(de) FdA/IFA - Gai-Dao #54 - "feministischer Antikapitalismus." von: e*vibes - für eine emanzipatorische Praxis

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Mon Jun 15 15:30:21 CEST 2015


Eine grundlegende antikapitalistische Kritik bestehender Verhältnisse kann auf die Analyse 
der Geschlechterverhältnisse nicht verzichten. Um falsche Schlüsse zu vermeiden, dürfen 
sexistische Diskriminierungen nicht ausgeblendet werden. ---- Die mit diesen einhergehende 
Hierarchisierung der Geschlechter ist ein fundamentaler Bestandteil der bürgerlichen 
Gesellschaft. Dazu gehört auch das Festhalten an der Zweigeschlechtlichkeit und dem Ideal 
der heterosexuellen Kleinfamilie. Das ist heute ebenso der Fall wie zu Beginn der 
Industrialisierung. ---- Im Fordismus bis Mitte des 20. Jahrhunderts wurde der Frau* fast 
ausschließlich die Sphäre der Reproduktion, also beispielsweise die Versorgung von Kindern 
und die Haushaltspflege, zugeteilt. Der Mann* sollte als Alleinversorger Produktionsarbeit 
leisten und mit seinemLohn die Familie ernähren.

Von solch einer eindeutigen Aufteilung der Geschlechter in zwei
strikt voneinander getrennte Lebensbereiche kann heutzutage nicht
mehr die Rede sein. Frauen* nehmen heute in großem Umfang am
Bereich der produktiven Arbeit teil.

Damit werden sie nun wieder zunehmend direkt am kapitalistischen
Wertschöpfungsprozess beteiligt. Das früher verbreitete Ideal der
fürsorglichen Hausfrau war ganz darauf ausgerichtet, die Verant-
wortlichkeit für das Großziehen der Kinder und die Versorgung des
männlichen Arbeiters zu  begründen. Zu dieser Reproduktionsarbeit
unter dem Dreiklang "Kinder, Küche, Kirc he" kommt heute unter
dem Schlagwort von "Kind und Karriere" noch die direkte Ausbeu-
tung in der Wirtschaft hinzu.

Die Entwicklungen der letzten Jahrzehnte ermöglichten vielen Frau-
en* allerdings auch eine stärkere und vielfältigere gesellschaftliche
Teilhabe. Diese progressiven Veränderungen müssen jedoch ebenso
in Bezug auf den neoliberalen Umbau der Gesellschaft gesehen wer-
den. Denn mit diesem entstanden neue Verwertungszwänge, die mit
modernisierten Normierungsmechanismen verknüpft sind.

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>> Im Antikapitalismus, der nicht
  verkürzt sein will, darf eine
  feministische  Kritik bestehender
  Verhältnisse nicht fehlen! <<
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Zu frühkapitalistischen Zeiten wur-
  de die Steigerung der Profitrate vor
  allem durch maximale körperliche
  Belastung der Arbeiter*innen er-
  reicht. Die fordistische Massenin-
dustrie setzte dagegen auf die Vereinheitlichung, Standardisierung
  und bis ins Extrem gesteigerte Aufspaltung von Arbeitsprozessen an
  den Fließbändern. In neoliberalen Zeiten gewinnen neue Optimie-
rungsweisen an Bedeutung und lösen teilweise die klassischen Aus-
  beutungsmechanismen ab.

  Die Auflösung der Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit und die
  ständige Erreichbarkeit sind solche neuen Formen kapitalistischer
  Zurichtung. Sie bauen weniger auf unmittelbaren Zwang auf, son-
  dern mehr auf die jahrelang eingetrichterte Pflicht zur Selbstopti-
  mierung für "den Arbeitsmarkt". Statt nur den Druck auf die Löhne
und technologischen Fortschritt als Mittel gegen die sinkende Pro-
fitrate zu nutzen, gewinnt die sogenannte "Personalentwicklung"
an Wichtigkeit. Praktika, Probezeit, Assessment-Center dienen dem
passgenauen Zuschnitt der "Human Resources"auf die immer wei-
ter ausdifferenzierten Tätigkeiten in der komplexen Wirtschaft der
globalisierten Welt. Dieser Selbstoptimierungspflicht sind in neoli-
beralen Zeiten alle Geschlechter unterworfen. Wir sind so frei und
selbstbestimmt. aber wer sich nicht um die eigene Employability
kümmert, fliegt eben raus.

Allerdings ist es für optimale Verwertungsbedingungen des Kapitals
weiterhin notwendig, die menschliche Arbeitskraft als Ware mög-
lichst günstig zu reproduzieren. Entscheidend ist dabei, dass die ent-
stehenden Kosten die Profitrate nicht allzu sehr belasten dürfen.

Der größte Teil der Reproduktionsarbeit, ob bezahlt oder unbezahlt,
wird immer noch von Frauen* geleistet. Am billigsten ist es nämlich,
wenn Frauen* Care-Tätigkeiten zusätzlich zur eigenen Erwerbstä-
tigkeit realisieren - und das ohne dafür entlohnt zu werden. Für sie
bedeutet dies eine Doppel- oder Dreifachbelastung im Vergleich zu
Männern*.

In der Reproduktionssphäre zeigen sich die Verschränkungen zwi-
schen verschiedenen Diskriminierungsformen wie Klassismus,
Rassismus und Sexismus besonders deutlich. Beispielsweise wenn
schlecht bezahlte Care-Arbeit immer mehr von Migrant*innen ge-
leistet wird - Stichwort Globale Betreuungskette.

Unterdrückung - aber auch Privilegien - werden anhand sexistischer
oder rassistischer Kategorien legitimiert. Ausgrenzende Identifika-
tionen mit fiktiven Kategorien wie Nation, Geschlecht, Kultur oder
Rasse dienen dazu, die jeweils individuelle Situation ein kleines biss-
chen verbessern zu wollen all dies allerdings auf dem Rücken derer,
die sich noch weniger wehren können.  Eine grundlegende Änderung
der Verhältnisse kann sich hieraus nicht entwickeln. Doch wir wollen
für alle Menschen ein Leben ohne Unterdrückung und Ausbeutung!

Deswegen ist für uns klar: Wir müs-
  sen emanzipatorische Kämpfe zusam-
  men denken und gemeinsam führen.
  Im Antikapitalismus, der nicht ver-
  kürzt sein will, darf eine feministische
  Kritik bestehender Verhältnisse nicht
   fehlen! Nieder mit dem Patriarchat und der kapitalistischen Kack-
  scheisze!

  *) Wir alle werden im Alltag immer wieder als Männer und Frauen mit-
  samt ihrer angeblich natürlichen Eigenschaften (fremd-)definiert - auch
wenn wir selbst dies vermeiden wollen. Obwohl wir Geschlechterkate-
  gorien als Konstruktion erkennen, ist die Zweigeschlechtlichkeit eine
  gesellschaftliche Realität, mit der wir immer wieder konfrontiert sind.
  Aus diesem Grund verwenden wir zwar die Bezeichnungen "Frauen" und
  "Männer", markieren diese aber mit einem Stern.

  WEITERE INFOS

http://evibes.org
e_vibes at riseup.net


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