(de) FAU-IAA: Direct Aktion #229 - Gewerkschaft hinter Gittern -- Erfahrungen aus einem Jahr Gewerkschaftsarbeit - vier Fragen an Oliver Rast (GG/BO)

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Thu Jul 23 12:08:03 CEST 2015


Wer oder was ist die Gefangenengewerkschaft? Wofür steht sie und was sind ihre Ziele? ---- 
Wir haben uns im Mai letzten Jahres als selbstorganisierte Gewerkschaftsinitiative von 
Gefangenen in der JVA Tegel gegründet. Die Gefangenen kommen Tag für Tag an der Werkbank 
zusammen und werden dort mit ihrer hochgradig prekären Arbeitssituation konfrontiert: 
Billiglohn, Akkordhetze und keine Rentenversicherung, was für viele nach der Entlassung 
das direkte Ticket in die Altersarmut bedeutet. Dabei konzentrieren wir uns aktuell auf 
zwei Kernforderungen: Sozialversicherungspflicht für inhaftierte Beschäftigte und die 
Einbeziehung der arbeitenden Gefangenen in den allgemeinen gesetzlichen Mindestlohn. Über 
diese Etappen streben wir die volle Gewerkschaftsfreiheit hinter Gittern an. Begriffe wie 
Solidarität, Autonomie, Emanzipation und Sozialreform sollen innerhalb der 
Gefangenenpopulation keine Fremdwörter mehr sein - wir wissen, dass das ein hoher Anspruch 
ist.

Die Gefangenengewerkschaft gibt es nun seit einem Jahr. Was habt ihr bisher erreicht?

Zunächst einmal ist es uns gelungen, dass sich Gefangene im Verbund mit solidarischen 
nicht inhaftierten KollegInnen vor den Knasttoren eine eigenständige und selbstbestimmte 
Lobby in Sachen Gewerkschaftsfragen geschaffen haben. Die bislang unter Verschluss 
gehaltene Arbeitswelt hinter Gittern konnte ans Licht der Öffentlichkeit gezerrt werden. 
Wir sind aktuell in 45 Knästen der BRD mit knapp 600 Mitgliedern präsent. Wir fahren seit 
Monaten ein Pensum, das uns an den Rand unserer eigenen Kapazitäten bringt - oft auch 
darüber hinaus!

Welche Möglichkeiten politischer Gewerkschaftsarbeit gibt es innerhalb der Gefängnismauern?

Hier sind den AktivistInnen in den Haftanstalten sprichwörtlich enge Grenzen gesetzt. 
Dennoch versuchen wir verschiedene Initiativen anzuleiern. Wir haben z.B. eine 
"Aktivierende Untersuchung" unter den gefangenen GG/BO-Mitgliedern gestartet, um anhand 
einer kleinen statistischen Erhebung die "Sonderwirtschaftszone Knast" unter die Lupe zu 
nehmen. Mit der anschließenden Auswertung des Datenmaterials wollen wir unseren bundesweit 
geplanten Aktionstag gegen die staatlich sanktionierte Billiglöhnerei hinter Gittern 
offensiv thematisieren. Des Weiteren haben wir ein Antragsschreiben aufgesetzt, damit die 
inhaftierten KollegInnen gegenüber der JVA-Arbeitsverwaltung ihren Mindestlohn einfordern 
können, da gefangene ArbeiterInnen weder explizit aus dem Mindestlohngesetz ausgenommen, 
noch einer Übergangsregelung unterworfen sind. Ein konkretes Ziel ist gleichfalls, dass 
wir ein Versammlungsrecht in den einzelnen JVAs durchsetzen wollen, damit sich die 
GG/BOlerInnen mit nicht inhaftierten AktivistInnen treffen und austauschen können.

Mit welchen Problemen und Widerständen seitens der Institutionen habt ihr zu kämpfen?

Die Schikanen nehmen in einzelnen Knästen massiv zu; der Gegenwind wird spürbar rauer: 
Gewerkschaftspost wird angehalten oder geht "verloren", Zellenrazzien bei GG/BO-Sprechern, 
es wird mitunter ein Klima in einzelnen Hafthäusern und Betrieben erzeugt, um 
interessierte Inhaftierte davon abzuhalten, der GG/BO beizutreten. "Union Busting" pur! In 
den JVAs Tegel, Willich, Würzburg, Frankenthal und Landsberg/Lech laufen zum Teil seit 
Monaten mehrere Verfahren vor Strafvollstreckungskammern, um die rechtswidrigen Attacken 
seitens der Vollzugsbehörden gegen die GG/BO-Aktivität hinter den Knastmauern abzuwehren. 
Um diesen gewerkschaftsfeindlichen Übergriffen begegnen zu können, brauchen wir als GG/BO 
die aktive Solidarisierung von (Basis-)Gewerkschaften und engagierten 
(Basis-)GewerkschafterInnen, damit sich das Modell "Kein Knast ohne GG/BO" weiter und 
breiter verankern kann.

Interview: Claudia Froböse

https://www.direkteaktion.org/229/gewerkschaft-hinter-gittern


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