(de) Media, Was hat es mit der linken Gewerkschaft Freie Arbeiterinnen- und Arbeiter-Union auf sich? INTERVIEW: DANIEL HERBSTREIT (en)

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Wed Jul 15 15:17:27 CEST 2015


"Einfach die Zwiebeln verschwinden lassen" ---- Funktionäre gibt es bei ihnen nicht und 
Sabotage im Arbeitskampf finden sie okay. ---- ZEIT ONLINE: Herr Kuhnt, Frau Ergazina, Sie 
bezeichnen sich als Anarchosyndikalisten und engagieren sich in der Freien Arbeiterinnen- 
und Arbeiter-Union (FAU), einer linken Gewerkschaft. Welche Ziele verfolgt diese 
Gewerkschaft? ---- Stefan Kuhnt: Wir engagieren uns im Berliner Syndikat und machen 
basisdemokratische Gewerkschaftsarbeit auf libertärer Grundlage. Bei uns entscheiden die 
Mitglieder selbst, wofür sie sich einsetzen, nicht irgendwelche Funktionäre. Und wir 
verbinden das mit einer antikapitalistischen Perspektive. ---- ZEIT ONLINE: Was heißt das 
konkret? ---- Kuhnt: Kurzfristig wollen wir wie alle Gewerkschaften höhere Löhne und 
bessere Arbeitsbedingungen. Mittelfristig wollen wir das Konzept einer kämpferischen 
Basisgewerkschaft wieder salonfähig machen, das in Ländern wie Frankreich, Italien und 
Spanien selbstverständlicher ist. Und langfristig ist unser Ziel, den Kapitalismus 
abzuschaffen und durch eine solidarische, freiheitliche, basisdemokratische 
Gesellschaftsordnung zu ersetzen. Aber für unsere alltägliche Arbeit spielt das zunächst 
keine große Rolle.

ZEIT ONLINE: Was unterscheidet Ihre Basisgewerkschaft von herkömmlichen Gewerkschaften wie 
etwa ver.di oder IG Metall?

Tinet Ergazina: Wir verstehen uns nicht als Dienstleister. Unsere Mitglieder bestimmen 
selbst, was sie wollen und wie sie das erreichen können.

Kuhnt: Große Gewerkschaften denken oft wie Unternehmen, weil sie einen großen Apparat 
unterhalten müssen. Oft lohnt es sich für die einfach nicht, sich in kleineren 
Arbeitskonflikten zu engagieren.

ZEIT ONLINE: Die FAU Berlin hat sich in der Auseinandersetzung um den Bau der Mall of 
Berlin engagiert, als rumänische Arbeiter um ihren Lohn geprellt wurden.

Kuhnt: Das ist ein typisches Beispiel für unsere Arbeit. Die Arbeiter hatten sich zunächst 
an das Berliner Beratungsbüro für entsandte Beschäftigte des DGB gewandt. Mehr als ein 
paar Schreiben an die verantwortlichen Unternehmen ist dabei aber nicht herausgekommen. 
Das soll kein Vorwurf an das Beratungsbüro sein, das macht respektable Arbeit, aber es ist 
eben nur ein Beratungsbüro mit vier Mitarbeiterinnen und nicht darauf ausgelegt, große 
gewerkschaftliche Aktionen zu starten - erst recht nicht für Arbeiter, von denen der DGB 
nie Geld sehen wird.

Die Bauarbeiter sind dann zu uns gekommen. Wir haben Aktionen gemacht. Das Thema kam in 
die Medien, die Linkspartei hat es aufgegriffen und bis in den Bundestag getragen. Und die 
FAU hat gemeinsam mit den Bauarbeitern Klage gegen die verantwortlichen Unternehmen 
eingereicht. In den Medienberichten taucht aber vor allem der DGB auf.

STEFAN KUHNT UND TINET ERGAZINA
Stefan Kuhnt, 26, studiert Sportwissenschaften an der HU Berlin. Tinet Ergazina, 34, 
arbeitet als freie Grafikerin. Beide sind engagierte Mitglieder bei der Freien 
Arbeiterinnen und Arbeiter Union in Berlin.
ZEIT ONLINE: Stört Sie das?

Kuhnt: Ja und nein. Natürlich ist es blöd, aber es ist auch nichts, weswegen ich nachts 
nicht schlafen könnte.

ZEIT ONLINE: Der DGB wirft Ihnen vor, keine echte Gewerkschaft zu sein. Fehlt Ihnen die 
Tariffähigkeit?

Kuhnt: Das stimmt nicht. Im Unterschied zu Branchengewerkschaften schließen wir als 
Allgemeines Syndikat keine Branchenverträge, sondern nur Haustarifverträge ab.

ZEIT ONLINE: In der Tradition des Anarchosyndikalismus ist Sabotage ein legitimes Mittel 
im Arbeitskampf. Bei Ihnen auch?

Ergazina: Sabotage kann schon eine kleine Aktion sein, zum Beispiel dass man bei einem 
Arbeitskonflikt in einer Restaurantküche die Zwiebeln verschwinden lässt, damit kein Essen 
zubereitet werden kann.

ZEIT ONLINE: Wie eng ist die FAU in linksextreme Strukturen und Netzwerke eingebunden?

Kuhnt: Die FAU Berlin legt Wert auf ihre Unabhängigkeit, deshalb haben wir  keine 
wirkliche Einbindung in linke Bündnisse oder irgendeine linke Szenepolitik.

ZEIT ONLINE: 2011 tauchte die FAU in einem Bericht des Verfassungsschutzes auf. Da heißt 
es, das Engagement für Arbeitnehmerinteressen sei vorgeblich und rein ideologisch motiviert.

Kuhnt: Das ist Schwachsinn und ziemlich arrogant ist es auch. Aber mal ehrlich, ist der 
der Verfassungsschutz eine besonders zuverlässige und vertrauenswürdige Institution?

ZEIT ONLINE: Sind die Berührungsängste mit anarchosyndikalistischen Gewerkschaften in 
Deutschland besonders groß?

Kuhnt: In Frankreich gibt es zum Beispiel ein liberaleres Arbeits- und Streikrecht, auch 
wenn sich das langsam ändert. Da können schon zwei Leute streiken. Außerdem gibt es eine 
breitere Gewerkschaftslandschaft und -kultur. Das ist auch in Spanien und vor allem in 
Italien so, wo seit langer Zeit ganz unterschiedliche Arten von antikapitalistischen 
Gewerkschaften existieren.

ZEIT ONLINE: Seit der Finanz- und Wirtschaftskrise ist Kapitalismuskritik wieder populär. 
Aber anarchosyndikalistische Positionen dringen kaum in die Öffentlichkeit vor. Woran 
liegt das?

Ergazina: Vielleicht daran, dass wir mehr Gewerkschaftsarbeit betreiben und weniger 
Ideenpolitik.

Kuhnt: Ich glaube, eine gewerkschaftliche Kapitalismuskritik ist konsequenter als eine 
rein politische, weil sie da ansetzt, wo Kapitalismus stattfindet, nämlich im Arbeitsalltag.


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