(de) FdA/IFA - Gai-Dao #54 - Das "Selbst" im Kapitalismus Ein Redebeitrag vom 1. Mai 2015 von Libertäres Bündnis Ludwigsburg (LB2)

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Mon Jun 22 10:39:45 CEST 2015


Es erscheint wie das normalste und da sich viele Menschen ein anderes Leben nicht einmal 
vorstellen können, ist es das wohl auch: Die Zumutungen des Lebens im Kapitalismus 
bestimmen unseren Alltag. ---- Von der Kinderkrippe bis ins Altenheim, von Montags bis 
Sonntags. ---- Es beginnt, wenn morgens um 6 mehrere Wecker durch schrilles Läuten den 
Tiefschlaf unterbrechen und so das Signal geben, dass es an der Zeit ist "sich selbst" zu 
überwinden und aufzustehen. Vorgesetzte, DozentInnen und LehrerInnen überprüfen, ob wir 
das Aufstehen als erste Aufgabe des Tages erfolgreich gemeistert haben und pünktlich 
erscheinen. Um dem täglichen Katalog an Anforderungen, die erfüllt werden müssen, gerecht 
zu werden, muss man "sich selbst disziplinieren", die Müdigkeit und den Widerwillen mit 
dem ersten Kaffee einfach herunterschlucken. Ein Musterbeispiel der Selbstgenügsamkeit ist 
es, dass man täglich für einen Mindestlohn in einem Betrieb schuftet, dessen Gewinne 
andere kassieren.

Die Rolle der guten Angestellten erfüllt, indem man selbstlos immer
mehr Überstunden anhäuft und auch krank oder erschöpft zur Arbeit
kommt. Man muss "sich selbst kontrollieren" um die Schikanen von
Vorgesetzten ohne Widerworte über sich ergehen zu lassen.

Das lernt man bereits in der Schule, wo ein permanenter Leistungs-
druck durch Bewertung und Sanktion aufgebaut wird. Es setzt sich
im Studium oder der Ausbildung fort: Man muss sich ein bestimm-
tes Wissen oder bestimmte Fähigkeiten aneignen. Und das in einem
Zeitraum, den man nicht selbst bestimmen kann, sondern der von
anderen festgelegt wird.

Dieses Wissen-Aneignen geschieht selbstverständlich im Wettbe-
werb mit anderen, denn nur wer gut abschneidet und sich selbst gut
darstellen und verkaufen kann erhält später auch einen Arbeitsplatz.

Wer sich dieser permanenten Selbstoptimierung nicht aussetzen
möchte oder beim Bewerbungsmarathon verloren hat, ist meist dem
Jobcenter ausgeliefert. Dort durchläuft man nach Gutdünken des Job-
beraters irrwitzige Maßnahmen und Trainings. Mit der Teilnahme
an ihnen soll man seinen (guten?) Willen "an sich selbst zu arbeiten"
zeigen.

Was ist dieses "Selbst", das disziplinieren, überwunden, optimiert,
verwertet, beherrscht und aufgegeben werden soll? In dieser Logik
scheint es etwas zu sein, das wie ein wilder Hund an die Kette genom-
men und dressiert werden muss. Doch betrachtet man dieses Selbst
als individuellen Wesenskern des Menschen, in dem Eigenschaften,
Fähigkeiten und Möglichkeiten wie Schätze angelegt sind, begreift
man es als das Zentrum der Persönlichkeit. Welche von diesen Ent-
wicklungsmöglichkeiten realisiert werden können, hängt jedoch von
den gesellschaftlichen Bedingungen ab, in denen man heranwächst
und lebt.

So verwundert es nicht, dass im Kapitalismus die Verwertungslo-
gik auch vor dem "Selbst" der Menschen nicht halt macht. Ganz im
Gegenteil: Der Eingriff in das Leben der Einzelnen hört nicht beim
Verfügen über ihre Zeit oder beim Ausbeuten ihrer Arbeitkraft auf,
sondern setzt sich fort im stetigen Apell die eigene Persönlichkeit -
entsprechend dieser Anforderungen - zu formen und zu entwickeln.

Diese Einseitigkeit der Anforderungen an uns wird ergänzt
durch Werbungsversprechen für die sogenannte "work-life Ba-
lance". Selbstverwirklichung verspricht der all-inclusive-Trip
nach Tunesien. Gedächtnistraining zu Hause vor dem PC für
mehr Konzentrationsfähigkeit und Selbstsicherheit. Ratgeber-
bücher und Coachings darüber, wie man selbstbewusst auftritt.
Eine endlose Palette aus Produkten wird angepriesen,
die unsere Attraktivität und Selbstliebe steigern sollen.
Verbogen, verwertet, ausgebeutet und dann retuschiert und aufge-
hübscht.

Wir haben aber nur dieses eine Leben. Und nur in diesem einen Le-
ben können wir uns in der Begegnung und Kooperation mit anderen
Menschen entwickeln und entfalten. Es ist einfach nicht zu fassen,
dass so viele Menschen diese denkbar ungünstigsten Bedingungen
dafür einfach hinnehmen.

Doch die Geschichte ist weder statisch noch ist sie zu Ende.

Wir sind hier und streben eine umfassende gesellschaftliche Verän-
derung an. Die Selbstermächtigung jeder Einzelnen und jedes Einzel-
nen führt Veränderungen herbei:

Nicht gehorsam sein,
sich nicht fügen,
nicht mehr ja sagen, wenn man nein denkt,
keine formbare Masse mehr sein.

Wo wir beginnen unsere Selbstwirksamkeit zu entfalten, be-
ginnt der Bruch im Normalbetrieb aus Hierarchie und Gewalt.

Denn Selbstbefreiung geht ihren Weg nicht allein. Selbstbestim-
mung bedeutet nicht Vereinzelung, sondern verwirklicht sich in
Wechselseitigkeit, im freien Zusammenschluss freier Individuen.

Indem wir uns heute zum Demonstrieren versammeln, zeigen wir,
dass wir gegenüber diesem unerträglichen Alltag nicht abgestumpft
sind. Aber auch, dass wir diese gesellschaftliche Normalität nicht
hinnehmen und ihr unseren Protest, unsere Ideen unsere Träume
und unsere Gegenkonzepte entgegensetzen.   Heute auf der Straße,
am Montag in der Agentur für Arbeit, in der Schule, auf der Arbeit
und in der Uni.

Für ein Leben, Lieben, Arbeiten und Lernen in Freiheit!
Für die Anarchie!


WEITERE INFOS

Libertäres Bündnis Ludwigsburg im Internet:
http://lblb.pytalhost.de
lb-hoch2 at riseup.net


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