(de) FdA/IFA - Gai Dào #55 - Erklärung ukrainischer anarchistischer Organisationen zum Angriff gegen den "Marsch für Gleichheit" -- Von: Autonome Arbeiter*innen Union; Schwarzer Regenbogen; Direkte Aktion; Chaotisches Gutes; Nihilist.li; Rhythmus des Widerstandes; VK17 Publikationskooperative / Übersetzung: Ben

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Tue Jul 14 10:42:57 CEST 2015


Am Samstag den 6. Juni attackierten der Rechte Sektor und andere homophobe Kämpfer den 
"Marsch für Gleichheit", der Teil der LGBT-Woche in Kiew war. Die Polizei schützte die 
Veranstaltung selbst (was möglich geworden war durch die Anwesenheit hochrangiger 
Diplomat*innen an der Seite), aber nachdem der Marsch vorbei war, befahl sie der Menge von 
LGBT-Aktivist*innen, sich zu zerstreuen. Die Infrastruktur des Areals erlaubte keine 
schnelle Abreise und die Nazis jagten ihre Opfer einzeln durch die Straßen. Bis zu zwanzig 
Personen wurden infolgedessen verletzt. Dies ist eine gemeinsame Erklärung anarchistischer 
Gruppen infolge des Angriffs. ---- Wir Anarchist*innen nahmen am "Marsch für Gleichheit" 
teil, um das Recht jeder Person, in einer Welt ohne Diskriminierung zu leben, zu 
unterstützen. Der Angriff auf den Marsch, ausgeführt durch die organisierten radikalen 
Rechten, zeigt die Tiefe an Hass und Vorurteilen in großen Teilen der ukrainischen 
Gesellschaft.

Wir sind mehr als skeptisch über die
illusorischen ,Europäischen Werte' - wir
anerkennen einzig die universellen Werte des
sozialen Fortschritts, der Freiheit und der
Gleichheit sowie den Kampf für diese - aber
wir wollen trotzdem die pro-europäischen
Banausen ansprechen, die überzeugt sind,
LGBTs hätten keine Probleme in unserem
Land: Hier sind diese Probleme! Ihr weigert
euch einfach, eure rosaroten Brillen abzunehmen, durch welche ihr auf
,Europa' schaut, während die Einstellung, die unsere Gesellschaft
dominiert, sehr viel näher an den ,spirituellen Stützen' ist, die heute
von der russischen Führung durchgesetzt werden. Manche von euch
bestehen darauf, dass es unter den Umständen des Krieges keine Zeit
für die Rechte von Minderheiten ist - aber wir glauben, dass dieser
Marsch (auch wenn sein Plan nicht im ganzen Ausmaß zur
Fertigstellung gelangte) mehr als angebracht war, genau wie all die
anderen Veranstaltungen von "KiewPride2015".

Wir hoffen, dass das Geschehene den Menschen aus dem liberalen
Milieu endlich das politische Gesicht der nationalistischen und
konservativen Kräfte gezeigt hat. Zuerst attackieren sie sie die
,marginale' radikale Linke, dann wenden sie sich gegen die ,perversen
und degenerierten Künstler*innen' - und ihre politischen Dokumente
beinhalten auch die Erwähnungen des ,liberalen Extremismus', welcher
ebenfalls eines der Ziele der radikalen Rechten darstellt. Schlussendlich
werden sie alle außer sich selbst zu Feinden erklären und niemand wird
die Möglichkeit haben, sich zu Hause zu verkriechen. Die Geschehnisse
am "Marsch für Gleichheit" sind perfekte Indikatoren für die Gefahr des
Idealisierens und Glorifizierens der Rechten, und der Bedeutung einer
kritischen Beurteilung der Realität.

Die Bezugsgruppe unserer Aktivist*innen, die den Marsch besuchte,
war in der Lage so gut wie unversehrt aus dem Areal zu fliehen - dank
unserer Fähigkeiten der Disziplin und gegenseitigen Hilfe. Unterdessen
waren Betroffene unter anderen: LGBT-Aktivist*innen und ,einfache'
Leute, die die Veranstaltung unterstützten. Sie wurden Opfer der Nazis,
weil sie ihre Sicherheit den Organisator*innen des Marsches anvertraut
hatten, ohne zu wissen, was sie tun sollten, wenn sie mit rechter Gewalt
konfrontiert werden würden. Während die Wahrscheinlichkeit einer
homophoben Attacke nahe bei 100% lag, taten
die Organisierenden des Marsches wenig, um
die Sicherheit der Teilnehmenden zu
gewährleisten.

Da wir einige Erfahrung mit unseren eigenen
- trotz rechter Aggressionen erfolgreich
durchgeführten - Veranstaltungen haben,
können wir einen kritischen Überblick geben:
fehlende Beachtung grundlegender
Sicherheitsregeln, zu starkes Vertrauen in die
Polizei und absurde Sicherheitsanweisungen,
welche Aktivist*innen davon abhielten, Mittel zur Selbstverteidigung
mitzubringen. Aber es gibt ein Problem, von dem alle anderen folgen:
das Fehlen einer transparenten und horizontalen Entscheidungsfindung.
Von oben kommende Anweisungen werden niemals so gut schützen
können wie Diskussionen auf gleicher Ebene.

Unsere Aktivist*innen kamen, um den Marsch bedingungslos zu
unterstützen, trotz dem Flirt mit der patriotischen und nationalistischen
Öffentlichkeit (nutzlos, wie zu erwarten war) in den verschiedenen
Erklärungen der Organisator*innen und trotz der Einladungen von
Botschafter*innen und anderen VIPs, welche im Endeffekt ,gleicher'
waren als andere Teilnehmer*innen des Marsches. Für uns ist der
Kampf der LGBT für Gleichheit ein integraler Teil des
antikapitalistischen und antifaschistischen Kampfes. Wahre Freiheit ist
nur möglich in einer Welt ohne Diskriminierung. Daher können wir die
pseudo-Revolutionäre nicht tolerieren, die ignorant oder herablassend
zu Gender-Fragen sind - Sexismus, Machismus und Homophobie
gehören nicht in die radikale Linke. Auf der anderen Seite ist ein lokaler
Kampf exklusiv für LGBT-Rechte, ohne einen weiteren Kontext in
Betracht zu nehmen, verurteilt zu scheitern: So lange Kapitalismus und
hierarchische Gesellschaften existieren, werden immer Gruppen
strukturell diskriminiert werden.

Wir denken, dass die Maßnahmen mit dem Ziel, LGBT-Rechte zu
etablieren und zu schützen, nur effizient und perspektivisch sein
werden, wenn sie horizontal organisiert sind, wenn alle, die bereit sind
diese Maßnahmen zu unterstützen gleiche Möglichkeiten haben, ihre
Ansichten auszudrücken. Eine notwendige Bedingung, damit dieser
Kampf erfolgreich ist, ist eine tiefgreifende Diskussion über systemische
Gewalt, Diskriminierung, Ausbeutung und den radikalen Kampf gegen
diese Probleme. Die Agenda und das Format jeder Veranstaltung sollte
von allen die ihr erklärten Werte unterstützen, diskutiert und geformt
werden. Wir werden von nun an die "Märsche für Gleichheit" der
nächsten Jahre nur unter der Bedingung der direkten Einbindung in
jeden Aspekt des Organisationsprozesses unterstützen: von der Planung
des Konzepts bis zu Sicherheitsfragen. Auf diesen Märschen werden wir
eigene anarchistische Blöcke formen, die unsere Ansichten über den
Kampf für Rechte und Freiheiten geltend machen. Wir hoffen, dass dies
erlauben wird, alle weiteren "Märsche für Gleichheit" besser organisiert
und effizient werden zu lassen; dass dies LGBTs helfen wird, ihre
politische Aktivität zu konsolidieren und zu stärken sowie dass dies die
Kooperation zwischen den aktivistischen Kreisen verbessern wird.

In unserer konservativen und homophoben Gesellschaft sind auch
hundert Meter Marsch hinter einer dichten Polizeikette ein lokaler Sieg.
Wir werden unermüdlich daran arbeiten, diesen Erfolg
weiterzuverfolgen und zu entwickeln. Nur in Solidarität mit allen
unterdrückten und diskriminierten Gruppen können wir soziale
Befreiung erreichen.

Wir drücken unsere volle Solidarität mit der LGBT-Gemeinschaft aus
und unterstützen ihren Kampf und stellen fest, dass die Rechte von
LGBTs Menschenrechte sind. Wir wünschen den Opfern der
nationalistischen Aggression gute Besserung.

Rebelliere, liebe, gebe deine Rechte nicht auf!
Keine Götter, keine Herren, keine Nationen, keine Grenzen!

Quelle: https://linksunten.indymedia.org/de/node/145794


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