(de) FDA-IFA - Gai Dào #53 - Herr Anarchist, wir müssen mal über Kolonialismus reden Von: Petar Stanchev (ROAR-Magazin); Übersetzung: Ben

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Wed Jun 3 11:53:42 CEST 2015


Die dogmatische Kritik an Volksbewegungen für Autonomie in Chiapas und Rojava zeigt eine 
kolonialistische Mentalität, die aus unserer Bewegung ausgemerzt werden sollte. ---- Im 
Jahr 2002 veröffentlichte das US-Journal Green Anarchy einen kritischen Artikel zur 
zapatistischen Bewegung, der ein Urteil beeinhaltete, dass die schlimmsten Befürchtungen 
des Autors auszudrücken schien:"Die EZLN ist nicht anarchistisch!". In dem Text werden die 
Zapatistas als"avantgardistische Nationalist*innen" und "Reformist*innen" dargestellt, die 
von der anarchistischen Lizenz-Kommission das Privileg verwehrt bekommen, sich 
Anarchist*innen zu nennen - obwohl die indigenen Rebell*innen niemals verlangten, so 
genannt zu werden.

Die EZLN antwortete auf den Artikel1 - obwohl, wie Subcommandante
Marcos klar machte, wenige Zapatistas gewillt sind, Argumente mit
"unbedeutenden Elementen einer ideologischen Randströmung"
auszutauschen und noch weniger Kämpfer*innen der EZLN besorgt
sind über die Einschätzungen von"Menschen, deren Hauptverdienst es
ist, ihren Mangel an Verständnis und Wissen in Zeitungen und
Magazinen zu verbreiten." Aber Marcos entschied sich trotzdem auf den
Artikel zu antworten, da er ein gutes Beispiel für den"guten alten
Kolonialismus" sei:

Diese Einstellung - versteckt hinter einer dünnen Wand der Objektivität
- ist dieselbe, mit der wir uns seit 500 Jahren auseinandersetzen, wenn
irgendwer in einem anderen Land mit einer anderen Kultur denkt, er
oder sie wisse, was das beste für uns wäre, besser als wir selbst es tun.

Ansichten wie diese eine aus der Green Anarchy sind keine Ausnahmen
und auch kein Ding der Vergangenheit. Bestimmten Teilen des
"anarchistischen" Milieus gefällt es immer noch, in einer kurzsichtigen,
schlecht informierten, dogmatischen und sektiererischen Weise die
Kämpfe der Völker im Globalen Süden zu kritisieren und reproduzieren
damit wissentlich oder unwissentlich die Logik des Kolonialismus.

Ich schreibe diesen Text als Antwort eines Artikels von Gilles Dauvé2,
der die kurdische Bewegung in Rojava auf ähnliche Weise verleumdet.
Ein ähnlicher Text, gleichermaßen basierend auf dubiosen ethischen
und logischen Grundlagen, wurde von der Anarchist Federation in
London publiziert3. Es ist bedeutend zu betonen, dass, obwohl ich
speziell auf die schlecht informierte Kritik der oben genannten Artikel
antworte, die Themen, welche ich hier anspreche, weit mehr für die
anarchistische Bewegung im Westen von Bedeutung sind als für die
kurdische oder zapatistische Bewegung, die keine Bewertungen oder
Verbesserungsvorschläge von irgendwelchen privilegierten
Ideolog*innen aus dem Ausland brauchen.

Meine größte Sorge, während ich diesen Artikel schreibe, ist, dass die
kolonialistische Mentalität und der tiefgreifende Dogmatismus
bestimmte Individuen und Gruppen der westlichen anarchistischen
Kreise symptomatisch für eine tiefe Krise der organisatorischen und
fantasievollen Kapazitäten von Teilen unserer Bewegung sind. Dieses
Thema sollte deshalb Anlass für eine ernste Debatte sein. Wenn wir
damit scheitern solch eine Debatte zu führen, riskieren wir uns zu
marginalisieren und unsere Bewegung in eine selbstzentrierte Subkultur
zu verwandeln, die unfähig zur Verbindung mit der Welt da draußen
ist. Dies würde den westlichen Anarchismus verschwinden lassen - als
historisches Relikt, das sich als unfähig erwies in seinen Zielen, den
status quo herauszufordern.

Nicht verurteilen, nicht unseren Kopf verlieren

Dies ist die Annahme, mit der Dauvés Artikel beginnt: Wir sollten die
kurdische Bewegung nicht verurteilen, aber wir sollten auch nicht
unseren Kopf verlieren, indem wir sie verehren. So weit so gut. Aber
entgegen seiner erklärten Objektivität endet der Autor damit genau das
zu tun, was wir seinen Worten nach nicht tun sollten: Er wendet die
Konzepte und Standards des westlichen politischen Denkens an die
Revolution in Rojava an und folgert, dass sie nicht in seine
vorgefertigte Kategorie einer"sozialen Revolution" hineinpasst.

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Genoss*innen der Revolutionären Anarchistische
Aktion (DAF) in der Türkei zeigen ihre Solidarität
mit den kurdischen Verteidigern von Kobani an der
türkisch-syrischen Grenze. DAF rief beständig
anarchistische Gruppen andernorts dazu auf, die
Revolution in Rojava zu unterstützen.
-----------------------------------------------

Die Anarchist*innen (und es sind nicht wenige), die den Kampf für
demokratische Autonomie in Kurdistan unterstützen, werden erinnert,
nicht"ihren Kopf zu verlieren". Ihre Unterstützung wird dargestellt als
ein Zeichen von Radikalismus"ohne Rückgrat", weil sie sich nicht an
Gott-weiß-welches Dogma hält. Das ist eine interessante Form des
"Anarchismus", wenn wir die Reichhaltigkeit und Vielfalt der
anarchistischen Tradition bedenken. Abgesehen von diesem
herablassenden Diskurs ist es interessant die Fakten und Behauptungen
dieser rechtschaffenen und durchblickenden Polstersessel-
Revolutionär*innen zu untersuchen.

Dauvés Behauptungen können wie folgt zusammengefasst werden:

1. Der Kampf in Rojava wird von einer Bevölkerung geführt,
die"niemanden interessiert" und von den großen Mächten in
ihrem Spiel um Autonomie in Ruhe gelassen wird, weil es die
kapitalistische Ordnung nicht wirklich stört.

2. Die Revolution in Rojava ist ein Kampf, der - im besten Fall
- auf den Prinzipien des westlichen Liberalismus basiert . Sie
ist keine soziale Revolution, berührt nicht die tieferen
Strukturen der Gesellschaft und ist nicht explizit
antikapitalistisch.

3. Es gibt kein Herausfordern des Staatsapparats und der
Kampf ist von Natur aus nationalistisch.

4. Die Emanzipation der Frau ist eine Farce und eine
Übertreibung, die Revolution ist keine feministische.

Da die gleiche Kritik oft auf andere Bewegungen ähnlichen Charakters,
wie die Zapatistas, angewandt wird, hat es eine Bedeutung, die weit
über Rojava hinausgeht, diese bestimmten Punkte herauszufordern.

Die Würde der Nobodies

"Niemals ein Mexiko ohne uns" ist einer der Slogans, welche die
ideologische Essenz der EZLN zeigen. Die indigenen Menschen in
Chiapas waren unbekannt, unwichtig und vergessen, links liegen
gelassen um von Hunger und Krankheiten abgemurkst zu werden. Das
ist der Grund, weshalb der Aufstand der Zapatistas von 1994 oft als
"Krieg gegen die Vergessenheit" bezeichnet wird. Diese Vergessenheit
war nie und ist noch immer kein Unfall: Sie ist ein beabsichtigtes
Produkt von Rassismus und Kolonialismus, sowohl äußeren als auch
inneren, welches das Leben und die Leiden der Menschen im Globalen
Süden entwertet; mit dem Ergebnis, dass sie für den Rest der Welt oft
nicht existieren.

Als dieses Schweigen 1994 gebrochen wurde, realisierten die
mexikanische Regierung und die Massenmedien die Macht der
Informationen und errichteten eine Medienblockade, welche relativ
erfolgreich die Präsenz und die Erfolge der Zapatistas aus dem
Massenbewusstsein in Mexiko und außerhalb auslöschte. In ähnlichem
Stil wurde der revolutionäre Kampf der Kurd*innen von den globalen
Medien größtenteils übergangen (zumindest bis zum symbolischen
Kampf um Kobani) und die Repression und Aggression, die sie von
anderen Mächten als dem IS erfährt, wird weiterhin nicht erwähnt.

Sowohl Zapatistas als auch die kurdische Bewegung sind eine Gefahr
für den status qou, weil sie Alternativen anbieten und anwenden, die
wirklich funktionieren. Die Gefahr, die auf die Existenz solcher
erfolgreichen Beispiele zurückzuführen ist, hat zu ihrer hartnäckigen
Verbannung aus den Mainstreammedien und der öffentlichen Debatte
geführt - und tatsächlich zu andauernden Anschuldigungen durch
reaktionäre Kräfte. Zu erklären, diese Kräfte existierten durch die
Gnade der großen Mächte, einfach weil sie niemanden stören, ist
lächerlich.

Mehr noch, diesen Bewegungen würde freie Hand gelassen, weil sie
keine Bedrohung für Staat und Kapital seien, ist äußerst unverschämt
gegenüber der Erinnerung an all die, welche von der mexikanischen,
türkischen oder syrischen Regierung über Jahre getötet, verfolgt und
enteignet wurden. Beide Bewegungen wurden intensiv verfolgt und
bleiben es weiterhin. Zehntausende wurden vertrieben. Verdeckter
Krieg und offene militärische Konfrontation wurden und werden
weiterhin gegen sie eingesetzt. Da sowohl Rojava als auch Chiapas
reich an natürlichen Ressourcen sind, wird Dauvés Behauptung, sie
interessierten das Kapital nicht wirklich und würden deshalb in Ruhe
gelassen, direkt von den Fakten widerlegt.

Die Revolution, die sich selbst neu erfindet

"Fragend voranschreiten" ist das zentrale Prinzip, das die Zapatistas
definierten in ihrer Bemühung über vorherbestimmte und engstirnige
Modelle eines revolutionären Kampfs hinauszukommen. Die Zapatistas
sehen Revolution als einen Prozess, in dem Menschen ihre Freiheit von
unten aufbauen und lernen, sich selbst zu regieren.

Dieses Prinzip weist die traditionelle marxistisch-leninistische
Vorstellung der historischen Avantgarde zurück und immunisiert den
revolutionären Prozess gegen autoritäre Tendenzen"im Namen der
Revolution" - eine Seuche, die in den staatssozialistischen Regimen des
20. Jahrhunderts allzu weit verbreitet war. In gleiche Weise ist die
Revolution in Rojava als Prozess konstruiert, nicht als Anwenden
fertiger Formulare.

Die eifrige Verwendung westlicher Terminologie und der Versuch die
Revolution in Rojava zu klassifizieren, führt dementsprechend zu dem
Eindruck, der wahre Grund, warum diese angeblich kritischen
"Anarchist*innen" skeptisch sind, sei, dass einige unbekannte nicht-
weiße Menschen ablehnen, die Anweisungen ihres Kochbuchs zu
befolgen. Natürlich geschieht all dies ohne praktische Beweise, da sich
herausstellt, dass diese"Anarchist*innen" vielleicht das Kochbuch
gelesen haben, aber irgendwie furchtbare Köche*Köchinnen sind.

Um nur ein wichtiges Beispiel zu nennen: Dauvés Analyse der seiner
Ansicht nach"liberalen" Struktur der Kantone Rojavas basiert allein auf
seinem engstirnigen Lesen des Gesellschaftsvertrages 4 - der Verfassung
der Kantone - aber scheitert daran tiefer im parallelen System der
direkten Partizipation zu suchen, dass ihn begleitet. Interessant genug:
Er erklärt, dass sich die soziale Struktur in den kurdischen Kantonen
nicht geändert habe, was allen sachlichen Beweisen und direkten
Beobachtungen von Journalist*innen, Wissenschaftler*innen und
Aktivist*innen widerspricht, die tatsächlich die Kantone besucht haben.

Ohne jeden Zweifel sind diese Strukturen der demokratischen
Selbstorganisation in Entwicklung, mit vielen Themen, die weiterhin
angesprochen werden müssen und mehr als genug zu lernen. Jedoch
bestätigen sie den Grundsatz, dass wahre Befreiung nur hier und jetzt
gelebt und angewandt werden kann durch Selbstorganisation der
Menschen.

Staat, Nationalismus und Kapitalismus

Die Partei der Demokratischen Union (PYD) als führende Kraft der
Revolution in Rojava hat die Integrität des syrischen Staates anerkannt
und den Demokratischen Konföderalismus als besseres Modell für des
Land als Ganzes nach dem Sturz des Regimes und dem Sieg über den IS
vorgeschlagen. Dies ist Ausdruck der ideologischen Wende, die in der
kurdischen Bewegung über die Jahre stattgefunden hat, weg von der
früheren Betonung der Schaffung eines unabhängigen kurdischen
Staates. In Öcalans Worten:

Der Ruf nach einem separaten Nationalstaat resultiert aus den
Interessen der herrschenden Klasse und der Bourgeoisie, aber reflektiert
nicht die Interessen des Volkes, da ein anderer Staat die Erzeugung
zusätzlicher Ungerechtigkeit beinhalten und das Recht aufFreiheit noch
mehr einschränken würde.

Die kurdische Befreiungsbewegung sieht nun den Staat als patriarchale,
hierarchische und ausschließende Menge an Institutionen. Es gibt
keinen besseren Beweis für die wahren Absichten der PYD als die
Garantie gleicher Rechte für alle ethnischen Gruppen in den drei
Kantonen, ebenso wie ihre Repräsentation auf allen Ebenen der
Regierung und ihre aktive Partizipation in demokratischen
Graswurzelstrukturen. Wie die kurdische Aktivistin und Gelehrte Dilar
Dirik in ihrer Rede auf dem New World Summit in Brüssel letztes Jahr
erklärte, die Lösung des kurdischen Problems sei nicht die Gründung
eines neuen Staates, da der Staat das von Beginn eigentliche Problem an
gewesen sei.

Dauvé argumentiert, heimlich habe die kurdische Bewegung die Idee
eines Nationalstaats nicht aufgegeben, sondern einfach umformuliert,
um weniger autoritär zu wirken. Jetzt erscheint ein komisches Paradox
im Zentrum seines Arguments: Es ist nicht klar, warum die kurdische
Bewegung eine libertäre anti-staatliche Verkleidung annehmen sollte
um das geheime Ziel zu erreichen, einen unabhängigen kurdischen
Staat zu gründen - die äußerst schwierige Aufgabe zu übernehmen eine
Volksmacht zu organisieren, während es wahrscheinlich sehr viel
einfacher wäre die Anerkennung der internationalen Gemeinschaft als
Nationalstaat zu erreichen, denn als dezentralisiertes System föderierter
Kommunen.

Entsprechend der antikapitalistischen Natur der Revolution von Rojava
basiert das ökonomische System der Kantone auf drei Säulen: der
kooperativen, der offenen und der privaten Ökonomie. Die kooperative
Ökonomie, die sich vor allem auf Landwirtschaft und Produktion im
kleinen Maßstab fokussiert, ist zentral. Sie basiert auf kommunalem
Besitz und Selbstorganisation und operiert oft außerhalb der
Geldwirtschaft. Ein Teil des Landes wurde kollektiviert, nachdem die
Großgrundbesitzer*innen infolge der Machtübernahme der PYD die
Region verließen. Private Unternehmen sind erlaubt, aber sie müssen
mit der Administration zusammenarbeiten und sich an die sozialen
Prinzipien der Revolution halten.

Die sogenannte offene Ökonomie basiert auf ausländischen
Investitionen, die leider für die Entwicklung der knappen Infrastruktur
der Region. Es gibt zum Beispiel keine Ölraffinerien in Rojava, obwohl
der Kanton Cizire große Ölreserven besitzt. Die Idee ist, ausländische
Investitionen anzulocken - aber nur zu dem Preis, die soziale Natur der
Kantone zu respektieren Die lokale Ökonomie wird entwickelt nach den
Regeln, die von den Bewohner*innen Rojavas und ihren
Versammlungen gesetzt werden - nicht von westlichen Kapitalist*innen.
Die Industrie, die möglicherweise entwickelt werden wird, soll unter
der direkten Kontrolle der Arbeiter*innen stehen, zumindest ist dies der
formulierte Wunsch der PYD-Offiziellen.

Nach Dauvé ist die Revolution in Rojava nicht antikapitalistisch, weil
die "Proletarier*innen" nicht die Produktionsmittel an sich genommen
haben und Privateigentum immer noch erlaubt ist. Dies ist ein witziges
Statement, wenn man bedenkt, dass das"Proletariat" im klassischen
westlichen Sinne in Rojava nicht existiert. Hier zeigt der Autor wieder
einmal die Beschränkung einer engstirnigen Klassenanalyse, die nur auf
den veralteten und nicht anwendbaren Realitäten des industriellen
Europas im 19. Jahrhundert basiert.

Keine Revolution der Frau?

"Die subversive Natur einer Bewegung oder Organisation kann nicht
durch die Zahl bewaffneter Frauen gemessen werden - ebenso wenig
ihr feministischer Charakter", erklärt Dauvè, der weiter behauptet, die
Idee, die Revolution in Rojava sei eine Frauenrevolution basiere allein
auf dem Bild der Frauenverteidigungseinheiten YPJ während der
heroischen Verteidigung von Kobani.

Natürlich ist es wahr, dass wir den feministischen Charakter einer
Bewegung nicht einfach an der Beteiligung von Frauen in einem
bewaffneten Konflikt messen können. Das ist genau der Grund, warum
Dauvè mehr Recherche hätte machen sollen, bevor er die Revolution in
Rojava als nicht feministisch genug verleumdet. Er erwähnt kurz, dass
Frauen 40% Beteiligung in den Kommunen garantiert ist und alle
öffentliche Positionen doppelt besetzt sind - mit einer Frau und einem
Mann. Aber was der Autor übersieht ist die soziale Analyse, die gerade
die Geschlechterverhältnisse in ganz Kurdistan verändert.

In seinem Buch Das Leben befreien:
Die Revolution der Frau 5 betont
Öcalan das Patriarchat als zentrales
Element der Unterdrückung, dass
alle Formen der Hierarchie und
Herrschaft produziert hat. Er
argumentiert, dass unsere
Zivilisation auf drei Formen der
Unterdrückung der Frau basiert:
durch Ideologie, durch Macht und
durch Beschlagnahmung der
Wirtschaft:"Von dieser Beziehung
stammen alle Formen von
Beziehung, die Ungleichheit,
Sklaverei, Despotismus und
Militarismus erzeugten."

Die praktischen Ausdrücke dieser
Ideen in Rojava sind zahlreich, sie
beinhalten das Verbot von
erzwungenen Heiraten, Ehrenmorden, Polygamie, sexueller Gewalt und
Diskriminierung und - am wichtigsten - geben Frauenfragen nur in die
Hände der Frauen. Frauen haben ihre eigenen Versammlungen die
Macht über Frauenfragen haben und ihre Beschlüsse gegen die der
gemischten Versammlungen durchsetzen, wenn sie glauben, dass sie
Frauen betreffen oder sich negativ auswirken.


Die internationale Menschenrechtsanwältin und Anwältin für
Frauenrechte Margaret Owen beschreibt die Entwicklung der
Geschlechterrechte unter der PYD-Administration in einem sehr
positiven Licht. Sie hebt die Frauenpartei und die garantierte gleiche
Partizipation von Frauen in allen Sphären des öffentlichen Lebens
hervor, die"Assoziationen, politische, erzieherische, medizinische,
militärische, soziale und finanzielle Dienstleistungen" beinhaltet. Mit
den sogenannten Frauenhäusern hat die Bewegung auch ein System des
Schutzes gegen männliche Gewalt entwickelt.

Von sektiererischer Machtlosigkeit zu revolutionärer Kreativität

Geblendet von der Frustration über ihre eigene Marginalität und isoliert
durch die Unfähigkeit ihre Ideen der Realität anzupassen und eine
soziale Kraft aufzubauen, die wirklich fähig ist, die kapitalistische
Moderne und den Nationalstaat herauszufordern, bevorzugen einige
westliche Anarchist*innen weiterhin, sich in ihre eigenen ideologischen
Elfenbeintürme zurückzuziehen und erklären ihr überlegenes Wissen
und Rechtschaffenheit durch entleerte Statements über den
rückgratlosen Radikalismus anderer Menschen - besonders derer im
globalen Süden.

Eindeutig beeinflussen solche sektiererische Positionen die Fähigkeit
"anarchistischer" Gruppen im Westen, tatsächlich radikale und
bedeutsame alternativen zum Kapitalismus zu erzeugen, negativ. Es
endet im Zurückhalten der revolutionären anarchistischen Ideale in den
Ketten eines arroganten, sich selbst genügenden Dogma, das letztlich
diese Grüppchen in ihrer angenommen ideologischen Engstirnigkeit
machtlos belässt.

Das ist die Krise, mit der wir im Westen konfrontiert sind - und es
verspricht nicht, in der Zukunft besser zu werden, wenn sektiererische
Elemente in unserer Bewegung unfähig bleiben, sich neu zu erfinden
und neue kreative Formen des Kampfes und er Organisation zu finden.
Das letztere ist, glaube ich, weit bedeutender als die extravagante
"revolutionäre" Rhetorik, die in manchen westlichen anarchistischen
Kreisen leider von der Praxis getrennt scheint.

Der Autor beendet gerade seinen Abschluss in Lateinamerikastudien
und Menschenrechten an der Universität von Essex. er hat vorher in
Mexiko gelebt und studiert und war für vier Jahr in der Zapatista-
Solidaritätsbewegung involviert. (Datum: 1. April)

Fußnoten

1 Siehe hier: http://plaincracker.tumblr.com/post/5647609279/a-zapatista-
response-to-the-ezln-is-not
2 Siehe hier: https://libcom.org/news/kurdistan-gilles-dauv%C3%A9-
17022015
3 Siehe Gai Dao Nr. 50 (Anmerkung der Übersetzung)
4 Siehe hier in Englisch:
http://peaceinkurdistancampaign.com/resources/rojava/charter-of-the-
social-contract/ Die deutsche Übersetzung weicht recht stark davon ab:
http://tatortkurdistan.blogsport.de/2014/03/01/gesellschaftsvertrag-fuer-
rojava/
5 Zum herunterladen hier: http://www.freeocalan.org/wp-
content/uploads/2014/06/liberating-Lifefinal.pdf

http://roarmag.org/2015/04/zapatistas-rojava-anarchist-revolution/
http://roarmag.org/


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