(de) FAU-IAA: Direct Aktion #229 - Jetzt auch amtlich - Das Singen von Arbeiterliedern ist ein schützenswertes Kulturgut

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Mon Jun 22 10:39:54 CEST 2015


Über die Anerkennung des Arbeiterliedes als geschütztes Kulturerbe im Sinne der UNESCO 
---- Es gibt Sachen, die gibt es eigentlich gar nicht. Vor einigen Monaten hatte ich für 
die DA einen kleinen Artikel über die Initiative geschrieben, die einen Antrag zur 
Anerkennung des Arbeiterliedes als geschütztes Kulturerbe im Sinne der UNESCO eingebracht 
hatte. ---- Die Anregung für diese Initiative war von Joachim Hetscher gekommen, einem 
Journalisten, Liedermacher und Organisator von politischen Kulturevents, darunter das 
jährliche Woody-Guthrie-Festival in Münster. Es ergab sich ein loser InitiatorInnen-Kreis 
aus engagierten KünstlerInnen, GewerkschafterInnen, KunstprofessorInnen, HistorikerInnen 
und sonstigen Interessierten. Erste Überraschung: für das Thema engagierten sich bedeutend 
mehr Menschen als erwartet - die meisten sicher nicht vorrangig davon überzeugt, dass wir 
mit diesem ambitionierten Anliegen in der Runde der Kultusministerien und 
UNESCO-Verantwortlichen erfolgreich sein könnten, aber sehr überzeugt davon, dass mit 
Hilfe eines solchen Antrags unserem Anliegen mehr öffentliche Aufmerksamkeit verschafft 
werden könnte.

DER WEG IST DAS ZIEL

Der Weg ist das Ziel - das war auch mein Ansatz. Immerhin ergaben sich über den Antrag 
einige Artikel und Hinweise in den links angesiedelten Medien, einige Veranstaltungen und 
ein wachsendes Interesse, vor allem in unterschiedlichen Bereichen der IG Metall. In 
Mannheim organisierte ich zusammen mit dem hiesigen Landesmuseum für Technik und Arbeit 
und mit Unterstützung der IG Metall eine sehr gut besuchte Podiumsdiskussion mit Livemusik 
und einem sowohl unterhaltsamen wie kenntnisreichen Referat zur Historie des 
Arbeiterliedes, das der Berliner Musikprofessor Hartmut Fladt beisteuerte. An der Basis 
tat sich also etwas, aber in den Apparaten der Organisationen, deren originäres Interesse 
diese Lieder, ihre Historie wie ihre aktuelle kämpferische Ausformung finden sollte, gab 
es, die IG Metall mal ausgenommen, kaum Resonanz. Von den herrschenden Medien ganz zu 
schweigen.

Umso überraschender der 11. 12. 2014. Die Kultusministerkonferenz bestätigte auf Anhieb 
die Empfehlung einer unabhängigen Expertenkommission, neben 26 weiteren Nominierungen auch 
das "Singen der Lieder der deutschen Arbeiterbewegung" (so der konkrete Titel) in "das 
bundesweite Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes" aufzunehmen. Und das nicht nur so, 
sondern auch noch mit einer respektablen Erklärung, die in der Art erst noch Eingang in 
das Kulturverständnis von Gewerkschaften oder politischen Organisationen finden müsste.

ARBEITERLIEDER - SCHÜTZENSWERTES KULTURGUT IM SINNE DER UNESCO

Auszug aus der der Jury-Erklärung: "Im Rahmen von Aktionen der Arbeiterbewegung werden 
seit dem 19. Jahrhundert charakteristische Lieder gesungen. Das Singen dieser Lieder ist 
Ausdruck einerseits von Benachteiligung und Unterdrückung lohnabhängiger Beschäftigter, 
andererseits aber auch von ihrer Gegenwehr und Zukunftsgewissheit. Die Lieder weisen 
häufig einen positiven Bezug zur grenzüberschreitenden Solidarität und zum Streben nach 
Frieden zwischen den Völkern auf. Viele sind Übersetzungen aus anderen Sprachen, wie 
beispielsweise "Die Internationale" oder "Bella Ciao". Die Lieder der Arbeiterbewegung 
erreichten im deutschen Kulturraum eine hohe künstlerische Entwicklung durch musikalisch 
innovative Adaptionen und Weiterentwicklungen durch Kurt Weill, Hanns Eisler und Bertolt 
Brecht. Das Singen der Lieder der deutschen Arbeiterbewegung ist über weite Strecken der 
deutschen Geschichte verboten und unterdrückt worden. Nach dem Zweiten Weltkrieg musste es 
zunächst wiederentdeckt und von der Arbeiterbewegung neu angeeignet werden. Auch heute 
noch weist die Praxis eine große Lebendigkeit auf, die, von den Medien weitgehend 
unbeachtet, bei Versammlungen oder anlässlich von Streiks und anderen gewerkschaftlichen 
Auseinandersetzungen sowie in der Neuentstehung von Liedern zum Ausdruck kommt." - 
Chapeau! Dieser Begründung ist meiner Meinung nach nicht mehr viel hinzuzufügen.

WIE WEITER?

Die überraschende Zustimmung stellt unsere bisher lose Interesseninitiative nun vor die 
Aufgabe, sich einen formellen Handlungsrahmen zu schaffen, der es auch ermöglicht, Anträge 
zur Unterstützung von Forschungsarbeiten oder Projekten stellen zu können. Denn das wäre 
auch ein erster praktischer Nutzen (neben dem immateriellen) aus dieser Anerkennung.

Konkretere Infos zu unserem Antrag und den InitiatorInnen gibt es auf meiner Webseite: 
www.ewo2.de/berndkoehler. Eine eigene Webseite der Initiative ist Teil der Maßnahmen, die 
wir jetzt angehen wollen.

Bernd Köhler, Mannheim
Liedermacher, Texter, Grafiker

Wer die Anliegen der Initiative unterstützen möchte, kann das an Joachim Hetscher melden: 
Joachim.Hetscher at gmx.de

"IN DIESER STRASSE - DAS WATERBOARDING-SYNDROM"

... heißt das neue Werk von Bernd Köhler und ewo2 ("elektronisches Weltorchester"). Wer 
angesichts der Abkürzung Arbeiterlieder im postmodernen Elektro-Sound erwartet, täuscht 
sich: Die Instrumentierung ist klassisch, aber virtuos, auch durch ihre Menge. Denn 
schnell lernt man hier: Gitarre ist noch lange nicht Gitarre. Das merkt man, wenn sich 
hinter die melodiegebende Akustik-Gitarre das leise Dröhnen der E-Gitarre mischt und durch 
Slides von der Lap Steel-Gitarre ergänzt wird. Ergänzt wird das Spektakel aber auch durch 
Akkordeon, Synthesizer und Geige.Was dabei rauskommt, ist immer irgendwie 
"Liedermacherei", klingt deswegen aber nicht immer gleich. Der Drei-Song-Zyklus "Das 
Waterboarding-Syndrom" etwa kommt relativ düster daher. Die Foltermethoden, die einen 
letztlich alles sagen lassen, finden für Bernd Köhler nicht nur in Abu Ghraib oder 
Guantanamo statt, sondern werden Bestandteil des Alltags und eben auch "dieser Straße".

Das Waterboarding als Teil des Systems hat uns als Syndrom alle im Griff.Daneben steht 
aber auch eine beschwingte Leichtigkeit in der Tradition Franz Josef Degenhardts, nicht 
nur in dem, wie im Beiheft angemerkt, an diesem orientierten "Knistert, furzt im 
Parlament", sondern auch z.B. bei "Das ganz normale Ekel".Und letztlich wird es auch immer 
wieder besinnlich, wie in "Hat da gewohnt" oder "Ein besonderes Haus". Fazit also: Auch 
mit den traditionellen Instrumenten des Liedermachens bekommt man eine moderne Vielfalt an 
Sound hin, die als Soundtrack zu unserer Zeit mehr als nur taugt. Also: Kaufen, reinhören 
und checken, wann das "kleine elektronische weltorchester" in der Nähe auftritt. (bew)

Bernd Köhler und ewo2 "In dieser Straße - das Waterboarding-Syndrom" (VÖ - 12.03.2015) 
JumpUp-Records, Art.Nr.: JUP-00035. 14 Songs, 15,00 Euro

https://www.direkteaktion.org/229/jetzt-auch-amtlich-das-singen-von-arbeiterliedern


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