(de) FAU-IAA: Direct Aktion #227 - Klassenkampf im Stadtteil -- "Verdrängung hat viele Gesichter"

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Mon Mar 9 09:14:19 CET 2015


Aufwertung der Stadtteile bedeutet die Verdrängung von MieterInnen mit geringen Einkommen. 
Diese Erkenntnis ist mittlerweile auch in liberalen Medien angekommen. Doch wie gehen die 
Betroffenen damit um? Was passiert in einem jahrelang wenig beachteten Stadtteil, wenn 
dort plötzlich in kurzer Zeit fast ein Dutzend Baustellen entstehen? Ist Aufwertung und 
Verdrängung ein Naturgesetz, oder gibt es Verantwortliche, die diesen Prozess 
vorantreiben? Das sind einige der Fragen, denen sich der Film "Verdrängung hat viele 
Gesichter" widmet, den das Filmkollektiv Schwarzer Hahn produziert hat. Dort haben 
StadtteilaktivistInnen gemeinsam mit KünstlerInnen mehrere Jahre an dem Film gearbeitet. 
Sie wollten den Aufwertungsprozess am Beispiel des Berliner Stadtteils Treptow 
verdeutlichen. Noch Ende der 90er Jahre schien es, als wäre der Stadtteil das totale 
Gegenteil zum Prenzlauer Berg.

Während dort schon Ende der 90er Jahre ein Großteil der Alt-MieterInnen wegziehen mussten, 
weil sie die teuren Mieten nicht mehr bezahlen konnten, waren in Treptow die 
Mietsteigerungen moderat und der Wegzug gering. Doch das änderte sich, als Baugruppen den 
Stadtteil für sich entdeckten. Es sind meist Angehörige der neuen gut verdienenden 
Mittelschichten, für die Treptow aus mehreren Gründen interessant wurde. Der Weg zum 
Szenebezirk Kreuzberg ist kurz. Dort siedelten sich im Rahmen des Media-Spree-Projekts 
zahlreiche Unternehmen an. Für die Angestellten wurde eine Wohnung in Treptow mit kurzen 
Anfahrtszeiten zur Arbeit attraktiv. Wie der plötzliche Run der Baugruppen auf die 
Bewohner eines Stadtteils wirkte, der bisher von großen Veränderungen verschont geblieben 
war, macht der Film sehr gut deutlich.

NACH DER BAUMFÄLLUNG

NICHT NUR MIETERINNEN KÄMPFEN IN DEM STADTTEIL UM DAS ÜBERLEBEN

Der Film begleitet Menschen, die im wahrsten Sinne des Wortes ums Überleben kämpfen 
müssen. Da ist der Altrocker, der auf seinen Balkon sitzt und sich bange fragt, ob er sich 
nach der nächsten Mieterhöhung die Wohnung noch leisten kann. Der Film zeigt, wie in 
Treptow in einer Stadtteilinitiative Menschen aus unterschiedlichen kulturellen und 
gesellschaftlichen Milieus zusammenarbeiten. Sie eint die Angst vor der Verdrängung aus 
dem Stadtteil und der Wille, sich dagegen zu wehren.

Der Film macht auch deutlich, dass nicht nur MieterInnen davon betroffen sind. Da wird ein 
Treptower Buchhändler gezeigt, der fast rund um die Uhr im Laden steht und am Ende 5 Euro 
Gewinn erzielt hat. Die Menschen, die bisher seinen Buchladen aufsuchten, verschwinden aus 
dem Stadtteil. Die Konsumwünsche des neu zugezogenen Mittelstandes kann er nicht 
befriedigen. Er arbeitet unermüdlich und kommt kaum über die Runden. Der Film geht so auf 
Aspekte der Aufwertung eines Stadtteils ein, die oft ausgeblendet werden. Neben den 
MieterInnen mit wenig Geld sind auch Läden und Kneipen bedroht, die ein Angebot für eine 
Kundschaft mit geringem Einkommen anbieten.

DIE "GUTEN" VERDRÄNGERINNEN

Doch auch die Menschen, die von der neuen Situation profitieren, kommen in dem Film zu 
Wort. Mitglieder der Baugruppen werden interviewt. Manchmal kommt es zum Dialog, oft zum 
Streitgespräch zwischen den Gewinnern und Verlierern der Aufwertung. Viele 
Baugruppen-Mitglieder äußern ihr Unverständnis darüber, warum sie plötzlich in der Kritik 
stehen. Einige haben in ein Interview mit den FilmemacherInnen eingewilligt, weil sie sich 
ungerechtfertigt kritisiert sahen. Sie seien doch keine GentrifiziererInnen, sondern 
umweltbewusste StadtbürgerInnen. In dem Film werden die Baugruppen-BewohnerInnen nicht 
denunziert. Doch es werden immer wieder die gesellschaftlichen Bedingungen infrage 
gestellt, die dafür sorgen, dass in einem Stadtteil AltmieterInnen ums Überleben kämpfen 
und gleichzeitig ein neuer Mittelstand seine Privilegien und seine Macht ausspielt.

Der Film zeigt, dass Verdrängung viele Gesichter hat, aber kein Naturgesetz ist. So wird 
auch der Alltagswiderstand der MieterInnen in Treptow gezeigt, der vom Besuch bei den 
vielen neuen Kreativbüros über Stadtteilspaziergänge über Beteiligung an Baugruppen-Partys 
ohne Einladung bis zur Besetzung reicht.

FILM ALS KOLLEKTIVER ORGANISATOR

Doch "Verdrängung hat viele Gesichter" dokumentiert nicht nur Verdrängung und Widerstand 
in dem Stadtteil Treptow. Mittlerweile trägt er selber dazu bei, dass sich die 
StadtteilbewohnerInnen organisieren. Nach vielen Filmvorführungen gibt es oft sehr 
lebhafte Diskussionen. Dort melden sich auch MieterInnen zu Wort, die hier endlich mal 
Gelegenheit haben, über ihre Erfahrungen mit Luxusmodernisierung und 
Verdrängungsstrategien zu sprechen. Sie treffen dort auf ein aufmerksames Publikum, das 
oft ähnliche Erfahrungen gemacht hat und mit Ratschlägen dazu beitragen kann, dass die 
MieterInnen Mut und Selbstvertrauen schöpfen. Denn sie erkennen, dass die Schuld nicht bei 
ihnen liegt, wenn sie sich nach einer Modernisierung die Miete nicht mehr leisten können. 
Und sie machen die Erfahrung, dass Verdrängung kein Schicksal und Widerstand dagegen 
möglich ist.

Peter Nowak

VERDRÄNGUNG HAT VIELE GESICHTER

DE 2014, 94 min, Regie: Filmkollektiv schwarzer Hahn

Weitere Infos zum Film finden sich auf der Homepage:

berlingentrification.wordpress.com

https://www.direkteaktion.org/227/klassenkampf-im-stadtteil


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