(de) fda-ifa.org: Emanzipatorischer Block auf der CSD Demo in Leipzig

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Mon Jul 20 12:51:57 CEST 2015


Das Bündnis für einen emanzipatorischen Block beim CSD Leipzig will der Demo seine 
politische Sprengkraft zurückgeben. Wir unterstützen ihren Aufruf, den ihr weiter unten 
nachlesen könnt! ---- Wir wollen lieben, wen und wie wir wollen! Wir wollen die bipolare 
Geschlechterordnungen abschaffen, nationale Grenzen einreißen und die kapitalistischen 
Verhältnisse überwinden! Wir kämpfen für ein grenzenlos solidarisches und selbstbestimmtes 
Leben! ---- Neben vielen anderen Gruppen unterstützt auch die URA den Aufruf und hat einen 
Zugtreffpunkt für Dresden zur gemeinsamen Anreise bekannt gegeben: Link ---- Kämpfe 
verbinden! ---- "I wanna take you to a gay bar" - Electric Six ---- Wir wollen dem 
Christopher-Street-Day (CSD) seine politische Sprengkraft zurückgeben, die sich im Jahr 
1969 erstmals bei den Stonewall-Unruhen anifestierte.

Ausgang dieser Unruhen war eine polizeiliche Razzia im Stonewall Inn, einer Bar in der 
Christopher-Street in New York, die auch den innerhalb der Szene marginalisierten Queers 
einen Raum bot. So waren es vor allem obdachlose Jugendliche, Trans*idente, Schwarze Drag 
Queens und Butches, die am 28. Juni 1969 Opfer der staatlichen Repression wurden. Doch die 
kriminalisierten Menschen zerstreuten sich nicht. Sie blieben und initiierten einen 
ersten, fünf Tage andauernden militanten Widerstand gegen die rigide Sexualmoral, die 
homo- und trans*feindliche Gewalt und die Willkür staatlicher Behörden. Das war der Beginn 
der gay-liberation-Bewegung in den USA. In Deutschland sollte es noch weitere zwei Jahre 
dauern, bis sich durch Rosa von Praunheims Film "Nicht der Homosexuelle ist pervers, 
sondern die Situation in der er lebt" die ersten Gruppen formierten. Aus denen entstanden 
die Rosa Radikalen als die Schwulenbewegung[1] der 1970er Jahre. Schwul war damals 
gleichbedeutend mit kriminell, abartig, krank und pervers. Doch statt sich diesen 
Zuschreibungen entgegenzustellen, wurden diese angeeignet. Man wollte dieser Gesellschaft 
unversöhnlich gegenübertreten und nicht nur gegen Diskriminierung kämpfen, sondern gegen 
die Strukturen, die diese hervorbrachten.

"We've got to show them we're worse than queer" - Bikini Kill

Und auch wenn die Rosa Radikalen aus heutiger Sicht in Theorie und Praxis zu kritisieren 
sind, sehen wir doch die Notwendigkeit an die ursprüngliche Radikalität zu erinnern, die 
zwischen Volksfeststimmung und Parteienwahlkampf auf dem CSD zu verschwinden droht. Zwar 
stellen queere Personen die heterosexuelle zweigeschlechtliche Ordnung schon durch ihre 
bloße Lebensweise infrage, was sich nicht zuletzt in den Zahlen von lesben-, schwulen- und 
trans*feindlichen Übergriffen niederschlägt. Aber statt dadurch eine Kritik an dieser 
Gesellschaft zu entwickeln, scheint den meisten der Weg der Assimilation, der Angleichung 
an den bürgerlichen Mainstream, verheißungsvoller. War der Fetisch-Block wirklich einmal 
eine Kampfansage an die gesellschaftlichen Verhältnisse, so ist er heute zusammen mit den 
Tunten, Drags und Trans*menschen das Exotische, das zwar geduldet, von dem sich aber 
zugleich mit einem "Wir sind ja nicht alle so" abgegrenzt wird.

Aber deswegen wollen wir den CSD noch lange nicht aufgeben. Er bleibt Ausdruck eines 
Bewusstseins darüber, dass Straffreiheit und eine vergleichsweise große Liberalität noch 
lange nicht gleichbedeutend sind mit einer wirklichen Emanzipation. Dies und die unter den 
gegenwärtigen Verhältnissen immer noch progressive Raumnahme sind es, die den CSD für uns 
immer noch zu einer kritischen Veranstaltung machen. Uns soll es um mehr gehen, als um die 
Gleichstellung der so genannten Homo-Ehe. Wir wollen keine Toleranz, die am Ende nichts 
anderes bringt, als eine Angleichung an den Status Quo. Es braucht eine soziale Bewegung, 
der es nicht mehr nur um die gesellschaftliche Gleichberechtigung, sondern um die Freiheit 
einer grundsätzlich neuen Gesellschaft geht.

"Nothing's about me or you honey, it's all about the angst and the money." - Ja, Panik

Die Forderung nach staatlicher Anerkennung von nicht-heteronormativen 
Geschlechterverhältnissen und -beziehungen sind legitime Kämpfe, in denen in den 
vergangenen Jahren auch in der BRD einiges erreicht werden konnte. So wurde im Jahr 2001 
gleichgeschlechtlichen Paaren durch die Einführung der Lebenspartnerschaft erstmals auch 
ein rechtlicher Rahmen ermöglicht. Auch das im November 2013 in Kraft getretene Gesetz, 
wonach intersexuellen Babys nicht mehr sofort nach der Geburt ein Geschlecht zugewiesen 
wird, lässt sich als ein Erfolg von Kämpfen um selbstbestimmtes Leben werten. Es sind 
jedoch nur kleine Schritte: die heterosexuelle Ehe und die Lebenspartnerschaft sind in 
vielerlei Hinsicht nicht gleichgestellt und trotz der Freilassung des Geschlechts in den 
ersten Lebensjahren ist es rechtlich nach wie vor nicht möglich, eine andere 
gender-Identität als männlich* oder weiblich* zu wählen oder die Kategorie "Geschlecht" 
gänzlich abzulehnen. Trotz dieser rechtlich-politischen Erfolge, zeichnet sich in diversen 
neu-rechten und klerikalen Protesten ein geschlechterpolitischer Rollback ab. Zum einen 
zeigen Gesetzesänderungen nicht zwang- läufig einen positiven Effekt im Alltag von 
LGBTTIQ*s (Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transgender, Trans*idente, Intersexuelle und Queers).

LGBTTIQ*-Feindlichkeit ist in der Gesellschaft tief verankert und beeinträchtigt das Leben 
der Menschen auch an Orten abseits staatlicher Diskriminierung. Angst und Isolation, 
Beleidigungen und Gewalterfahrungen sind keine Ausnahmen, sondern alltäglich im Leben 
derjenigen Menschen, die nicht in das hegemoniale Bild der heterosexuellen Kleinfamilie 
passen.

Zum anderen ist gegenwärtig eine verstärkte Organisierung von Sexist*innen und LGBTTIQ*-
Feind*innen festzustellen. So demonstrierten am 21. Juni 2015 in Stuttgart 4.000 Menschen 
gegen Schulaufklärung über Homo- und Transsexualität in Baden-Württemberg. Beim "Marsch 
für das Leben" im Jahr 2014 in Berlin protestierten 5.000 Menschen gegen Abtreibungen und 
damit gegen das Selbstbestimmungsrecht von Frauen über ihren Körper. In beiden Beispielen 
der christlich-fundamentalistischen Bewegungen marschierte die Europaabgeordnete der 
Partei Alternative für Deutschland (AfD) Beatrix von Storch in der ersten Reihe. Dabei 
steht der Erfolg der AfD exemplarisch dafür, dass erzielte Fortschritte stets umkämpft 
bleiben. Ein Grund sich nicht auf den Erfolgen auszuruhen. Denn in ökonomischen 
Krisensituationen können sich die gesellschaftlichen Produktionsverhältnisse derart 
umgestalten, dass für die allgegenwärtige "Toleranz" plötzlich kein Platz mehr ist. Das 
Nebeneinander verschiedener "Lebensentwürfe" kann ebenso schnell wieder zugunsten 
traditioneller, reaktionärer Geschlechter- und Beziehungskonzepte verworfen werden.
Das globalisierte Kapital, welches die gegenwärtige Geschlechterpolitik der Exportnation 
Deutschland bestimmt, ist auf flexible gesellschaftliche Strukturen im Leben der Menschen 
angewiesen und findet in "alternativen" Lebensstilen zu aller erst auch neue 
Verwertungsmöglichkeiten. Im Gegensatz dazu generiert sich die Politik der AfD aus den 
Interessen der deutschen Familienunternehmen, die sich auf regionale Märkte konzentrieren. 
Eine verstärkte EU-Integration verschärft lediglich Konkurrenz der lokal agierenden 
Unternehmen.

Aus Entstehungskontext der AfD erklärt sich so auch deren reaktionäres Familienkonzept. 
Der Wunsch nach der patriarchalen Kleinfamilie wird in den Rollenbildern der AfD deutlich, 
die sich klar aus ihren Forderungen ergeben. Männer seien eben Männer und Frauen nun mal 
Frauen. Und eine Frau ist eben eine Mutter, die jegliche Haus- und Erziehungsarbeit 
leistet, wohingegen der Mann, also der Vater, das Geld nach Hause bringt. Diese Ideologien 
werden u.a. auch von der besserverdienenden Arbeiter*innenklasse aufgegriffen, die damit 
ihre Abstiegsängste in der ökonomischen Krise in reaktionärer Weise verarbeitet. Dadurch 
kann die AfD in Wahlen erfolgreich sein und auch ihren Einfluss auf politische 
Entscheidungen verstärken. Das Beispiel AfD zeigt, wie gefährdet gesellschaftliche 
Emanzipationsprozesse und ein selbstbestimmtes Leben, angesichts fortschreitender 
Krisenerscheinungen und deren politischer Verschärfung, sein können.
Kämpfe verbinden!

Deswegen ist es notwendig, nicht nur LGBTTIQ*-Diskriminierung zu bekämpfen. Am Beispiel 
der Verschränkung zwischen Flucht und sexueller Diskriminierung wird deutlich, dass der 
Kampf um ein selbstbestimmtes Leben, auch ein Kampf gegen Staat, Nation und Kapital sein 
muss. Denn während deutsche Staatsbürger*innen ihren Passeigentümer teilweise als Paradies 
der sexuellen Freiheit feiern, werden die Mauern um die Europäische Union höher und 
tödlicher denn je. Menschen, die in ihren Herkunftsstaaten aufgrund ihrer sexuellen 
Orientierung oder ihrer non-konformen Geschlechteridentität verfolgt werden und diese 
Grenzen überwinden können, erhalten in Deutschland keinen Schutz. Denn Homosexualität und 
Transidentität sind allein keine ausreichenden Gründe, um politisches Asyl und damit 
Schutz vor Gefängnis oder Todesstrafe zu bekommen.

Deswegen kämpfen wir nicht nur für eine sexuelle Befreiung, sondern für eine befreite 
Gesellschaft!

Wir wollen lieben, wen und wie wir wollen! Wir wollen die bipolare Geschlechterordnungen 
abschaffen, nationale Grenzen einreißen und die kapitalistischen Verhältnisse überwinden! 
Wir kämpfen für ein grenzenlos solidarisches und selbstbestimmtes Leben!

1 Es ist vielleicht schwierig, hier nicht von einer Lesbenbewegung zu sprechen, aber das 
ist teilweise nicht ganz genau geklärt, auch gerade weil sich viele lesbische Frauen noch 
bis in die 80er hinein selbst als schwul bezeichnet haben. Auch in der Literatur wird der 
Begriff sehr unterschiedlich gebraucht.

http://fda-ifa.org/emanzipatorischer-block-auf-der-csd-demo-in-leipzig/


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