(de) FdA/IFA - Gai-Dao #54 - Der Föderalismus - woher er kommt, wohin er geht Von: Anarchistische Lokalföderation von Valdivia (FALV), Chile / Übersetzung: jt

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Sat Jul 4 10:38:35 CEST 2015


Das Wort "Föderation", das dem Lateinischen "federare" (sich vereinigen) entstammt, 
beschreibt ein Organisationskonzept, bei dem sich verschiedene Gruppen unter Wahrung ihrer 
Autonomie gemeinsam organisieren. Seit den Zeiten von Proudhon war der Föderalismus ein 
zentrales Thema des Anarchismus. ---- Und der Grund dafür liegt darin, dass dieser 
Organisationstyp am besten zu den freiheitlichen Konzepten passt, deren höchster Ausdruck 
der Anarchismus ist. ---- Das Wort "Föderation", das dem Lateinischen "federare" (sich 
vereinigen) entstammt, beschreibt ein Organisationskonzept, bei dem sich verschiedene 
Gruppen unter Wahrung ihrer Autonomie gemeinsam organisieren. Seit den Zeiten von Proudhon 
war der Föderalismus ein zentrales Thema des Anarchismus. Und der Grund dafür liegt darin, 
dass dieser Organisationstyp am besten zu den freiheitlichen Konzepten passt, deren 
höchster Ausdruck der Anarchismus ist.

Als sie noch Teil der Ersten Internationale waren, nannten sich die
Anhänger*innen von Bakunin üblicherweise "Föderalist*innen"
(um sich von den Marx-Anhänger*innen zu distanzieren, die sie
"Zentralist*innen" nannten). Aus dem Kontext ergibt sich, dass "fö-
deralistisch" als Synonym für "antiautoritär" gehandhabt wurde,
ebenso wie "autoritär" als gleichbedeutend mit "zentralistisch". Ob-
wohl diese Begriffe zu Anfang nur verschiedene Positionen darüber
markierten, wie sich die Internationale der Arbeiter*innen organi-
sieren sollte, diente sie sogleich auch als Wegweiser für unterschied-
liche Interpretationen darüber, wie eine zukünftige sozialistische
Gesellschaft aussehen sollte.

Es waren jedoch nicht Bakunin und seine Nachfolger*innen, die das
Konzept des "Föderalismus" zuerst hervorbrachten. Bereits Proudhon
hatte eine föderalistische Theorie entworfen, als Kontrapunkt zur
Staatstheorie und zur klassischen politischen Ökonomie zugleich.
Der "Föderalismus", wie er von den Bakunist*innen (und später auch
von Kropotkin, Malatesta usw.) verstanden wurde, sollte allerdings
keinesfalls mit dem rein politisch oder schlicht als verwaltungstech-
nische Dezentralisierung begriffenem Föderalismus verwechselt
werden, wie er wiederholt von gewissen Kreisen des Liberalismus
und anderen postuliert wurde und der schließlich als Vehikel für die
aristokratische und klerikale Reaktion diente.

Für die Anarchist*innen bedeutet "Föderalismus" eine soziale Orga-
nisation, die auf der freien Vereinbarung basiert, die von der lokalen
Basis über die Regionalebene und einer nationalen Ebene bis schließ-
lich zu einer planetaren Ebene reicht. Genauso wie sich die Indivi-
duen frei assoziieren, um Gemeinschaften zu gründen, assoziieren
sich die Gemeinschaften frei, um die Lokalföderation zu bilden, die
wiederum gemeinsam Föderationen - sei es auf regionaler oder natio-
naler Ebene - gründen; nicht zuletzt vereinigen sich diese mittels der
freien Vereinbarung zu einer universalen Föderation. Das föderative
Prinzip, mit seiner Bewegung von unten nach oben, ist daher von
Grund auf gegen staatliche Prinzipien ausgerichtet. Es wäre in die-
sem Sinn völlig verfehlt (unter Rückgriff auf die Konzepte eines nai-
ven Strukturalismus) anzunehmen, dass die vom Anarchismus pos-
tulierte Föderation schlicht eine andere Form des Staatsaufbaus wäre.

Wie bekannt sein dürfte, basiert der Anarchismus auf drei grund-
sätzlichen Aspekten:

1. Der ökonomische Aspekt: Dabei geht es um alle Vorschläge,
wie die Produktion in einer anarchistischen Gesellschaft orga-
nisiert würde. Auf diesem Gebiet gibt es aktuell praktisch nur
Vertreter*innen des anarchistischen Kommunismus. Was aber
nicht bedeutet, dass es keine Kritik an diesem Produktionsmo-
dell gäbe oder dass nicht doch ab und an Kollektivist*innen
auftauchen würden, oder jemand wie ich, der trotz aller Sym-
pathien für den Kommunismus, mich doch lieber als Anarchist
ohne Adjektive definiere, wodurch der Raum für ökonomische
Experimente geöffnet bleibt.

2. Der politische Aspekt: Das Fehlen von Regierung, repressiven
Institutionen und festgelegten Autoritäten.

3. Der soziale Aspekt: Alle Situationen, wo die Freiheit des Indi-
viduums sich in der Selbstorganisierung und der Organisierung
des Alltagslebens, der Arbeit usw. manifest wird - ohne jeden
Zwang.

Wir könnten womöglich einen vierten Punkt hinzufügen: die Religi-
on. Obgleich die meisten Anarchist*innen wohl atheistisch gesinnt
sind, schließt das dennoch nicht die Möglichkeit aus, dass es in ei-
ner anarchistischen Gesellschaft Kultgemeinschaften geben wird -
zumindest solange diese nicht zur Institution werden und niemand
zur Teilnahme gezwungen wird, sprich, sie eine individuelle Praxis
haben. Sicherlich würde es auch eine starke wissenschaftliche Strö-
mung geben (nicht zuletzt aufgrund antireligiöser Erwägungen),
denn wenn die Menschen über kein Wissen verfügen oder sich selbst
täuschen, sind sie auf mentaler Ebene versklavt.

Wie lassen sich jedoch all diese Punkte zusammenbringen? Wir ha-
ben ökonomische, politische, soziale und sogar religiöse Konzepte,
aber es fehlt der Rahmen, der die Konzepte in Bewegung bringt und
ihr Funktionieren ermöglicht. Dieser Rahmen ist die Föderation. Alle
Ideen, die sich auf Staat und Autorität berufen, seien sie nun von
links oder von rechts, basieren auf dem Zentralismus und der Autori-
tät als Bezugsrahmen. Wir, die ihre Fehler nicht wiederholen möch-
ten, verfügen über einen besseren: den Föderalismus und die Freiheit.

Nun ist allerdings klar, dass es angesichts der vielen Angriffe des
Staates [der letzten Zeit, Anm. d. Ü.] auf die Anarchist*innen keine
andere Antwort gegeben hat, als sich dafür krummzumachen, Geld zu
sammeln, um Kautionen für Gefangene zu zahlen und Genoss*innen
in den verschiedenen Städten zu besuchen. Es hat zu keinem Zeit-
punkt wirklich starken Druck von anarchistischer Seite auf den Staat
gegeben. Und das hat viel damit zu tun, dass obgleich es eine stattli-
che Zahl an Kollektiven und Genoss*innen [in Chile, Anm. d. Ü.] gibt,
diese bislang die Vorteile einer Föderation nicht begriffen haben und
sie stattdessen vorziehen, rechthaberisch an den Ansichten und Ar-
beitsweisen der anderen rumzukritteln. Es gelingt uns nicht einmal
die Propaganda zu organisieren, die möglich wäre (und damit eine
Annäherung an die Bevölkerung), wenn die verschiedenen, über das
Land verstreuten Kollektive und Gruppen vereint und föderiert wä-
ren. Die ganz normalen Leute hören über uns nur aus dem Fernsehen,
und unsere eigene Medien sind ziemlich schwach (und noch weiter
auseinander!), so dass sie gerade mal einige Hundert Leute erreichen.

Es ist notwendig und dringend, dass sich die anarchistischen Grup-
pen föderieren und organisieren. Von höchster Stelle im chilenischen
Staat hagelt es Schläge auf die Bevölkerung, ohne dass es wirklich
eine Reaktion gäbe, die sie mit den Rücken gegen die Wand stellt.

Und obwohl es eine klar sichtbare Unzufriedenheit in der allgemei-
nen Bevölkerung gegen die Parteien, die Polizei und die staatlichen
Institutionen gibt - sprich, einen ziemlich fruchtbaren Boden für den
Anarchismus - machen wir davon keinen Gebrauch, weil wir auf-
grund unserer Zersplitterung schlicht schwach sind. Alles deutet da-
rauf hin, dass sich in den kommenden Jahren die Situation sogar noch
verschlimmern wird. Und wenn wir nicht in der Lage sind, die Um-
stände für uns zu nutzen, wird es schließlich zur Situation kommen,
wo die Menschen uns auf der Suche nach ihrer Freiheit links liegen
lassen werden und leichtes Opfer werden von Opportunist*innen, die
stets zur Stelle sind, um die Unzufriedenheit in Richtung ihrer Wahl-
urnen umzulenken.


Weitere Infos
!
Ursprünglich erschienen in: Acracia # 41, Valdivia
(Chile), April 2014 (Spanisch)

Online verfügbar unter: https://periodicoacracia.
wordpress.com /2015/04/15/periodico -acracia-
na41-abril-2015/


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