(de) FAU-IAA: Direct Aktion #229 - Totgesagte leben länger --Was Prekarisierung und Klassenbewusstsein (noch nicht) miteinander zu tun haben

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Tue Jun 2 12:20:23 CEST 2015


Die Zombies sind zurückgekehrt, und zwar im Ruhrgebiet, in Berlin und Bremen, in 
Mecklenburg-Vorpommern und im Großraum Köln/Düsseldorf. Zumindest liegen die Armutsquoten 
dort etwa zwischen 16 und 25 Prozent, auch wenn die Bundesregierung ständig beteuert, dass 
es den Menschen in der BRD so gut gehe wie nie. Der Paritätische Wohlfahrtsverband kommt 
in seiner jährlichen Studie zu einem anderen Ergebnis: 12,5 Millionen Menschen in 
Deutschland sind arm. Alleinerziehende, Erwerbslose, Kinder, Jugendliche und RentnerInnen 
sind besonders von Armut betroffen. ---- Noch mehr Menschen sind mit prekären Lebenslagen 
und Beschäftigungsverhältnissen konfrontiert. Letztere zeichnen sich durch Befristung, 
Teilzeit, Zeitarbeit und Geringfügigkeit aus. Das trifft nicht nur auf die sogenannten 
Geringqualifizierten zu, sondern auch auf junge AkademikerInnen oder gut ausgebildete 
Selbstständige und FreiberuflerInnen. Die wissenschaftliche Mitarbeiterin an der 
Universität, die Seminare für einen umgerechneten Stundenlohn von drei Euro gibt, der 
minijobbende Supermarktkassierer, die pro Zeile bezahlte freiberufliche Journalistin oder 
der Altenpfleger, der von einem befristeten Job in den nächsten taumelt: Bei allen 
Unterschieden - prekär sind sie doch alle irgendwie. Solche Beschäftigungsverhältnisse 
führen zu einer mangelnden sozialen Absicherung in allen Bereichen. Aber auch Zeitmangel, 
Immobilität und Verdrängung an die Stadtränder sind die Folgen für die prekär 
Beschäftigten. Und wer seine Arbeitsstelle häufig wechselt, die KollegInnen nur noch auf 
dem Sprung trifft, weil gemeinsame Pausen nicht mehr einkalkuliert sind oder vereinzelt 
für sich selbst schuftet, der hat es um einiges schwerer, Widerstand gegen diese Zustände 
zu leisten.

Die Prekarisierung der Beschäftigung kommt den ArbeitgeberInnen also nicht nur entgegen, 
weil sie auf diese Weise kräftig an Lohnkosten und Sozialabgaben sparen, sondern auch, 
weil mit einer wirksamen betrieblichen oder gewerkschaftlichen Organisierung unter diesen 
Umständen kaum noch zu rechnen ist. Auch die Einführung des Mindestlohns, der zudem von 
zahlreichen Ausnahmen unterlaufen wird, verspricht langfristig keine Verbesserung für die 
prekär Beschäftigten. Eine andere Frage ist sowieso, ob er gezahlt wird: Laut Süddeutsche 
Zeitung läuft die Mindestlohn-Hotline des DGB zwar heiß, doch nur wenige AnruferInnen 
seien bereit, ihr Recht auch durchzusetzen und der Zoll habe ohnehin nicht genügend 
Personal, um flächendeckende Kontrollen durchzuführen.

Da ist es spannend, den Blick auf die USA zu richten, wo momentan die Kampagne "Fight for 
$15" für die Erhöhung des Mindestlohns auf 15 Dollar kämpft. In der Kampagne sind vor 
allem prekär Beschäftigte organisiert: Fast-Food-ArbeiterInnen, VerkäuferInnen, Pflege- 
und Putzdienste, ErzieherInnen, Flughafenpersonal und BauarbeiterInnen. Im April machten 
sie mit Streiks und Demonstrationen auf ihre Forderung aufmerksam, in New York wurde eine 
McDonalds-Filiale gestürmt und in Seattle konnte sogar erfolgreich eine Lohnerhöhung für 
40.000 Menschen durchgesetzt werden. Besonders interessant ist, dass sich an den 
Universitäten auch Lehrbeauftragte ohne Festanstellung der Bewegung angeschlossen haben. 
Denn hierzulande wird gerne bezweifelt - und zwar nicht nur von SoziologInnen, sondern 
auch von GewerkschafterInnen - dass Allianzen zwischen den Prekären der verschiedenen 
Schichten möglich sind. Zu groß sei die Angst vorm Abstieg bei den AkademikerInnen, selbst 
wenn dieser sich auf der Gehaltsabrechnung längst vollzogen hat.

Im jungen 21. Jahrhundert muten die Arbeitsbedingungen auch in Mitteleuropa häufig wie vor 
150 Jahren an. Da ist es nicht verwunderlich, dass selbst in den großen Medien hin und 
wieder die Rede von der "Zombiekategorie" ist. So bezeichnete jedenfalls der kürzlich 
verstorbene Soziologe Ulrich Beck den Klassenbegriff. Bislang sind die Zombies jedoch 
nicht wirklich zurückgekehrt - trotz der beständig größer werdenden Schere zwischen Arm 
und Reich. Die soziale Frage wird in der BRD nur äußerst zaghaft gestellt, die 
vereinzelten Arbeitskämpfe werden selten mit einer grundsätzlichen Kapitalismuskritik 
verknüpft, noch seltener haben die Kämpfenden ein klares Klassenbewusstsein. Obwohl den 
Paketzusteller und die Lehrbeauftragte eint, dass sie ihre Arbeitskraft unter ziemlich 
miesen Bedingungen verkaufen müssen - auch wenn sie verschiedenen Schichten angehören. 
Hier kann die aktuelle Kampagne in den USA inspirieren. Eine lautstarke und 
enthusiastische Picket-Line vor dem ein oder anderen Fast-Food-Lokal oder auf dem Campus 
wirkt nämlich ziemlich lebendig. Da könnte sich die in vielen Bereichen recht tote 
Gewerkschaftsbewegung in der BRD mal eine Scheibe von abschneiden - vielleicht ein erster 
kleiner Schritt zur Auferstehung.

Silke Bremer

https://www.direkteaktion.org/229/totgesagte-leben-laenger


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