(de) FDA-IFA - Gai Dào #53 - Gemachte Betten ­ Bürgerliche Freiräume und das kapitalistische Subjekt Von: RalfBurnicki

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Mon Jun 8 15:00:13 CEST 2015


Gesellschaftliche Freiräume lassen sich definieren als Möglichkeiten für Handlungen, die 
Emanzipation - also Selbstorganisation und Selbstbestimmung - der Menschen ermöglichen. 
Das ist, trotz gegenteiliger Behauptungen, der bürgerlichen Gesellschaft ein Gräuel. Die 
bürgerliche Gesellschaft hält das Wort"Freiheit" gerne hoch und den emanzipativen Gehalt 
des Wortes niedrig. Denn Emanzipation und Kapitalismus schließen sich aus. Das haben 
Sozialphilosoph*innen der Kritischen Theorie wie Adorno, Horkheimer und Marcuse stets im 
Blick gehabt, heutzutage schon fast vergessene Namen. Adorno und Horkheimer waren der 
Überzeugung, dass die Aufklärung (also die Forderung im 18. Jahrhundert nach unabhängigem 
kritischen Denken und Autonomie im Sinne einer Selbstgestaltung des Subjekts1) 
mittlerweile in ihr praktisches Gegenteil umgeschlagen sei, denn das
zur Autonomie fähige Subjekt wird in eine industriell verwertbare
Individualität überführt und lernt nicht, den Verstand zu gebrauchen,
sondern lernt vor allem eines: zu konsumieren. Es sei, so schreiben
Horkheimer und Adorno",für alle ... etwas vorgesehen, damit keiner
ausweichen kann... Jeder soll sich gleichsam spontan seinem vorweg
durch Indizien bestimmten,level' gemäß verhalten und nach der
Kategorie des Massenprodukts greifen, die für seinen Typ fabriziert ist"2.
Die kapitalistische Kulturindustrie hat die Aufgabe, das Sein der
Menschen nach industriellen Vorgaben zu manipulieren, eine besondere
Rolle kommt dabei der Werbung zu. So verschanze sich in der Reklame
"die Herrschaft des Systems. Sie verfestigt das Band, das die
Konsumenten an die großen Konzerne schmiedet"3.

Konsum als Lebenssinn

Anstatt die Wirklichkeit zu gestalten, soll das Individuum die
Wirklichkeit konsumieren. Dieses kapitalistische Grundsatzprogramm
haben Adorno und Horkheimer in ihrem Aufsatz"Aufklärung als
Massenbetrug" vielfach aufgezeigt. Das bürgerliche Subjekt bleibt
inhaltlich leer und trotz ständiger Aktivität unkritisch-passiv, was die
bürgerlich-kapitalistische Gesellschaft nicht nur in Krisenzeiten zum
Faschismus hin öffnet. Ausgehend von dieser Betrachtung sind
Freiräume in einer bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft vor allem
Spielarten des Wirtschaftssystems4 und dienen der Entwicklung zu
einem kapitalistischen Subjekt, das Konsumieren als Lebenssinn
verinnerlicht5, Egoismus6, Konkurrenz7 und Verdrängungswettbewerb
als Lebensmotto begreift und Herrschaft und Unfreiheit, sei es im
Betrieb oder in der Gesellschaft allgemein, für selbstverständlich hält.
Die arbeitsfreie Zeit, die sogenannte"Freizeit" wird dem Diktat der
Kulturindustrie unterworfen, mit dem Ziel, das Individuum nicht zur
Ruhe und schon gar nicht zur Besinnung kommen zu lassen. Werbung,
Mode, Computerspiele halten auf Trab, das nächste technische Wunder
der Konsumwelt, das exklusive Markenprodukt oder das spitzenmäßige
Sonderangebot warten auf den, der am schnellsten ist und sich gegen
die menschliche Konkurrenz im Kaufhaus durchsetzen kann.
Nachrichten, Marketing und die politische Elite verführen zu einer
Sichtweise, die besagt, dass die Welt von außen auf uns zukommt, nicht
dass wir sie machen. Die ursprüngliche"Information", die wir schaffen,
indem wir die Umwelt gestalten ("Information" kommt sprachlich von
"informare", d.  h. etwas eine Gestalt geben8) verkommt zu einer an uns
adressierten Botschaft bzw. zu einer von außen kommenden
Verlautbarung, die Auskunft gibt, was unsere Welt sei und damit
ausdrückt, welches Wissen für uns bedeutsam zu sein hat. Wer hier
mitspielt, kann zwar,mitreden', aber nicht formen, kann quatschen,
aber nicht tun. Freiheiten, die auf solche Weise kommen, sind um die
Perspektive emanzipativer Veränderungen gekürzt."Alle sind frei zu
tanzen und sich zu vergnügen", schreiben Horkheimer und Adorno,
"aber die Freiheit in der Wahl der Ideologie, die stets den
wirtschaftlichen Zwang zurückstrahlt, erweist sich in allen Sparten als
die Freiheit zum Immergleichen"9, und"das Individuum ... wird nur
soweit geduldet, wie seine rückhaltlose Identität mit dem Allgemeinen
außer Frage steht"10.

Die Freiheit, anderen die Freiheit zu nehmen:"Pegida"

Innerhalb einer um Emanzipation gekürzten kapitalistischen
Freiheitsvorstellung werden dann auch so etwas wie"Pegida"-
Demonstrationen verständlicher als Exempel für das Ausleben einer
bürgerlich-kapitalistischen Subjektivität. Demonstrant*innen der
"Pegida"-Bewegung ("Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des
Abendlandes") rufen als,Schützer*innen' nach einem sozialen
Wohlfühlraum, vor allem wohl, weil den Beteiligten die Erwartungen
und Vorstellungen, die ihnen aus der eigenen kapitalistischen
Subjektivität entgegen steigen, Angst und Stress bereiten. Daher erfolgt
der Ruf nach einem"Zurück", will sagen, nach irgendeiner Identität
abseits der Realität. Adorno und Horkheimer könnten sagen",Pegida"-
Mitläufer*innen wollen einen anderen Film, eine gemüthafte Art von
Unterhaltung, eine bestimmte Aufmachung und Verpackung
konsumieren, aber mitnichten eine greifbare Welt. Eine greifbare (d.  h.
gestaltbare) Welt will auch der Kapitalismus nicht, denn dann könnten
die Menschen ihn bald abschaffen. Auf den"Pegida"-Demonstrationen
finden sich Konkurrenzgefühl und Verdrängungswille (gegenüber
Minderheiten, Migrant*innen) statt Solidarität, der Wunsch nach einer
leicht und schnell konsumierbaren Identität ("Heimat", oder wie es auf
einem Schild zu lesen war:"Kartoffeln statt Döner"11), der
emotionalisierende Rückgriff auf den Begriff des"Abendlandes", also
eines vordemokratischen Zustandes, in dem Kirche und Monarchie das
Sagen hatten, was die Akzeptanz politischer Führung einschließt (nur
sollte es nicht die jetzige sein). Kurz gesagt: Man will gemachte Betten.
Die Unzufriedenheit mit der kapitalistischen Subjektivität verläuft in
den Bahnen derselben.

Der bürgerlich-kapitalistische Egoismus, das Konkurrenzdenken und
der Wunsch nach einer konsumierfähigen Realität drückt sich eben
nicht nur am Warentisch aus, sondern ebenso auf dem Feld der
öffentlichen Meinung und der politischen Räume. Im Bestreiten des
Rechtes einer Minderheit beispielsweise, ihre (,islamische') Religion
auszuüben, und in der Wahnvorstellung, die,andere Seite' nähme
einem etwas fort, entwickelt der bürgerlich-kapitalistische
Egozentrismus eine Dynamik wie auf dem Markt, wenn der Run auf ein
neues Smartphone (oder ein anderes,angesagtes' Produkt) einsetzt.
Man will den anderen nicht gönnen, was man für sich verbuchen will,
nämlich das Recht, überhaupt hier zu sein. Aktuell ist es die"Pegida"-
Strömung, die kapitalistisches Konkurrenzdenken in öffentliche Laute
überführt, aber solange es eine bürgerlich-kapitalistische
Subjektivierung gibt, wird es noch viele"Pegidas" unter anderem
Namen und mit anderen Überschriften geben. Solche Strömungen
geben Auskunft darüber, dass bürgerliche Freiräume, wo sie nicht
Placebos darstellen, konkrete politische Gegebenheiten sind, in denen
sich das System reproduziert.

Fußnoten

1 Nach Immanuel Kant ist"Aufklärung" der"Ausgang des Menschen
aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit"."Sapere aude! Habe Mut,
dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!" Kant merkt mahnend an:
"Faulheit und Feigheit sind die Ursachen, warum ein so großer Teil der
Menschen, nachdem sie die Natur längst von fremder Leitung frei
gesprochen (...), dennoch gerne zeitlebens unmündig bleiben; und
warum es Anderen so leicht wird, sich zu deren Vormündern
aufzuwerfen. Es ist so bequem, unmündig zu sein..."."Dass aber ein
Publikum sich selbst aufkläre, ist eher möglich; ja es ist, wenn man ihm
nur die Freiheit lässt, beinahe unausweichlich... Zu dieser Aufklärung ...
wird nichts erfordert als Freiheit;... nämlich die: von seiner Vernunft in
allen Stücken öffentlichen Gebrauch zu machen" (Immanuel Kant,
Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung? [1784]; in: Kant-Werke,
Digitale Bibliothek Sonderband, Berlin 2005, S. 1692-1696).

2 Max Horkheimer und Theodor W. Adorno, Aufklärung als Massen-
betrug, in: Horkheimer/Adorno, Dialektik der Aufklärung, Frankf./M.
1971, S. 110 f.

3 Horkheimer/Adorno, Aufklärung als Massenbetrug, a.a.O., S.
145.

4 Das gilt, so Horkheimer und Adorno, sogar für das individuelle
Wohnen, eigentlich Inbegriffder Selbstständigkeit und Selbstsorge:"Die
städtebaulichen Projekte aber, die in hygienischen Kleinwohnungen das
Individuum als gleichsam selbstständiges perpetuieren sollen,
unterwerfen es seinem Widerpart, der totalen Kapitalmacht, nur umso
gründlicher" (Horkheimer/Adorno, ebd., S. 108). Will sagen: Das
Wohnen ist kapitalistischen Zwecksetzungen ebenso unterworfen wie
das Freizeitverhalten und dient unter anderem der Reproduktion der
Arbeitskraft, indem durch abgetrennte Räume systematisch für
wiederholbare körperliche und geistige Erholung gesorgt wird,
beispielsweise durch einen abgetrennten Schlafraum oder ein
persönliches Freizeitzimmer.

5 "Die Gewalt der Industriegesellschaft wirkt in den Menschen ein für
allemal. Die Produkte der Kulturindustrie können daraufrechnen, selbst
im Zustand der Zerstreuung alert konsumiert zu werden. Aber ein
jegliches ist ein Modell der ökonomischen Riesenmaschinerie, die alle
von Anfang an, bei der Arbeit und der ihr ähnlichen Erholung, in Atem
hält... Unweigerlich reproduziert jede einzelne Manifestation der
Kulturindustrie die Menschen als das, wozu die ganze sie gemacht hat"
(Horkheimer/Adorno, ebd. S. 114).

6 Zwar habe"die Technik die Menschen aus Kindern zu Personen
gemacht. Jeder solche Fortschritt der Individuation aber ist auf Kosten
der Individualität gegangen, in deren Namen er erfolgte, und hat von
ihm nichts übriggelassen als den Entschluss, nichts als den je eigenen
Zweck zu verfolgen" (Horkheimer/Adorno, Aufklärung als
Massenbetrug, S. 139 f.). Der Egoismus der Einzelnen ist nun kein Zufall
und steckt auch nicht in der,Natur' der Menschen, sondern resultiert
aus einer Vereinsamung, die dem kapitalistischen System entspringt.
Adorno schreibt:"Die Unterwerfung des Lebens unter den
Produktionsprozess zwingt erniedrigend einem jeglichen etwas von der
Isolierung und Einsamkeit auf, die wir für die Sache unserer
überlegenen Wahl zu halten versucht sind" (Adorno, Minima Moralia, §
6, Frankf./M. 1985, S. 24).

7 "Das Prinzip der Individualität war widerspruchsvoll von Anbeginn...
Jeder bürgerliche Charakter drückte trotz seiner Abweichung und
gerade in ihr dasselbe aus: die Härte der Konkurrenzgesellschaft"
(Horkheimer/ Adorno, Aufklärung, a.a.O. S. 139). Das"bürgerliche
Prinzip, das der Konkurrenz" so schreibt Adorno an anderer Stelle, sei
schließlich"aus der Objektivität des gesellschaftlichen Proz esses ... in
die Anthropologie übergegangen" (Adorno, Minima Moralia, § 6, S. 23
f.).

8 Duden 7, Herkunftswörterbuch, Mannheim 1989, S. 305.

9 Horkheimer/Adorno, Aufklärung, S. 150.

10 Horkheimer/Adorno, Aufklärung, S. 139.

11 Siehe dazu: http://www.bild.de/regional/bremen/doener/multikulti-
gericht-39388886.bild.html

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Literatur:
- Max Horkheimer und Theodor W. Adorno, Aufklärung als
Massenbetrug, in Horkheimer und Adorno, Dialektik der
Aufklärung, Frankfurt/Main 1971
- Adorno, Minima Moralia, Frankfurt/Main 1985
- Immanuel Kant, Beantwortung der Frage: Was ist
Aufklärung? [1784]; in: Kant-Werke, Digitale Bibliothek
Sonderband, Berlin 2005


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