(de) FdA/IFA - Gai-Dao #54 - Das >> A << positiv bestimmen von: Hector & Mariella

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Tue Jun 30 10:02:53 CEST 2015


Auch wenn die kürzlich erschienene sogenannte "Linksextremismusstudie" der Freien 
Universität Berlin sowohl hinsichtlich ihrer wissenschaftlichen Konzeption, als auch der 
in ihr verwendeten Begriffe massiv kritisiert werden muss, legt sie doch eins nahe: 
Allgemein als "linksextrem" angesehene Einstellungen sind heute in der bundesdeutschen 
Bevölkerung weit verbreitet. ---- Auch wenn die kürzlich erschienene sogenannte 
"Linksextremismusstudie" der Freien Universität Berlin sowohl hinsichtlich ihrer 
wissenschaftlichen Konzeption, als auch der in ihr verwendeten Begriffe massiv kritisiert 
werden muss, legt sie doch eins nahe: Allgemein als "linksextrem" angesehene Einstellungen 
sind heute in der bundesdeutschen Bevölkerung weit verbreitet. So sind beispielsweise rund 
30% der Bevölkerung der Ansicht, echte Demokratie sei nur ohne Kapitalismus möglich und 
dieser führe außerdem zwangsläufig zu Hunger und Armut.

Während der allgemeine Befund weithin akzeptierter "linksextre-
mer" Einstellungen die   Verfasser*innen der Studie selbstverständ-
lich zu einer alarmierenden Schlussfolgerung veranlasst, in der es
mitunter heißt, eine wehrhafte Demokratie müsse ihren Feind*innen
entschieden entgegen treten, dürfte er, wenn er auch auf wackeligen
Beinen steht, einigen Aktivist*innen Freude oder gar Hoffnung auf
eine bessere Zukunft bereiten.

Die Ergebnisse werfen allerdings eine Frage von hoher Brisanz auf:
Warum schafft die radikale Linke - und besonders auch die anarchis-
tische Bewegung - es nicht, die scheinbar hohe Akzeptanz ihrer Kri-
tik am Bestehenden und teilweise auch ihrer Ziele, in entsprechenden
politischen Einfluss umzuwandeln? Anders gesagt: Warum sind die
anarchistischen Bewegungen, bei allem potenziell zu verzeichnen-
den Zulauf, von relativer Bedeutungslosigkeit gekennzeichnet, wenn
doch ein Großteil der Bevölkerung mit ihren Zielen übereinstimmt?
Die Antwort auf diese Frage kann vor allem in der Darstellung des
Anarchismus gefunden werden. Hiermit ist in erster Linie nicht die
Darstellung von außen gemeint, die bekanntermaßen durch eine
Gleichsetzung mit Chaos und Gewalt gekennzeichnet ist, sondern
vielmehr das im Selbstverständnis vieler anarchistischer Bewegun-
gen gewählte Selbstbild bis hin zur Außendarstellung im Zuge von
Einführungsbroschüren oder Vorträgen.

Bei diesen wird der Anarchismus meist über negative Abgrenzun-
gen erklärt. Eine Einführung findet in erster Linie über Kritik statt.
Weil Anarchist*innen ihrer Überzeugungen folgend häufig eine sehr
breit gefächerte und weit reichende Kritik am gegenwärtigen Gesell-
schaftszustand haben, fällt die Darstellung in diesem Zusammen-
hang häufig in Form einer radikalen und bedingungslosen Abgren-
zung statt, die durch eine entsprechend brutale Wortwahl begleitet
wird. Häufig fallen hier Begriffe wie "zerschlagen", "abschaffen" oder
"angreifen". Fest steht, dass es auf dem Weg hin zu einer solidari-
schen und herrschaftsfreien Gesellschaft auch einigen Widerstand zu
überwinden gilt, denn sicherlich werden sich einige, heute gut situ-
ierte, ungern ihrer auf Ausbeutung fußenden, privilegierten Position
berauben lassen wollen. Es sollte allerdings in Frage gestellt werden,
ob eine derartig negative Annäherung an den Anarchismus für sein
Erreichen letztendlich zielführend sein kann.

Klar ist, dass für den Aufbau einer herrschaftsfreien Gesellschaft so-
wohl der Kapitalismus, als auch die parlamentarische Demokratie
und der Staat als solcher überwunden werden müssen, doch müssen
sich Anarchist*innen bewusst sein, dass sie diese Aufgaben nicht ge-
gen die Mehrheit der Menschheit durchführen können, sondern nur
mit ihr. Daraus folgt sicherlich nicht die Konsequenz, dass sie für ihre
Ziele aufdringlich werben müssen, oder gar missionarisch auftreten
sollten, allerdings müssen sie dafür Sorge tragen, dass ihre Kämpfe
auch verstanden werden, wenn sie diese eines Tages auch tatsächlich
gewinnen wollen.

Hierzu ist es an erster Stelle hilfreich, den Anarchismus auf eine Wei
se zu bestimmen, die positiv konnotiert ist. Immerhin geht es nicht
darum den Kapitalismus oder den Staat aus reinem Selbstzweck ab-
zuschaffen, sondern, weil diese eine grundlegende Hürde für den
Aufbau einer herrschaftsfreien Gesellschaftsalternative darstellen.
Staat und Kapital, Polizei und Demokratie sind nicht Feinde per se,
sondern entstehen als solche erst, weil sie sich einer besseren Welt
unversöhnlich in den Weg stellen.

Aus diesem Grund führen wir unsere Kämpfe in erster Linie nicht
gegen den Kapitalismus als solchen, sondern für eine solidarisch or-
ganisierte und nach Bedarf gerichtete Ausgestaltung der Wirtschaft.
Im Bestehenden treffen wir allerdings permanent auf eine anders or-
ganisierte Wirtschaftsweise, die am Profit orientiert durch Ausbeu-
tung betrieben und als Kapitalismus bezeichnet wird. Erst dadurch
wird dieser zum Feindbild. Wir kämpfen nicht einfach dafür den
Staat abzuschaffen, sondern in erster Linie für ein selbstbestimmtes
und solidarisches Zusammenleben in freiem Austausch miteinander.
An der Ausübung dessen hindert uns allerdings allgegenwärtig das
hierarchisch organisierte und auf Unterdrückung basierende Staats-
wesen. Dieses wird erst zum Feind des Anarchismus, weil es diesen
an der Erreichung seiner Ziele hindert. Gleiches gilt folgerichtig auch
für die Abgrenzung zum Marxismus.

Der Anarchismus sollte grundsätzlich aus einer positiven Perspekti-
ve definiert werden, anstatt ihn alleine durch eine radikale und mit-
unter brutale Abgrenzung gegenüber dem Bestehenden oder anderen
Strömungen herzuleiten. Erst auf diese Weise kann der ihm zugrun-
deliegenden, tiefen Analyse politischer und ökonomischer Zusam-
menhänge Rechnung getragen werden. Er ist nicht als plumpe Alter-
native zum Bestehenden entstanden unter dessen Befürwortern sich
all jene zusammenfinden sollten, die mit dem Status Quo in irgend-
einer Hinsicht unzufrieden sind. Im Gegenteil, für den Anarchismus
zählt nicht, was ist, sondern vielmehr was kommen wird. Aus diesem
Grund gilt es, den Anarchismus sowohl in der Außendarstellung, als
auch in den eigenen Köpfen stets positiv zu bestimmen. Das heißt als
eine politische Ideenlehre, die eine herrschaftsfreie, auf Solidarität
basierende und selbstorganisierte Art des Zusammenlebens anstrebt.
Aus diesem Kern lassen sich dann automatisch die entsprechenden
Abgrenzungen ableiten und leicht erklärbar darstellen: Wir sind für
ein selbstorganisiertes Zusammenleben und deshalb gegen jegliche
Art von Hierarchien, wie sie beispielsweise im Staat als solchem oder
im Zuge kapitalistischer Produktionsweisen Ausdruck finden usw.

Wird der Anarchismus auf diese Weise verstanden, lebt er sich auch
deutlich einfacher: Statt einfach nur den Staat zu hassen, wird sich an
ihm vorbei organisiert. Anstatt den Kapitalismus nur zu verteufeln,
wird die Produktion selbst in die Hand genommen. Auf die Weise
wird letztendlich auch den anarchistischen Grundsätzen der direk-
ten Aktion und dem, das Morgen schon heute zu schaffen, Rechnung
getragen, während sich regelmäßig über Staat und Kapital auszulas-
sen am Ende weiter nichts bewegt und die Ideale der anarchistischen
Bewegung auch nicht vorantreibt. Gänzlich vergessen werden sollten
die derzeitigen Feindbilder aber selbstverständlich nicht, stellen sie
doch sicher, dass die aktuellen Kämpfe und Auseinandersetzungen
entlang der richtigen Linien ausgetragen werden. Eine grundsätzli-
che Definition des Anarchismus kann an ihnen allerdings nicht statt-
finden, da sie als Außenfaktoren generell wandelbar sind und somit
letztendlich nie sinnstiftend für eine positive Idee sein können.


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