(de) FdA-IFA - Gai Dào #49 - Kritik an alt-anarchistischen Idealen Von: Hyman Roth

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Thu Jan 22 10:53:28 CET 2015


Ein Beitrag zur Debatte zwischen den "Gruppen gegen Kapital und Nation" und einem 
"Alt-Anarchisten in der FdA", welche sich bereits über mehrere Ausgaben zieht. ---- In der 
"Gai Dao" #48 antwortete mal wieder ein Alt-Anarchist auf Kritik der "GgKN", die ihm 
vorher schon geantwortet hatten. Das ist schon mal gut, weil längere inhaltliche Debatten 
ein rares Gut im Spektrum sind, das sich anarchistisch nennt. Diesmal führt der 
Alt-Anarchist eine ganze Reihe neuer Themen in die Debatte ein. Man könnte ihm fast 
Gegenstandwechsel vorwerfen, aber stattdessen möchte ich hier seine Thesen zu einigen 
Fragen kritisieren, die mit dem eigentlichen Gegenstand der Debatte - dem Nationalismus - 
nicht direkt verknüpft sind. ---- Menschenwürde - ein gemeinsames Ideal von 
Anarchist*innen und Grundgesetz, vom Staat aufs Übelste verletzt!

Die Menschenwürde ist für den Alt-Anarchisten ein hinterfragbarer
Wert. Für die BRD hat er immerhin dieses Kompliment übrig: "Ein
Staat, der die "Unantastbarkeit der Menschenwürde" zur Maxime je-
des staatlichen Handelns erklärt, ist kein totalitärer oder autoritärer
Staat, der andersdenkende Menschen verfolgt wie der Nationalsozi-
alismus, der italienische Faschismus oder der Bolschewismus in der
früheren UdSSR oder DDR." Klar, die Maxime sorgt schon dafür. Sie-
he dazu z. B. den Artikel 19. der Verfassung der DDR: "Achtung und
Schutz der Würde und Freiheit der Persönlichkeit sind Gebot für alle
staatlichen Organe, alle gesellschaftlichen Kräfte und jeden einzel-
nen Bürger."

Menschenwürde ist schon etwas, was durchgesetzt gehört, aber der
Staat sei ein falsches Mittel dafür - so die Logik von Alt-Anarchisten.
Was kann oder soll Menschenwürde eigentlich sein, und wie kommt
sie in die Welt? Das jeder Mensch Nahrung, Kleidung und ein Dach
über dem Kopf braucht, reicht anscheinend nicht als Grund, diese
Dinge auch zur Verfügung zu stellen. Was bringt es dafür auf das
höhere Prinzip der Menschenwürde zu pochen? Außer einer recht
minoritären politischen Strömung deutet niemand die Menschen-
würde so, dass Bedürfnisse der Menschen irgendwie auch mal be-
friedigt gehören und dafür doch eventuell mal Zweck der Produktion
sein sollten.

Mit einem Versprechen auf angenehmes Leben ist die allerseits pro-
pagierte "Achtung der Menschenwürde" nicht zu verwechseln. Je-
dem Menschen wird ein ihm innewohnender Wert zugeschrieben
- und diese Würde ist auch dann unangetastet, wenn ihr stolzer Trä-
ger hungert, friert oder von Beamten des Staates, welcher die Unan-
tastbarkeit schützt, vermöbelt wird. Die "Würde des Menschen" ist
nämlich ganz prinzipiell unantastbar. Das steht im ersten Artikel des
Grundgesetzes, und dann braucht es dennoch alle weiteren Gesetzes-
bücher, um sie zu schützen. Der Alt-Anarchist nimmt einfach diesen
Begriff aus dem Lexikon des staatlichen Rechtes, und möchte ihn in
Anschlag bringen gegen den Staat. Wenig überraschenderweise lässt
sich der Staat nicht auf die Diskussionen ein, wie man jetzt Men-
schenwürde noch alternativ auslegen könnte.

BRD - ein mäßig gelungener Versuch Anarchie umzusetzen?

Seiner Methode, die Wirklichkeit mit eigens ausgedachten Idealen zu
vergleichen, bleibt der Alt-Anarchist auch beim Thema Föderalismus
treu. Föderalismus ist einfach besser als Zentralismus - zumindest
laut alt-anarchistischen Dogmen. Das sieht man ja an der Schweiz,
wo echter Föderalismus (also fast irgendwie Anarchie) herrscht und
deswegen alles besser und menschenfreundlicher ist. Dass es in
Deutschland starke Landesparlamente gibt, steht im Widerspruch
zur "föderalistischen Idee einer Auflösung des Staates in der Gesell-
schaft". Ja genau, der Staat steht im Gegensatz zu Idee seiner eigenen
Auflösung. Also erst wird Föderalismus mit Anarchismus gleichge-
setzt, um dann allen Föderalist*innen der Welt vorzuhalten, dass sie
die Ideale, die ihnen untergeschoben wurden, gar nicht erfüllen.

Als ein Meister des normativen Denkens, was der Alt-Anarchist nun
mal ist, weiß er sehr genau, was "eigentlich" in den Kompetenzbe-
reich der Gesellschaft fällt. "Alle diese Bereiche des Lebens, in die
sich die staatliche Bürokratie einmischt und die heute Gegenstand
staatlicher Verwaltung sind, sind Aufgaben der Gesellschaft, die frü-
her von gesellschaftlichen Institutionen wahrgenommen wurden."
Früher. Damals, im Goldenen Zeitalter. Es klingt so, als wäre Anar-
chismus schon mal da gewesen und der böse Staat kam um die Ecke
und hat sich die anarchistische Gesellschaft erobert.

Doch es ist nicht aller Tage Abend! Wenn man mit all denen ins Ge-
spräch kommt, die sich auf Menschenwürde positiv beziehen (mal
ehrlich, wer außer vielleicht IS und NSU tut es heutzutage nicht),
dann kann man sie für "für einen libertären, an einer konsequenten
Gewalteinteilung von unten nach oben orientierten Föderalismus"
gewinnen. Ja, das wird schön sein, wenn anarchistische Judikative
von anarchistischen Exekutiven so richtig schön getrennt ist.


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