(de) FdA/IFA - Gai Dào #55 - Von den Irrungen im libertären Lager -- Eine Kritik der plattformistischen Bestrebungen in Spanien Von: Revista Argelaga, 20-06-2015 / Übersetzung: jt

a-infos-de at ainfos.ca a-infos-de at ainfos.ca
Fri Jul 31 09:57:27 CEST 2015


"Raus aus dem Ghetto", das ist ein Lied, das in großer Regelmäßigkeit in libertären Medien 
angestimmt wird. Doch angesichts des verworrenen Kontextes, in dem heute - per se 
marginale - soziale Kämpfe ausgefochten werden, bedeutet dies nichts weiter, als dass 
diejenige Person, die das Lied vor sich hin trällert, der wahrhaftigen Überdosis 
Aktivismus den Rücken kehren will. Sich in einen kurzsichtigen Veganismus, in einen rein 
grammatikalischen Feminismus, in die Lektüre von Foucault oder in den Punk zu flüchten, 
ist nichts weiter als eine völlig ungefährliche Methode, sich der tristen Realität 
anzupassen. Der blinde Voluntarismus oder Organisationsfetisch sind allerdings auch nicht 
besser. Das Ganze führt nirgendwo hin: heute wohlgenährt, morgen hungrig.

Wir erleben aktuell Zeiten der Auflösung, wo es kaum
Mobilisierung gibt, wo es keine kämpferischen und strahlenden
Mehrheiten gibt, weswegen uns nichts anderes übrigbleibt, als die
Gegenwart gut zu analysieren und die offenkundigen Widersprüche zu
betonen, um auf diese Weise die Risse im System zu erweitern und den
Aufstand zu schüren. Die Krise folgt ihrem eigenen Rhythmus: langsam
und ohne jede Hoffnung, offen für die falschen Illusionen, die als
Einzige heute in der Lage sind, Mehrheiten hinter sich zu versammeln.

Die Augen vor den historischen Erfahrungen zu verschließen und in
sinnloser Weise in den sauren, aber doch funkelnden Apfel zu beißen,
nur um Gesellschaft zu haben und einem Ersatz für echte Aktionen zu
frönen, wird das Problem nicht lösen, sondern es noch verschlimmern.
Die Volksweisheit irrt an dieser Stelle: Nur weil wir viele sind, lachen
wir deswegen nicht häufiger.

Wir glauben ernsthaft daran, dass die Präsenz von widerständigen
Anarchist*innen in den sozialen Bewegungen zu einer Radikalisierung
derselben führt. Und wenn diese sich in Affinitätsgruppen organisieren,
die sich in mehr oder weniger formalen Zusammenhängen föderieren,
umso besser. Sie folgen damit einer erfolgreichen historischen Tradition.
Die selbstverwalteten Räume, die Genossenschaften ohne
Freistellungen oder bezahlte Delegierte und die Versammlungen in den
Stadtvierteln sind notwendige Mittel des Kampfes. Aber, oh weh -
wenn Teruel1 existiert, dann der rechtsgerichtete Anarchismus auch. Es
ist schmerzhaft anzuerkennen, dass die Ergebnisse der Bezirkswahlen
vom vergangenen 24. Mai weiten Teilen der Bevölkerung den Glauben
in die Institutionen zurückgegeben haben, die mit der 15M-Bewegung2
sehr kritisch gegenüber der Politik eingestellt waren. Der konstruktive
Anarchismus ist in bestimmten alternativen Kreisen nicht mehr en
vogue. Ein nicht unbedeutender Teil der politisch korrekten Libertären
sind praktisch traumatisiert zurückgelassen worden, als sie erkannten,
dass ihr angestammtes Milieu, die prekarisierte und vernetzte
Mittelklasse, die Student*innen und die Nachbarschaftsbürokratie, nun
zu neuen Ufern aufbricht.

Die Reaktion ließ nicht lange auf sich warten: Auf unzähligen
Versammlungen zeterten die
Neidhammel fremder Erfolge gegen die
"Kurzsichtigkeit"; diese Generäle ohne
Truppen stehen für einen "sozialen und
organisierten Anarchismus", der "zur
Mehrheit berufen ist", während sich
andere - noch origineller -, die
Notwendigkeit "einer großen sozialen
Initiative" erträumen, die uns
"gemeinsam zur Eroberung der echten
Demokratie" führen solle. Das trifft
beispielsweise auf die Verfasser*innen
des Manifests "Den Aufbau einer
Gegenmacht von unten vorantreiben,
um eine andere Welt möglich zu
machen"3 zu, eines echten Pastiche4
zivilgesellschaftlicher Forderungen,
dem es gelungen ist, hunderte von
Unterzeichner*innen zu blenden.

Die Verfasser*innen scheinen leider nicht im Übermaß mit Phantasie
und schriftlicher Raffinesse ausgestattet zu sein, aber es ist ja so, dass in
unserer Epoche der liquiden Modernität, der Umgang mit SMS und
Whatsapp wichtiger ist als das Wissen darum, Sätze von mehr als einer
Zeile schreiben zu können. Bereits in ihrem Titel verweisen sie auf den
Slogan "Eine andere Welt ist möglich", der
Antiglobalisierungsfreund*innen. An dieser Stelle sollten wir uns wohl
in Erinnerung rufen, dass sie sich auf eine andere Globalisierung
bezogen, auf einen anderen Kapitalismus, nicht auf etwas, das radikal
damit bricht. Folgerichtig fahren sie fort, dass "wir uns als freie und
souveräne Gesellschaft neu erschaffen sollten", und zwar "mittels einer
libertären Demokratie der Menschen, nicht der Märkte".

Die Analyse des "Übergangs" ist so simpel wie das "Es war einmal" aus
den Märchen: Von einer Bilanz könnte sie nicht weiter entfernt sein.
"Demokratie" ist ein Wort, das ad nauseam wiederholt wird, ein klarer
Fingerzeig in Richtung der "Indignad at s" des 15M, und es steht in
direktem Bezug mit "unseren Rechten", "der Verteidigung unserer
Freiheiten und des Gemeinwohls" vor einer "Elite", "die uns nicht
repräsentiert". Welche Freiheiten und welches Gemeinwohl sind
gemeint? Wörter wie "Bourgeoisie", "Proletariat", "Klassenbewusstsein"",herrschende 
Klasse", "Ausbeutung", "Elend", "Revolution", "Anarchie"
oder "Selbstverwaltung" fehlen völlig, was natürlich normal ist, wenn
wir berücksichtigen, dass sich das Manifest an die Lumpenbourgeosie in
deren eigene Sprache richtet. Große Teile davon haben von jeher es
vorgezogen für die "Genoss*innen" zu stimmen, "die den Weg durch die
Institutionen gewählt haben". Wir erleben den Versuch, eine
anarchistische "Marke" zu entwerfen, die den Mittelklassen genehm ist.
Das ist auch der Grund, warum die verwendete Sprache von allen
Begriffen gereinigt wurde, die ihr unangenehm oder gewalttätig
erscheinen könnten. Der coole Anarchismus der liquiden Zeiten hat
seinen Ursprung nicht als theoretischer Ausdruck des Klassenkampfes,
der urbanen Kämpfe oder der Verteidigung von Territorien, sondern als
Ideologie der friedlichen Auseinandersetzung "auf den Straßen und
Plätzen", zwischen abstrakten Entitäten
wie "dem Volk", "der Gesellschaft" oder
"der Mehrheit" und der bösartigen
"Elite" oder dem "einen Prozent".
Langfristiges zivilge-sellschaftliches
Engagement, ohne jegliche
Widersprüche mit der Gegenseite, da
sie lediglich bestrebt sind, die
"Unabhängigkeit der Volksmassen" zu
fördern, sprich, den Raum zu besetzen,
den diese bereits verlassen haben, als
sie sich auf den Weg der Wahlurnen
begeben haben.

Ok, wir haben nun genug vom
Angerichteten gesprochen, lasst uns
über die Köch*innen reden, die nun
nicht gerade jungfräulich auf der
anarchistischen Bildfläche erschienen sind. Diejenigen, die hinter dem
Manifest der Gruppe "Apoyo Mutuo" stehen, kommen aus so
verschiedenen Spektren wie diejenigen, die es unterschrieben haben. In
gewisser Weise steht Apoyo Mutuo für den Plattformismus im
spanischen Staat, dieser rückschrittlichsten Strömung im Anarchismus,
die sich vorrangig durch den Fetisch der Organisation, dem heiligen
Gral des "Programms" und des uneingeschränkten Opportunismus in
seiner Praxis auszeichnet. Ungeachtet dessen, dass sie sich einer
Ideengeschichte rühmt, die auf Bakunin persönlich zurückgeführt wird,
ist dieses Jahrmarktsphänomen vor 15 Jahren in Chile entstanden, als
das Konzept einer "anarchistischen Partei" aus der Mottenkiste
herausgeholt wurde, mit zentralisierten, hierarchisierten und
disziplinierten Strukturen, mit einem einzigen Programm. Ein
"Exekutivkomitee" war dafür verantwortlich, die Massen von außen "zu
erwecken", damit dank der "richtigen" Führung Formen des "Poder
Popular"5 auftauchten, die nicht vor verrückten politischen Abenteuern
zurückschreckten. Ein Linksradikalismus mit leninistischen
Reminiszenzen, der eines hohen Maßes an Sektierertum und
Wahnvorstellungen bedarf, um eine Realität, die sich derart von den
autoritären plattformistischen Fieberphantasien unterscheidet, im Sinne
ihres eigenen bürokratisch-avantgardistisches Credos umzudeuten. Es
handelt sich also um ein Produkt der kulturellen, politischen,
wirtschaftlichen und sozialen Zersetzung des Kapitalismus, das dem
Traum von Gleichheit entgegensteht und der Gutgläubigkeit jener
klassenbewusster Kreise entspricht, die sich um die Ausdrucksformen
gruppieren, die das System in seiner Flucht nach vorne offeriert.

Der Plattformismus ist die einzige Strömung im Anarchismus, die von
der "Macht" redet und ungeniert die eiserne Notwendigkeit einer
vermittelnden Bürokratie verteidigt. Die spanische Version ist überaus
light und postmodern geraten, genauso wie es ihr stets gut aufgelegter
Wortschatz verdeutlicht, und ihre Avantgarde-Attitüde ist besser
verschleiert mit dem "Netzwerk an Aktiven" und der flexiblen
"Marschroute". Wie ihre Mentor*innen, betrachtet auch Apoyo Mutuo
die Desorganisierung als schlimmstes Übel und die Anhänger*innen
spontanen Handelns als wichtigsten Feind. Während sie jeden anderen
möglichen Grund ausschlagen, gehen alle Übel dieser Erde stets auf das
Fehlen der Organisierung zurück.
Oder schlimmer: Auf das Fehlen
eines "gemeinsamen Programms",
was uns daran hindert
"gemeinsam zu handeln". Wir
müssen "die organisatorische
Zerspliterrung beenden" und
dank einer genialen Trennung
zwischen vorläufigen und
endgültigen Zielen "Strategien
und Taktiken entwickeln, die
opportun erscheinen" - was sich schließlich in Form reformistischer,
gewerkschaftlicher, lokalpolitischer, genossenschaftlicher oder
parainstitutioneller Praktiken manifestiert. Entsprechend postuliert
Apoyo Mutuo die Notwendigkeit einer bürokratischen Führung, die sie
"das organisierte Volk" nennt, die dann das "Poder Popular" verwalten.
Ihre wichtigsten Lehrer*innen waren jene anarchistische Figuren, die
im vergangenen Spanischen Bürgerkrieg die Revolution verrieten;
weswegen sie auch für die Rehabilitierung jener anarchistischen Kaste
sind, die allem entsagten, bis auf den Erfolg ihres Entsagens. Das ist ein
historiografischer Revisionismus, der essentiell ist für eine
Mystifizierung der Vergangenheit eines gut verwalteten Elends: Die
Partei der Wahrheit wird zur Wahrheit der Partei. Das Manifest hat eine
klare Message: Die gutmütige libertäre Sozialdemokratie ist gekommen
um zu bleiben, auf dass sich die nicht salonfähigen Kritiker*innen des
Organischen und die desorientierten Bewohner*innen des Ghettos in
Acht nehmen mögen. Außerhalb der "Organisation" nichts, für sie
alles!6 Nieder mit dem libertären Kommunismus! Es lebe die "politische
und ökonomische Demokratie"!

Fußnoten:

1 Anm. d. Ü.: Teruel, eine spanische Provinz, wird als Teil von
Redewendungen im Stil von "Wenn Teruel existiert, dann X auch".
Direkt auf Deutschland übertragen, ließe sich das vielleicht übersetzen
mit: "Wenn Bielefeld existiert, dann X auch".

2 Anm. d. Ü.: Die "15M"-Bewegung ist der gängige Name für die
Indignado-Bewegung in Spanien.

3 Anm. d. Ü.: Das komplette Manifest
findet sich hier:
https://construyendopueblofuerte.wordp
ress.com/

4 Anm. d. Ü.: Ein Pastiche ist eine
Imitation, eine Nachahmung.

5 Anm. d. Ü.: Eine Erklärung des
Konzepts des "Poder Popular" würde
dem Rahmen dieser Fußnote sprengen.
Kurz lässt sich jedenfalls sagen, dass das Konzept aus dem
marxistischen Bereich stammt und von einer Machtübernahme der
"unterdrückten Volksmassen" ausgeht. Obgleich der Begriff des
(unterdrückten) Volkes (pueblo) im spanischsprachigen Raum sehr viel
geläufiger ist als hierzulande, wird er doch in allen anarchistischen
Strömungen außer der plattformistischen stark kritisiert.

6 Anm. d. Ü.: Anspielung auf einen berühmten Ausspruch von Fidel
Castro nach der kubanischen Revolution: "In der Revolution alles, gegen
die Revolution nichts".

------------------
Quelle (Spanisch):

https://argelaga.wordpress.com/2015/06/21/de-la-caspa-en-el-
medio-libertario/


More information about the A-infos-de mailing list