(de) FDA-IFA - Gai Dào #53 - Antifaschismus: Was ein Mitglied der Berkshire­Antifaschist*innen einbrachte Von: Berkshire Antifascists / Übersetzung: Yori

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Sun Jun 14 10:51:31 CEST 2015


Anmerkung der Redaktion: Seit der Gaidao-Nummer 52 (März 2015) veröffentlichen wir jede 
Ausgabe einen Beitrag zur Anarcha-feministischen Konferenz, die im Oktober 2014 in London 
stattfand. Der folgende Artikel ist die Übersetzung eines Vortrags, welcher sich u.a. mit 
den Themen Antifaschismus, Antirassismus und Feminismus auseinandersetzt. ---- Hier ist 
eine Version des Beitrags, welchen eines unserer aktiven Berks-Mitglieder zum 
Antifaschismus-Workshop bei der AFem-Konferenz gestern gehalten hat (1). Im Interesse 
ihrer Sicherheit wurde er geringfügig abgeändert um ihre Anonymität zu gewährleisten. Viel 
Spaß! ---- ** TRIGGERWARNUNG **: Der Beitrag streift die Themen häusliche Gewalt sowie 
Kindesmisshandlung  ---- Bevor ich meinen Vortrag beginne, möchte ich eine Triggerwarnung 
für einen kurzen Verweis auf Misshandlung innerhalb kultureller Abgrenzungen aussprechen.

Die beiden Aussagen, die ich in meinem heutigen Beitrag treffen
möchte, lauten:

a) Gleichberechtigung für eine Gruppe muss Gleichberechtigung und
Gerechtigkeit für alle bedeuten, dies ist die einzige Möglichkeit um
Faschismus zu überwinden und wir müssen alle dieses Konzept
anwenden

und

b) Die sogenannten Widersprüche, denen Antifaschist*innen
gegenüberstehen, wenn sie für eine Vielzahl von Anliegen und mit einer
Vielzahl von Gruppen kämpfen, besonders LGBT-Rechte (2) und
Feminismus an der Seite von Antirassismus.

Faschismus und Rassismus stehen natürlich beide sowohl für eine
unbestreitbar vielschichtige Diskussion als auch unzählige
Pragmatismen bei der Definition. Meiner derzeitigen Ansicht und
meinem Verständnis nach beruht der Faschismus auf das Letztgenannte
in unserem aktuellen sozialpolitischen Klima um zu bestehen und
darüber hinaus auf die nationalistische Agenda. Dies ist darauf
zurückzuführen, dass der Drang nach einem nationalen Wunschbild nur
erreicht werden kann durch die Ablenkung der Massen mittels der
Ausrufung von Sündenböcken und der Elimination derjeningen, welche
nicht in das Bild von Nation passen.

Um ein besseres Bild der Dynamiken zu erstellen, welche meine
Auffassungen bilden und um diese Gedanken und meinen Blickwinkel
als derjenige einer atheistischen, antifaschistischen Frau südasiatischer
Herkunft zu behandeln, werde ich einige sehr spezifische Erfahrungen
vorstellen.

Auf der einen Seite:

Indem ich häusliche Gewalt und Kindesmisshandlung durch kulturelle
Frauenfeindlichkeit erfahren habe und später dann eine komplette
Ablehnung von dieser Kultur infolge meiner eigenen Überzeugungen
und meines Lebensstils, erscheint es für einige Leute, dass ich eine Form
von verwirrendem Stockholm-Syndrom (3) erlitten habe, aufgrund
meines Engagements für Antifaschismus. Dies stellt für mich eine
äußerst beleidigende Pocahontas-mäßige (4) Geschichte dar, welche
rechtsgerichtete weiße Männer benutzen um ihre nationalistischen,
konservativen Wunschbilder zu bestätigen.

Und was verschleiert wird, wenn man am anderen Ende des Spektrums
steht:

Bei einem seltenen Einzelfall innerhalb des antifaschistischen
Netzwerks habe ich eine Kostprobe von Sexismus erfahren. Ein junger
Mann muslimischen Glaubens in der Gruppe weigerte sich mit mir
öffentlich zu sprechen oder mir gegenüber grundlegende
gesellschaftliche Freundlichkeit zu zeigen, sogar auf Demonstrationen.
Mir wurde klar, dass dies darauf zurückzuführen ist, dass ich eine junge
asiatische Frau mit einem arabisch-muslimischen Namen bin, die sich
öffentlich als Atheistin bezeichnet und in einer gemischten (5)
Beziehung lebt.

Von fast allen anderen Männern, mit denen ich in diesem Netzwerk
zusammengearbeitet habe, habe ich nur ein Zusammengehörig-
keitsgefühl erfahren, keine geschlechtsspezifische Überlegenheit. Ich
trage diese Aussage lediglich vor, weil sie nochmals einen verdrehten
Blick auf Antifaschismus und Gleichberechtigung zeigt, welche in
vielen verschiedenen Ebenen zum Einsatz kommt und für spezielle
eigennützige Absichten verzerrt wird.

Die Sorte Antirassismus, welche dieser Mann beispielsweise einsetzt, ist
nichts weiter als Selbsterhaltung, ähnlich wie die Größenfantasien der
Rechtsradikalen. Die Angst vor dem Verlust ihrer Kultur und was sie
für ihre ruhmreiche Erbanlagen halten, ist dasselbe Wunschbild,
welches für diesen jungen Mann"bedroht" wird, wenn er ein Mädchen
sieht, welches zu einem Leben"wechselt", das außerhalb von dem liegt,
welches er gutheißt, und um welches das Mädchen gerade kämpft um
es zu schützen. Dies kann und bringt die breite antifaschistische
Absicht nicht weiter.

Um Faschismus zu bekämpfen, muss man allumfassend sein, weil
Rassismus bloß ein Teil einer weiteren Struktur von Faschismus ist. Die
Ideologie einer totalitären Struktur: Eine reine, konservative, weiße,
heterosexuelle und cis-Bevölkerung (6), welche Kinder, Geld und
Ressourcen hervorbringt, um die Abstammungslinie eines nationalen
Ideals fortzuführen, ist eine Bevölkerung, welche so missbrauchend und
ausschließend ist, dass es niemandem dienen wird sie nur mittels
rückschrittlicher Maßnahmen zu bekämpfen - geschweige denn die
moralischen Konsequenzen, wenn man so handelt.

Deshalb würde dies bedeuten, dass wir LGBT-Rechte, Bewegungen
gegen Diskriminierung von Menschen mit Behinderung, Umweltrechte,
Einwanderungsrechte und vieles mehr unterstützen müssen. Wir
müssen sozialökonomische Missstände von Grund auf kritisch
hinterfragen und wir müssen dies so schonungslos tun wie unsere
Regierungen immer näher an einen immer missbräuchlicheren Staat
heranrückt.

Dies allerdings führt gegenwärtig zu einer offensichtlich schwierigen
Frage für Antifaschist*innen.

Momentan drehen sich die antifaschistischen und antirassistischen
Bewegungen in England um das Thema Islamophobie, welche eine sehr
dringliche und ernste Bedrohung geworden ist. Dementsprechend stellt
sich für antifaschistische Frauen, besonders für diejenigen wie mich,
welche aus diesem speziellen religiösen Hintergrund stammen, die
Frage: Wie können wir eine religiöse Ideologie schützen, welche aktiv
Frauen verletzt und die LGBT-Gemeinschaft misshandelt?

EDL-Mitglieder (7) tragen regelmäßig"Der Islam hasst Frauen"-Plakate
- eine Gruppe, welche sich verweigert den gewaltigen Anstieg radikal-
motivierter Angriffe auf Frauen muslimischen Glaubens einzugestehen:
Dieser Anstieg wird natürlich von ihnen und ähnlichen Gruppen
gefördert, erzwungen, darauf eingewirkt und sicherlich zumindest
teilweise beeinflusst. Derselbe Grundwiderspruch wird gerade im
Antifaschismus und seiner Unterstützung von Frauen- und LGBT-
Rechten neben ihrer"Verteidigung" des Islams gesucht.

Regierungen, Einzelpersonen und Kulturen zu erlauben, sich hinter
jeglicher Ideologie zu verstecken - sei es eine religiöse, soziale oder
Hooligan-Ideologie - um von Hass motivierte Verbrechen und
Misshandlung zu gerechtfertigen ist inakzeptabel. Antifaschist*innen
kämpfen nicht für irgendeine religiöse Ideologie, sondern für das Recht
jedes Einzelnen sicher und ohne Angst zu leben.

Es gibt keine geheime muslimische Verschwörung, bei der Muslime
miteinander weltweit gemeinsame Sache machen um eine einheitliche
Glaubenslehre aufzuzwingen. Andererseits würde uns die widerliche
Unterdrückung von Ländern mit derselben Religion, welche wir
miterleben, zweifellos in eine anderen Situation bringen. Engstirnigkeit
und Misshandlung ist Engstirnigkeit und Misshandlung und wir
müssen, werden und tun sie als solche angreifen. Wir werden nicht eine
simple Verallgemeinerung von Milliarden Menschen einer religiösen
Gruppe in Betracht ziehen, welche wir ablehnen und danach
misshandeln können. Wir ziehen Individuen zur Verantwortung und wir
greifen die Probleme an.

Homosexuelle Männer in Palästina werden erpresst, indem sie
Informanten des IDF (8) werden. Immer noch ist Homosexualität illegal
im mehrheitlich christlichen Land Uganda, wo immer noch Gesetze
gegen Analverkehr von der britischen Kolonialära bestehen.
Homophobie muss angegriffen und niedergeschlagen werden. Sie muss
eingestanden und angegangen werden. Aber Homophobie darf niemals
als ein Werkzeug für weitergehende Engstirnigkeit für sich beansprucht
werden.

Es gibt etwas sehr Entwürdigendes für jemandem eines religiösen
Glaubens, wenn er*sie stille kulturelle Misshandlungen erleidet und
zusätzlich in die Arme der Täter*innen gestoßen wird - nimm die
Täter*innen zur Kenntnis und nicht die Menschen muslimischen
Glaubens, weil die Moschee, in der sie beten, mit Schweineköpfen
beworfen wird und die täglichen Anfeindungen gegen sie real sind. Der
Kampf für Gleichberechtigung muss zu Gleichberechtigung für alle
hinüberweisen, er muss danach streben die Systeme zu dekonstruieren,
in denen wir uns befinden und die ausschließlich dazu dienen zu
unterdrücken und wenige zu begünstigen. Um einen einzigen Anlass
heranzuziehen, eine einzige Frage, egal ob es Antirassismus ist oder
etwas anderes, und unbedachtes Nichtanerkennen der breiteren
Zusammenhänge der Gesellschaft wird nur die Bewegung spalten, wo
der Faschismus dann siegen wird.

Fußnoten:

1) https://www.facebook.com/pages/AFem-2014-Anarcha-feminist-
Conference/1411141912468539?fref=ts

2) LGBT: Abkürzung und Ausdruck aus dem Englischen: Lesbian, Gay,
Bisexual und Transgender (übersetzt: Lesben, Schwule, Bisexuelle,
Transgender) (Anmerkung der Übersetzung)

3) Stockholm-Syndrom: Psychologisches Phänomen, bei dem Betroffene
von Geiselnahmen ein positives emotionales Verhältnis zu ihren
Entführer*innen aufbauen (z.B. in Form von Sympathie oder
Kooperation). (Anmerkung der Übersetzung)

4) Pocahontas: Häuptlings-Tochter der Virginia-Algonkin; die
Anspielung im Text bezieht sich auf die These des
Kulturwissenschaftlers Klaus Theweleit, dass zahlreiche weiblichen
Betroffene ursprünglicher Bewohner*innen kolonisierter Gebiete, die
fremden und sich als kulturell überlegen betrachtenden Kolonisatoren
bei deren Landnahme fremden Bodens dienstbar wurden. Theweleit
beschreibt sie als - teils gezwungene, teils aus Liebe willfährige -
Überläuferinnen in die Kultur der Invasoren. (Anmerkung der
Übersetzung)

5) gemischt meint hier eine Beziehung mit einer Person nicht-
südasiatischer Herkunft (Anmerkung der Übersetzung)

6) cis-Bevölkerung = Menschen, bei denen die gewählte
Geschlechtsidentität mit dem körperlichen Geschlecht übereinstimmt
(Anmerkung der Übersetzung)

7) EDL: English Defense League: Islamfeindliche, rechtsextremistische
politische Organisation in Großbritannien (Anmerkung der
Übersetzung)

8) IDF: Israel Defense Forces: Das Militär des Staates Israels


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