(de) FAU-IAA: Direct Aktion #229 - Mehr Vertragsbrüche mit dem alltäglichen Wahnsinn! -- Oder: Kann es in einer entsolidarisierten Gesellschaft noch Widerstand geben?

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Mon Jun 1 13:23:41 CEST 2015


Die griechische Regierung verabschiedet ein soziales Notprogramm, das den Ärmsten der 
Armen helfen soll. All die, die für diese humanitäre Katastrophe in Griechenland 
verantwortlich sind, also die Troika und die deutsche Regierung, schreien unisono auf: 
Unverschämtheit! Und sie drehen den Geldhahn weiter zu. Als die griechische Regierung 
daraufhin nach Russland schaut, erklingt der gleiche Schrei erneut: Unverschämtheit! 
Vertragsbruch mit den erzwungenen Strukturreformen! ---- Öfter mal pünktlich gehen und 
krank zu Hause bleiben - auch ein Vertragsbruch mit dem alltäglichen Wahnsinn. 1. Mai 2011 
in Hannover. ---- Doch hier soll es diesmal nicht um die Tragödie der griechischen 
Lohnabhängigen gehen, auch wenn sie ein gutes Beispiel dafür ist, dass auch eine linke 
Regierung es nicht schaffen kann, den Kapitalismus aus dem Staat zu vertreiben. Es geht um 
den Skandal, dass diese Ignoranz gegenüber der Not einer ganzen Bevölkerung nicht als die 
Unverschämtheit gesehen wird, die sie in Wirklichkeit ja ist. Und es geht um den Skandal, 
wie viele - sicherlich nicht ebenso drastische - "Strukturreformen", zu denen sich 
tagtäglich die Regierung wie das Kapital erdreisten, nicht ebenfalls als Unverschämtheiten 
gesehen werden.Mit der Agenda 2010 und dem SGB II, also der Arbeitsmarktderegulierung und 
den Hartz-Gesetzen - und verschärft im Schatten der Krise - entstand eine unverhohlene 
Klassengesellschaft der billigen Arbeit und des unsicheren Lebens. Die Prekarisierung 
umfasst das ganze durchökonomisierte Leben:

Existenzsicherung: Enteignung, Sanktionen, Lohndumping - auch mit Tarif- beziehungsweise 
Reallohnsenkungen durch Erhöhung und Privatisierung der Sozialbeiträge; Niedriglöhne, 
Minijobs, Leiharbeit, Werkverträge oder Scheinselbständigkeit Arbeitsbedingungen: 
unbezahlte Arbeitszeitverlängerung und Arbeitsverdichtung, Überarbeitung durch 
Leistungsdruck bis zum Leistungsterror, Spaltung der Belegschaften, Dequalifizierung durch 
Outsourcing  Lebensbedingungen: Rente mit 67, Workfare und Ämterschikane, entgrenzte 
Zumutbarkeiten, unbezahlbare Wohnungen, Schuldenbremse und ihre kommunalen Auswirkungen 
sowie Privatisierung und Ökonomisierung aller Lebensbereiche und der Daseinsvorsorge Dabei 
fällt kaum auf, wie unverschämt, wie unverblümt Kapital und Politik agieren und es nicht 
mal mehr für nötig halten, uns wenigstens anständig zu belügen. Offenere Respektlosigkeit 
ist kaum vorstellbar. Doch der Erfolg ausbleibender Revolten gibt ihnen Recht: Zu wenige 
haben erkannt, dass der angebliche Vertrag auf gutes Leben und gute Arbeit im Kapitalismus 
gekündigt wurde - wenn er denn je existierte.

ARBEITSKAMPF DURCH SELBST-OPTIMIERUNG? VOM OPFER ZUM MITTÄTER

Zu viele klammern sich noch an die von den Gewerkschaftsapparaten gesättigte Illusion 
einer möglichen Rückkehr in die goldenen Zeiten des sozialen Friedens (den es nie für alle 
gab), wenn nur das jeweilige Management einsieht, dass Mitbestimmung, Gesundheitsschutz 
und "gute Arbeit" sich im harten Kampf um Wettbewerbsfähigkeit langfristig auszahlen. 
Diese Illusion nährt den kapitalistischen Vertrag, verhindert erfolgreich konsequente 
Kämpfe und muss daher schonungslos entlarvt werden.

Es ist richtig, die Gewerkschaftsapparate dafür massiv zu kritisieren. Es wäre jedoch 
fatal, deshalb auf eine gewerkschaftliche Organisierung zu verzichten. Denn 
Arbeitsverdichtung, Personalabbau von olympiareifen Belegschaften, mitgetragen im 
Wettbewerb Jeder gegen Jede, Arbeitsgruppe gegen Arbeitsgruppe, funktionieren auch ohne 
Gewerkschaften - sie funktionieren auf der Basis unserer Aufstiegsillusionen. Die 
Individualisierung von Ursachen und Risiken macht Erwerbsarbeit wie Erwerbslosigkeit zur 
permanenten Bewährungsprobe, und die meisten Lohnabhängigen reagieren durchaus 
marktkonform: Die Zurichtung auf Lebenslauf und Karriere beginnt schon im Kindergarten, 
denn sie erscheint als die einzige Chance, dass "mein Kind es mal besser hat als ich." Wie 
sollen wir für eine Gesellschaft kämpfen, in der Menschen Zweck und nicht Mittel sind, 
wenn Lohnabhängige mehr denn je den Zwang zum Wettbewerb untereinander akzeptieren?

So lange aber der kapitalistische Verwertungszwang akzeptiert und nicht in Frage gestellt 
wird, kann es keine echte Demokratie, keine Gemeingüter, keine Gerechtigkeit geben. So 
lange bleiben Staaten, Kommunen, Menschen erpressbar. So lange werden nur 
Verwertungskriterien darüber bestimmen, welche Produkte wie hergestellt werden, welche 
Dienstleistungen es gibt und für wen, welche Menschen "wertvoll" sind und welche 
"überflüssig". Es zählen weder Menschenrechte noch Gerechtigkeit, weder Mitgefühl noch 
Charakter. Wer diese vorgeblichen Sachzwänge und Sparzwänge akzeptierte und immer noch 
akzeptiert, kann nun nicht anders, als moralisch anzuprangern, verarscht worden zu sein - 
und lässt sich trotzdem weiterhin verarschen.

VERTRAGSBRUCH MIT LEISTUNGSZWANG UND WETTBEWERB

Wahre Unverschämtheit ist daher ein offensiver Ungehorsam im Alltag und dieser muss den 
Konkurrenz- und Verwertungszwängen gelten. Die Macht des Kapitalismus über Produktion wie 
Konsum, die Ökonomisierung unserer Gefühle und Bedürfnisse, unserer Kommunikation und 
zwischenmenschlichen Beziehungen muss gebrochen werden, und zwar nicht nur auf den Plätzen 
und Demos, sondern auch im Alltagshandeln. Jede noch so kleine Konformitäts- und 
Wettbewerbsverweigerung, jede geübte Solidarität mit den Schwachen und Unterdrückten - am 
besten natürlich kollektiv - kann zum ersten Schritt jenseits dieses inhumanen Systems 
führen, das ohne unsere Akzeptanz und unser Mitmachen bankrottgeht. Wenn wir auch uns 
selbst gegenüber unverschämt schonungslos werden.

Denn natürlich ist es erfreulich, wenn immer mehr Menschen - oft vom Jobcenter gezwungen - 
zu ihrem Job eine desillusionierte Haltung entfalten, die die Identifikation mit dem 
Wohlergehen der Firma verweigert. WirtschaftsforscherInnen sprechen von Millionenschäden 
durch Demotivierung, wenn den Leuten klar wird, dass sie weder Dankbarkeit für unbezahlte 
Überstunden oder Rationalisierungsideen, noch für Anwesenheit im Krankheitsfall erwarten 
können. Doch: Ohne Berufsbindung geht leider auch der proletarische Verhaltenskodex baden, 
früher betrieblich sozialisiert und in den Belegschaften tradiert. Nicht nur 
PsychologInnen beklagen die breite Entsolidarisierung, ja Verrohung der Sitten, denn 
unemanzipatorische Kollektivierung wurde durch den Wettbewerb des "ich, ich, ich" abgelöst.

Ja, tote Textil- oder BauarbeiterInnen am anderen Ende der Welt sorgen kurz für Empörung. 
Aber unsere eigene innere Spaltung in Lohnabhängige und speziell DienstleisterInnen auf 
der einen Seite und in KundInnen auf der anderen Seite, lässt uns dann doch schnell 
frohlocken, dass Outsourcing nach Bangladesch oder die Privatisierung der Telefonie uns ja 
so günstige Preise bescheren! Dank Kik oder Primark können selbst Hartz-IV-BezieherInnen 
ein T-Shirt zum Wegwerfen kaufen und eine Illusion von Teilhabe genießen. Und selbst 
klassenbewusste Lohnabhängige vergessen oft nach Feierabend, dass auch sie von der Arbeit 
anderer leben und profitieren. Ausgeblendet wird zudem, dass wir längst zu unbezahlten 
MitarbeiterInnen derjenigen Produkte und Dienstleistungen geworden sind, die uns angeblich 
das Leben erleichtern oder sogar als Statussymbol dienen sollen.

Es ist paradox, aber gerade dadurch angreifbar: Kontrolle und Druck werden immer offener, 
sind dabei jedoch zunehmend überflüssig geworden durch selbstrepressive Selbstkontrolle. 
Denn marktkonforme Demokratie und Selbstvermarktung via Facebook sind zwei Seiten einer 
Medaille. Auf der Suche nach breiterem Widerstand müssen diese uns schwächenden und 
bremsenden Realitäten akzeptiert werden. Dazu gehört auch, dass keinesfalls alle 
Lohnabhängige als solche gesehen werden wollen: Alle wollen zur "Mittelschicht" gehören, 
nicht zum ungeliebten Proletariat. Als prekär will sich erst recht kaum jemand bezeichnen, 
am wenigsten Kulturschaffende oder AkademikerInnen. Selbstachtung ist wichtig, doch uns 
selbst zu belügen - und dies auf Kosten vermeintlich Schwächerer - macht aus Opfern 
MittäterInnen.

Den Glauben an das Versprechen der Leistungsgerechtigkeit aufzugeben - vielleicht das 
größte Hindernis gegen die Befreiung, da eine wahrhaftige "Karotte vor dem Esel" im 
Koflerschen Sinne - fällt daher vielen am schwersten. Denn das hieße, die Hoffnung auf die 
versprochene Karriere und den sozialen Status nach all den Mühen der Anpassung, 
Qualifizierung und Selbstvermarktung endgültig aufzugeben. Das macht Angst wegen der 
Ausweg- und Hoffnungslosigkeit. Selbst in aufgeklärten Kreisen wird diese Angst oft mit 
Abwehr und Distanzierung von gescheiterten "LeistungsverweigerInnen" bekämpft. Verstehen 
heißt jedoch nicht entschuldigen. Es gilt, endlich die allgemeine Desillusionierung und 
Verunsicherung, die enttäuschten Lebenspläne und Karrierechancen, die nicht honorierten 
Unterwerfungen und Selbstoptimierungen zu nutzen, um diese Lebenslügen offensiv anzugehen.

UNGEHORSAME SOLIDARITÄT IM ALLTAG

Aber auch die Linken unter den Lohnabhängigen sollten sich von einigen Illusionen 
verabschieden. So ist es schön und wichtig, wenn immer häufiger junge, linke Gruppen 
betriebliche Streikbewegungen von außen unterstützen - sei es bei Neupack oder Amazon. Es 
wird aber albern, wenn sie es in ihrer Freizeit, nach Feierabend tun und gleichzeitig 
ihren eigenen Job als Übergangs-Broterwerb ohne Kampfmöglichkeiten betrachten, blind für 
die Unterdrückung und Spaltung um sie herum. Der Überlebenskampf darf dabei nicht als 
Ausrede dienen, denn es kommt darauf an, wie wir tagtäglich um unser Überleben kämpfen: 
gegen wen, wem wir schaden, wen wir verschonen und wie weit wir bereit sind, uns zu 
erniedrigen und zu verleugnen. Auf menschlichen Ruinen werden nämlich keine Blumen 
wachsen, egal wie stark sich die Verhältnisse (über Nacht?) ändern sollten.

Kurzum: Wir müssen eine alte, fast schon banale Wahrheit ins kollektive Gedächtnis rufen, 
dass nämlich auch unsere Reproduktion politisch ist. Und damit ist nicht nur das 
Privatleben gemeint, sondern auch und vor allem unsere Erwerbsarbeit wie unser 
Konsumverhalten. Welche Produkte wir kaufen steht aktuell im Fokus politischer Reflektion, 
nicht aber, wie wir dabei die VerkäuferInnen oder BusfahrerInnen behandeln. Ebenso wenig, 
wie wir uns selbst in unseren Jobs samt deren unterschiedlicher gesellschaftlicher 
Funktion verhalten.Und gerade das Alltagsverhalten - im Job wie als KonsumentIn - bietet 
die besten Möglichkeiten, den ungeschriebenen Vertrag aufzukündigen, mit dem wir den 
Kapitalismus Tag für Tag und dazu unbezahlt reproduzieren. Dies gilt auch für kleinste 
Formen von Entscheidungen (nicht erst Arbeitskämpfe), wenn sich ihre Strategie der 
kapitalistischen Logik verweigert. Denn Generalstreiks haben weder in Griechenland noch in 
Spanien etwas verändert, die - zugegebenermaßen erzwungene - solidarische 
Selbstorganisierung und Selbstversorgung verändern aber den Alltag und die Einstellungen 
vieler. Wie nachhaltig, wird sich noch zeigen. Kurzfristig gilt: Wenn am 1. Mai viel von 
internationaler Solidarität gesprochen wird und dabei am DGB-Stand ein kapitalistisch 
produziertes Bier genossen werden muss - dann bitte nicht ohne Trinkgeld für die Zapferin!

Mag Wompel, LabourNet Germany

https://www.direkteaktion.org/229/mehr-vertragsbruche-mit-dem-alltaeglichen-wahnsinn


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