(de) FdA/IFA - Gai-Dao #54 - Ausnahmezustand in Baltimore Von: et.al im Interview mit crimethInc.

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Tue Jun 16 07:35:00 CEST 2015


Am 19. April 2015 starb der 25-jährige Afro-Amerikaner Freddie Gray, nachdem er eine Woche 
zuvor von der örtlichen Polizei verhaftet wurde, an den Folgen seiner Misshandlung in der 
Polizeigewahrsam. Sein Tod reiht sich ein in eine lange Liste von Vorfällen, in denen - 
vornehmlich weiße - PolizistInnen, People of Colour töteten. In Folge dessen kam es zu 
tagelangen Ausschreitungen. ---- Hier sind die Antworten auf eure Fragen - schnell 
niedergekritzelt, während gleichzeitig auch sonst viel los ist. Ich hoffe, sie bringen 
euch was! Wir hoffen, dass wir bald ein paar Artikel über die Vorkommnisse in Baltimore 
auf www.crimethinc.com veröffentlichen können. Bis dahin sei hier schon mal auf einen Text 
verwiesen, der einen guten Überblick über die allgemeine Situation mit der Polizei in den 
USA bietet: The Thin Blue Line Is a Burning Fuse: Why Every Struggle is Now a Struggle 
against the Police (Text auf Englisch erschienen November 2014).

Eine Bemerkung vorweg: Obwohl unser Kollektiv aus Menschen mit
verschiedenen ethnischen Hintergründen besteht und wir unsere
Ideen in einem fortlaufenden Dialog formulieren, ist es wichtig, zu
betonen, dass die hier vorliegenden Antworten aus der Perspektive
von hauptsächlich weißen Anarchisten geschrieben wurden, die
zwar auch in diesen Kämpfen aktiv sind, dort aber keine zentrale
Rolle einnehmen. In Ferguson waren einige der ersten Weißen, die
sich an den Konflikten mit der Polizei beteiligten, Anarchisten. Wir
nahmen aber eine etwas seltsame Rolle ein und befanden uns oft eher
außerhalb der rebellierenden Gemeinschaften. Außerdem profitier-
ten wir in gewissem Maße von rassistischen Privilegien, selbst dann,
wenn wir von den Autoritäten (und leichtgläubigen, paternalisti-
schen Liberalen) für die Aufstände verantwortlich gemacht wurden.
Unsere Perspektive auf die Ereignisse kann zwar nützlich für Anar-
chisten in anderen Ecken der Welt sein, aber sie ist definitiv nicht die
einzige. Um ein umfassendes Verständnis der Ereignisse zu erlangen,
ist es unerlässlich, Perspektiven von schwarzen und braunen Men-
schen aus dem Zentrum dieser Kämpfe zu hören.

Wir bitten um eine kurze Schilderung der jüngsten Ereignisse in
Baltimore, die durch den Polizeimord an Freddie Gray ausgelöst
wurden.

Am 12. April wurde Freddie Gray, ohne eine Straftat begangen zu
haben, festgenommen. Nach der Festnahme wurde er auf dem Weg
ins Gefängnis verletzt und die ärztliche Versorgung wurde ihm ver-
weigert. Am 19. April starb er an den Folgen dieser Verletzungen.
Am Samstag, 26. April, fand am Nachmittag eine gesetzestreue Pro-
testkundgebung statt. Die Kundgebung endete mit einem Demonst-
rationszug, bei welchem einige Polizeifahrzeuge zerstört wurden und
es zu Auseinandersetzungen mit betrunkenen rassistischen Sport-
fans kam. Die Polizei ließ die Gegend um die Proteste absperren, aber
innerhalb der Absperrungen konnten die Demonstrierenden noch
stundenlang ungehindert Sachbeschädigungen begehen. Das ist in
den USA ziemlich selten.

Am Montag, 29. April, zirkulierte unter Schülern eine Nachricht in
den sozialen Netzwerken, in der zu einem 'purge' am gleichen Nach-
mittag in einem Einkaufszentrum in Baltimore aufgerufen wurde
- 'purge' (Säuberung) ist eine Anspielung auf einen gleichnamigen
Hollywood-Film, in welchem die Kontrollen und Gesetze außer Kraft
gesetzt sind. In dem genannten Einkaufszentrum steigen sehr viele
Jugendliche auf dem Schulweg um. In Baltimore gibt es keine Schul-
busse, die Schüler benutzen die öffentlichen Verkehrsmittel. Vorbeu-
gend ließ die Polizei das Einkaufzentrum schließen, überflutete die
Straßen mit Beamten in Kampfausrüstung und ließ den öffentlichen
Nahverkehr stilllegen - Busse wurden angehalten und die Fahrgäste
zum Aussteigen gezwungen. In dieser angespannten Situation, aus
der man auch nicht wegkam, begannen Jugendliche, Auseinander-
setzungen mit der Polizei und kämpften dabei mit der mutigen Unbe-
kümmertheit junger Leute auf der ganzen Welt. In mindestens einer
Situation wurde beobachtet, wie Polizisten Steine zurück auf die Ju-
gendlichen schmissen.

Bei Anbruch der Dunkelheit waren überall in der Stadt Unruhen,
Krawalle und Feuer ausgebrochen, auch in einigen weißen Vierteln.
Über hundert Autos wurden angezündet, viele davon Polizeifahrzeu-
ge, und über 12 Gebäude brannten ab, am bekanntesten wurde der
Brand einer Filiale der Drogeriekette CVS an der Ecke Penn Street
/ North Street. In den großen Medien gab es aus Helikoptern Live-
Übertragungen von Plünderungen, bei denen die Nachrichtenspre-
cher über den Verlust von Eigentum rumheulten und die Plünderer
als Monster beschrieben.

Die Oberbürgermeisterin ließ den Notstand ausrufen und forderte
Unterstützung von umliegenden Polizeieinheiten und der National
Guard an. Außerdem wurde eine siebentägige Ausgangssperre, die
am Dienstag in Kraft treten sollte, verhängt. Das Gerichtssystem war
mit der Anzahl der Festgenommen ziemlich überfordert, so wurden
einige Festgenommene auch ohne Anzeige wieder freigelassen.

Am Dienstag, 29. April, herrschte eine angespannte Stimmung in der
Stadt. In den öffentlichen Verkehrsmitteln prahlten Leute, was sie am
Tag zuvor geplündert hatten - oftmals Güter für den ganz grund-
sätzlichen Lebensbedarf. Zeugen beschrieben die Stimmung in Balti-
more mit dem Motto "Wir haben getan, was wir tun mussten". Es gab
Aufräume-Aktionen, die von Nachbarschaftsstrukturen organisiert
wurden (ähnlich wie in London 2011), und es gab Friedenswächter,
die weitere Krawalle und Unruhen verhindern sollten.

Da der Großteil der Bevölkerung Baltimores schwarz ist, muss betont
werden, dass Menschen mit schwarzer Hautfarbe auf allen Ebenen
bei und nach den Krawallen involviert waren - schwarze Politiker,
schwarze Friedenswächter, schwarze Polizisten, schwarze Nachbar-
schafts-Aktivisten, schwarze Geschäftsinhaber, schwarze Randalie-
rende.

Am Dienstag, als die Schulen geschlossen waren, bot Red Emma's
(das wichtigste anarchistische Projekt in Baltimore) eine Anlaufstel-
le für Jugendliche, die nicht in der Schule waren, und für obdachlo-
se Jugendliche, deren Heim während der Krawalle zerstört worden
war. In anderen Stadtteilen sammelten und verteilten Organisationen
kostenlose Lebensmittel - dabei handelte es sich hauptsächlich um
kirchliche Organisationen, die in der Politik Baltimores durchaus
eine Rolle spielen, auch innerhalb des radikalen politischen Spekt-
rums.
Die Kreuzung Penn Street / North Street, wo die CVS-Filiale nie-
dergebrannt worden war, wurde zum Anlauf- und Treffpunkt für
Protestierende, die Lust auf weitere Konfrontationen hatten - etwas
ähnliches ist damals auch in Ferguson passiert, wo Protestierende
sich an der in der ersten Nacht der Krawalle niedergebrannten, Su-
permarkt-Filiale von QuikTrip trafen. Die Ausgangssperre wurde ab
22 Uhr brutal durchgesetzt, wobei es wieder zu Straßenkämpfen mit
der Polizei kam, jedoch nicht in dem selben Ausmaß wie am Montag.

Am Mittwoch, 30. April, riefen viele Gruppen zu Demonstrationen
auf, obwohl aufgrund der Notstandsregelungen eigentlich alle öf-
fentlichen Versammlungen untersagt waren. Trotzdem wurden alle
Demonstrationen in letzter Minute genehmigt, was zeigt, welchen
Druck die Protestierenden auf den Staat ausübten. Die Schlussde-
monstration, von schwarzen und braunen Jugendlichen angeführt,
bildete einen der größten Demozüge, den die Stadt seit langem gese-
hen hatte, obwohl sie von den nachfolgenden Demonstrationen am
Freitag und Samstag sogar noch in den Schatten gestellt wurde. Der
Demonstrationszug gab den Anweisungen der Polizei, nicht vor dem
Rathaus zu bleiben, nach, kehrte zum Bahnhof (Penn Station) um und
löste sich gegen 21 Uhr auf, damit Leute vor der Sperrstunde wieder
nach Hause konnten. Nachts gab es wieder Krawalle an der Kreuzung
Penn Street / North Street.

Für den ersten und zweiten Mai waren weitere Demonstrationen ge-
plant, in der Annahme, dass auch Menschen aus umliegenden Städ-
ten kommen und sich neue Konfrontationen ergeben würden. Aber
am Morgen des ersten Mai verkündete der Staatsanwalt Mosby, dass
sechs Polizisten aufgrund des Todes von Freddie Gray angeklagt wer-
den sollten, in einem Fall lautet die Anklage nun sogar auf Mord.
Das ist in den USA ziemlich ungewöhnlich, wo jährlich hunderte
von Menschen von der Polizei umgebracht werden, ohne dass dies im
Normallfall irgendwelche Konsequenzen nach sich zöge.

Am ersten Mai gab es den ganzen Tag bis spät in die Nacht sponta-
ne, nicht angemeldete Demonstrationszüge. Die meisten Menschen
versammelten sich in der Innenstadt am Rathaus und am McKeldin
Square, der free speech zone, in welcher die Behörden für gewöhn-
lich die Protestierenden zu halten versuchen. Der Demonstrations-
zug bestand aus etwas 5.000 Menschen und ging über 11 Meilen.
Während der Demo kamen ständig Leute hinzu, andere verließen
die Demo wieder; manche Schätzungen gehen von 10.000 oder mehr
Teilnehmern aus. Die Stimmung war fröhlich. Die Polizei war nicht
zahlreich genug, um die Demonstrierenden aufhalten zu können, ver-
sperrte allerdings Zugänge zur Autobahn und stand schützend vor
bestimmten Gebäuden. Im Gefängnisviertel stimmten Gefangene
von innen in die Parolen mit ein, ihr Hauptslogan war "All night, all
day, we will fight for Freddie Gray" ("Wir werden Tag und Nacht für
Freddie Gray kämpfen").

In West Baltimore stießen Lastwagen voll mit Menschen zur Demo
hinzu. Die Demo bewegte sich zurück in die Innenstadt und löste
sich zur Sperrstunde langsam auf. Am Rathaus blieben etwa 50 - 100
Leute auch nach der Ausgangssperre draußen und mindestens 13
wurden, meist brutal, festgenommen. Auch kam es nach der Sperr-
stunde wieder zu gewalttätigen Konfrontationen an der Kreuzung
Penn Street / North Street.

Am Samstag, 2. Mai, kam es zu weiteren Demonstrationen. Zu dem
Zeitpunkt verlagerte sich die Energie darauf, Amnestie für die Fest-
genommenen zu bewirken, denen schwere Anklagen drohten. Zum
Beispiel wurde ein junger Mann, der das Fenster eines Polizeiautos
eingeschmissen hatte und den daraufhin einer seiner Eltern über-
zeugen konnte, sich der Polizei zu stellen, gegen eine Kaution von
500.000 Dollar festgehalten.

Am Samstagabend kam es zur größten Mobilisierung gegen die Aus-
gangssperre. Eine größtenteils weiße Gruppe von Menschen kam in
einer überwiegend weißen Gegend zusammen. Ein Großaufgebot der
Polizei rückte an, machte dann aber nur Durchsage nach Durchsage
mit der Aufforderung, die Versammlung aufzulösen, flehte die Teil-
nehmenden an, sich nicht festnehmen zu lassen. Die Menge willigte
ein, sich zu zerstreuen, da die Mittel zur Unterstützung der Gefange-
nen ohnehin bereits knapp waren. Mehrfach wurde berichtet, dass
die Polizei den Leuten sogar anbot, sie nach Hause zu fahren. Wäh-
renddessen wurden an der Kreuzung Penn Street / North Street vor
allem schwarze Protestierende von Polizisten zusammengeschlagen,
mit Pfefferspray angegriffen und festgenommen. Eine relativ große
Anzahl an Sanitätern und Menschen aus Soligruppen für die Gefan-
genen wurden mit dem Vorwurf, die Ausgangssperre mißachtet zu
haben, festgenommen.

Am Sonntag, 3. Mai, wurde die Ausgangssperre als Reaktion auf die
Beschwerden von Geschäftsinhabern schon zwei Tage früher als an-
gekündigt wieder aufgehoben. Zu diesem Zeitpunkt hatten sich die
Dinge in Baltimore bereits wieder beruhigt.

Wir hätten gerne ein Kommentar über den amerikanischen Kapi-
talismus und seine bis heute andauernde Unfähigkeit, die rassi-
sche Diskriminierung der Afroamerikaner zu überwinden.

Weiße Vormachtstellung und Kapitalismus waren von Anfang an
strukturell miteinander verbunden. (Viele Leute in den Vereinigten
Staaten sprechen lieber von "weißer Vormachtstellung" als von "Ras-
sismus", um zu betonen, dass es ein strukturelles Problem ist und
nicht nur eine Sache des individuellen Vorurteils.) Die Entwicklung
des Kapitalismus ist nicht ohne die ursprüngliche Plünderung und
Kolonialisierung der sogenannten "Neuen Welt" (und dann Indiens
und Afrikas) vorstellbar, der dann Sklaverei und später Rassentren-
nung folgten. Die Rassentrennung gibt es bis heute, wenn auch eher
als ein wirtschaftliches Problem getarnt und nicht als eines der Ras-
se. Das Ergebnis ist allerdings gleich.

Auf jeder Stufe dieses Prozesses ist die Spaltung der armen Arbei-
ter und Marginalisierten in "Weiße" und "Nicht-Weiße" wesentlich
gewesen, um die herrschende Ordnung aufrecht zu erhalten und zu
stabilisieren, indem sie Weiße, die sich ansonsten mit allen anderen
gegen die Elite verbünden würden, besticht, sich mit ihren viel rei-
cheren Herrschern zu identifizieren. Die gesellschaftlich konstruier-
te Identität "Rasse" und der auf dem gesellschaftlichen Konstrukt des
Eigentums basierende Kapitalismus entstanden gemeinsam und un-
terstützen sich einander wechselseitig. Zwar kann man die Geschich-
te der Erfindung der Rasse in einem wirtschaftlichen Rahmen erzäh-
len, allerdings wäre es genauso möglich, zu argumentieren, dass
Kapitalismus die wirtschaftliche Folge der Erfindung der Rasse ist.

Darum wird keine kapitalistische Gesellschaft, weder die amerikani-
sche noch sonst eine, die Rassendiskriminierung erfolgreich abschaf-
fen. Es gibt immer noch einige Teile der Welt, die homogen genug
sind, um sich vorstellen zu können, dass der Kapitalismus auch ohne
den stabilisierenden Mechanismus der Rasse bestehen kann. Aber
in einer globalisierten Wirtschaft können diese Orte nicht von dem
Geschehen anderswo getrennt werden - sie sind darin verwickelt,
auch wenn es dort nicht passiert. Stellt euch zum Beispiel ein voll-
ständig weißes Dorf in der Schweiz vor: Es scheint so, als ob Ras-
se mit dem Funktionieren des Kapitalismus dort nichts zu tun hat,
aber in Wahrheit bezieht Bevölkerung wahrscheinlich ihren Wohl-
stand aus Investitionen in Unternehmen, die in Afrika Minen oder
in Ostasien ausbeuterische Betriebe betreiben, während die Grenzen
die Menschen aus diesen Teilen der Erde davon abhalten, das soziale
Sicherheitsnetz zu nutzen, das den Schweizern angeboten wird. Das
ist ein Beispiel, wie die sich als humanistisch ausgebende Sozialde-
mokratie dazu dient, die Rassenhierarchie und -unterdrückung zu
rationalisieren.

"Ruhig atmen. Brich kein Gesetz" war die umstrittene Antwort
der Polizei auf "Ich hab keine Luft zum Atmen." Könnt ihr die Ver-
bindung zwischen Polizei und Gesellschaft in den USA kommen-
tieren?

Die Vereinigten Staaten sind eine stark kontrollierte Gesellschaft,
mit 2,5 Millionen im Gefängnis oder in Haft. Das ist für die Aufrecht-
erhaltung des unglaublichen Ungleichgewichts des Reichtums in die-
sem Land notwendig, das sonst durch selbstständige Aktionen - von
den Parteigängern der Ungleichheit "Verbrechen" genannt - wieder
ausgeglichen würde. Und nochmal: Diese ganze Kontrolle würde
deutlich mehr Rebellion in der Bevölkerung hervorrufen, wenn die-
se nicht durch rassische Grenzen geteilt wäre. Einer der Mythen für
arme Weiße, die verhindern sollen, daß sie die Polizei ablehnen, lau-
tet, die Polizei sei dazu da, sie vor armen Farbigen zu "schützen".

In diesem Zusammenhang werden Leute oft für die Gewalt verant-
wortlich gemacht, die die Polizei ihnen antut. Aber Freddie Gray hat
nicht einmal ein Verbrechen begangen - es kann also keine Lösung
sein, gesetzestreuer zu werden. Tatsächlich richten sich die US-Ge-
setze manchmal gegen alles, was arme Menschen machen: Wenn sie
zum Beispiel an Straßenecken zusammen Zeit verbringen, wird "He-
rumlungern" ein Verbrechen.

Gibt es immer noch den "rassistischen Süden", der sich wesentlich
vom rassisch stärker integrierten Norden unterscheidet?

Tatsächlich liegen weder Baltimore noch Ferguson im Süden, auch
wenn beide Städte in Regionen liegen, in denen die Weißen vor dem
nordamerikanischen Bürgerkrieg die Sklaverei befürworteten. Es
gab viele komplizierte Wanderbewegungen zwischen dem Süden und
dem Rest der Vereinigten Staaten - aber Rassismus an sich ist weit-
verbreitet. Denkt daran, dass dieses ganze Land auf dem Völkermord
an den Leuten gründet, die hier vor der europäischen Kolonialisie-
rung lebten. Es gibt in den Vereinigten Staaten keine einzige Stadt,
die keine rassistische Geschichte hat.

Vielleicht gab es vor 150 Jahren eine Zeit, in
der weiße Leute aus dem Norden sich dazu
beglückwünschen konnten, nicht rassistisch
zu sein, da ihre Wirtschaft auf industrieller
Lohnarbeit beruhte und weniger auf Sklave-
rei - und weil nicht so viele Schwarze dort
lebten. Aber seither, indem die Schwarzen
die Ghettos der Städte überall im Land füll-
ten, wurde es klarer, dass Rassismus etwas
Strukturelles ist, das in das Gerichtssystem
und die Wirtschaft selbst eingebaut ist. Ge-
nauso rühmten sich vor einer Generation ei-
nige Schweden, nicht rassistisch zu sein, bis
mehr Migranten ankamen und daraufhin
die rassistische, nationalistische Partei dort
solche Erfolge hatte.

Auch wenn heute die Mittelklasse der Ver-
einigten Staaten rassisch integrierter ist als
vor hundert Jahren, gibt es immer noch große
Bevölkerungsanteile schwarzer und armer
Leute, die von fast allen Aspekten der Gesellschaft ausgeschlossen
sind. Überall im Land, von New York bis nach Seattle, sind die von
der Polizei Eingesperrten und Getöteten disproportional schwarz
oder braun.

Was sind die zu erwartenden Folgen und Aussichten in Ferguson,
Baltimore und anderswo? Entsteht da eine Bewegung oder ver-
ändert sich die Gesellschaft? Wie erklärt ihr den Umstand, dass
Hinrichtungen von unbewaffneten Afroamerikanern fortwäh-
rend weiter passieren?

Um es noch einmal zu wiederholen,: Das unglaubliche Ungleichge-
wicht von Reichtum und Macht in den Vereinigten Staaten könnte
nicht ohne konstante Polizeigewalt aufrechterhalten werden. Poli-
zeibeamten muss es erlaubt sein, in jedem Moment einen Mord zu
begehen, sonst würde die Polizeiarbeit ein sehr gefährlicher Job sein,
da so viele Leute bewaffnet und verzweifelt sind. Die Polizei in der
Gegend von St. Louis (in der Ferguson liegt) verfolgte nach den Pro-
testen dort im August und November weiter ihr Muster, etwa jeden
Monat jemanden zu töten, und die Polizei von Baltimore wird sicher
genauso darin fortfahren, Menschen zu töten, selbst wenn sie mehr
Angst vor möglichen Konsequenzen haben. Um die durch die Polizei
begangenen Morde zu beendigen, müssen wir die Kontrollen durch
die Polizei selbst beenden.

Tatsächlich war das bislang einzige Mittel, die Polizeigewalt zu ver-
mindern, dass die Polizei letzten Dezember in New York City in eine
Art inoffiziellen Streik getreten ist, nachdem ein Mann zwei Polizei-
beamte erschossen hatte. So hörten die sinnlosen Festnahmen auf,
die die Regierung von New York genauso wie jede andere Stadt in
den USA als Einnahmequelle braucht. Das klingt wie eine gute Sache,
aber es ist genauso beunruhigend: Die Polizei protestierte für mehr
und bedingungslose Unterstützung von ihrer Regierung, damit die
Polizisten das, was sie tun, ohne jede Kritik tun können. So, wie sich
die Situation entwickelt, kann man tatsächlich beobachten, dass die
Polizei - und die Untergruppe der hauptsächlich weißen Mittelklasse
Amerikas, aus der die meisten Polizeibeamten kommen - allmählich
ihre Interessen unabhängig vom Rest der Staatsstrukturen begreift
und als Antwort auf diese Aufstände offener rassistisch und kon-
frontativer wird. Das könnte der Beginn eines neuen Schwungs des
weißen Nationalismus oder Faschismus in den USA werden. Passierte
nicht in Griechenland etwas ähnliches, als zahlreiche Polizeibeamte
sich der Goldenen Morgenröte anschlossen?

Unterdessen erschien in Ferguson letzten August eine mächtige ge-
sellschaftliche Bewegung, die sich seither über die gesamten USA
ausgebreitet hat. Diese Bewegung hat viel Potential, die politische
Situation in den Vereinigten Staaten zu destabilisieren, was eine gute
Sache ist. Aber es gibt auch viele innere Konflikte und Widersprü-
che. Von den radikalsten Teilnehmern - die, deren mutige illegale
Aktionen der Bewegung einen Großteil ihrer Stärke und Hebelkraft
gaben - hören wir in der öffentlichen Diskussion am wenigsten. Die-
se Protestler, die die Polizei bekämpften und Gebäude und Autos nie-
derbrannten, zeigten, dass sie Gehorsam und Reformismus zurück-
weisen, und demonstrierten eine radikalere Praxis als die meisten
aufständischen Anarchisten in den USA. Aber in den öffentlichen
Diskussionen hören wir meistens von den "Anführern", die solche
Taktiken nicht mögen (auch wenn diese Taktiken die Bewegung erst
erzeugt haben), und die versuchen, den Protest auf gesetzestreue Ak-
tionen zu beschränken oder auf kontrollierte Akte des zivilen Un-
gehorsams. Natürlich gibt es nicht immer eine klare Abgrenzung
zwischen Leuten, die sich an militanten Konfrontationen beteiligen,
und anderen, die andere Formen des Protestes praktizieren, und bei-
de profitieren ja voneinander auch vielfältig.

Einige der Widersprüche der Bewegung kann man an dem Namen
ablesen, der ihr verliehen worden ist: "Black Lives Matter" (Schwarze
Leben zählen). Wie einige schwarze Radikale herausgestrichen ha-
ben, gibt es mit diesem Slogan einige Probleme. Er scheint sich an
die Machthaber zu richten, an diejenigen, für die in Wahrheit das Le-
ben von Schwarzen keine Rolle spielt. Der afro-pessimistische Autor
Frank Wilderson schrieb, das diese Phrase nur Sinn ergibt, wenn man
sie umgekehrt versteht: Leben, die als "schwarz" rassifiziert werden,
sind Leben, die per Definition in dieser Gesellschaft nicht zählen. In
dieser Situation das "Schwarzsein" zu affirmieren, heißt, sich mit der
Rolle zu identifizieren, die den Schwarzen aufgezwungen wird, wäh-
rend wir in Wirklichkeit versuchen sollten, diese Rollen zu zerstören,
zusammen mit der ganzen Gesellschaft, die sie erzwingt.

Die Bewegung "Black Lives Matter" zu nennen, nahm auch den Fokus
von der Bekämpfung der Polizei weg. Dieser Slogan konnte vor dem
Dezember im ganzen Land keine Hegemonie erreichen. Bis dahin ha-
ben einige Leute die Bewegung eher mit Slogans wie "Fuck the Po-
lice" in Verbindung gebracht. Vielleicht war die Bezeichnung "Black
Lives Matter" ein Weg, potentiell unregierbare Kräfte in eine ver-
ständliche Forderung zu kanalisieren, die (sogar militant) eher durch
Reformen als durch Aufstand umgesetzt werden kann. Wie dem auch
sei, weder "Fuck the police" noch "Black Lives Matter" erzählen die
ganze Geschichte dieser Bewegung: Erstere verschweigt Rasse, wäh-
rend die andere die Staatsgewalt verschweigt, die die Rasse erschuf
und weiter aufzwingt.

Sicherheit als Ware. Inwieweit bestimmt die Sicherheitsindust-
rie - die die Polizei und andere Sicherheitsfirmen versorgt, von
Blackwater bis hin zu großen Waffenhändlern - die politischen
Entscheidungen? Was ist deren Rolle in den jüngsten Ereignissen?
Gibt es einen Teil der Finanzelite, der von dieser sozialen Spal-
tung profitiert?

Eine der Stärken des Kapitalismus ist, dass jede Krise, selbst diejeni-
gen, die anscheinend dieses System bedrohen, eine
Möglichkeit bietet, Profit zu machen und damit
dieses System wieder zu stärken. Das American Le-
gislative Exchange Council (ALEC) ist ein Beispiel
dafür, wie Firmen, die vom industiellen Gefäng-
niskomplex profitieren, es geschafft haben, Gesetze
durchzubringen, die ihre Gewinne steigern. Es gibt
ähnliche Beispiele im Zusammenhang mit der pri-
vaten Sicherheitsindustrie und der Waffentechnik,
die von den Polizeidezernaten gekauft wird.

Aber ich glaube nicht, dass irgendein Teil der fi-
nanziellen Elite wirklich von dieser Protestwelle
profitiert. Diese Situation zwingt sie lediglich dazu,
die Waffen zu benutzen, die sie ohnehin schon ge-
kauft haben - und ihr System ist stärker und sta-
biler, wenn sie diese nicht benutzen müssen. Einen
offenen Kampf gegen Teile der Bevölkerung führen
zu müssen, steigert die Instabilität der gesamten
Gesellschaft. Und das wiederum ist nicht gut für
das Geschäft. Manche Geschäftsleute werden aus jeder Krise einen
Nutzen ziehen, bis zu dem Moment, wo wir sie mit den Gedärmen
der letzten Politiker aufhängen. Aber das bedeutet nicht, dass solche
Krisen generell dem Kapitalismus dienlich sind oder dass sie Ver-
schwörungen der herrschenden Elite sind (wie einige rechte Ver-
schwörungstheoretiker schon behaupten).

Funktioniert das amerikanische Justizsystem nach rassischen
Kriterien? Wie stark und und warum?

Unter den Leuten, die von der Polizei ins Visier genommen, von Ge-
richten verurteilt und eingesperrt werden, sind unverhältnismäßig
viele Schwarze oder Braune, verglichen mit der gesamten Bevölke-
rung der USA. Es gibt viele Gründe dafür. Gegenwärtig sind die Ge-
setze, juristischen Strukturen und die Verhaltensregeln der Polizei,
die diese Situation erzeugen, nicht mehr explizit rassistisch. Aber ihr
Zweck ist immer noch, rassistische Ergebnisse zu produzieren. Bü-
cher wie "The New Jim Crow" beschreiben im Detail, wie das funktio-
niert. Die Konstruktion und Durchsetzung von Rassenunterschieden,
die in den ersten 400 Jahren europäischer Kolonisation Nordameri-
kas formell vollzogen wurde, funktioniert inzwischen informell.

Was ist die Rolle von bewaffneten Gangs in den Aufständen, etwa
in Ferguson und Baltimore?

Das ist kompliziert und hängt davon ab, was mit dem Begriff "Gang"
gemeint ist. Es gibt große Gruppierungen in den USA, landesweite
(oder sogar internationale) Gesellschaften, die in großflächige ille-
gale kapitalistische Geschäfte verwickelt sind. Das gleiche Ringen
zwischen horizontaler und hierarchischer Macht, das innerhalb der
restlichen Gesellschaft passiert, findet auch im Bereich illegaler Ak-
tivitäten statt.

Ein Waffenstillstand zwischen verschiedenen Gangs in Los Angeles
1992 war wesentlich, um eine Umgebung zu schaffen, in der Leute
sich zum Protest erheben konnten, nachdem Rodney King verprü-
gelt worden war. Waffenstillstände zwischen Gangs sind immer noch
sehr wichtig, um Bedingungen herbeizuführen, in denen arme Men-
schen gegen die Polizei kämpfen können, anstatt sich gegenseitig zu
bekämpfen.

In Ferguson brachten einige Protestierende Waffen mit zu den Kämp-
fen, schossen auf Polizisten (manchmal trafen sie dabei auch andere
Demonstranten). Manche Demonstranten gehörten Gangs an, aber
die Gangs selbst waren nicht großflächig involviert, wie es zum Bei-
spiel bei der Gruppierung Primeiro Comando da Capital (PCC) in
Brasilien der Fall ist.

In Baltimore erklärten Mitglieder der "Nation of Islam" (einer
schwarz-nationalistisch-islamischen Sekte) am selben Tag, an dem
die ersten gewalttätigen Demonstrationen stattfanden, dass sie ei-
nen Waffenstillstand zwischen den Bloods und den Crips, den beiden
größten Gangs in Amerkia, arrangiert hätten. Im Gegenzug veröf-
fentliche die Polizei eine Pressemitteilung, in der sie behauptete, dass
diese Gangs einen Waffenstillstand geschlossen hätten, um gewalt-
sam gegen die Polizei vorzugehen. Das war offensichtlich Propagan-
da. Mitglieder der Bloods und Crips tauchten dann in den Medien
auf und erläuterten, dass in der Tat ein Waffenstillstandsabkommen
bestünde, sie aber nichts mit den Randalen zu tun hätten. Manche
sagten sogar, dass sie versuchten, Frieden in Baltimore zu schaffen,
um die Situation unter Kontrolle zu bringen.

Es ist schwierig, das von außen zu bewerten. Vielleicht war es ein-
fach der Versuch, die Medien davon abzuhalten, ein schlechtes Bild
zu kreieren, und es spiegelt nicht ihre tatsächliche Verwicklung in
die Aufstände wieder. [Wir Anarchisten wissen: Die Polizei, wenn
sie versucht, ein schlechtes Image von jemandem in den Medien zu
erzeugen, arrangiert die Situation so, dass es einfacher wird, ihn ins
Fadenkreuz zu nehmen.] Vielleicht positionieren sich hochrangige-
re Mitglieder der Gangs nicht zu den Aufständen, aber Leute weiter
unten in der Hierarchie nehmen daran teil. Oder vielleicht sehen die
Gangs die Randale wirklich als etwas, was man unter Kontrolle brin-
gen muss. Manchmal scheint es in solchen Situationen, dass jede for-
melle Organisation, selbst die radikalsten Gruppen, gegen das sind,
was da passiert, und nur Leute, die unabhängig als freie Individuen
teilnehmen, treiben die Aufstände voran.

Wie stellen die US-Medien diese Geschehnisse dar?

Es gibt zwei grundlegende Reaktionen auf die Aufstände von Balti-
more. Die meisten öffentlichen Medien stellen die Ausschreitungen
als schreckliche Tragödien dar und beschreiben die Teilnehmer, als
wären sie Tiere, die man unter Kontrolle bringen müsse. Wie schon
oben beschrieben, wurde während der Randale live Material gesen-
det, aufgenommen von Helikoptern, die auf die Leute verständnislos
herabschauten und von ihnen sagten, dass sie "ihre eigene Nachbar-
schaft abfackelten". Dabei nehmen sie die Perspektive des Staates ein
- die gleiche Perspektive, wie sie Drohnen in Pakistan haben.

In der Zwischenzeit haben einige der linksliberalen Medien "küh-
ne" Leitartikel veröffentlicht, in denen die Aufstände als ein Akt
der Verzweiflung erklärt werden, und sogar Gründe dafür anführ-
ten, weshalb diese Leute ihre Gewaltfreiheit aufgegeben hätten. Das
kennzeichnet einen neuen Grad der Akzeptanz militanter Taktiken,
den wir seit Jahrzehnten in den USA so nicht gesehen haben. Den-
noch, all diese Artikel behandeln das Thema als etwas, dass sich auf
arme schwarze Bevölkerungsschichten beschränkt - sie implizieren,
dass wir ihre Taten aus sicherer Entfernung akzeptieren, sicherlich
aber nicht selbst an solcherlei konfrontativen Kämpfen teilnehmen
werden. Selbst einige anarchistische Gruppen haben in dieser Art
und Weise auf die Ausschreitungen geantwortet. Wir denken, es ist
eine gefährliche und unethische Vorstellung, gerade die angreifbars-
ten Personen innerhalb der Bevölkerung diese Risiken übernehmen
zu lassen. Wenn es für sie Sinn macht, sich an diesem Aufstand zu
beteiligen, dann für uns sogar noch mehr.

Inwieweit ist die Bewegung für die Rechte von Afro-Amerikanern
in den amerikanischen Kapitalismus und seine vielseitigen Er-
scheinungen und Strukturen integriert (von Afro-Amerikani-
schen Parteien bis hin zu NGOs) und hat folglich die Vorstellung,
Gerechtigkeit müßte innerhalb der Grenzen eines funktionieren-
den Kapitalismus gewährt werden.

In den Bürgerrechts- und Black Power Bewegungen der 1950er und
1960er Jahren gab es einige, die sich weißer und kapitalistischer Vor-
herrschaft komplett entziehen wollten, während andere schwarze
Organisatoren für mehr Inklusion in diesen Strukturen kämpften.
Diese Bewegungen fanden zu einer Zeit des relativen Überflusses
und wirtschaftlichen Wachstums statt, als die US Regierung es sich
leisten konnte, diese Gesellschaft dadurch zu stabilisieren, Schwar-
ze und andere Farbige stärker in mehr Bereiche des politischen und
wirtschaftlichen Lebens zu integrieren. Selbst diese Zugeständnis-
se hatten ihren Preis: Einer Minderheit von Schwarzen wurde der
Zugang zu einem Leben der Mittelklasse gewährt, während mili-
tante Organisatoren und die Mehrheit der schwarzen Communities
schonungslos durch unterschiedliche Formen staatlicher Repression
zerstört wurden. Heute sind die Anführer der schwarzen Bürger-
rechtsbewegung erfolgreiche Politiker, während Mitglieder der Black
Panther immer noch lebenslängliche Haftstrafen in den Gefängnis-
sen absitzen und die Communities, die in den 1960er Jahren aufbe-
gehrt hatten, durch Armut, Drogen und Polizeirepression zerstört
sind. Bei den Ausschreitungen in Baltimore letzte Woche sahen wir
deshalb so viele junge Leute teilnehmen, weil die Rebellen der älteren
Generation, die sich nicht durch Machtpositionen kooptieren liessen,
schon eingesperrt oder getötet wurden.

Jetzt, wo wir uns in einer Zeit der Krise und Austerität befinden, in
der es generell nicht mehr möglich ist, Zugeständnisse zu machen,
ist es schwer vorstellbar, dass es gelingt, mit der schwarzen Unter-
schicht einen neuen Kompromiss zu schließen. Viele haben sich das
von Obamas Präsidentschaft erhofft, aber nun, da klar ist, dass die
Dinge schlechter werden, gibt es eine Menge Enttäuschung und Wut.

Im Gegensatz zu Ferguson stellen wir in Baltimore fest, dass so-
wohl die Polizei als auch die Wohlhabenden großteils aus Afro-
amerikanern bestehen. Wie stark beeinflusst diese Tatsache die
Natur der jüngsten sozialen Zusammenstöße?

Das ist ein wichtiger Punkt, der bisher nicht komplett analysiert ist.
Wir können jedoch schon einmal sagen, dies zeigt, dass rassistische
Dynamiken sogar von schwarzen Politikern und Polizisten aufrecht-
erhalten und auferlegt werden können - die typische amerikanische
Strategie, "Möglichkeiten" für die Produktivsten oder Glücklichsten
anzubieten, bringt dem Rest nichts. Es ist auch möglich, dass die Auf-
stände schneller unterdrückt wurden, weil es Leute in den revoltie-
renden Communities gibt, die ihnen Versprechungen machen. Wir
werden sehen, was passiert, wenn diese Versprechen nicht eingehal-
ten werden können.

Wie sieht es mit anderen Minderheiten in den USA aus, die Op-
fer rassistischer Diskriminierung durch den Staat und die Polizei
sind, z.B. Menschen aus Asien oder Südamerika?

Viele verschiedene Communities in den USA sind von Rassismus und
Strukturen weißer Vorherrschaft betroffen. Wir haben in den letzten
Jahren lateinamerikanische Migranten für stärkere Einbeziehung in
die Gesellschaft kämpfen sehen, eine Art Wiederholung der schwar-
zen Bürgerrechtsbewegung in einer anderen Form und einem ande-
ren Kontext. Es wird sich zeigen, ob sich diese kämpferischen Ansät-
ze auf andere Communities ausbreiten.

Haben die letzten Kämpfe zur Ausbildung neuer Strukturen in-
nerhalb der afroamerikanischen Communities geführt?

Ja. In Ferguson konnten wir einen großen Zulauf von Organisatio-
nen beobachten, die alle um die Aufmerksamkeit junger Schwarzer
konkurriert haben, und - vielleicht vielversprechender - auch neue
Organisationen, die aus der Jugend selbst entstanden sind. Ich denke
nicht, dass irgendwelche von ihnen die Form von Versammlungen
annehmen werden, wie es in Griechenland der Fall war - viele die-
ser Organisationen sind eher wie traditionelle Parteien oder NGOs
aufgestellt.

Aber außerhalb dieser Bewegungen gibt es eine Menge neuer Dyna-
miken, am meisten verspricht die Ausbreitung von neuen Taktiken
und kämpferischer Energie. Informelle Organisationsformen entste-
hen in diesen Communities im Kampf, davon sind einige nur in den
erbittertsten Momenten des Aufruhrs sichtbar. Auf lange Sicht wird
es eine der wichtigsten Fragen sein, ob traditionelle, formale Orga-
nisationen die Stoßrichtung der Bewegung vorgeben oder ob andere
Beteiligte weiterhin zu einer neuen und kompromissloseren Gangart
drängen.

Letztendlich verbreiten sich auch neue Ideen. Eine der radikalsten
neuen Strömungen ist der "Afropessimismus", veranschaulicht durch
die Schriften von Saidiya Hartman und Frank Wilderson, eine Ana-
lyse, die die Idee zum Ausdruck bringt, dass es zur Beendigung der
Unterdrückung und des Mordes Schwarzer nicht weniger als der Zer-
störung unserer gesamten Gesellschaft bedarf.

Ok, Freunde, das ist alles, wofür wir die Zeit fanden, zu schreiben. Ich
hoffe, es ist hilfreich. Bitte verbreitet es, an wen ihr wollt. Lasst uns
an den Barrikaden treffen.


Weitere Infos
!
Das Interview stammt aus dem gleichnamigen Rea-
der von et.al. (http://magazinredaktion.tk) Neben
diesem Beitrag findet ihr dort noch zwei Erlebnis-
berichte, sowie einen Text der Situationistischen
Internationalen.

Den Reader könnt ihr kostenlos bei Black Mosqui-
to bestellen, oder online unter http://issuu.com/
crimethinc-german lesen.


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