(de) FdA-IFA - Gai Dào #50 - Die Unvollkommenheit der Kohärenz - Von: vagarquista (Kolumbien) / Übersetzung: G.N.

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Tue Mar 3 14:10:12 CET 2015


Anm. d. Redaktion: Dieser Artikel ist die Fortsetzung des Artikels "Die anarchistische 
Kohärenz", der in der letzten Gaidao-Ausgabe Nr. 49 erschien. ---- Gut, wir haben bereits 
festgestellt, dass wir die Beziehung zwischen Worten und Taten konstant einer Prüfung 
unterziehen müssen. Damit allerdings nicht nur die anarchistischen Ideale propagiert 
werden, sondern auch das Soziale und das Alltagsleben transformiert werden, ist es 
interessant sich mit der Idee der Unvollkommenheit der Kohärenz zu beschäftigen. Und das 
erscheint mir sehr wichtig, denn man neigt dazu die Kohärenz zu idealisieren als eine 
Übung, die wir alle stets machen können, und daher all jene, die es nicht machen, nicht 
nur kritisierbar sind, sondern es ihnen sogar an revolutionärer Entschlossenheit mangelt 
(und viele weitere noch viel aggressivere Zuschreibungen, die hier nicht wiedergegeben 
werden brauchen).

Angesichts einer dynamischen Realität sollten wir uns vor
Augen führen, dass wir täglich mit Herausforderungen konfrontiert
werden, die wir nicht vorhersehen können, weshalb wir nicht darü-
ber verwundert sein sollten, dass wir streckenweise hinter unseren
eigenen Idealen zurückfallen. Aber das ist die Realität, die wir leben,
und um unseren Weg der Übereinstimmung zwischen der Praxis und
den Ideen konsequent gehen zu können, müssen wir dabei notwendi-
gerweise akzeptieren, dass wir unvollkommene Menschen sind.

Vor allem müssen wir anerkennen, dass viele von uns, die sich den
anarchistischen Kämpfen angeschlossen haben, dies aus einer ver-
einzelten Suche heraus taten, wo die Liebe zu den Ideen erst auf dem
Weg entstand, sei es beim Lesen oder beim Betrachten von Ereignis-
sen, wo der Lernprozess nur langsam und zum Teil stockend vonstat-
ten ging. Es ist nicht erstaunlich, dass uns auf diesem Weg klar wur-
de, dass vieles von dem, was wir waren, uns nicht gefallen hat. Und in
diesem Prozess der Selbsthinterfragung erkannten wir, dass es viele
Praktiken gab, die wir transformieren konnten, aber auch andere, die
wir zwar ideell verteidigten, es uns jedoch sehr schwer fiel, sie in
unserem Alltagsleben zu integrieren. Und manchmal gelang es uns,
diese Stück für Stück zu integrieren, oder wir ließen gänzlich von ih-
nen ab, indem wir unsere Verhaltensweisen zu rechtfertigen suchten
mit defensiven Argumenten oder durch das Lächerlichmachen von
Diskussionen. Aus diesem Grund bestanden diese Praktiken fort, die
nicht mit unseren Ideen vereinbar waren und die nicht einfach ver-
schwanden, bloß weil wir sie ignorierten.

Und sie bestehen noch immer fort, weil wir das Ergebnis eines his-
torischen Moments sind. Vielen von uns hat man von klein auf die
Unterordnung unter den Vater beigebracht, Haushalte, in denen mit
Männern anders umgegangen wurde als mit Frauen, Paarbeziehun-
gen unserer Eltern, die von Besessenheit, Misshandlung und Ab-
hängigkeit geprägt waren. Nicht nur zu Hause, sondern auch in der
Schule wurde uns beigebracht, dass wir an das Vaterland zu glau-
ben haben, damit sie nicht erklären mussten, dass dieser Gedanke
lediglich Nationalismen verdeckt, die uns von dominanten Gruppen
auferlegt wurden, die nur ihre Kultur und Interessen sichtbar ma-
chen. Auf der Straße trafen wir auf die Kultur des Wettbewerbs und
des Egoismus, wo die Ausbeutung etwas ist, das kritiklos akzeptiert
wird, da wir ja von irgendwas leben müssen. Wenn man mit diesen
Werten nicht zurechtkommt, tauchen der Paternalismus des Staates
oder die Mächtigen auf, die uns solange Dinge geben, wie wir nicht
hinterfragen, warum sie - wenn sie doch soviel haben - uns nur Krü-
mel geben, anstatt alles zu verteilen. Und so stülpen sie uns eine Idee
davon über, wie die Gesellschaft funktioniert, und sorgen dafür, dass
sich viele dieser Gedanken/Gefühle tief verankern im Dunkel un-
seres Unterbewusstseins. Es lässt sich nicht bestreiten, dass dies die
Welt ist, in der wir leben, und dass dies die Bildung ist, die die Mehr-
heit von uns erhält. Aber daraus brauchen wir nicht die Schlussfol-
gerung zu ziehen, dass wir uns nicht verändern können. Natürlich
können wir uns verändern, wir fangen unser Dasein nur nicht als
reine und dekontaminierte Personen an. Genau das Gegenteil: Wir
sind Wesen, die in dieser Welt leben, die wir verändern wollen. Uns
selbst umzuprogrammieren, ist Teil der Veränderung.

Die Frage, die sich stellt, ist: Existiert die vollkommene Kohärenz?
Um das beantworten zu können, ist es nötig gleich zu Anfang festzu-
halten, dass alleine schon die Frage ein hohes Maß an Essentialismus
enthält, der davon ausgeht, dass perfekte Zustände möglich sind. Ich
denke jedoch, dass das Leben beständig aufzeigt, dass dem nicht der
Fall ist: Es gibt keine perfekte Liebe, kein komplett abgeschlossenes
politisches Projekt, kein vollständiges Verständnis der Realität. Das
politische Umfeld der traditionellen Linken hat eine Idee der perfek-
ten Ideen propagiert (die Revolution, der Neue Mensch, der Sozialis-
mus) und auch wir Anarchist*innen sind dem verfallen (die Freiheit,
die Autonomie etc...). Das führte dazu, dass wir sie als unrealisierbar
betrachteten, im Glauben, dass es sich dabei um statische Ideen han-
deln würde, statt zu erkennen, dass ihr Inhalt sich im Laufe der Zeit
verändert. Man kann von keinem dieser Konzepte sprechen, ohne sie
in der Zeit und in dem Raum zu verorten, in dem wir leben, wo sie
von Personen erschaffen werden, die in einem bestimmten histori-
schen Moment leben. Wenn wir jedoch zu dem zurückkommen, wo-
rum es uns geht, so lässt sich festhalten, dass die Idee der Kohärenz
von dieser Idealvorstellung durchdrungen ist, im abwertenden Wort-
sinn seiner idealistischen Seite gemeint, bei der man entweder etwas
ist ob nicht ist, weil die perfekte Idee keine Zwischenstadien erlaubt.
Und nein, was uns das Leben zeigt, ist exakt das, dass die Kohärenz
kein Endstadium, sondern eine konstante Frage ist.

Wir brauchen nicht daran zu glauben, dass wir irgendwann perfekt
sein könnten, denn das Leben wird stets neue Herausforderungen
an uns stellen und Reflexionen von uns abverlangen, aber auch, weil
wir nicht jeden Tag die gleiche Energie, die gleiche Sorgsamkeit und
ausreichend Geduld haben - wie Pink Floyd es in ihrem Song "One
of my turns" besangen: Es könnte einfach einer unserer schlechten
Tage sein, von dem wir hoffen, dass es nur ein Phase ist, die wieder
vorbeigeht. Das bedeutet, dass wir manchmal schlicht Rollen und
Verhaltensweisen reproduzieren, die wir verabscheuen, nicht weil
wir es tun wollen, sondern, weil wir nicht vorsichtig genug sind, die
Reproduktion von Herrschaft sformen zu vermeiden, oder weil es ein-
fach einer unserer schlechten Tage ist.

Natürlich soll diese Erklärung jetzt nicht als Rechtfertigung die-
nen. Ich bin der Überzeugung, dass auf diese schlechten Tage unmit-
telbar eine grundsätzliche Refl exion darüber erfolgen sollte, woran
wir glauben und was wir im realen Leben tatsächlich davon um-
setzen. Was ich an der Stelle aber betonen möchte, ist, dass es uns
allen passiert, dass wir inkohärent sind und wir dies aus Purismus
oft nicht akzeptieren und solch aufgeladene Urteile sprechen, dass es
fast unmöglich wird, aus dem Fehler zu lernen. Erst im letzten Arti-
kel habe ich geschrieben, dass wir dazu tendieren, derartige Urteile
zu sprechen, dass wir fast wie die Inquisition daherkommen. Gera-
de die Vorstellung, die Wirklichkeit als etwas Perfektes anzusehen,
erlaubt uns nicht zu erkennen, dass wir uns als Personen in einem
Prozess der Erschaff ung befi nden und dass die Kohärenz bedeutet,
sich im Kontext der Inkohärenz zu erschaff en. Sie ist ein Ziel, aber
kein Ausgangspunkt, eine Suche und kein Endzustand.

Mit meinen Worten möchte ich allerdings nicht unterschiedliche
Formen der Inkohärenz auf dieselbe Stufe stellen, weil dies natürlich
nicht zutrifft . Sexualisierte Gewalt oder die Ausbeutung von Perso-
nen stehen nicht auf der gleichen Stufe wie konsumistisch zu sein
oder in einer Versammlung dominant aufzutreten. Ersteres sind Ak-
tionen, die eine Zusammenarbeit grundsätzlich in Frage stellen, da
die derart handelnde Person bereits auf Seiten derer steht, die wir be-
kämpfen. Zweiteres ist ebenfalls abzulehnen, aber deswegen müssen
wir in diesen Fällen noch lange keine völlig unnachgiebige Haltung
einnehmen. Ich weiß, dass das für viele ein sehr schwieriges Th e-
ma ist. Aber ich denke, dass wir in der kollektiven Zusammenarbeit
auch die Fähigkeit zu kritischen Prozessen entwickeln müssen, um
gewisse Inkohärenzen der Personen in unserem Umfeld verstehen zu
lernen (was nicht gleichbedeutend ist mit akzeptieren) und Verän-
derungen gemeinsam mit diesen Personen anzustreben, um schluss-
endlich eine Affi nität zu erzeugen, die nicht nur theoretisch Bestand
hat, sondern diesen Namen auch verdient. Selbstverständlich wird
im Fall, dass eine Person wiederholt entsprechend handelt und kei-
ne Veränderungsabsichten zeigt, langfristig der Eindruck entstehen,
dass diese Person ihre Ideale nicht wirklich in die Praxis übertragen
will und nur ein*e Anarchist*in der Worte und nicht der Tat ist.

Defi nitiv ist dies ein schwieriges Th ema, weil es unsere intimsten
Befi ndlichkeiten dazu berührt, wie wir uns und die Anderen sehen.
Und dieses Th ema ist stets Anlass gewesen, nicht nur Prozesse, son-
dern auch sehr enge Freundschaft en zu zerstören. Aber ich gehöre zu
denjenigen, die der Meinung sind, dass wir darüber sprechen müs-
sen und auf dem Verständnis aufb auen, dass wir uns alle in einem
Konstruktionsprozess befi nden und dass niemand perfekt ist. Es ist
gerade die Herausforderung einer horizontalen Organisierung, die
bedeutet, die Kritik der Anderen zu akzeptieren und dazu fähig zu
sein, Kritik konstruktiv im Sinne eines kollektiven Projekts zu äu-
ßern. Damit soll nicht die Tür dafür geöff net werden, dass wir unsere
Ideen gar nicht erst in die Praxis umsetzen. Ganz im Gegenteil: Das
ist ein Aufruf dazu, sie in die Praxis umzusetzen, aber gepaart mit ei-
nem Verständnis, dass eine Änderungen von Verhaltensweisen leicht
gesagt, aber schwerer tatsächlich zu realisieren ist. Es ist dieser Pfad,
den zu gehen wir uns verpfl ichtet haben, als wir uns zur Umsetzung
eines libertären Projekts entschieden haben. Es ist ein Weg, der nicht
leicht zu gehen ist und der ständiges Lernen erfordert, von vielen
Dingen, die wir uns vorher nie ausgemalt hätt en. Können wir also
doch kohärent sein? Ich denke das ist eine Frage, die nur mit Vor-
sicht zu beantworten ist, da weder die Kohärenz etwas Perfektes ist,
noch können sich Veränderungen von Einstellungen über Nacht ein-
stellen. Aber dass es sich um eine ausgezeichnete Herausforderung
handelt, beweist unser Entschluss, diesem vorgeschlagenen Weg zu
folgen. Die Diskussion über die Kohärenz unter den Anarchist*innen
habe ich zuvor in folgendem Artikel entwickelt: https://network23.
org/vargarquista/2014/04/14/la-coherencia-anarquista/ (Anm. d. Ü.:
auf Deutsch in der Gaidao Nr. 49)
!
Weitere Informationen

Qu elle Artikel 2: https://network23.org/vargarquista/2014/04/16/la-
imperfeccion-de-la-coherencia/ (Spanisch )

Qu elle Artikel 1: https://network23.org/vargarquista/2014/04/14/la-
coherencia-anarquista/ (Spanisch )


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