(de) FAU-IAA: Direct Aktion #229 - UPS das Fürchten lehren

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Sun Jun 14 10:53:07 CEST 2015


Trotz Betriebsratsverhinderung erzielt die Organisierung beim Paketdienstleister erste 
kleinere Erfolge ---- Mit der Gründung der Betriebsratsliste "Frischer Wind" regte sich 
bei UPS in Hannover-Langenhagen Widerstand gegen die miserablen 
Beschäftigungsverhältnisse. So wird in der Hauptumschlagsbasis (HUB) ausschließlich mit 
Befristung und Mini-Verträgen von 3,5 Stunden täglich gearbeitet - nicht 
sozialversicherungspflichtige Überstunden einkalkuliert. Die neue Liste war auch eine 
Reaktion auf den seit Jahren untätigen, arbeitgeberfreundlichen Betriebsrat. UPS setzte 
alles daran, die neue Liste zu verhindern: Fritz W., einer der Initiatoren vom "Frischen 
Wind", wurde zeitweilig aus fadenscheinigen Gründen gekündigt und hat inzwischen seine 
Wiedereinstellung erkämpft. Mit ihm sprach die DA über Strategien, die der gezielten 
Verhinderung gewerkschaftlicher Organisierung bei großen Unternehmen entgegen gesetzt 
werden können und fragte nach, wie nützlich die betriebliche Interessenvertretung als 
Mittel in einem scheinbar rechtsfreien Raum ist.

Du machst gerade eine ambulante Reha. Hat die Maßnahme etwas mit deinem Arbeitsalltag und 
deiner Auseinandersetzung bei UPS zu tun?

Ja, ich habe da reichlich Federn gelassen und kämpfe nun mit den Folgen der jahrelangen 
Quälerei, der ich bei UPS ausgesetzt war. Seit 1996 warte und repariere ich im 
Schichtdienst die Zustellfahrzeuge, bin also schon lange im Betrieb. Nachdem ich meinen 
ersten Bandscheibenvorfall hatte, wehte mir ein anderer Wind entgegen. Man fing an, mir 
körperlich schwerere Arbeiten häufiger zuzuteilen. Am Ende wurde ich bis zu 40 Mal am Tag 
kontrolliert, ob ich an meinem Arbeitsplatz bin.

In Ditzingen ging ein Betriebsrat gegen die prekäre Beschäftigungslage bei UPS vor. 
Schließlich konnte ver.di vor Gericht ein Urteil erwirken, das zur unmittelbaren 
Verbesserung der Arbeitsbedingungen führte. Was hat dich bewogen, selbst im Betrieb aktiv 
zu werden?

Die Arbeitslast wurde immer größer. 2012 erfolgte die erste Abmahnungswelle, von der auch 
ich nach längerer Krankheit betroffen war. Blauäugig wandte ich mich an den Betriebsrat, 
der ein Gespräch vereinbarte. Am Termin saßen meine beiden direkten Vorgesetzten und 
jemand von der Personalabteilung da, aber der Betriebsrat ließ mich hängen. Ich sagte mir: 
"Das kann's nicht sein, das ist doch die Arbeitnehmervertretung!" Da überlegte ich, mich 
selbst zur Wahl aufzustellen. Zeitgleich eskalierte die Situation immer mehr. Andere 
KollegInnen hatten sich schon mit dem Mann in Ditzingen in Verbindung gesetzt und eine 
Internetrecherche gestartet. Schließlich kamen wir in Kontakt mit dem ITF-Organizer 
(Internationale Transportarbeiter-Föderation) Ramazan Bayram, der uns bei der 
Betriebsratskandidatur unterstützte und den Kontakt zu ver.di herstellte.

Schließlich habt ihr die neue Betriebsratsliste "Frischer Wind" gegründet.

Unser Kreis traf sich zum ersten Mal im Januar 2014 mit dem Ziel, eine eigene Liste 
aufzustellen. Nachdem die Wahlausschreibung erstmalig aushing - und zwar 14 Tage nach dem 
Erlassdatum - reichten wir unsere Eigene ein. Damit war der Betriebsratsvorsitzende 
vollkommen überfordert. Schließlich wurde unsere Liste abgelehnt, weil es hieß, wir hätten 
die Frist nicht eingehalten, denn die Wahlausschreibung hinge schon ab Erlassdatum aus. 
Vor Gericht stellten wir einen Eilantrag auf Zulassung und ich gab eine eidesstattliche 
Erklärung ab, dass die Liste erst seit einem Tag aushing, was ich zuvor täglich überprüft 
hatte. Die gegnerische Seite stritt alles ab und legte Unterschriften von Leuten - vor 
allem aus dem Management - vor, die das Gegenteil behaupteten. Im Endeffekt gab der 
Richter unserem Antrag nicht statt, es wurde gewählt und wir fochten die Wahl an. Nun 
zieht sich der Prozess wie Kaugummi, der Richter ist sehr arbeitgeberfreundlich. Unsere 
Argumente sind, dass mit dem Aushang und dem Erlassdatum getrickst wurde, aber vor allem, 
dass die Liste nur auf Deutsch aushing, obwohl bei uns im Betrieb 70 Prozent der 
KollegInnen einen Migrationshintergrund haben und nicht gut Deutsch sprechen.

Fritz W. mit seinen KollegInnnen und Günter Wallraff auf der ver.di 
Bertriebsrats-Logistiktagung im Oktober 2014 in Hannover.

Welche Ziele und Forderungen habt ihr?

Bei den ZustellerInnen ist es die große Arbeitslast, die täglich eingeplanten Überstunden. 
Dadurch spart UPS eine Menge Leute ein. Im HUB-Bereich ist klar: Wir fordern eine bessere 
Absicherung! Mit einem 3,5-Stunden-Vertrag hat man Schwierigkeiten, eine Wohnung zu 
mieten. In Stuttgart verweigerte ein Betriebsratsvorsitzender die Zustimmung zu neuen 
Einstellungen, bevor die bestehenden Verträge nicht aufgestockt würden. Das Arbeitsgericht 
gab ihm Recht. Mit diesem Urteil ist UPS einfach nach Hause gegangen und hat 200 neue 
Leute eingestellt. Es wird etwas gerichtlich erstritten und das Unternehmen setzt sich 
ohne Folgen darüber hinweg! Außerdem sind knapp die Hälfte der Betriebsräte bei UPS in 
Arbeitgeberhand. Da Hannover einer der größten Standorte ist, wackelt die Mehrheit im 
Gesamtbetriebsrat. Deshalb wehrt sich UPS auch so heftig. In der Türkei hat die 
Gewerkschaft TÜMTIS UPS das Fürchten gelehrt. Sie hat mit einem geringen 
Organisierungsgrad angefangen und ist mittlerweile bei über 90 Prozent. Solche Beispiele 
geben mir Mut. Auch der Rückhalt in der Belegschaft ist groß. Nach meiner Kündigung 
erhielt ich öfter Anrufe, wie es mir geht und ob ich schon etwas erreicht habe - das bestärkt.

Unmittelbar vor der Verhandlung deiner Kündigung in Neuss ist UPS eingeknickt. Wie fühlt 
es sich an, den größten privaten Paketdienstleister der Welt in die Knie gezwungen zu haben?

Das wird mir erst langsam bewusst. Ich habe ja aus der Not heraus gehandelt und die Nerven 
lagen blank. Die Verhandlung war übrigens absichtlich in Neuss, da wir wussten, dass der 
Arbeitsrichter in Hannover tendenziös ist. UPS lässt zu solchen Prozessen gerne 
Vorgesetzte auffahren, um die Leute einzuschüchtern - die sollten dann wenigstens nach 
Neuss gekarrt werden. Dieser Aufwand war ihnen wohl zu groß. Gleichzeitig hat die ARD 
einen 45-Minüter zum Thema Union Busting gedreht, in dem auch mein Fall geschildert wird 
und für den sie eine Drehgenehmigung beantragt hatte. Darüber wurde UPS informiert und gab 
auf. Nach drei Berichten im NDR und so viel negativer Presse war es ihnen doch zu viel. 
Trotzdem bin ich mir sicher, dass der Kampf für mich noch lange nicht vorbei ist.

In Hannover hat sich inzwischen ein Solidaritätskomitee zur Unterstützung ähnlicher Fälle 
gegründet.

Nach meiner Kündigung war ich zunächst mein eigenes Soli-Komitee, da ich weiter aktiv 
bleiben wollte. Bei meiner Recherche bin ich auf den Fall "Emmely" gestoßen, wo es damals 
ein erfolgreiches Soli-Komitee gab. Die Aktionsform gefiel mir. Ich begann, Briefe zu 
schreiben und konnte mich mit Günter Wallraff in Verbindung setzen und erreichen, dass er 
einen offenen Brief an die Medien in Hannover schrieb mit der Bitte, mich zu unterstützen. 
Außerdem habe ich weitere Solidaritätsbekundungen gesammelt und veröffentlicht. Das 
Komitee gründeten wir, nachdem ich wieder eingestellt war.

Was sind die Ziele des jetzigen Komitees?

Vernetzung und Vertiefung der geknüpften Beziehungen: wir können Aktionen durchführen, die 
sich nicht nur auf UPS und die Logistikbranche beschränken - je nachdem, wo es gerade 
brennt. Große Gewerkschaftsapparate sind ja in der Regel schwerfällig, im Komitee kann man 
Kräfte bündeln und kleinere Soli-Aktionen durchführen. Es wäre gut, wenn das soziale 
Gewissen, das wir in der Öffentlichkeit wach gekitzelt haben, nicht gleich wieder verpufft.

Siehst du abseits von Betriebsräten und juristischen Mitteln andere Wege, wie man Rechte 
erkämpfen und durchsetzen kann?

Bei UPS nicht - die nutzen die Situation so eiskalt aus, da hat man keine andere Chance. 
In Neuss hat UPS drei "Labour-Relations-Abteilungen", nur um herauszufinden, wo Unmut und 
Unruhe aufkommen. Unter den MitarbeiterInnen werden Zufriedenheitsumfragen durchgeführt, 
um gewerkschaftliches Engagement zu verhindern und die aufrührerischen Leute gleich 
loszuwerden. Einem solchen Machtapparat kann man nur etwas mit Arbeitnehmervertretungen im 
Rahmen gewerkschaftlicher Organisierung entgegen setzen.

Was gibst du KollegInnen mit auf den Weg, die sich in einer ähnlichen Situation wie du 
befinden?

Handeln, sich auflehnen und Verbündete suchen! Es ist klar - ohne Kampf geht es nicht. 
Denn Union Busting und Methoden à la Schreiner und Partner greifen immer mehr um sich, 
werden besser und perfider. Da hilft es nur, Öffentlichkeit herzustellen und sich die 
Rechte nicht abkaufen zu lassen. Leider tendieren viele Arbeitsgerichte zu Vergleichen und 
diejenigen, die betrügen und falsche eidesstattliche Versicherungen abgegeben, gehen 
straffrei aus. Es gibt auch viel zu wenig Anzeigen, die sich auf Paragraph 119 im 
Betriebsverfassungsgesetz beziehen. Das könnte eine scharfe Waffe sein, die aber nicht 
richtig genutzt wird.

Interview: Silke Bremer

https://www.direkteaktion.org/229/ups-das-furchten-lehren


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