(de) Direct Aktion #229 - Auf Augenhöhe prekär -- Tarifflucht, Befristung und miserable Löhne gehören zum Alltag in der Sozialen Arbeit

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Wed Jun 3 11:52:35 CEST 2015


Die Soziale Arbeit, früher auch als Sozialpädagogik bezeichnet, hat ein vielfältiges 
Berufsfeld: Streetwork, Suchthilfe, Jugendarbeit oder Familienberatung sind nur einige 
Bereiche, in denen Sozialarbeitende tätig sind. Doch mindestens ebenso groß ist die 
Vielfalt, wenn es um die Bezahlung geht - nach unten ist alles möglich. Dass Soziale 
Arbeit ein akademischer Beruf ist, ist auf der Gehaltsabrechnung selten erkennbar. Der 
ohnehin niedrige Lohn nach TVöD oder TVL wird von kirchlichen oder privaten Anbietern in 
der Regel noch unterboten. Die oft verwendete Formulierung "Bezahlung in Anlehnung an 
TVöD" entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als Black Box, die nahezu alles bedeuten kann, 
in den seltensten Fällen jedoch einen angemessenen Lohn. ---- In Hannover schrieb ein 
Kaufhaus, das mit einem angeblich "fairen" und "sozialen" Anspruch für sich wirbt, eine 
30-Stunden-Stelle für staatlich anerkannte SozialarbeiterInnen aus.

In dem von kirchlichen Wohlfahrtsverbänden getragenen Unternehmen sollten diese typische 
sozialarbeiterische Tätigkeiten verrichten, wie Konzeptentwicklung, die Anleitung von 
Ehrenamtlichen und Durchführung von Qualifizierungsmaßnahmen. Das kleine Manko am unteren 
Ende der Stellenbeschreibung: Es wird nach Tarif bezahlt - für den Einzelhandel. 
Zusätzlich dreist an der Stellenanzeige ist die Tatsache, dass sie von einer ehemaligen 
Lehrbeauftragten für Soziale Arbeit an der Fachhochschule Hannover unterzeichnet war.Dies 
ist nur ein Beispiel von vielen. Mechthild Seithe und Corinna Wiesner-Rau lassen in ihrem 
Band "Das kann ich nicht mehr verantworten! Stimmen zur Lage der Sozialen Arbeit" 
verschiedene Praktikerinnen und Praktiker zu Wort kommen. Neben der schon erwähnten 
Tarifflucht kommen etliche weitere mangelhafte Arbeitsbedingungen zur Sprache: 
Neueinstellungen gibt es nur noch mit Befristung, MitarbeiterInnen, die wegen eines 
Burnouts kündigen, gehören zur Routine. Wird die Arbeitszeit für Vor- und Nachbereitung 
sowie für Fahrtwege entlohnt? Kaum.

Und wenn AdressatInnen der Familienhilfe absagen? Dann gibt's halt weniger Lohn. Eine 
Sozialarbeiterin bringt es auf den Punkt: "Aus eigener Erfahrung kann ich nur sagen, dass 
man sich regelrecht verarscht vorkommt, wenn man unter solchen Bedingungen noch gute 
Arbeit leisten soll."Da stellt sich doch die Frage, wann es zum angebrachten Widerstand 
gegen diese Beschäftigungspolitik kommt. Es ist höchst verwunderlich, wie selten es 
Professionellen, die sich unter teilweise ungesundem beruflichen Engagement für die 
Ausgegrenzten dieser Gesellschaft einsetzen, gelingt, ihre eigenen Interessen zu 
vertreten. Der weitgehend ungestörte Siegeszug des Neoliberalismus hat hier geschafft, 
woran schon viele SozialarbeiterInnen in der täglichen Praxis gescheitert sind. Zwischen 
Professionellen und den meisten AdressatInnen herrscht ein Verhältnis auf Augenhöhe: Beide 
stehen sich vereint im Prekariat gegenüber.

Mark Jansen (GGB Hannover

https://www.direkteaktion.org/229/auf-augenhoehe-prekaer


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