(de) FdA/IFA - Gai Dào #55 - Eine befreite Gesellschaft und Gewalt oder: Warum Knäste unnötig sind! Von: Anton Anders

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Tue Jul 28 08:24:26 CEST 2015


Wie oft begegnen Anarchist*innen folgendem Satz "Das klingt ja alles schön und gut, aber 
wie denkst du, sollte in einer herrschaftsfreien Gesellschaft der Umgang mit 
Gewaltverbrecher*innenn und Straftäter*innenn aussehen?" Darauf werde ich im folgenden 
Text versuchen, einige Antworten zu finden. ---- Doch vorher noch ein paar Worte: Der 
Anarchismus propagiert keine Lösungen zu sämtlichen sozialen Frage- und Problemstellungen, 
sondern er versucht, verschiedene Lösungsansätze auf dem Weg zu einer herrschaftsfreien 
Gesellschaft aufzuzeigen. Wie wir zu dieser Gesellschaft gelangen, ist den Akteur*innen, 
die sich einhergehend mit der Befreiung ihres eigenen Individuums auf diesen Weg begeben, 
selbst überlassen. Eine herrschaftsfreie Gesellschaft, die totale Anarchie, stellt ein 
Ideal dar, welches bereits in seinem Begriff die Existenz von Gewaltverbrechen ausschließt 
und davon ausgeht, dass sich sämtliche Individuen von ihren Herrscher*innen emanzipiert haben.

Was Anarchist*innen, sofern sie sich als solche verstehen, jedoch
einstimmig beantworten können, ist die Frage, ob es irgendeine
Legitimation für Knäste gibt: Nein! Weder im herrschenden System und
noch weniger in einer herrschaftsfreien Gesellschaft. Knäste und
sonstige Strafanstalten im Heute sowie in der Vergangenheit erfüllten
vor allem folgende Zwecke: Den Schutz der bestehenden Ordnung,
folglich den Schutz von Staat und Kapital. Die notwendige Legitimation
dafür erschleichen sich die Mächtigen aus Wirtschaft und Politik
beispielsweise über die polizeiliche oder gerichtliche Durchsetzung des
sogenannten Privatrechts, gemeint ist damit das Recht, welches die
Beziehungen zwischen Menschen untereinander definiert. Das heißt,
der Staat tritt an dieser Stelle als vermeintlicher Konfliktlöser auf. Das
führt nicht nur dazu, dass Menschen das Gefühl vermittelt bekommen,
in einer Abhängigkeit zum Staat zu stehen, welcher an dieser Stelle die
vermeintliche helfende Hand darstellt, sondern es führt auch dazu, dass
Menschen schlicht nicht lernen, Konflikte gewaltfrei miteinander zu
lösen. Diese staatliche Aufgabe als Vermittlungsinstanz in Streitigkeiten
täuscht jedoch nur über den eigentlichen Sinn dieser Institution
hinweg: Der Schutz von staatlichem und kapitalistischem Eigentum. Bei
fast 60 % aller aufgenommen Straftaten im Jahre 2014 handelte es sich
um Vermögens- oder Eigentumsdelikte, ganz zu schweigen von den
restlichen 25 % als Straftaten bezeichneter Handlungen, worunter
beispielsweise Verstöße gegen das Aufenthalts- und Asylrecht oder
Cannabisdelikte fallen, welche aus der Ungerechtigkeit des Systems
heraus resultieren. So sieht es der Staat als seine vornehme Aufgabe an,
gegen Ladendiebstähle, Schwarzfahren, Ticketfälschung und illegale
Downloads als Widerstandsakte gegen eine ungerechte Ökonomie, aber
auch gegen das Aufbegehren gegen die herrschendeOrdnung mit
jeglichen phantasievoll zusammen gesponnen Kriminalisierungen
vorzugehen. Knäste dienen dem Staate dazu, seine Schäfchen wieder
auf den rechten Weg zu bringen und handzahm zu machen und sie
statuieren lediglich Exempel für die Menschen, welche sich vielleicht
gerade auf der Schwelle befinden, um gegen den kapitalistischen
Normalzustand in Form wirtschaftsschädigender, direkter Aktionen zu
rebellieren.

Das Privateigentum und der selbstsüchtige Wettbewerb zwischen den
Individuen im Kapitalismus um dessen Vermehrung bis ins
Unermessliche macht, wie so viele erst an ihrem Lebensabend
feststellen, zwar nicht glücklich, aber es stellt immer noch einen
Grundpfeiler im kapitalistischen System dar. Die Zurschaustellung von
Reichtum in Form von Unmengen angehäufter materieller Güter spielt
heute bis in die untersten Gesellschaftsschichten eine bedeutende Rolle.
Wo vor über 100 Jahren noch ein lebendiger Kampf von Arbeiter*innen
um den Gemeinbesitz an Produktionsmitteln in vielen Erdenteilen
herrschte, herrscht heute in
vielen Teilen Ohnmacht
und der Blick nach oben
bis ans Lebensende vor.
Anarchist*innen schließen
keinen Frieden mit einem
staatlich geschützten
Eigentum, welches für den
Profit weniger produziert
wurde und zur Ausstattung
der konkurrierenden
Massen im Kampf um
Ansehen und materiellen
Wohlstand dient. Eine
herrschaftsfreie
Gesellschaft kann weder
im Konkurrenzkampf der
Individuen noch in
kapitalistischer Ausbeut-
ung bestehen. Sie basiert
vielmehr auf einer
Verschmelzung der einzelnen Individuen und deren naturgegebenen
Fähigkeiten und Interessen mit der Gemeinschaft. Eine herrschaftsfreie
Gesellschaft presst uns nicht in Normen, in denen wir ein Leben lang
verdammt sind zu existieren, sie schafft keine künstlichen Bedürfnisse
in Form ständiger, minimaler Weiterentwicklungen ganz im Sinne der
Profitmaximierung. Schlussendlich entfällt in einer herrschaftsfreien
Gesellschaft die im Jetzt noch existierende (scheinbare) Notwendigkeit,
sich aufgrund materieller Besitztümer profilieren zu müssen. Die
Ausbeutung fremder Bedürfnisse mit der Herrschaft über Eigentümer
wird somit der Vergangenheit angehören, ebenso vermeintliche Delikte,
die mit dem Eigentum in Zusammenhang stehen. Ein Großteil der
Gründe, die Knäste im heute scheinbar rechtfertigen, gehören somit
ebenfalls der Vergangenheit an.

Es bleiben Gewaltverbrechen übrig. Das gegenwärtige System stellt ein
Gewaltverbrechen an der Menschheit per se dar: an unzähligen
ausgebeuteten Kindern, die in maroden Fabriken arbeiten müssen, an
den Kindersoldaten, die Gesteinsminen überwachen, aber auch an den
Angestellten, die in vollster Erniedrigung um jede Gehaltserhöhung
betteln müssen. Nicht zuletzt begeht das System ein Verbrechen an
Natur und Umwelt. Es kann also eigentlich nur noch besser werden.
Aufrechterhalten wird das System durch überwiegend weiße Männer,
wahlweise als Firmenboss, als Politiker im Nadelstreifenanzug oder als
Offizier in Uniform. Diese Männer lehren uns das Patriarchat: Mit
Dominanz, Durchsetzungsvermögen, Durchhaltekraft und einer
gehörigen Portion Abgebrühtheit können wir es schaffen, uns gegen die
Schwachen durchzusetzen um unseren eigenen Vorteil daraus zu
ziehen. Diese höchst entmenschlichenden Eigenschaften sind in nicht
unerheblichem Maße an der Aufrechterhaltung des Kapitalismus
beteiligt. Eigenschaften, die historisch gesehen mit Männlichkeit
verbunden waren und auch noch heute vorwiegend durch Menschen
repräsentiert werden, die sich dem männlichen Geschlecht zuschreiben.
Die Reproduktion des
Patriarchats beginnt
bereits in der bürgerlichen
Kleinfamilie: Der Mann als
sogenanntes starkes Gesch-
lecht gilt als Beschützer
der Familie, von Frau und
Kind, und schiebt sich
damit automatisch in eine
autoritäre, dominierende
Position. Frau und Kind
werden so von vornherein
entmachtet und als ver-
meintlich schwache Wesen
kommt ihnen eine Position
zu, die überwiegend
wahlweise zu Sexual-
delikten an Frauen oder
Übergriffen an Kindern
infolge von Machtmiss-
brauch führen kann. In
einer Gesellschaft jedoch, in der Kinder als gemäß ihrem
Entwicklungsstand eigenständig denkende und sich entfaltende
Individuen anerkannt werden, in dem Frauen sich vollständig vom Joch
männlicher Herrschaft emanzipiert haben, wären solche Delikte
schlicht nicht denkbar.

Schlussendlich bleibt zu sagen: Wir haben einen Scherbenhaufen vor
uns liegen, und diesen gilt es, aufzuräumen. Es gibt keine vernünftigen
Ausreden, an den bestehenden Verhältnissen festzuhalten, denn diese
richten wesentlich mehr Schaden an als sie irgendwem zu Glück und
Zufriedenheit verhelfen. Es ist an uns, die Grundsteine für eine
herrschaftsfreie, gewaltlose Gesellschaft zu legen. Und sollten wir diese
Gesellschaft noch zu Lebzeiten erreichen und das gewaltfreie Lösen von
Konflikten jemandem mal nicht gelingen: Zeitweilige soziale Isolation
halte ich für ein wesentlich probateres Mittel, Menschen zum
Nachdenken anzuregen, als die Verrohung, die mit einem Aufenthalt in
heutigen Gefängnissen einhergeht.


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