(de) FdA-IFA - Gai Dào #49 - Die anarchistische Kohärenz Von: vagarquista (Kolumbien) / Übersetzung: jt

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Fri Jan 23 17:33:32 CET 2015


Letztens schrieb mich eine Freundin an, um mich wegen einer anderen Person etwas zu 
fragen, die uns zuvor beide angeschrieben hatte. Sie sagte mir, dass diese Person 
scheinbar Anarchistin sei, aber schloss dann mit einer Bemerkung, deren Tenor mich schon 
immer beschäftigt hatte: "Es sollte einen Anarcometer geben, denn dann wüssten wir, dass 
es richtige Anarchist*innen schon lange nicht mehr gibt." Um ihr Spiel mitzumachen - denn 
manchmal muss man derartige Bemerkungen mit etwas Humor nehmen -, antwortete ich ihr: 
"Jetzt ganz neu! Von den Erschaffern von, Ich halte die Leute nicht mehr aus und deswegen 
gebe ich mich Vorurteilen hin'! Auch ganz in Ihrer Nähe: der ,Anarcometer'! Nutzen Sie ihn 
mit Bedacht, so dass nur die kohärentesten Menschen in Ihrer Umgebung verbleiben. Eine 
übermäßige Anwendung könnte allerdings schädlich für die Gesundheit sein, da Sie am Ende 
womöglich ganz allein dastehen werden."

Was mich an vielen Libertären am wenigsten mit Stolz erfüllt   -
und selbstverständlich gilt dies zuweilen auch für mich selbst - ist
eine Haltung von moralischer Überlegenheit gegenüber dem Rest
der Welt, die unter Genoss*innen sogar noch stärker ausgeprägt ist.
Wenn wir beispielsweise darauf schauen, wie autoritär diese Welt,
aber wie wenig kohärent im Grunde auch ein Großteil der Linken
ist, indem sie Herrschaftsmodelle in ihren Praktiken reproduziert,
dann wird unheimlich viel Gift versprüht, wenn wir mit unseren
Genoss*innen nicht einverstanden sind. Am Ende geißeln wir sie
nicht nur als inkohärent, sondern wir beginnen sogar, ihre politische
Haltung anzuzweifeln. Dieses Überlegenheitsgefühl führt dazu, dass
wir konstant über andere Wertungen abgeben, die nicht nur nichts
zu einer kollektiven Kritik der Dinge, die wir machen, beitragen, son-
dern in viele Fällen mit derart wenig Sensibilität vorgebracht werden,
dass wir damit viel eher erreichen, uns gegenseitig zu verletzten, als
dass wir ein Nachdenken anstoßen würden.

Ich glaube, obwohl dieses Gefühl moralischer Überlegenheit eigent-
lich auf einem ehrlichen Gefühl der Wut basiert, das von einer Hoff-
nung auf eine mögliche Veränderung der Dinge begleitet wird, dass
es in der Praxis jene Werturteile bestärkt, die uns in der restlichen
Gesellschaft als Fundamentalist*innen erscheinen lassen. Die rest-
liche Gesellschaft, die wir mit unserem Purismus schlicht langwei-
len, während er innerhalb der Szene zu einem Auseinanderdriften
zwischen denjenigen führt, die zumindest eine gewisse Affinität auf-
weisen und die trotz gewisser Unterschiede eigentlich gemeinsam an
einem Projekt arbeiten könnten. Kurzum: Auch wenn ein Nachden-
ken über Kohärenz sicher von Bedeutung ist, so sollten wir von vorn-
herein jenen Aspekt aus der Diskussion verbannen, bei dem unsere
moralische Überlegenheit dazu führt, dass wir uns schlimmer als die
Tribunale der Inquisition aufführen. Bei Kohärenz handelt es sich
dementsprechend nicht um statisches und perfektes Ideal, sondern
um einen andauernden Prozess der Infragestellung unserer Praxis.

Ich denke also schon, dass es wichtig ist über Kohärenz zu sprechen,
weil dieses Thema uns stets in unseren Kollektiven und den von uns
mitgestalteten sozialen Prozessen zu schaffen macht. Wenn wir be-
rücksichtigen, dass wir als Anarchist*innen unsere politische Aktivi-
tät sowohl zum Alltagsleben als auch zum weiteren sozialen Rahmen
in Bezug setzen, kann Kohärenz nicht losgelöst von einem der beiden
Räume begriffen werden. Das heißt: Einerseits ist es offensichtlich,
dass unsere libertären Werte in allen und jeder einzelnen unserer
alltäglichen Beziehungen vorhanden sein sollten (seien es Liebes-,
Freundschafts- oder Familienbeziehungen usw.), Umgebungen also,
die aufgrund ihrer intimen Natur eine noch größere Ausdauer da-
bei erfordern, konstant darauf zu achten, dass wir keine autoritären
Dynamiken reproduzieren. Ich glaube, dass wir in diesen intimen
Umgebungen dazu neigen loszulassen und unsere politischen Ziel-
setzungen zu vergessen, weil wir denken, dass sie nur dort draußen,
auf der Straße, Gestalt annehmen und nicht zu Hause. Daher kommt
wohl auch der berühmte Spruch: "Auf der Straße der Che, zu Hause
Pinochet"1. Aber gerade hier sollte die anarchistische Aktivität an-
setzen, um dauerhafte, befreite Beziehungen mit Anderen aufzubau-
en und um auf diese Weise und durch unsere eigenen Taten beweisen
zu können, dass anderen Formen des Miteinanders möglich sind.

Aber es ist auch klar, dass es nicht ausreicht, in unserem Alltagsleben
kohärent zu sein. Und an diesem Punkt glauben viele Genoss*innen,
dass es zur Erringung der Freiheit genüge, eine bestimmte Musik zu
hören, sich auf eine bestimmte Weise zu kleiden, Selbstverwaltung
auf privater Ebene oder in kleinen Kollektiven vorzuschlagen oder
sich ganz allgemein für einen libertären Lebensstil einzusetzen.
Doch der Anarchismus kann nicht allein als individuelle Erfahrung
oder in kleinen Gruppen existieren, er ist auch Vorschlag für eine
Form der sozialen Organisierung, der nicht nur andere Organisie-
rungsansätze jenseits von Kapitalismus und Staat vorsieht, sondern
auch einen Kampf gegen die Unterdrückungsformen derjenigen, die
diese Gesellschaft beherrschen. Zusätzlich zum Aufbau selbstver-
walteter Strukturen und der Delegitimierung und Einschränkung
der Unterdrückung, zielt der Anarchismus auch darauf, eine soziale
Bewegung entstehen zu lassen, die auf ein solidarisches und nicht-
autoritäres Miteinander in der Gesellschaft hinarbeitet.

Deswegen sieht die anarchistische Kohärenz auch eine aktive Betei-
ligung an gesellschaftlichen Prozessen vor, die auf dem Gebiet der
Arbeit, des Wohnraums, der Bildung sowie unserer kulturellen und
religiösen Identitäten vonstatten gehen, kurzum: in all jenen gesell-
schaftlichen Strukturen, in denen mittels der kollektiven Organisie-
rung versucht wird, die Lebensbedingungen zu verbessern. Sobald
wir uns in solchen Räumen bewegen, treffen wir logischerweise auf
Menschen, die nicht libertär gesinnt sind, so dass es für viele von
uns schwer ist, mit ihnen auf einen gemeinsamen Nenner zu kom-
men, falls sie hierarchische Lösungen vorschlagen. Aber genau dort
ist unsere Geduld gefragt und unsere Praxis, mit denen wir sie da-
von überzeugen können, dass es andere Formen gibt, die uns allen
nützen, da sie uns größtmögliche Freiheit erlauben, ohne deswegen
unsere Autonomie oder Solidarität aufs Spiel zu setzen. Die Tatsache,
dass wir uns an gemeinsamen an Prozessen des Aufbaus mit Leuten, die
nicht unsere Form zu handeln oder zu denken teilen, ist kein Prob-
lem an sich. Es ist genau, die Kohärenz zwischen unseren Reden und
unseren Autonomie oder Solidaritätaufs Spiel zu setzen. Die Tatsache,
zu zeigen, dass das Brechen mit den Traditionen und die Schaffung
von Strategien zugunsten horizontaler Formen machbar sind. Genau
dort hört die Kohärenz auf, etwas rein privates zu sein, und sie wird
stattdessen zum wichtigsten Aushängeschild für unser politisches
Projekt.

Daher reicht ein entsprechendes Agieren im privaten oder sozia-
len Bereich nicht aus, um anarchistisches Handeln zu begründen:
Es sind die konstanten Bemühungen in beiden Feldern, wo wir den
engsten Zusammenhang zwischen unseren Ideen und unseren Ta-
ten finden können. Nichtsdestotrotz glaube ich, dass es wichtig ist,
sich eines vor Augen zu führen: Die Tatsache, dass Menschen nicht
kohärent sind, sollte kein Grund sein, den Aufbau eines gemeinsa-
men Projekts mit ihnen zu unterlassen, wohlwissend um die Gren-
zen jedes und jeder Einzelnen. Doch zum anderen ist eben auch der
Kampf für ein bestimmtes Projekt bereits ein Prozess des kollektiven
Lernens. Das Schlimmste was uns, meiner Meinung nach, passieren
kann, ist die Einführung von Anarcometern oder Kohärenzometern
für unsere Umgebung. Ob wir nicht unter uns und gegenüber ande-
ren Kommentare und Kritik äußern können? Natürlich können wir,
aber wir sollten sie in einer Art formulieren, die Möglichkeiten des
Dialogs und gemeinsamer Projekte eröffnen - weil sie andernfalls le-
diglich dafür sorgen, dass die Möglichkeit gesamtgesellschaftlicher,
kollektiver Prozesse begraben wird. Wir sollten keine Angst vor der
Kritik haben, aber eben lernen, sie zu äußern und sie anzunehmen.

Die anarchistische Kohärenz ist weder eine Mode noch eine nie rea-
lisierbare Utopie: Sie ist eine konstante Übung in Kritik und Selbst-
kritik, der sich alle libertären Personen und Organisationen stellen
müssen, um jene Bestandteile unseres Diskurses neu auszurichten,
die nicht im Gleichklang mit unseren Praktiken stehen. Denn im Ge-
gensatz zu anderen Ideologien ist der Anarchismus dadurch gekenn-
zeichnet, dass die Praxis hier und heute entwickelt wird und nicht in
einem zukünftigen Paradies, das wir schließlich nie erreichen. Lasst
uns also eintreten für die Kohärenz als eine Form der gemeinsamen
Projekte unter Anarchist*innen, aber auch mit Menschen, die anders
sind als wir. Eine anarchistische Gesellschaft wird nur in diesem Di-
alog der Diversitäten möglich sein.
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[1] Anm. d. Ü.: Laut kubanisch-marxistischer Lesart war Che Guevara der
Prototypus des "neuen Menschen". Im Gegensatz dazu wird auf den chilenischen
Diktator Augusto Pinochet verwiesen.


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