(de) FAU-IAA: Direct Aktion #229 - Kolumne Durruti

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Sat Jun 13 16:38:32 CEST 2015


MEDIALER AMOKLAUF ---- Um den 20. März ließ die Lufthansa durch ihre Personalvorsitzende 
Bettina Volkens die Fraktionen des Bundestags wissen, dass ihr der Eingriff ins 
Streikrecht durch das Tarifeinheitsgesetz nicht genügt. Dieser müsse "nachgebessert" 
werden, und zwar durch Schlichtungsverfahren, Ankündigungsfristen und eine "Sicherstellung 
der Grundversorgung". In dasselbe Horn hatte vorher bereits die CSU gestoßen. Nur eine 
halbe Woche später hatte die Lufthansa dann aber ganz andere Probleme: Der Absturz des 
Germanwings-Flugs 4U9525 dominierte seit dem 24. März sämtliche Medien. Und ganz schnell 
ging es nur noch um einen von diesen Piloten, die ja viel zu oft streiken - um den jungen 
Co-Piloten, der landauf, landab verantwortlich gemacht wird.

Der Ton der Medien ist dabei, gelinde gesagt, gruselig: Die Bild schwadroniert von 
Amoklauf und nennt den Piloten einen "Massenmörder". Es werden Vergleiche zu Mohammed Atta 
und Andreas Breivik gezogen, selbst als "größter deutscher Verbrecher des (jungen) 21. 
Jahrhunderts" wird der Co-Pilot bezeichnet, was wohl einen Hitler-Vergleich nahe legen 
soll. Das findet eben nicht nur in der Bild statt, sondern auch in den sogenannten 
"Qualitätsmedien". Die Massenmedien haben jedes Maß verloren. Die sogenannte "Vierte 
Gewalt" im Staat nabelt sich von der staatlichen Gewaltenteilung ab, ermittelt, verurteilt 
und lässt den Mob richten. Es ist eben nicht - wie Pegida behauptet - die Wahrheitsliebe, 
die den JournalistInnen fehlt, es ist bloß jegliches Verantwortungsgefühl. Journalismus 
ist jetzt Boulevardismus und stinkt gewaltig verwest vor sich hin.

Man mag von staatlichen Rechtssystemen halten, was man will - der Grundsatz "Im Zweifel 
für den Angeklagten" klingt für mich ziemlich vernünftig. Niemand gilt als schuldig, 
solange seine oder ihre Schuld nicht einwandfrei bewiesen ist. Dieser durchaus 
erhaltenswerte juristische Grundsatz wird seit geraumer Zeit einem anderen Bedürfnis 
untergeordnet, das für unsere Zeit prägend ist: dem Sicherheitsbedürfnis, dem nun alles 
andere - bevorzugt Grundrechte von der körperlichen Unversehrtheit bis zum Streikrecht - 
untergeordnet werden. Dass die Medien einen vermutlich psychisch kranken Menschen als 
"Massenmörder" vorverurteilen gehört ebenso zu diesem Sicherheitswahn wie das Ergebnis 
einer Umfrage aus dem Herbst 2014, nach der jedeR dritte Studierende der 
Rechtswissenschaften die Todesstrafe befürwortet und sogar jedeR zweite die Folter: Das 
ist nicht nur ein Zeichen der Brutalisierung der Gesellschaft, sondern auch der Weg in 
einen autoritären Sicherheitsstaat (wobei zu präzisieren wäre: soziale Sicherheit ist hier 
nicht gemeint!).

Natürlich stellt keines der Printmedien auch nur beiläufig die Frage nach dem Auslöser 
einer eventuellen Psychose. Dabei wäre es so einfach! In den meisten Fällen lautet die 
Diagnose: Verrückt geworden durch den Kapitalismus. Es ist der Druck der Arbeit, vielmehr 
aber noch der drohenden Arbeitslosigkeit, der als Motiv wenigstens diskutiert werden 
müsste. Mit Streiks, die zum Beispiel immer wieder auch eine Absicherung für 
gesundheitlich nicht mehr flugtüchtige PilotInnen thematisierten, könnte man diesem 
Terrorismus des Alltags ein wenig entfliehen. Aber - und hier schließt sich der Kreis zu 
der Argumentation Bettina Volkens - das würde eben auch die Sicherheit gefährden. 
Verdammt, irgendwie muss man doch hier raus kommen!

Teodor Webin

https://www.direkteaktion.org/229/kolumne-durruti


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