(de) FAU-IAA: Direct Aktion #229 - "Vielfalt" als anti-kapitalistisches Programm? -- Zum Kongress der Kurdischen Linken in Hamburg
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Thu Jun 11 13:04:28 CEST 2015
Es war ein VIP gespicktes Polit-Lineup: Occupy-"Gründer" und Feuilletonanarchist David
Graeber, Bookchin-Biographin Janet Biehl oder der neomarxistische Politologe John Holloway
unterstrichen den Anspruch der OrganisatorInnen, dass der Kongress "Network for an
alternative quest: Die Kapitalistische Moderne herausfordern II" - orientiert an der PKK
nahen kurdischen Bewegung - neue Impulse für eine globale anti-kapitalistische Bewegung
geben sollte. Jedes der vielen Podien, die die Universität Hamburg über das
Osterwochenende beherbergte, spiegelte fast die gesamte Bandbreite linker Bewegungen und
Ansätze wieder. Indische Grassroots-Aktivistinnen waren genauso zugegen wie ein
venezolanischer Regierungsberater, langjährig inhaftierte türkische Kommunistinnen ebenso
wie britische Uniprofessoren, syrisch-kurdische YPJ-Kämpferinnen trafen auf Politiker der
deutschen Partei "Die Linke". Proklamiertes Ziel der Konferenz war die "Sezierung" der
kapitalistischen Moderne, also die sich zuspitzenden globalen Krisen in einen Bezug zur
kapitalistischen Produktionsweise zu setzten.
?Die Diskussion der diversen globalen Krisen führte immer wieder zu der Feststellung, dass
die kapitalistische Moderne ihre Versprechungen, Rassismus, Fundamentalismus und
Patriachalismus zu überwinden, nicht einlösen kann: In vielen Teilen der Welt sind
ethnische, religiöse und frauenfeindliche Gewalt auf dem brutalsten Niveau seit
Jahrhunderten. Das Gesellschaftsprojekt in Rojava wurde gegen diese Zustände in Stellung
gebracht, da hier ein friedliches Zusammenleben verschiedener Ethnien und Religionen
möglich werden könne und die Frauenbewegung ein wichtiger Faktor ist. Der isolierten und
marginalisierten linken kurdischen Bewegung scheint zumindest in den kleinen Kantonen
Rojavas in der Hölle des syrischen Bürgerkrieges etwas zu gelingen, was militärischen
Großmächten wie der Türkei oder den USA unmöglich ist.
Allein, wie diese notdürftige Linderung der syrischen Katastrophe schon eine "Alternative"
zum globalen Kapitalismus bietet - wie es in den Publikationen der Hamburger Konferenz ja
den Anschein erweckte - blieb äußerst vage. Vielmehr kam zum Ausdruck, dass es im Konzept
des Demokratischen Konföderalismus nach PKK Gründer Abdullah Öcalan zu allererst um
Toleranz und Akzeptanz, um Demokratie und Austausch geht. Diese Werte müssen mit Blick auf
Rojava als eine an der Realität des Nahen und Mittleren Ostens orientierte Praxis ernst
genommen werden, einen Ausweg aus der sich seit Jahrzehnten zuspitzenden Barbarei zu
finden. Genau dies aber taten einige deutsche TeilnehmerInnen der Konferenz nicht:
Beharrlich wurde die Etablierung eines "alternativen Bankensystems" in Rojava gefordert,
wurde gejubelt, dass das isolierte, ökonomisch in weiten Teilen am Boden liegende Rojava
nicht durch das Finanzsystem "neokolonialisiert" sei - unerträgliche Euphemismen für die
verzweifelte Lage z.B. im komplett zerstörten Kobani.
Marcus Munzlinger
https://www.direkteaktion.org/229/vielfalt-anti-kapitalistisches-programm
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