dass Tanz alleine keine erfolgreiche Befreiung herbeiführen kann. Im ausgehenden 
neunzehnten Jahrhundert wollten die Lakota tanzen, bis ihre durch Seuchen und Kugeln 
getöteten Verwandten und die abgeschlachteten Büffel wiederkehrten und die Weißen, die 
"bösen Geister", die ihnen die heiligen Berge und Prärien raubten, wieder verschwanden. 
Die Hoffnung war wahnhaft, aber in den Reservaten tanzten Tausende, und sie tanzten 
friedlich, was die US-Armee allerdings nicht davon abhielt, 350 GeistertänzerInnen 1890 
bei Wounded Knee zu massakrieren. So ganz und gar irrig war dieser Tanz aber vielleicht nicht.

Wir sind mehr als Staub und Wasser, mehr als ein Zufallsprodukt. Das Streben für eine 
anarchistische Gesellschaft hat meiner Meinung auch überhaupt erst Sinn, wenn wir unser 
Bedingtsein in Natur und Kosmos anerkennen. Goldmanns Gedanke abgewandelt: Eine 
freiheitliche Revolution müsste lebendig tänzerisch sein, oder sie droht Wesen und Dynamik 
zu verlieren. Bisher gab es in Revolutionen meist schon nach wenigen Wochen und Monaten 
das Zurückgleiten in das allzu tiefe Flussbett des Herrschens und Beherrschtwerdens, am 
Ende verflüssigte sich entweder die Freiheit oder die Gleichheit. Tanz alleine reicht aber 
nicht: Revolutionäre Mittel bleiben Streik, Versammlungen, Besetzungen und Übernahme von 
Land, Verkehr, Fabriken durch die dort arbeitenden und betroffenen Menschen, schließlich 
die Neuorganisation auf der Basis von Gemeineigentum.Das Rätsel der Menschheitsgeschichte, 
nämlich Grundbedürfnisse, Gleichheit und Freiheit zu vereinen, kann gelöst werden. Dann 
wird wahrscheinlich auch viel getanzt werden. "Wahrscheinlich", deshalb, weil es keinen 
Zwang dazu geben wird. Wer sich wie der eingangs erwähnte Diogenes lieber reglos neben 
seinem Fass sonnen will, darf auch das tun.

Oliver Steinke

https://www.direkteaktion.org/227/lets-rock-kapitalismus


More information about the A-infos-de mailing list