(de) FDA-IFA - Gai Dào #53 - Das Erblühen in der Wüste - ein feministischer Zwischenruf aus Chile Von: La Guanaca (in der Zeitschrift Cangalla, Atacama, Chile) / Übersetzung: jt

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Tue Jun 2 12:19:58 CEST 2015


Als Frau in der Atacama zu leben, diesem trockenen Flecken inmitten einer unwirtlichen 
Region, aber der unendlichen Weite der Wüste zu widerstehen - das wird für jede Frau stets 
eine Herausforderung sein. Die Geografie hat sich verändert, die Menschen, die hier leben, 
haben sich verändert, und die patriarchale Gesellschaft ist in Feierlaune, in Huasco und 
Copiapó haben wir keinen Fluss mehr und der Bergbau hat jedem Hügel, jedem Tal, jeder 
Stadt und jedem Dorf den Garaus gemacht. Alles ist einem radikalen Veränderungsprozess 
unterzogen worden. Und als Frauen sind wir Zeuginnen dieser Besitznahme des Territoriums 
geworden, die im Laufe der Jahre auch zu einer Besitznahme unserer Körper geworden ist.

In einer Bergbauregion Frau zu sein, hat sich zu einem konstanten
Kampf entwickelt, bei dem wir schlicht Widerstand leisten müssen.
Wenn wir vor einigen Jahren noch mit dem Machismus unserer
Ehemänner leben mussten, hat die Realität in der Atacama diese
Übergriffe vervielfacht. Es genügt, das Haus zu verlassen und einen
beliebigen öffentlichen Ort in einer beliebigen Stadt oder Dorf
aufzusuchen, um uns des Missbrauchs bewusst zu werden, den wir
täglich erleiden müssen, der Tatsache, dass wir mit jedem Jahr mehr
und mehr zum Blickfang all jener Männer werden, die als gute Machos
sich ihren Kumpels gegenüber beweisen müssen, indem sie uns das
erste entgegenrufen, was ihrem Macho-Gehirn entspringt, wenn sie uns
anfassen wollen und wenn sie jeder Werbung Glauben schenken, die sie
in ihrer Männlichkeit bestärkt.

Das kapitalistische und patriarchale System sorgt dafür, dass wir uns
für die Ungerechtigkeiten uns gegenüber schuldig fühlen. Die
Übergriffe sind nunmehr eine völlig gerechtfertigte Last geworden, die
wir zu tragen haben. Aber warum müssen wir ihre Frauen sein? Warum
müssen wir als Rechtfertigung für ihr tägliches Opfer herhalten? Der
Grund für ihre Schichten von mehr als 12 Stunden - und darüber
hinaus müssen wir auch noch für ihre Frustration dem Chef gegenüber,
ihrer Hoffnungen und ihres Traumas gerade stehen. Der
Herrschaftspyramide zufolge steht der Chef über ihnen, und sie müssen
ihre Macho-Unzufriedenheit wiederum an uns auslassen, ihre
finanzielle wie physische Überlegenheit beweisen, Dinge, die von
Kultur und Gesellschaft immer mehr eingefordert werden, wo die
perfekte Familie hochgehalten wird, mit ihrem Jeep, ihren technischen
Spielereien und den Reisen in die Karibik, weil das System uns sagt,
dass ich Glück habe, wenn mich mein Ehemann seine Kreditkarte
nutzen lässt, weil er noch besser ist, wenn er mir Markenklamotten
kauft, aber dass ich ihn nicht infrage stellen kann, wenn er jeden Tag
erwartet, bedient zu werden, weil er sich schließlich jeden Tag
abrackert und müde nach Hause kommt. Er ist es, der im
Morgengrauen aufsteht und das Geld heimbringt.

Wir glauben nicht, dass Männer aufhören Machos zu sein, bloß weil sie
anfangen abzupülen oder mehr Zeit mit den Kindern zu verbringen.
Wir wollen nicht, dass sie uns fragen, wie sie weniger machohaft sein
können, wir brauchen keine parasitären Männer, die uns tagtäglich jede
Kraft rauben. Wir fordern, dass sie ihre Männlichkeit in Frage stellen,
fernab unserer Räume, ohne dafür Applaus zu erwarten oder dass wir
ihnen dafür ein Monument errichten, weil für uns das schon lange kein
Gefallen mehr ist. Wir rufen alle Frauen dazu auf, ihre eigene
Bequemlichkeit infrage zu stellen, sich zu fragen, ob ihre
Verpflichtungen real oder nicht doch die Erfindung eines sexistischen
Unterdrückungssystems sind, dass sie ihre Schuldgefühle und die Rolle
der selbstlosen Mutter ablegen. Wir sollten verstehen, dass der
Feminismus nicht der Hass gegen die Männer ist, sondern die Liebe zu
den Frauen.

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Originaltext (Spanisch):
https://periodicoelsolacrata.wordpress.com/2014/11/01/sale-
cangalla-publicacion-anarquista-de-atacama-n1-noviembre-de-
2014/12


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