(de) FdA-IFA - Gai Dào #49 - Das Duschampel-Problem Von: Ines

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Sat Jan 24 13:25:49 CET 2015


Ich stehe auf einem x-beliebigen Polit-Sommercamp vor den Duschen und wundere mich. Eine
Duschampel zeigt mir, welche Bedürfnisse die gerade duschende Person kommunizieren möch-
te. "Ich will alleine duschen" steht da neben "nur mit cis-Männern" und der 
Wahlmöglichkeit "nur mit FLTI-Personen" oder "mir ist egal, wer noch duscht wenn ich 
dusche". ---- Ich finde es durchaus positiv, dass der Versuch unternommen wird, binäres 
Zwei-Geschlechter-Denken zu überwinden und dadurch diskriminierungsärmer zu agieren. Im 
konkreten Fall erscheint mir dies jedoch dennoch nicht geglückt zu sein. Im Gespräch mit 
in der Nähe stehenden Personen bemerke ich, dass auch sie sich bereits Gedanken zur 
Duschampel gemacht hatten. ---- Angesprochen hatten die beiden ihre kritischen Bedenken 
nirgends, weil sie als cis-Männer (oder jedenfalls so wahrgenommene  und von anderen so 
einsortierte Personen) die Befürchtung hatten, mit ihrer Kritik weniger ernst genommen zu 
werden und als unsensibel oder intolerant zu gelten.

Das ist doch irgendwie eine traurige Entwick-
lung, wenn Unwohlsein heruntergeschluckt wird aus Angst vor se-
xistischen Reaktionen (denn: Was wäre es anderes als Sexismus(1),
eine inhaltliche Kritik einer Person weniger ernst zu nehmen, weil
die Person als cis-Mann einsortiert wird? Damit will ich nicht rela-
tivieren, dass diese beiden Personen aufgrund patriarchaler Struktu-
ren eine ganze Menge Privilegien und eine Verantwortung sich damit
selbstkritisch auseinanderzusetzen haben. Diese Privilegien zu ha-
ben kann aber nicht zur Folge haben bestimmte Fragen nicht stellen
bzw. Abläufe nicht in Frage stellen zu dürfen.)

Ich frage mich, warum es Duschampeln gibt. Nicht um es infrage zu
stellen, sondern um die Motivation zu verstehen und herauszufinden,
ob diese konkrete Duschampel für das Erreichen der damit verfolg-
ten Ziele der Anbringenden geeignet ist.

Irgendwie scheint es, so mutmaße ich, darum zu gehen, Menschen
die Möglichkeit zu geben, nur mit Menschen zu duschen, mit denen
sie sich ausreichend wohl fühlen, um angstfrei zu duschen. Wenn
mensch also nicht alleine duschen will, dennoch aber die Dusche
nicht für alle öffnen will, was steckt dann dahinter? Welchen kon-
kreten Bedürfnissen und Ängsten soll eine Duschampel begegnen?
Es geht, so vermute ich, darum, die Wahrscheinlichkeit zu erhöhen,
dass mensch beim Duschen nicht diskriminierenden Sprüchen, Bli-
cken etc. ausgesetzt wird, dass also ausreichend Schutzraum auf-
gebaut wird, um mit einem Gefühl relativer Sicherheit duschen zu
können. Aber wo kommen ätzende Sprüche und übergriffige bzw.
unsensible Handlungen her? Was motiviert sie? Sexuelle Attraktion?
Gesellschaftliche Normierungen? Jahrzehntelange Prägungen? Be-
gierde? Lust? Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper? Und jeweils
daran anknüpfend: Wer hat warum eine Motivation diese Art von
diskriminierendem Verhalten wem gegenüber an den Tag zu legen?

Mit diesen Fragen im Kopf wende ich mich also wieder der konkreten
Duschampel vor mir zu:

FLTI also. Frauen-Lesben-Trans-Inter.

Der erste Punkt, über den ich etwas stolpere, ist das L. Ich frage umher
und Menschen die genderstudies studieren antworten mir schließ
lich, dass "Lesbe" von manchen Personen nicht nur ausschließlich
als Beschreibung einer sexuellen Orientierung verstanden wird,
sondern als eigene Geschlechtsidentität. Hintergrund, so wird mir
erläutert, sei, dass Lesben in der Vergangenheit zum Teil das Frau-
Sein von anderen Menschen abgesprochen worden sei und diese Dis-
kriminierung dann selbstbewusst umgekehrt wurde und Personen
beschlossen hätten, sich selbst nicht weiter als Frauen zu begreifen,
sondern als Lesben. So sehr ich dieser Argumentation auch folge,
bleibt doch mein Grundgefühl, dass die Nutzung des Wortes "Lesbe"
im Alltagsgebrauch doch bei den allermeisten Menschen mit einer
sexuellen Orientierung verknüpft ist. Dementsprechend vermute ich
jedenfalls, dass die allermeisten Menschen bei Duschampeln nun
auch genau daran denken (sofern sie überhaupt vertraut sind mit der
Abkürzung FLTI und sich im Moment des Lesens auch noch verge-
genwärtigen wofür die Abkürzung steht und sie nicht ausschließ-
lich als gänzlich verselbstständigten Begriff wahrnehmen). Diese
Personen wundern sich nun möglicherweise darüber, warum es für
das Duschen relevant sein soll, ob (und wenn ja) zu wem Menschen
sich sexuell hingezogen fühlen. Mehr noch: Wäre es aus Übergriffs-/
Anmache-Verhinderungs-Gründen nicht sogar gerade naheliegend
nur mit Menschen duschen zu wollen, bei denen ich davon ausgehen
kann, dass sie mich nicht als potentielle*n Sexualpartner*in betrach-
ten und daher mein Körper für sie gänzlich irrelevant ist, ich also
keinen potentiell interessiert-musternden Blicken oder anzüglichen
Sprüchen ausgesetzt werden könnte?

Trans

Vielleicht irre ich, aber bisher hatte ich Transsexualität in den meisten
Fällen verstanden als das explizite (möglichst weitgehende) Wech-
seln des bisher im Leben (meist aufgrund körperlicher Eigenschaften)
zugewiesenen Geschlechts zum jeweils anderen (binär ausgedrückt),
als richtig empfundenen, also passenden oder jedenfalls passenderen
Geschlecht. Wenn nun eine Duschampel die Gegenüberstellung cis-
Mann und FLTI aufmacht, werden dann nicht alle Transmenschen in
die FLTI-Schublade gesteckt, obwohl sich doch lediglich Transfrau-
en als Frauen verstehen, Transmänner jedoch naheliegenderweise
nicht? Was rechtfertigt es, Menschen, die mit weiblichem Körper ge-
boren wurden, sich jedoch als männlich begreifen und als Männer
leben wollen, den Zutritt zum Männerduschbereich zu verwehren?
Und andersherum: Warum müssen Frauen darauf klarkommen mit
Personen zu duschen, die sich als Männer begreifen, nur weil es eben
Transmänner sind?

Geschlechtertrennung reproduzieren oder überwinden
oder notgedrungen beides?

Mit jeder Einteilung (Duschampel, Schutzraum etc.) reproduzieren
wir eine kategorische Einteilung in verschiedene Geschlechter bzw.
Geschlechtergruppen. Um bestimmten geschlechtsspezifischen Dis-
kriminierungen zu begegnen mag das sinnvoll sein - nichtsdestotrotz
reproduziert es die Logik klar trennbarer Geschlechtskategorien und
steht damit notwendigerweise ihrer kompletten Überwindung im
Weg. Viele Menschen nehmen eine Selbstverortung innerhalb der
vielen Geschlechterschubladen vor. Für einige Menschen mag das
einfach sein, andere haben nach längerer Suche ihren Ort in der
gender-sex-Buchstabensuppe (F? M? L? T? I? G? B? Q? Poly? A? Pan?

Girlfag? Guydyke?) gefunden, wieder weitere haben gar kein Bedürf-
nis sich einzusortieren und keine Lust mit dieser Frage Lebenszeit zu
verbringen. All das ist legitim, der Umgang damit in der Praxis aber
alles andere als simpel.

Zurück zur Duschampel: Ist die Unterteilung nicht auch gerade dazu
da, Bedürfnissen sensibel zu begegnen, die wir eigentlich überwin-
den wollen, die wir jedoch verinnerlicht haben und die real vorhan-
den sind, obwohl wir sie möglicherweise auch selbst gar nicht als
sinnvoll erachten? Betrachten wir beispielsweise eine cis-Frau, die
sich aufgrund von was-auch-immer (z.B. lebenslanger Prägung, Nor-
malität, Gewöhnung, ätzenden Übergriffserfahrungen in der Vergan-
genheit) unwohl damit fühlt, mit Menschen mit Penis gemeinsam zu
duschen. Ihr ist nicht wichtig, alleine zu duschen. Aber aufgrund der
FLTI-Duschampel hat sie keine andere Wahl als alleine zu duschen.
Vielleicht gilt sie jetzt als prüde, verklemmt? Muss ggf. sogar Angst
haben als unsensibel gegenüber Transdiskriminierung dazustehen?
Cis-Männern hingegen wird mit dieser Duschampel das Recht (Privi-
leg?) zugestanden, ausschließlich mit "ihresgleichen" zu duschen. Sie
werden also mit wenig bis nichts konfrontiert, was ihr Geschlechter-
bild durcheinander würfeln könnte.

Was nun...?

Im Resultat habe ich das Gefühl, dass diese konkrete Art der
Duschampel (sicherlich ungewollt) eher ein binäres Geschlechter-
denken und damit auch in Teilen ein Täter-Opfer-Denken verfestigt,
als es zu überwinden. Eine Einteilung, die, etwas vereinfacht gesagt,
in "klassisch männliche Männer" und "den potentiell von ersteren
diskriminierten Rest" unterteilt, erscheint jedenfalls mir nicht geeig-
net ein Beispiel für gelebte Toleranz für geschlechtliche und sexuelle
Vielfalt darzustellen. Mir erscheint nach einigem Hin- und Herdis-
kutieren in verschiedenen Runden eine Duschampel durchaus ein
sinnvolles Konzept, anregen würde ich jedoch schlicht keine anderen
Optionen als " Ich will alleine duschen", "Mir ist alles egal, es kann
rein wer will" und einem freien Platz zum konkreten Benennen des
eigenen Dusch-Bedürfnisses. Alles andere scheint mir immer neue
Diskriminierungen aufzumachen und das ganze Unternehmen un-
nötig zu verkomplizieren.

Trans-Ausgrenzung

Ich bin mir bewusst, dass die Frage nach der (Nicht-)Ausgrenzung
von Transpersonen ein großes Fass aufmacht, dem ich mit den Be-
trachtungen zur Duschampel und auch mit den folgenden Gedanken
nicht annähernd gerecht werden kann. Dennoch ein paar Überlegun-
gen dazu: Die Schaffung von Schutzräumen für Personen, die betrof-
fen sind von Diskriminierung, bedeutet immer das Schließen dieser
Räume für bestimmte Personen bzw. Personengruppen. Ganz grund-
sätzlich liegt also eine sehr hohe Verantwortung bei Menschen, die
einen Schutzraum mit Zugangsverbot für xyz einrichten, mit die-
sem Ausschluss bewusst und verantwortungsvoll umzugehen. Ich
möchte Schutzräumen damit in keiner Weise ihre Legitimation ab-
sprechen, halte sie im Gegenteil sogar für sehr wertvoll. Bedauerlich
finde ich jedoch, dass ich in manchen Fällen eine Sensibilität für den
damit immer vorgenommenen Ausschluss vermisse. Es ist gut, wenn
Schutzräume selbstverständlicher werden, das Bewusstsein um ih-
ren immer auch ausgrenzenden Charakter sollte aber meines Erach-
tens genauso selbstverständlich sein. Wenn ein Schutzraum also ein
Ort ist, an dem ganz bestimmte Diskriminierungen nicht stattfin-
den sollen und ich mich deswegen für die Ausgrenzung bestimmter
Personengruppen entscheide, so erscheint mir dies immer nur nach
einer Klärung, welche Diskriminierung hier unterbleiben soll bzw.
welcher Diskriminierung damit begegnet werden soll, möglich. Eini-
ge Trans-Zusammenhänge formulieren, dass Transpersonen grund-
sätzlich der Zugang zu Frauenräumen bzw. Frauentreffen offen stehen
müsse. Dem möchte ich deutlich widersprechen. Die Argumentation,
mit dem Ausschluss von Transpersonen werde binäres Geschlech-
terdenken und Ausschlusslogik reproduziert, verkennt, dass es das
Bedürfnis nach einem Austausch unter cis-Frauen durchaus geben
kann und darf (genau wie auch reine trans-Schutzräume oder rei-
ne cis-Männergruppen ihre Berechtigung haben). Einer bestimmten
Gruppe absprechen zu wollen, einen eigenen Schutzraum zu eröffnen
und zu den finieren, wer ausgeschlossen wird, erscheint mir  genau-
so unsinnig wie zu fordern, eine bestimmte Personengruppe dürfe
nirgends die Ausgeschlossene sein. Andersrum glaube ich durchaus,
dass vielen FrauenLesbengruppen eine Öffnung für trans-Personen
sehr gut täte. Das gefährliche an Schutzraumlogik ist in meinen Au-
gen  die Verselbstständigung, die ein für einen Ort passendes Kon-
zept eins zu eins auf einen anderen überträgt, ohne nach den Be-
dürfnissen und Notwendigkeiten des Einzelfalls zu fragen. Was für
mich bleibt: Wer Konzepte mit copy-paste zu übertragen versucht,
macht es sich zu einfach. Die Auseinandersetzung um die Gründe
und Möglichkeiten der Ausgestaltung von Schutzräumen sind ele-
mentarer Bestandteil unserer Auseinandersetzung mit dem ganzen
Kack um uns herum.

1) Anders als manche klassische Feministinnen halte ich Sexismus
gegenüber Männern für möglich. Hier lediglich von "gender-basier-
ten Vorurteilen" zu sprechen erschiene mir unpassend bis verharm-
losend. Weibliche Privilegien leiten sich oft aus einem patriarchalen
Männer- und Frauenbild ab. Existieren tun sie dennoch.
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[1] Anders als manche klassische Feministinnen halte ich Sexismus gegenüber
Männern für möglich. Hier lediglich von "gender-basierten Vorurteilen" zu spre-
chen erschiene mir unpassend bis verharmlosend. Weibliche Privilegien leiten sich
oft aus einem patriarchalen Männer- und Frauenbild ab. Existieren tun sie den-
noch.


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