(de) Direct Aktion #229 - Dreckige Geschäfte -- Oder wer glaubt noch an die Heinzelmännchen?

a-infos-de at ainfos.ca a-infos-de at ainfos.ca
Fri Jun 5 08:56:00 CEST 2015


Meistens wird ihre Arbeit erst gesehen, wenn sie nicht verrichtet wurde, wenn der Teppich 
schmutzig ist, der Kaffeefleck auch nach einer Woche noch auf dem Schreibtisch ist oder 
der Papierkorb überquillt. Die Rede ist von Reinigungskräften, die ihre Arbeit früh oder 
spät erledigen, wenn keine Kundschaft da ist oder außerhalb der Arbeitszeiten von 
Beschäftigten. Die FAU Kiel hat im Herbst 2014 einen Fragebogen entwickelt und in der 
Stadt verteilt, um einen Einblick in die Arbeitsverhältnisse von Reinigungskräften zu 
erhalten - ein Gewerbe, das trotz seiner Wichtigkeit ein Schattendasein fristet. ---- Seit 
den 1970er Jahren gibt es den anhaltenden Trend die Gebäudereinigung auszulagern und an 
private Anbieter zu vergeben. Im Bemühen um Aufträge zahlen diese oft nicht den 
tariflichen Mindestlohn, der für die Branche 2007 eingeführt wurde. Der erste und einzige 
Streik von Reinigungskräften in der Nachkriegszeit fand 2009 statt. Damals ging es um 8,7 
Prozent Lohnerhöhung für Putzkräfte.

Wer sich aber an die tarifliche Vorgabe von aktuell 9,55 Euro brutto pro Stunde in den 
alten Bundesländern und 8,50 Euro in den neuen Bundesländern halte, sei auf dem Markt 
überhaupt nicht mehr konkurrenzfähig. Das Problem dabei sei vor allem die Kundschaft, da 
diese immer die billigsten Angebote wählen und so Firmen mit vielen illegalisierten 
Arbeiterinnen und Arbeitern Tür und Tor öffneten. Unter dieser Konkurrenz, die auf 
niedrige Löhne und vor allem niedrige Zeitvorgaben hinausläuft, leiden natürlich vor allem 
die Reinigungskräfte. Petra Müller zum Beispiel arbeitet als Reinigungskraft in einer 
Forschungseinrichtung: "Ich arbeite an fünf Tagen etwa drei Stunden pro Tag und verdiene 
im Monat etwa 360 Euro. Das entspricht einem Stundenlohn von etwa sechs Euro, was für die 
zu machende Arbeit relativ wenig ist. Ich muss sehr schwere Eimer schleppen und mich 
meistens auch ziemlich beeilen, damit ich in den drei Stunden mit meiner Arbeit fertig 
werde, es ist also ziemlich stressig. Oft arbeite ich auch eine Viertel- oder halbe Stunde 
länger."Festanstellungen als Vollzeitkräfte in diesem Bereich sind selten. Es gilt auch 
als erwiesen, dass der Job körperlich zu beanspruchend sei, als dass er 40 Stunden in der 
Woche ausgeübt werden könne. Von einem Teilzeitgehalt auf dem niedrigen Lohnniveau der 
Branche lässt es sich aber schlecht leben. Demgegenüber stellt die Objektmanagerin Barbara 
Meyer jedoch fest: "Viele meiner Leute wollen nicht auf Lohnsteuerkarte arbeiten. Sie 
reinigen eine Stunde am Tag, oftmals neben einer anderen Voll- oder Teilzeitstelle. Wenn 
sie über 450 Euro kommen würden, müssten sie fast die Hälfte als Steuern abgeben und 
hätten nur noch 250 Euro übrig. Dafür will kein Mensch arbeiten. Fast 80 Prozent meiner 
Leute sind auf 450 Euro-Basis eingestellt."

Die Umfrage der FAU Kiel kommt zu alarmierenden Ergebnissen: Vor allem in der Gastronomie 
und Hotelbranche scheinen Schwarzarbeit, unpünktliche Bezahlung und fehlende 
Arbeitsverträge üblich zu sein. Insbesondere migrantische Arbeitnehmerinnen werden wegen 
fehlender Sprachkenntnisse falsch informiert, leisten unbezahlte Überstunden oder ihnen 
wird sogar wegen fehlender Papiere Angst gemacht. Am schlimmsten trifft es migrantische 
Haushaltshilfen, die jederzeit einsetzbar sind, weil sie oft auch in den Haushalten leben, 
in denen sie arbeiten. Teilweise wiesen die ausgefüllten Fragebögen darauf hin, dass die 
Haushaltshilfen auch an Bekannte "ausgeliehen" worden sind. Besonders Arbeitskräfte, die 
nicht mehr in den Abhängigkeitsverhältnissen, die sie schildern, beschäftigt sind, haben 
den Fragebogen ausgefüllt, andere haben sich wahrscheinlich aus Angst erst gar nicht getraut.

Auf die abschließende Frage, ob sie lieber einer anderen Tätigkeit nachginge, erklärt 
Petra Müller: "Da ich manchmal unter Rückenschmerzen leide, Hautausschlag an den Händen 
habe und an manchen Tagen einfach nur völlig erschöpft bin, würde ich schon gerne auf 
andere Weise mein Geld verdienen." Die besonders starke Vereinzelung der Arbeitenden in 
diesem Bereich stellt für eine Solidarisierung und Arbeitskämpfe jedoch ein zentrales 
Hindernis dar. Die Reinigungsbranche hat sehr vielfältige Facetten mit unterschiedlichsten 
Problemlagen, von Arbeitsverdichtung mit "Minilohn" über Schwarzarbeit ohne Arbeitsrechte 
bis hin zu Ausbeutung in sklavenähnlichen Zuständen. Eins haben sie alle gemeinsam: es 
sind (Arbeits-)Verhältnisse, die nicht hinnehmbar sind und die wir deshalb verändern müssen.

Claudia Froböse

Trauer um Emmely

Am 16. März 2015 verstarb Barbara Emme im Alter von 57 Jahren an Herzversagen. Besser 
bekannt war sie als kämpferische Supermarktkassiererin "Emmely". Sie war 2008 von der 
Supermarktkette Kaiser's fristlos gekündigt worden, weil sie angeblich Leergutbons im Wert 
von 1,30 Euro eingelöst hatte, die KundInnen liegen gelassen haben sollen. Tatsächlich 
erfolgte die Kündigung unmittelbar nachdem Emmely sich an einem Streik beteiligt hatte. 
Doch die Kündigung ließ sie nicht auf sich sitzen. Mit Unterstützung eines bundesweiten 
Solidaritäts-Komitees skandalisierte sie ihre Kündigung im ganzen Land und kämpfte sich 
mit ihren UnterstützerInnen durch mehrere juristische Instanzen, bis das 
Bundesarbeitsgericht die Kündigung 2010 für unwirksam erklärte und Emmely 
wiedereingestellt wurde. Nach ihrem Erfolg betätigte sie sich weiterhin politisch. So 
wirkte sie an der Verfilmung ihrer Geschichte und zwei Büchern mit und tourte um die Welt 
bis nach Spanien, Frankreich und sogar Venezuela, um Vorträge über ihren Arbeitskampf zu 
halten. Emmely zeigte allen, dass Solidarität möglich ist und dass es sich durchaus lohnt 
zu kämpfen. Mit ihr hat die Bewegung in der BRD eine wichtige Persönlichkeit verloren.

Kauf dich glücklich

Im Mai 2015 erscheint das kontrovers diskutierte Buch "Prekariat. Die neue explosive 
Klasse" von Guy Standing bei Unrast in deutscher Übersetzung. Der Ökonom stellt darin die 
völlig heterogene Gruppe vor, die seiner Meinung nach die Welt destabilisieren wird, da 
vor allem die "Überflüssigen" anfällig für rechtspopulistische oder fundamentalistische 
Versprechungen seien. Als Gegenszenario zeichnet er eine solidarische Gesellschaft, deren 
Basis unter anderem das bedingungslose Grundeinkommen ist.Bald erhältlich unter:
?www.unrast-verlag.de

https://www.direkteaktion.org/229/dreckige-geschaefte


More information about the A-infos-de mailing list